Karsten Laske
07.02.2013 | 01:00 1

Zwei Wochen Moskau

1934 Operation gelungen, Patient tot. In Moskau hebt vor gut 80 Jahren der Erste Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller den Sozialistischen Realismus aus der Taufe

Hatte ein Schüler immer strebend sich bemüht, war er aber vielleicht nicht der Hellste, bot ihm die DDR-Schule meist eine letzte Chance. Gab es doch die mündlichen Noten, und vielleicht half ja eine richtige Antwort dem Zensurenschnitt auf. Wollte also die Lehrerin ihrem Schüler Gutes tun, fragte sie, was übers Jahr so oft heruntergebetet worden war, dass es bereits die Spatzen vorm Fenster auswendig pfiffen und selbst beim lernschwachen Schüler etwas hängen geblieben sein musste. Zum Beispiel: Was ist die Hauptrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung unserer Epoche? Antwort: Der weltweite Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus. Oder, etwas schwieriger: Nennen Sie die fünf Kriterien des Sozialistischen Realismus! Die Antwort kam klappernd (das Klappern stammte von den Gebeinen der toten Dichter, die sich vor Qual in ihren Gräbern wälzten): Parteilichkeit, Zukunftsgewissheit, Wahrhaftigkeit, Volksverbundenheit und künstlerische Meisterschaft. – Eins, setzen!

Dabei war doch der Anfang so grandios gewesen! Die Sowjetliteratur der zwanziger Jahre: Ein Vulkan brach aus! Die Autoren schrieben hungrig, in Kälte, auf schlechtem Papier. Trotzdem und auch deswegen, welche Formen, Figuren, Farben! Was für Geschichten! Die Erde hatte gebebt, nun gebar sie Talente. Isaak Babel, Andrej Platonow, Juri Olescha, Sergei Tretjakow, Michail Bulgakow, Boris Pilnjak, Wsewolod Iwanow, Valentin Katajew – es ließen sich mühelos 20 weitere Namen finden.

Was für eine Zäsur

Mühelos ließen sie sich finden in den Zwanzigern. Spätestens 1940: keine Rede mehr davon. Babel, Pilnjak, Tretjakow erschossen. Platonow, Bulgakow totgeschwiegen. Olescha, ein Trinker. Iwanow, früh berühmt geworden, arbeitete als Literaturbetriebsangestellter. Er blieb kreativ, aber es wurden nur seine alten Partisanengeschichten immer wieder aufgelegt. Was er Neues schrieb, blieb unveröffentlicht bis nach seinem Tod im August 1963. Der Vulkan war – nein, nicht erloschen. Er war ausgelöscht, erstickt. Was für eine Zäsur!

Ja, was für eine Zäsur? Sie lässt sich benennen mit Datum und Teilnehmerliste, dauerte zwei Wochen und fand statt in Moskau, unter dem Vorsitz Maxim Gorkis und dem gelegentlichen Beisein Stalins. Sie ist bekannt geworden unter der Bezeichnung Erster Allunionskongress der sowjetischen Schriftsteller.

August 1934. Die sowjetische Staatsmacht sitzt fest im Sattel. Nach Revolution, Bürgerkrieg und zuletzt der physischen Vernichtung der als Kulaken bezeichneten landbesitzenden Bauern (inklusive des anschließenden Hungerwinters 1932/33), kann man sich nun Fragen des „Überbaus“ zuwenden. Die sich befehdenden Literatur-Organisationen der frühen zwanziger Jahre sind allesamt verboten. Es gibt nur noch einen Verband aller Schriftsteller, er wurde per Dekret gegründet und versteht sich natürlich nicht als traditioneller Autorenclub, sondern es geht um die gesellschaftliche Rolle der Literatur.

Die Tagung will eine Selbstverständigung der neu organisierten Autoren sein – in Anwesenheit prominenter ausländischer Gäste. Denen geht es um ihre eigene Situation im vom Faschismus beherrschten oder bedrohten Europa; sie bringen das Volksfrontthema in den Kongress.

Am 17. August 1934 beginnt die Tagung. Sie will überwältigen. Es finden 26 Sitzungen statt, 377 Delegierte aus allen Unionsrepubliken sind angereist, dazu kommen die ausländischen Gäste. Vormittags und nachmittags wird diskutiert. Es sprechen Russen, Ukrainer, Kasachen, Tataren, Osseten. Es werden Grußadressen überbracht von Pionieren, Kolchos-Bäuerinnen, Autowerkern. Es reden Klaus Mann (der älteste Sohn Thomas Manns), Johannes R. Becher, Martin Andersen Nexö, Louis Aragon, Ernst Toller.

