Eckhard Supp
06.02.2012 | 00:37 13

Vom Sterben großer Weine - und des gesunden Menschenverstands

Es gibt Themen, von denen glaubt man, zu ihnen sei alles gesagt, und verspürt wenig Lust, sich immer wieder mit ihnen auseinanderzusetzen. Dann aber liest man Texte, wie den, der jetzt auf diesen Seiten erschien, und die man einfach nicht so stehen lassen kann. "Warum sterben manche großen Weine aus?" ist ein Artikel von Klaus Kosok überschrieben, der sich mit den großen Weinen des Piemont und deren Entwicklung in den letzten Jahrzehnten auseinandersetzt.

Kosok, der seine Personalie hinter der Selbstbeschreibung "Trinker" versteckt, mag keinen Barolo aus dem Barrique. Das, vorneweg, ist sein gutes Recht. Niemand streitet ihm das ab, ich am allerwenigsten. Man fragt sich allenfalls, warum diese persönliche Vorliebe einen Artikel im "Freitag" wert ist. Denn Kosok reicht es nicht, persönliche Vorlieben zu haben, er muss sie überhöhen, muss sie mit einem Heiligenschein versehen, der alles, was ihnen nicht entspricht, schäbig, billig, industriell und unecht, kurz, wie Amerikanerplörre aussehen lässt.

Deshalb erzählt Kosok uns die Geschichte dreier Winzer des Barologebiets, die ihre Weine bis ins aktuelle Jahrtausend hinein angeblich genau so machten, wie ihre Väter und Vorväter vor vierzig, fünfzig oder noch mehr Jahren. Bartolo Mascarello, Giovanni Conterno und Enrico Pira heißen die drei, und ihre Weine müssen von derselben überirdischen Qualität gewesen sein, wie jener Barolo Monfortino aus dem Jahrgangs 1978, den Kosok mit großem Enthusiasmus beschreibt: "... mit dem typischen Duft nach welker Rose, Veilchen, Tabak und Trüffeln, dann mit Anklängen von Brombeere, Pflaume, schwarzer Kirsche ...... Kakao und Zimt." Dass für viele Weinfreunde Aromen wie Brombeeren, Kakao und Zimt wahrscheinlich eher auf modernere Weine als auf traditionellen Barolo passen? Sei's drum!

Politisch-moralische Koordinaten der Weinbeurteilung

Auffällig ist, dass Kosok tief in die journalistische Trickkiste greifen muss, um seine These vor dem Aussterben des "echten" Barolos an den Mann oder die Frau zu bringen. Zuerst einmal wird Stimmung gemacht: "Große Weine werden von Querköpfen gemacht ... Winzer, die schon mal politische Botschaften auf Flaschen schrieben." Zwar ist bereits die apodiktische Anfangsbehauptung schlichter Humbug - ich würde sogar behaupten, dass die meisten Erzeuger großer Weine alles andere als Querköpfe sind, eher ganz normale, mehr oder weniger angepasst durchs Leben laufende Menschen -, aber immerhin werden mit dieser Aussage die Lager benannt, wird quasi durch die Hintertür der Claim der politischen Sympathie abgesteckt, auf der Kosok seine Argumentation in der Folge aufbauen kann. Ohne es zu merken, wird der Leser auf die Seite des Autors gezogen, denn wer empfände keine Sympathien für traditionsbewusste, vielleicht auch etwas schrullige Querköpfe. So nett ... die müssen doch einfach auf der "richtigen" Seite stehen.

In diesem Sinne geht es weiter: "Zeit seines Lebens stemmte sich einer der großen alten Winzer aus Barolo (Bartolo Mascarello, der das Barriquefass nicht liebte, E. S.) gegen die modernistische Überfremdung der Weine seiner Heimat", eine modernistische Überfremdung, die Kosok mit Mascarellos Worten "... schmeckt erst nach zehn Jahren, dann aber nach Barolo und nicht nach Vanille wie die Weine aus Kalifornien und Down Under ..." präzisiert.

Innerhalb weniger Zeilen ist damit eigentlich schon alles gesagt, die "subkutane" Einverleibung des Lesers in den Werte- und Sympathiekosmos des Autors vollzogen: Politische Querköpfe wollen ihre Heimat und deren Traditionen bewahren und lehnen deshalb alles Amerikanische und Moderne wie Barriques oder nach Vanille schmeckende Weine ab!

Aber hält dieses politisch-moralische Koordinatensystem überhaupt vor der Realität, d. h. vor den Weinen stand? Es wäre sicher müßig, die Vorlieben des Autors mit eigenen Beurteilungen zu vergleichen, obwohl es mir bei der einen oder andern Verkostungsnotiz, die ich in meinen Archiven von den Weinen der genannten drei gefunden habe, diesbezüglich durchaus in den Fingern juckt. Stattdessen möchte ich lieber ein paar Anekdoten erzählen. Dann soll sich einfach jeder seine eigene Meinung bilden!

Die erste dieser Anekdoten bezieht sich auf die immer wieder - bei weitem nicht nur von Kosok - aufgestellte Behauptung, der Barolo der "Modernisten" schmecke nach Barrique und Vanille. Wenn die Sache doch nur so einfach wäre! Vor einigen Jahren organisierte eine Gruppe von Barolo-Erzeugern für einen bekannten "Barrique-Hasser" unter den Weinjournalisten eine vergleichende "Blind"verkostung - die Etiketten der Weine waren verdeckt - von vier traditionellen (im großen Holzfass) und vier modernen (im Barrique ausgebauten) Barolos desselben Jahrgangs. Eines einigermaßen gereiften Jahrgangs, versteht sich. Das Ergebnis: Keiner der acht Erzeuger - ganz zu schweigen von dem beteiligten Journalisten - konnte die beiden Gruppen mit auch nur annähernder Sicherheit auseinanderhalten. Ihre Trefferquote war nicht besser als beim Würfeln. Ausgewiesene Experten, die Barolo nicht von Vanille unterscheiden konnten? Unser Herr Kosok hätte das natürlich mit Links erledigt! Wie käme er sonst zu seiner Vanille-These?

Untypischer Traditionalist, typischer Modernist

Ich selbst habe Ähnliches erlebt, mit zwei ganz unterschiedlichen Weinen: Anlässlich einer Blindverkostung verschiedener Weine im Hamburger Sternerestaurant Poletto kam vor einigen Jahren zum Abschluss ein Barolo des Modernisten Elio Altare auf den Tisch. Mit verdecktem Etikett, versteht sich. Merkwürdigerweise hatte kaum jemand der Anwesenden auch nur die geringsten Schwierigkeiten, den Wein als typischen Barolo zu identifizieren. Wie das? Wo doch die Weine der Modernisten nicht nach Barolo, sondern nach Vanille schmecken!

Genau das Gegenteil passierte mir bei einem Besuch von Portugals Starwinzer Dirk Niepoort im Jahr 2000. Zum Abendessen war ein Freundeskreis von Winzern und Weinmachern eingeladen, und es wurde - wieder "blind" - der Wein eines bekannten, traditionell arbeitenden Barolo-Winzers ausgeschenkt. Keiner, mich selbst eingeschlossen, der ich immerhin fast 3.000 Barolos aus sechs Jahrzehnten verkostet habe, tippte auf Barolo. Die Raterei brachte uns einmal rund um die Erde, aber ans Piemont dachten wir nicht. Ein traditioneller Barolo, ganz klar als solcher zu erkennen? Eigentlich hätte er das doch sein müssen. Immerhin stammte er von einem renommierten Traditionalisten.

Was ich damit sagen will ist, dass die ganze quasi-religöse Schwarz-Weiß-Malerei - großes Fuder hui und kleines Barrique pfui! - den Weinen nicht einmal im Ansatz gerecht wird. Das gilt vor allem bei Weinen aus Nebbiolo, einer Rebsorte, die, wenn auch vielleicht nicht immer in jungen Jahren, dann doch im ausgereiften Zustand, über jede einigermaßen technisch korrekte Ausbauform dominiert, dem Wein seinen ganz eigenen, unverwechselbaren geschmacklichen Stempel aufdrückt, ganz gleich, ob er aus dem Barrique oder dem großen Fass kam.

Dabei ist natürlich schon die Annahme einer Kausalität zwischen Barriqueausbau und Vanillearomen schlichtweg kindisch. Nicht nur, dass jeder, auch nur einigermaßen ausgewogene Barriqueausbau in reifen, großen Rotweinen - ich betone das "reif", denn um reife Weine geht es uns ja wohl allen, nicht um viel zu früh verkostete oder getrunkene - praktisch keine Spuren von Vanille oder Ähnlichem hinterlässt. Oder wollte etwa jemand behaupten, ältere Bordeaux-Jahrgänge, gereifte Burgunder schmeckten nach Vanille? Eine nachgerade lächerliche Vorstellung!

Mehr noch: Nicht einmal in jungen Weinen muss der Barriqueausbau - wir reden natürlich vom Gebrauch (relativ) neuer Barriques, die überhaupt nur in substanziellen Mengen Vanillearomen abgeben - immer eindeutig in Aroma oder Geschmack identifizierbar sein, vorausgesetzt natürlich es handelt sich um wirklich große Weine. Eine Lehrstunde in diesem Sinne habe ich einmal bei der Burgunder Winzerlegende Henri Jayer erlebt, aber da ich diese Anekdote bereits an anderer Stelle erzählt haben, erspare ich mir das hier.

Für Klaus Kosok dagegen ist die Sache sonnenklar. "Ein wirklicher Barolo ... schmeckt erst nach zehn Jahren, dann aber nach Barolo und nicht nach Vanille wie die Weine aus Kalifornien und Down Under." Ach ja? Nach zehn Jahren soll man dann so richtig den Unterschied zwischen Barrique und großem Fass schmecken? Ein Schmarrn! Und ich erzähle dazu gern noch eine weitere, kleine Geschichte.

Elio Altare, einer der Winzer, die auf Kosoks "schwarzer Liste" der "Untrinkbaren" stehen, machte mir vor wenigen Jahren einmal zwei Flaschen aus dem Barolo-Jahrgang 1986 auf. Weine aus der Zeit, als er selbst noch mit dem Barrique experimentierte, und seine Weine teils, teils ausbaute. Die beiden Flaschen enthielten, so Altare, exakt das gleiche Ausgangsmaterial, Rebsorte, Weinbergslage, Erntezeitpunkt, Gärführung und Säureabbau waren identisch.

Falsche Tatsachebehauptungen

Der einzige Unterschied: Ein Teil des Weins war abschließend im Barrique, der andere im großen traditionellen Holzfass gelandet. Tatsächlich waren die beiden Weine nur schwer zu auseinander zu halten, von Vanille in keinem eine Spur - immerhin waren sie zum Zeitpunkt der Verkostung schon mehr als 15 Jahre alt. Nur hinsichtlich der Frische unterschieden sich die beiden markant: Der im traditionellen Holzfass ausgebaute Wein wirkte deutlich älter, hatte seinen geschmacklichen Zenith schon erreicht, während die Barrique-Version frischer, fast jugendlich wirkte. Wie mir Altare versicherte, war das nicht etwa auf unterschiedlich gut gelagerte Flaschen zurückzuführen - ein ganz normales Phänomen, das jeder Weinsammler kennt -, sondern entsprach seiner Erfahrung mit vielen anderen Flaschen desselben Jahrgangs.

Nun wäre diese Art der Kosok'schen Stimmungsmache an sich schon ärgerlich genug. So ärgerlich wie die Tatsache, dass Kosok das "Aussterben großer Weine" am Tode der bereits erwähnten Winzer festmacht, was ein Schlag ins Gesicht ihrer Kinder bzw. Nachfolger ist, die heute versuchen, die Arbeit der Alten in exakt ihrem Sinne weiterzuführen.

Noch ärgerlicher aber sind die falschen Tatsachenbehauptungen und Unterstellungen des Artikels, wie etwas die Behauptung, die Nachfolgerin Enrico Piras, Chiara Boschis, setze in ihrem Betrieb Hightech, Mostkonzentration oder Rotofermer ein. Wer dann noch behauptet, ihre Weine seien tiefdunkel, der setzt sich dem Verdacht aus, dass er noch keinen von ihnen je im Glas gesehen hat. Falsch ist auch, wenn die in der bereits erwähnten "schwarzen Liste" Kosoks genannten Voerzio, Vietti, Altare, Clerico oder Sandrone unterschiedslos beschuldigt werden, Vanilleweine aus dem Barrique zu füllen. Dass einer der besten Weine Viettis gar nicht ins Barrique kommt, dass Voerzio und Sandrone schon seit langem mit den unterschiedlichsten Fassgrößen experimentieren und arbeiten? Wen kümmerts? Sind doch nur lästige Fakten!

Solch überflüssige Details können die Überzeugung unseres Barolo-Talibans jedenfalls nicht ins Wanken bringen, der wahrscheinlich noch nie einen der großartigen Weine Voerzios getrunken hat. Sonst könnte er die jedenfalls nicht mehr in einen Sack mit den so genannten Vanilleweinen aus Kalifornien und Down Under stecken. Wobei der entsprechende Kommentar Mascarellos, den Kosok hier unkritisch zu seinem eigenen macht, vielleicht noch mit dessen Unkenntnis der Weine aus Kalifornien und Australien zu entschuldigen war. Bei Kosok ist so etwas, 10 oder 20 Jahre später, schlichtweg nicht mehr zu entschuldigen.

Infamer Journalismus

Regelrecht infam finde ich den am Ende des Artikels noch einmal aufgegriffenen, vollständig konstruierten Zusammenhang zwischen traditionellem Barolo-Verständnis und politischer Moral. "Ein großer Wein stirbt aus ... und mit ihm stirbt auch die Courage, mit der noch Mascarello ... Flagge zeigte. Seinen Barolo 1999 zierte die Botschaft: "No Barrique, no Berlusconi!" .... Da werden wieder sehr unterschwellig, aber wirksam, die unsinnigsten Zusammenhänge konstruiert. Tatsache ist, dass ein guter Teil derjenigen, die heutzutage traditionellen Barolo keltern, zu den Wählern Berlusconis gehören und dass einige der Modernisten, die ich kenne, ihn immer abgrundtief verachtet haben.

"Kein Barrique, sondern Barrikaden", zitiert Kosok am Anfang seines Artikels Bartolo Mascarello, wobei anscheinend beide nicht wissen, dass das Wort Barrikade auf eben jene Barriques zurückgeht. Soll ich jetzt daraus den Zusammenhang konstruieren, dass nur der, der Barriques verwendet, wirklich mutig, revolutionär oder sonstwas ist?

Infam ist der Artikel aber vor allem deshalb, weil er, wie ich eingangs andeutete, eine ganze Stilrichtung, die in den letzten 20 Jahren herrliche Weine hervorgebracht hat, letztlich als Erzeuger von Amerikanerplörre denunziert und verunglimpft. In einer wirtschaftlichen Situation, die für den Barolo, ja sogar für Italiens Weinbau insgesamt, schwierig genug ist - und zwar für Traditionalisten wie Modernisten gleichermaßen -, ist das schlichtweg unanständig.

Kommentare (13)

Achtermann 06.02.2012 | 09:26

Interessant zu lesen, der Artikel. Er gibt Einblick in die Welt der Weinkritiker, in die unterschiedlichen Schulen des Weinbaus. Die Problematik, Produkte politisch aufzuladen, wird es immer geben. Sicher ist diese Art der Vermarktungshilfe im Lebensmittelbereich, ich zähle mal die Weine dazu, näherliegender als etwa bei der Herstellung von Kochlöffeln. Gerade wenn damit einhergehend moralische Überlegenheit postuliert wird, muss man zurecht ein Frage- oder ein Ausrufezeichen setzen. Ich, der inmitten der pfälzischen Rebenlandschaft wohnt, bin froh, dass sich die hiesigen Winzer in den letzten Jahren auf Qualität besonnen haben und bereit sind, den Weingenossenschaften den Rücken zuzukehren, auch wenn das Ausscheren freigekauft werden muss. Sie gehen andere Wege. Die Tradition der Pfalz, Massenprodukte auf den Markt zu werfen, muss dem Geschmack und dem Anspruch der Konsumenten weichen.

ed2murrow 06.02.2012 | 11:23

Lieber Eckhard Supp,

da strampeln Sie sich mit 12.940 Zeichen an einem Artikel von Klaus Kosok ab und merken einfach nicht, was der Kollege eigentlich auf- und nicht angegriffen hat: Den Schickeria-Code der Generation, die in Italien unter Berlusconi gelernt hat, das zusammengestohlene Geld auszugeben. Barricato hier, barricato da. Und, so darf ich anfügen, das tartufato, das in keiner Speis mehr fehlen darf, wenn das Fässchen aufgemacht wird, und wenn es nur das Fläschchen ist, dafür aber so teuer wie ein paar Hektoliter. Auf Spesen natürlich.

Barricato ist das Dolce, am Wein exerziert. Und so, wie man das Textil (egal aus welcher Beschaffenheit) heute Volta (kleines Wortspiel: statt Süss nun Mäntelchen im Wind) nennt, so besinnt man sich allmählich in Italien wieder darauf, das zu trinken, was einem schmeckt. Die Menschen entdecken dann plötzlich in der Umgebung von Rom, dass es dieses wunderbare Ding namens Morellino di Scansano im Grenzgebiet zu Umbrien gibt oder, etwas weiter weg, die Vernaccia di San Gimignano.

Kosok hat mit seinem Artikel zum Kulturgut Wein geschrieben. So anfechtbar das auch sein mag, er hat ziemlich genau den Nerv getroffen. Aus einer sehr italienischen Sicht, wie der Wein über den er schreibt. Ihre offensichtliche Freundschaft zu signora Boschi soll das nicht berühren. Aber lassen Sie sich von ihr ggfs. erklären, dass das Plural sich Baroli schreibt; Sie setzen sich sonst dem Verdacht aus, mangels grundlegender Kenntnisse nicht in die Seele der Dinge vordringen zu können. Das hat mit „gesundem Menschenverstand“ nämlich nichts zu tun, sondern mit Einfühlungsvermögen.

Beste Grüße, e2m

Eckhard Supp 06.02.2012 | 11:50

Liebe(r) e2m,

auch wenn die meisten Italiener das so machen: Eigennamen werden im Italienischen immer noch nicht in den Plural gesetzt. Und im Deutschen werden ursprünglich ausländische Begriffe, die man als in die deutsche Sprache eingegangen betrachten kann, auch DEUTSCH dekliniert.

Aber sei's drum: Wenn Sie das Barrique oder "Barricato", wie sie es nennen, als Dolce Gabbana-Attribut des Weins bezeichnen, lässt mich das vermuten, dass sie vielleicht die Entwicklung des italienischen Weins seit dem Ende der 1980er Jahre doch nur bruchstückhaft mitbekommen haben.

Merkwürdig finde ich allenfalls, dass Sie ausgerechnet den Morellino di Scansano, DEN italienischen Wein par excellence, der in den letzten beiden Jahrzehnten für Vermassung und Industrialisierung gestanden hat - schauen Sie sich nur die Hunderte, wenn nicht Tausende Hektar neu angelegter Rebflächen an -, als Musterbeispiel für das benennen, was Ihnen schmeckt. Damit will ich hier nicht die Winzer diffamieren, die immer noch tollen Morellino keltern, aber als Beispiel für ihre Thesen taugt gerade diese Appellation nun wirklich nicht!

ed2murrow 06.02.2012 | 12:51

Lieber Eckhard Supp,

italienische Dinge deutsch durchzudeklinieren ist immer ein riskantes Unterfangen. Das ist dann wie beim Morellino: Der wird klein geredet, weil Grosseto nicht der Rede wert ist. Dabei fällt nicht auf, dass der DocG per 2006 auf einer eingetragenen Fläche von 425 Hektar 13.363 hl an Sangiovese, während bereits per 1997 der Nebbiolo für einen Barolo über 50.000 hl. erbrachte. Rückgerechnet auf das gleiche Jahr ist also der Anbau des Sangiovese für den Morellino um gerade mal 1/3 in 10 Jahren intensiviert worden.

Wo also mehr ausgebaut wird (im Übrigen reicht eine Fahrt die Autostrada del Sole entlang, um zu sehen, dass in Umbrien vor allem Olivenhaine Platz gegriffen haben und nicht der Wein), lässt sich streiten. Tatsache ist, dass der Italiener den Morellino als vino da tavola wieder entdeckt hat und das nicht wegen, sondern trotz eines Santa Maria von Frescobaldi. Und vino da tavola hat für die Menschen in Italien ein wieder eigenen Klang mit Blick auf die Preisgestaltung.

Beste Grüße, e2m

ed2murrow 06.02.2012 | 13:58

Wie es das DOC-Dekret vom 14.11.2006 (G.U.n. 293 vom 29.11.2006) sowie die Ausführungsvorschrift gleichen Datums vorsehen, dort insbesondere Art. 3, darf die Traube, die für die Produktion des Morellino bestimmt ist, nur innerhalb einer begrenzten Zone der Provinz Grosseto angebaut werden. Hier der entsprechende Link: www.italianasommelier.it/UserFiles/File/Didattica/Disciplinari_Produzione/DOCG/Toscana/Morellino-di-Scansano/Morellino-di-Scansano-docg.pdf

Die Provinz grenzt unmittelbar an die Regionen Umbria (Provinz Terni) und Lazio (Provinz Viterbo) an. Das südlichste Anbaugebiet berührt Manciano, liegt also praktisch im Drei-Provinzen/Regionen-Eck.

Die Autostrada del Sole verläuft nicht weit davon (~ 45 km) entfernt und gibt einen durchaus guten Eindruck selbst bei schneller Fahrt (und man weiß ja, Autoren sind immer pressiert) zu dem, was sich so in der Landwirtschaft tut zwischen Lazio, Umbria und Toscana. Wer mehr Zeit hat, kann sich die wunderbare Verbndung zwischen Orvieto und Saturnia zu Gemüte führen. Die Bäder der Thermen sind wirklich entspannend.

Zu diesem Gebiet waren (Stand 2006) 286 Hersteller mit einer Gesamtfläche von 425 Hektar und einem Ertrag von 13.363 hl. eingeschrieben. Neuere Daten, das gebe ich gerne zu, habe ich nicht. Mir ist aber nicht bekannt, dass hierfür, wie Sie schreiben: tausende neue Hektar angelegt worden wären. Vielleicht meinen Sie den Sangiovese-Anbau generell, der nun für alles mögliche außerhalb von Grosseto herhalten darf. