Torsten Landsberg
28.02.2013 | 12:00

Wo die wilden Kerle Musik machen

Eventkritik Früher war Hagen Stoll Hooligan, dann repräsentierte er als Ost-Rapper die Wut der Marginalisierten. Heute ist er Sänger der Band "Haudegen" und propagiert Sanftmut

An der Wand entlang der Treppe hängen ein Kleid von Marilyn Monroe und eine Gitarre von Lenny Kravitz. Skurriler wird es im ersten Stock, dort ist ein olivgrüner, paillettenbesetzter Ganzkörperanzug des Kiss-Gitarristen Ace Frehley neben einem ähnlichen Modell des Queen-Sängers Freddie Mercury ausgestellt. Lauter Antipoden zu Hagen Stoll. Der Sänger der Deutschrock-Band Haudegen stellt an diesem Abend im Hard Rock Café Berlin seine Autobiografie vor. So fühlt sich Leben an.

Stoll ist ein breiter Typ, Glatze, Stiernacken, bis unters Kinn tätowiert. Keiner, mit dem man sich anlegen will. Zur dritten von vier Lesungen, die ihn auch nach München, Köln und Hamburg führen, sind etwa 70 Leute gekommen, darunter Familie und Freunde des Autors, der aus dem Ostberliner Bezirk Marzahn stammt. Bevor es losgeht, säuselt Eric Claptons „Tears in Heaven“ aus den Lautsprechern.

Stoll redet davon, dass sich sein Buch mitunter wie ein Kampf liest. Es handelt vom Verlorensein der Wendezeit, von „sozialistischer Utopie und kapitalistischem Albtraum“. Stolz erzählt der 38-Jährige zu Beginn, dass sein Werk gerade auf Platz zehn der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen ist. Das Publikum applaudiert.

Joe Rilla aus Marzahn

Viele sind extra aus Marzahn an den Kurfürstendamm gekommen, sie tragen Haudegen-Shirts. Stoll ist einer von ihnen, er kennt die Trostlosigkeit und die Plattenbauromantik. Aber er hat es geschafft. Seine Lieder treffen einen Nerv bei denen, die ihre Rolle in der Gesellschaft noch suchen. Sie bieten Identifikation nach dem Prinzip: Wir gegen den Rest.

Hagen Stoll hatte gute Lehrmeister. Als Rapper Joe Rilla veröffentlichte er 2007 beim Label Aggro Berlin das Album Auferstanden aus Ruinen. Aggro Berlin hatte gute Strategen, die Sido und Bushido groß gemacht haben – auch weil sie es verstanden, ihren Künstlern Images zu verpassen, die zu deren Zielgruppen passten. Als Joe Rilla hat Stoll den Osten repräsentiert, die Wut der Marginalisierung. Er war der Mann aus der Platte: „Ich bring den Osten zurück auf die Karte.“

Er hat, so die Botschaft, nicht vergessen, wo er herkommt. Sie gilt noch immer. Die Musik von Haudegen nennt Stoll „Gossenpoesie“, die sich in seinem Buch fortsetzt. Im Hard Rock Café liest er eine Stelle über seinen Opa Ludwig vor – dessen speckige Schiebermütze „vom Schweiß eines langen Arbeitslebens getränkt“ sei. Etwas pathetisch erzählt er auch von Konflikten mit dem Vater, der im Publikum sitzt. „Ich hab dich lieb“, sagt Stoll dann. Die Fans applaudieren. Sein Vater war DDR-Grenzsoldat und ein glühender Verfechter des Systems, der Sohn habe den „Sozialismus eingeatmet“ – und plötzlich stand der Kapitalismus vor der Tür.

Neben Stoll sitzt Sven Gillert auf der Bühne, sein Haudegen-Mitstreiter. Er wirkt noch massiger als sein Partner und genauso tätowiert, aber er scheint ein milderer Typ zu sein. Stoll und Gillert sind Popstars, ihre Alben Schlicht & Ergreifend und En Garde standen auf den Plätzen neun und fünf der Albumcharts. Da definiert sich Identität schnell auch über Aufmerksamkeit und Anerkennung. Und die Anhängerschaft soll bitte mitspielen. „Ganz ehrlich“, sagt Stoll öfter, als seien seine Fans Vertraute, oder auch: „unter uns“.

Einerseits geriert er sich als einer von ihnen, andererseits will er beklatscht werden. Stoll fordert mehrmals Applaus ein. Große Probleme scheint er mit dem Kapitalismus nicht zu haben. Sein Auftreten ist zwiespältig, so wie sein Werdegang und das Image der Band, die sich immer wieder gegen den Verdacht wehren muss, rechte Gesinnungen zu bedienen. Zu ihren Konzerten kommen auch jene, die in den Texten über Treue und Standhaftigkeit mehr finden als Geborgenheit.

Zuammen unschlagbar, bis aufs Blut

Stolls Biografie bietet für den Verdacht wenig Anlass. Er war Graffiti-Sprüher, hat Hip-Hop gehört. Dafür habe er von Nazis auf die Fresse bekommen, erzählt er. In den Neunzigern habe er bei einer Massenschlägerei mit Rechten Sven Gillert getroffen, den er aus seiner Kindheit kannte, aber aus den Augen verloren hatte. Gillert sei hilflos gewesen, blutüberströmt, erinnert sich Stoll, der ihm geholfen und eine Kippe gegeben habe. Solche Erfahrungen prägen. Der eine tritt für den anderen ein, wenn nötig bis aufs Blut. Und man macht daraus Musik. „Zusammen unschlagbar“, heißt es in einem Haudegen-Song.

Im wahren Leben ist Stoll vorbestraft, die Polizei führte ihn als Kategorie C: als gewaltsuchenden Hooligan des BFC Dynamo, dem zu DDR-Zeiten von der Stasi protegierten Fußballklub. Dessen Hooliganszene ist streng rechts.

Das ist lange her. Heute lebt der zweifache Vater mit seiner Familie in einem Haus in Neuenhagen am östlichen Stadtrand Berlins, unweit von Marzahn. Und Haudegen propagiert jetzt Sanftmut. Die Band hatte einen Gastauftritt in der RTL-Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten, Stoll saß auch schon in der Talkshow von Markus Lanz.

Man kann seine Abkehr vom Hip-Hop als klugen Schachzug werten. Die Nachfrage nach Rap, wie er ihn gemacht hat, schrumpft. Nun liefert er mit Haudegen-Songs das Gefühl von Sicherheit, und die ist gefragt in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Orientierungslosigkeit, der Verliererrolle des Ostens. Stoll spricht von „wundervoller Musik, die Wahrhaftigkeit vermittelt“. Das Buch sei eine Therapie für ihn gewesen.

Es gehe ihm aber auch um eine gesellschaftliche Komponente. Darum, wie es weitergehe. Seine Gedanken über die Zukunft hätten ihn zum Schreiben gebracht, er wolle Perspektive vermitteln, sagt Stoll. „Vielleicht kann ich dadurch etwas bewegen.“

Und wenn es für seine Musik ein treues Publikum gibt, warum nicht auch für sein Buch? Er weist darauf hin, dass man So fühlt sich Leben an nach der Lesung kaufen kann und dass er, der Anführer, gerne signieren werde. Die meisten im Publikum haben das Buch aber längst. Als Stoll von der Bühne steigt, läuft im Hard Rock Café Stevie Wonder.