Maxim Gorki, mit Ovationen begrüßt, eröffnet den Kongress. Dann spricht Andrej Shdanow. Er ist Parteichef im Gebiet Leningrad und wird zukünftig noch eine üble Rolle spielen, wenn es gegen „Abweichler“ in der Kunst geht. Nach seiner Rede könnte eigentlich Schluss sein. Denn er verkündet das Wort der Partei, auch wenn Nikolai Bucharin und Karl Radek noch sprechen werden. Er sagt, was man in der Sowjetunion und ihrem Machtbereich fortan unter Sozialistischem Realismus zu verstehen haben wird. Der Begriff steht. Er wird nicht gemeinsam entwickelt, diskutiert. Er ist da – und leidet bereits an allen Krankheiten, die niemals heilen werden. Er ist zu weit gefasst, um genau zu sein. Zu eng, um Experimente zu fördern. Zu langweilig, um zu begeistern. Er wird nur als eines immer gut funktionieren: als Gängelband. Dazu gesellt sich der auf dem Kongress ebenfalls verwendete Begriff von der „revolutionären Romantik“. Auch der wird sein Unwesen treiben und vor allem eins produzieren: Kitsch.

Alle auf Shdanow folgenden Reden lassen sich lesen als ein verzweifelter Versuch, nicht genau verstanden zu haben, was gerade passiert ist. Das Gesagte zu unterlaufen, es abzuschwächen. Die Literatur noch irgendwie zu retten. Das führt zu einer durchaus lebendigen Diskussion. So fordert Juri Olescha in seinem – vom Kongressteilnehmer Oskar Maria Graf als „seltsam verworrene, tiefsinnig-lyrische Rede“ empfundenen – Beitrag, dass er nicht auf Befehl, sondern nur von sich aus und nur von dem schreiben könne, was er zumindest im Ansatz in sich trage. Er verwahrt sich gegen die Unsitte, den Autor mit seinem Helden zu verwechseln. Und sagt: „Das Schlimmste ist, sich selbst zu erniedrigen, zu sagen, ich sei nichts im Vergleich zum Arbeiter oder Komsomolzen. Wie kann man so sprechen und weiter leben, arbeiten?“ Babel erklärt charmant, dass die Trivialität das eigentlich konterrevolutionäre Element in der Kunst sei. Und Vera Inber, eine der wenigen Frauen auf diesem Kongress, wendet sich gegen die bedenkenlose Forderung nach dem positiven Helden: „Warum gelingt er uns nicht? Wir versehen ihn mit vorher erdachten Wohltaten – und erhalten einen Roboter.“ Sie erntet stürmischen Beifall.

Kreis um Peter Hacks

Nach dem Kongress ist die Diskussion vorbei. Es gilt nun, was gleich zu Anfang verlautbart wurde. Das Protokoll der Tagung erscheint einmal, wird aber nie wieder aufgelegt, zu viele der Anwesenden sind inzwischen Unpersonen. Einen zweiten sowjetischen Schriftsteller-Kongress wird es erst 20 Jahre später geben. Natürlich ist in den folgenden Jahren, auch unter dem Eindruck des Großen Vaterländischen Krieges, gelegentlich gute Literatur entstanden – trotz des Reglements.

Bei Suhrkamp, im Westen also, erscheint 1974 ein Buch, das eine kommentierte Auswahl der Moskauer Reden bringt. 1978 trifft sich in der Akademie der Künste der DDR ein Gesprächskreis unter Leitung des Dramatikers Peter Hacks. Es geht um Ästhetik. Wieder findet eine Positionsbestimmung statt, wieder geht es um den leidigen Begriff des Sozialistischen Realismus. Man beginnt mit einer Rückschau auf 1934. Am Ende des langen ersten Abends resümiert Hacks: „Unserem Ziel, herauszukriegen, was damals eigentlich geschah, haben wir uns zu einem anständigen Grad genähert. Dieser Kongress zeigt die Schwäche menschlichen Strebens und Geistes gerade durch seine Größe und sein totales Misslingen.“

Einer der Teilnehmer der Runde, Alexander Abusch, Mitglied des Zentralkomitees der SED, ist bereits gegangen. Hacks bedauert, ihn deshalb nicht mehr fragen zu können, „warum die Materialien dieses Kongresses in unserem Land nicht veröffentlicht sind. Wir haben das Fahrrad neu erfunden und haben es erfunden mit genau denselben Defekten und genau denselben nicht funktionierenden Stellen, mit denen es 1934 in der Sowjetunion schon erfunden worden war. Unter Umständen hätte uns eine Kenntnisnahme dieses Materials doch ein paar Jahre dummes Denken und Schwätzen erspart.“

Kommentare (1)

die Realistin 08.02.2013 | 19:42

Und was ist aus der sowjetischen Literatur unter Gorbatschow  geworden?... Und danach?...

Jewtuschenko sagte 1990 im Berliner Ensemble, daß in der UdSSR (die damals noch bestand), die Kloaken geöffnet worden seien und das Land mit Schundliteratur  aus aller Herren Länder überströmten.

So ist es dort und auch in der Ukraine immer noch!

Veröffentlicht werden seichte Krimis oder Schnulzenromane oder Bücher, die alles, aber auch alles, was in der UdSSR war, madig machen bzw. die Geschichte umschreiben.

Gefragt sind kirchlich und nationalistisch ausgerichtete Bücher.

Einen Paustowski, Ehrenburg, Katajew, Simonow wird es wohl nicht mehr geben im Land der seichten Unterhaltung á la Pugatschowa und der "Proteste" á la Pussy Riot...