Dominik Bardow
23.11.2012 | 13:14 1

Schiri, Schiri, Lady

Porträt Bibiana Steinhaus ist die einzige Fußball-Schiedsrichterin, die bei den Männern pfeift. Damit fällt sie zwangsläufig auf, auch wenn sie nicht im Mittelpunkt stehen will

Schiri, Schiri, Lady

„Ich habe den tollsten Job der Welt“ , findet Bibiana Steinhaus

Foto: Daniel Pilar für Der Freitag

Schiedsrichter sind wie Toupets – es ist schlecht, wenn sie auffallen. Wenn niemand über sie spricht, haben sie hingegen ihre Aufgabe erfüllt. Bibiana Steinhaus fällt oft nicht weiter auf, jedenfalls abseits des Fußballplatzes. An einem grauen Novembermontag in Hannover steht die 33-Jährige im dunklen Daunenmantel an der Alten Markthalle und blickt auf ihr Handy. Die Leute ziehen achtlos an ihr vorbei.

Auf dem Platz ist das anders: Da laufen 22 Männer um sie herum, sie beobachtet jeden – und steht doch immer selbst im Mittelpunkt, ob sie will oder nicht. Sie sticht heraus, wenn das Flutlicht auf ihre blonden Haare fällt. Steinhaus ist die bislang einzige Schiedsrichterin, die in der Männer-Bundesliga im Einsatz ist. Sie spielt die weibliche Hauptrolle auf einer der meist beachteten Bühnen der Republik. Das fällt auf.

Ein Abend in Berlin ein paar Tage zuvor, das DFB-Pokalspiel Berliner AK gegen 1860 München, im knallgelben Schiedsrichter-Trikot: Steinhaus. Sie läuft mit diesen langen, kräftigen Schritten wie viele Schiedsrichter, wenn sie Spielern und Ball hinterhereilen. Die gleichen ausladenden Gesten mit den Armen, da lang wird gespielt oder da lang, der gleiche schrille Ton, wenn sie in die Pfeife bläst und auf Foulspiel, Abseits oder Eckball entscheidet. Kein Unterschied festzustellen, keine Auffälligkeiten.

Aber Steinhaus ist auch anders. Beim Treffen in Hannover entschuldigt sie ihre kleine Verspätung, indem sie sagt, sie habe sich auf dem Weg hierher auf die Fresse gepackt. Kein Satz, den man von einer distanzierten Schiedsrichterin oder einer Polizeibeamtin, die sie im Hauptberuf ist, erwarten würde. Früher war sie in Hundertschaften bei Castor-Transporten oder dem G8-Gipfel im Einsatz, mittlerweile hängt ihre Uniform nur noch im Schrank. Sie hat nun einen Bürojob in der Sportsektion des niedersächsischen Innenministeriums, Projektarbeit. Gerade ist Mittagspause. Ihre Daunenjacke legt sie über einen Restaurantstuhl. Sie trägt einen lila Pullover, eine dunkle Stoffhose und spitze Lederschuhe.

Ein Spiel ist kein Flirt

Mit 20 pfiff sie erstmals in der Frauen-Bundesliga und in der vierten Männerliga, seit 2007 ist sie in der Zweiten Liga als Schiedsrichterin im Einsatz, in der Ersten Liga als „Vierte Offizielle“. Dort beruhigt sie vor Wut kochende Trainer an der Linie. Zwei Endspiele leitete sie bisher, bei der Frauen-WM 2011 und bei Olympia in London. Dass sie in der Bundesliga, vielleicht auch bald Europokalspiele der Männer pfeift, gilt nur als Frage der Zeit.

Das erregt Aufsehen. Weil sie eben eine Frau ist. Bei ihrem ersten Spiel im Profifußball vor fünf Jahren, bei der unglamourösen Zweitligapartie Paderborn gegen Hoffenheim, waren ihretwegen Journalisten aus der ganzen Republik angereist. „Es ist ja nicht so, als ob ich mein erstes Spiel gepfiffen hätte, ich habe vorher jahrelang den gleichen Job gemacht“, sagt sie. „Deshalb fand ich das ein bisschen skurril.“ Mittlerweile sei ihre Anwesenheit aber zur Normalität geworden, meint sie. Dabei musste sie sich schon Fragen anhören, ob sie mit den Spielern flirte und ob sie mit ihren männlichen Assistenten dusche. Bei einem Zweitligaspiel wollte ein Fußballer ihr im Vorbeigehen einen Klaps auf die Schulter geben und streifte mit der Hand ihre Brust. Es gab Gelächter, Internetvideos, Zeitungstitelseiten über den „Busenwischer“, gespickt mit Altherrenwitzen. Solche Vorfälle ignoriert sie – oder lächelt sie weg.

Rückzug in Bürokratensprache

Manchmal zieht sie sich aber auch zurück in verschwurbelte Bürokratensprache. Eigentlich redet sie sehr klar, aber wenn es gesellschaftspolitisch zu werden droht, sagt sie Dinge wie: „Ich betrachte meine Rolle als Frau in dieser Schiedsrichterwelt genauso wenig anders wie andere Schiedsrichter in der Schiedsrichterwelt, also nicht als Frau in der Männerdomäne“ Oder: „Generell kann man sagen, dass es noch nie einen Zeitpunkt gegeben hat, an dem ich die Grundsätzlichkeit meines Selbstverständnisses hätte überprüfen müssen.“ Es sind Sätze, die sie mit einer Stimme aufsagt, als würde sie einen Schulaufsatz vortragen.

Sie klingt dann so unpersönlich-neutral, wie die Rolle des Schiedsrichters manchmal wirkt. Er soll ein Neutrum auf dem Platz sein. Wenn es keine Fehlentscheidungen gibt, wird das wie selbstverständlich hingenommen. Wenn ein Abseitspfiff aber falsch war, reden Trainer oder Spieler oft so wütend und abfällig darüber, als habe eine Maschine versagt.

Dabei ist das Bild vom Schiedsrichter als Roboter längst brüchig geworden. Vor einem Jahr versuchte der Bundesliga-Referee Babak Rafati sich vor einem Spiel in seinem Hotelzimmer das Leben zu nehmen. Davor sorgte die Affäre um Michael Kempter für Schlagzeilen. Der junge Schiedsrichter beschuldigte einen Sport-Funktionär, ihn sexuell belästigt zu haben. Als dieser seine Ämter verlor, klagte er gegen Kempter und den Deutschen Fußball-Bund, die Annäherung sei freiwillig erfolgt. Der Öffentlichkeit wurde bewusst: Schiedsrichter sind Menschen mit einem eigenen Leben, eigenen Problemen, einer eigenen Sexualität.

Das plötzliche Interesse an der Person hinter der Pfeife traf auch Bibiana Steinhaus. „Ich habe für mich versucht, den Segen für die Schiedsrichterei in den Vordergrund zu stellen, das Interesse am Beruf“, sagt sie. Aber es sei ein Moment gewesen, in dem sich die Menschen verstärkt gefragt hätten: Was sind das eigentlich für Typen?

Den wenigsten war klar, dass es strenge Leistungstests und Aufstiegskriterien für Schiedsrichter gibt. Und dass viele von ihnen einen Ehrgeiz entwickeln wie aktive Sportler, und oft ebenso von Zweifeln zerfressen werden. Steinhaus widerspricht laut, „nee, nein“, bevor sie ruhig sagt: „Es geht nicht darum zu sagen, ich bin auch nur ein Mensch und habe einen schweren Job, sondern: Ich habe den tollsten Job der Welt.“ Als Fußballerin war sie nur mäßig talentiert. Ihr Vater überredete sie daheim im Südharz, sich wie er an der Schiedsrichterei zu versuchen. „Meine Mutter sagt, ich hatte schon immer einen großen Gerechtigkeitssinn und bin schon im Kindergarten dazwischen gegangen, um zu schlichten“, ist einer der Sätze, die sie sich bereitgelegt hat, um Einblicke zu geben, aber nicht zu viel preiszugeben. All die Anfeindungen, die sie wie viele Hobbyschiedsrichter Wochenende für Wochenende auf Dorfbolzplätzen zu hören bekam, wo jedes Wort der Zuschauer gut zu verstehen ist, will sie nicht wiedergeben. „Die Rahmenbedingungen auf lokaler Ebene sind für Schiedsrichter deutlich schwieriger.“ Wieder so ein Satz, hinter den man sich zurückziehen kann.

Der Carmen-Thomas-Effekt

Beim Pokalspiel in Berlin muss Steinhaus zwei schwierige Entscheidungen treffen: Stand der Torschütze jeweils im Abseits? Die Linienrichter und sie entscheiden in Sekundenbruchteilen: nein. Wirklich sicher sein können sie erst, als sie nach dem Spiel die Zeitlupen sehen. Das kennt jeder Referee. Bei Steinhaus kommt aber hinzu, dass jeder Fehler in den Köpfen vieler Männer nicht nur ihr, sondern allen Frauen zugerechnet wird. Es ist der Carmen-Thomas-Effekt: Thomas moderierte als erste Frau in den Siebzigern das Aktuelle Sportstudio. Als sie den Fußballverein Schalke 04 einmal Schalke 05 nannte, war der Aufschrei groß. Thomas verlor nicht deshalb anderthalb Jahre später den Job, aber es dauerte sehr lange, bis wieder eine Frau Fußball vor der Kamera präsentieren durfte.

Steinhaus will sich nicht vereinnahmen lassen, weder von Chauvinisten noch von Frauenrechtlerinnen. Wenn auf dem Platz alles klappt, „umso schöner, wenn das die Akzeptanz von Frauen stärkt“. Eine Einladung zu Wetten dass..? nach zwei Profispielen lehnte sie ab, genauso wie viele Interviewanfragen. Es gehe um „die Sache“, nicht darum, eine One-Man-Show abzuziehen. Natürlich schmeicheln ihr die Anfragen, und sie mag es manchmal auch grell, ihre Homepage ist knallrosa, pretty in pink, findet sie. Aber sie weiß, dass es bei den Kollegen nicht gut ankommt, wenn da jemand zu sehr heraussticht. „Bibiana Steinhaus hat eine positive Ausstrahlung und ist keine Reizfigur“, hat sie ein Schiedsrichterleiter mal gelobt. Keine Reizfigur, das ist wichtig in der Branche.

Sie hätte sich den Rummel sparen können, wenn sie im Frauenfußball geblieben wäre, der auch nach der WM 2011 immer noch ein Schattendasein führt. „Als Sportler möchte man immer den größtmöglichen Erfolg erreichen“, sagt sie und erzählt, dass sie viele Briefe von jungen Schiedsrichterinnen bekomme. Sie rät ihnen zur Geduld. Leistung, davon ist sie fest überzeugt, setze sich durch. Deshalb ist sie gegen gesetzliche Frauenquoten in der Arbeitswelt. Aber sie räumt auch ein, dass sie mit Anfang 20 nicht in die Regionalliga aufgestiegen wäre, wenn in der Gesellschaft der Ruf nach weiblichen Führungskräften nicht laut gewesen wäre. Ihr Aufstieg fiel zusammen mit der Präsidentschaft von Theo Zwanziger, der sich beim DFB gegen Widerstände für Frauen stark machte. Es gab einige Skeptiker. „Um sich sechs Jahre in der Zweiten Liga zu halten, reichen blonde Haare allein nicht aus“, sagt Steinhaus.

Blondes Haar, Pfeife und Humor

Zu ihren Mitteln, sich durchzusetzen, gehört auch Humor. Da sagt sie einem Spieler, der sich fallen lässt: „Iss ein paar Brötchen mehr, dann fällst du nicht so leicht.“ Die Zuschauer im Stadion rufen bei ihr öfter „Bibi“, Spieler reden von ihr als „die Bibiana“. Sie kann aber auch blitzschnell umschalten auf Frau Steinhaus. Dann drückt sie die Schultern durch und fixiert ihr Gegenüber mit starrem Blick: „Noch ein falsches Wort und du fliegst vom Platz“, sagt der Blick. Wer folgt, bekommt ein Lächeln. „Ich muss mir immer überlegen, wie meine Mimik und Gestik auf andere wirken.“

Der Bundesligist Mainz 05 forderte zuletzt mehr Frauen als Vierte Offizielle. Wenn Männer mehr Frauen fordern, dann fällt das auf, und die Aufgabe der Schiedsrichterin ist dennoch erfüllt, gut und diskret. „Ich glaube schon, dass die Hemmschwelle, verbal eine Frau zu attackieren, noch höher liegt als das gleichgeschlechtlich unter Männern der Fall ist“, sagt Steinhaus. Sie lacht und fügt hinzu: „Meistens.“

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