Die Ahnungslosen
18.06.2012 | 14:35 2

“Berlin, holt den da runter!”

Fanmeile Maike Hank ging letzte Woche dorthin, wo es manchen bereits weh tut: sie schaute sich ein Spiel der deutschen Mannschaft direkt vorm Brandenburger Tor an

“Berlin, holt den da runter!”

Hoch über der Fanmeile – und dennoch aussichtslos

Foto: Nilz Bokelberg

Als das Spiel “Spanien gegen Italien” stattfand sah ich auf der Tribüne in Gdansk ein paar als gondolieri verkleidete tifosi stehen. Drei Tage später befinde ich mich auf dem Weg zur Fanmeile und habe ebenfalls eine Lösung gefunden, Verbundenheit mit meiner Mannschaft zum Ausdruck zu bringen ganz ohne die sonst üblichen Landesfarben anzulegen: Ich trage ein Dirndl. Wenngleich ich als ehemalige Freiburgerin – und natürlich der Huldigung des Bundestrainers wegen – eine Schwarzwälder Tracht bevorzugt hätte, doch in Berlin ist die Auswahl an traditionellen süddeutschen Roben begrenzt und hier kann diese ja ohnehin niemand auseinanderhalten.

Der Lieblingsfreund hingegen trägt ein T-Shirt vom 1. FC Köln, dessen Anblick in meinem Kopf immer wieder prollige Lu-Lu-Lu!-Lukas-Podolski!-Gesänge auslöst. Er führt eine schwarzrotgoldene Vuvuzela mit sich, über die ich mich nur verächtlich zu äußern weiß und die er zu meiner Belustigung bei der Einlasskontrolle in einen Müllcontainer werfen muss, da die Tröten vom Veranstalter nicht gewünscht sind. Stattdessen wird eben mit anderen Gerätschaften Krach gemacht, allen voran Bang Bangs, mit Luft gefüllte Plastikdinger, die man gegeneinander schlägt. Man kann aber auch mit einem harten Fächer aus Pappe, der sogenannten Fanklatsche, auf die eigene Handfläche hauen oder gar eine Tischkante, falls man wie wir das Glück hat, nicht mitten im Gedränge zu stehen, sondern gemeinsam mit ein paar Menschen, die man mag, im VIP-Bereich auf bequemen Barhockern zu sitzen.


Ich liebe das Brandenburger Tor. Ab und an radle ich grundlos dorthin, passiere die Säulen, gucke eine Weile auf die Straße des 17. Juni und atme ein paarmal tief durch. Heute, von unseren Plätzen aus, haben wir freie Sicht auf die Hauptbühne, die sich direkt davor befindet. Fast mag ich mir einbilden, dass die Absperrungen entlang der einstigen Mauerlinie verlaufen. So nah dran befand ich mich optisch noch nie an jenem alles verändernden Abend im November 1989, vielleicht würde ich ihn mir ja noch ein bisschen besser vorstellen könnnen, wenn ich die Augen etwas mehr zusammenkniff?

Das Spiel beginnt erst in einer Stunde. Bis dahin stehen Radiomoderatoren auf der Bühne und animieren die Besucher, beispielsweise indem sie Fangesänge initiieren oder Kandidaten in ebendieser Disziplin gegeneinander antreten lassen. Auch zwei junge Frauen haben sich getraut, an diesem Wettbewerb teilzunehmen, doch wo es ihren männlichen Mitstreitern mit tiefen Stimmen schnell gelungen ist, die Masse zum Toben zu bringen, wird über die Mädchen hauptsächlich gelacht, denn je lauter sie sich im Animationsrufen versuchen, desto schriller klingen sie, desto weniger auffordernd ist ihr Gesang. Ich mache in der Zwischenzeit probeweise ein paar tief klingende Affengeräusche. Hätten die mich mal auf die Bühne gelassen.

Es läuft Seven Nation Army und ich bekomme ein wenig Gänsehaut. Ich habe das lange nicht mehr gehört und es ist das einzige Lied an diesem Abend, welches ich wirklich mag. Doch ähnlich wie beim Gucken des Eurovosion Song Contests bin ich auch heute in der Lage, neben mein eigentliches Ich zu treten und das, was um mich herum geschieht, okay zu finden und jene Maßstäbe anzulegen, die eben der Situation angemessen sind. Wenn man den Eurovision Song Contest schaut, weiß man, dass man im besten Fall Plastikpop und Balladen bekommt, auf der Fanmeile gibt es eben in erster Linie Kirmestechno und Deutschrock.
Ich verstehe, wenn man das nicht kann – der Besuch einer Volksmusik- oder Speedmetal-Veranstaltung fiele mir beispielsweise schon erheblich schwerer – finde aber, dass es ein Fehler ist, sich niemals aus seiner Welt heraus zu bewegen und sich nicht auch mal auf fremde Dinge einzulassen.
Natürlich bleibt da immer auch der kulturwissenschaftliche Blick oder doch wenigstens der der Autorin, aber im Vordergrund steht meine Freude über den Augenblick und darüber, dass andere sich freuen, und ich muss lachen, wenn beispielsweise gesungen wird Eine Straße, viele Bäume, das ist eine Allee.

Als endlich das Spiel beginnt fällt mir die Konzentration darauf schwer: Neben der Leinwand blinkt Werbung, überall sind Menschen, da gibt es so viel Interessantes zu sehen und vor allem gucke ich immer wieder auf das Brandenburger Tor, das von der untergehenden Sonne an manchen Stellen orange eingefärbt ist. Wie schön es wäre, wenn jetzt die Quadriga ausnahmsweise mal in unsere Richtung schaute!

Mario Gomez schießt zwei Tore. Der Jubel ist groß und ich denke an Anke Gröner, das wohl bekannteste Gomez-Fan-Girl der Netzwelt. Ich glaube, alle, die ihr auf Twitter folgen oder ihr Blog lesen, müssen beide Male an sie denken und darüber freue ich mich mindestens genauso sehr wie über die Tore selbst.

Ampelmännchen

In der Halbzeitpause guckt niemand mehr nach vorne, obwohl gerade eine Band spielt. Hoch oben auf der ersten Ampel vorm Brandenburger Tor hat es sich in bester Loveparade-Manier – ich erinnere mich noch gut, wie damals die Polizei Jahr für Jahr vergeblich versucht hat, das Besteigen von Schildern, Ampeln und Lampen entlang der Straße des 17. Juni zu unterbinden, beispielsweise indem sie die Pfosten mit Schmierseife einrieb – ein betrunkener Fan gemütlich gemacht und alle Augen sind auf ihn gerichtet. Doch anstatt schnell wieder hinab zu klettern, beginnt er zu tanzen. Er hört auch nicht auf, als die Band ihren Auftritt abbricht und er mehrfach vom Moderator darum gebeten wird. Am Fuß der Ampel stehen bereits die Sicherheits-Angestellten und Zuschauer bewerfen ihn mit Abfall. Doch er tanzt weiter, immer wilder. Er ist unerreichbar.
Auch die Androhung, das Programm nicht fortzusetzen – als könnten die Veranstalter es wirklich wagen, ohne Krawalle auszulösen die zweite Halbzeit nicht zu zeigen – ändert nichts an seinem Verhalten. Auf der Leinwand steht mittlerweile in großen Lettern das Wort RUNTER!!!! und der Moderator scheint den Tänzer anzuspornen:
“Du erinnerst dich an den Typen, der den Elfmeterpunkt geklaut hat? Ganz Deutschland kannte das Gesicht von dem nachher. Dein Gesicht wird auch ganz Deutschland kennen, komm jetzt runter!”

Wir gucken zu, staunen und lachen. Auch als der Tänzer endlich hinab klettert, tut er dies nicht zielstrebig. Stattdessen lässt er sich mit jedem Schritt um die Stange kreisen, ganz als vollführe er einen Lapdance.
Noch immer verlangt der Moderator den Abstieg: “Berlin, holt den da runter!”
Doch nun legt der Tänzer aus Trotz eine inszenatorische Pause ein, hockt auf der Ampel und umkreist danach selbstgefällig viele Male den Pfosten, bis er endlich aufgibt.
Am Boden angekommen wird er von mehreren Sicherheits-Angestellten gepackt. Die Band setzt wieder ein, doch wie könnte sie diese Vorstellung überbieten?

Mit wehenden Fahnen

Als die zweite Halbzeit vorüber ist und wir gewonnen haben, regnet es Konfetti, wehen die vielen mitgebrachten Deutschlandfahnen. In den Medien ist die Debatte um den Partynationalismus längst wieder in Gang gesetzt worden. Dieses Jahr werden sogar Autofahnen abgeknickt, um den Diskurs weiter zu befeuern. Es fällt mir schwer, jene Argumente nachzuvollziehen, nach denen aufgrund der Fahnen eine rassistische Grundstimmung entstehe.
Den meisten Menschen hier auf der Fanmeile geht es doch nur darum, virtuell die Mannschaft anzufeuern und sich für die Dauer des Turniers mit ihr verbunden zu zeigen (und zu fühlen). Oder liegt doch Wilhelm Heitmeyer richtig, der die These, dass Deutschland seit der Fußball-WM 2006 zu einem toleranten Patriotismus gefunden habe, gefährlicher Unsinn sei und dies mit seiner Studie Deutsche Zustände Folge 5 aus dem Jahr 2007 belegt? Hängt der Anstieg der Fremdenfeindlichkeit wirklich mit der Fußball-WM zusammen? Ist es nicht nur ein Zufall, sind vielleicht ganz andere Faktoren dafür verantwortlich? Irritierend finde ich in diesem Zusammenhang den Satz in der Süddeutschen “Die fünf Bände der Deutschen Zustände schreiben eine Art Fieberkurve: Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel ist von 2002 bis 2005 kontinuierlich gewachsen und stagnierte im Jahr 2006”, der doch geradezu gegen Heitmeyers These spricht.

Nicht von der Hand zu weisen sind die vielen schwarzrotgoldenen Fanartikel, die es seit dem Sommermärchen zu kaufen gibt. Vielleicht wäre es sogar einfacher, jene Dinge aufzulisten, die es nicht in den Deutschlandfarben gibt. Dennoch hat eine Freundin von mir das Blog ScheissRotGold ins Leben gerufen und trägt vor allem auf der entsprechenden Facebook-Seite vom Toilettenpapier bis hin zu eingefärbten Lebensmitteln allerlei Fan-Schrott zusammen. Ich teile ihre Abneigung – niemand braucht schwarzrotgoldene Tomaten, Dildos oder Kinderbuggys – bin aber weitaus milder gestimmt, vor allem jetzt, wo ich sehe, worum es den meisten Menschen hier zu gehen scheint. Als viele Besucher bereits nach Hause gehen, werden noch eine ganze Weile Impressionen von der Fanmeile auf der großen Leinwand gezeigt und es ist macht sehr viel Spaß, den Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich freuen. Oft werden sie in Großaufnahme gezeigt und ihre Augen leuchten. Sie tragen eine Schönheit in sich, die man nur hat, wenn man glücklich ist.

Bevor auch wir gehen, lassen wir uns in einer Fotobox als Fußballfans ablichten. Hierzu bekomme ich einen schwarzrotgoldenen Blumenkranz um den Hals gehängt. Ich lache und behalte ihn an. Heute ist sogar das möglich.

Offenlegung: Zum Besuch der VIP-Tribüne wurde ich von Coca-Cola eingeladen. Dafür herzlichen Dank ♥

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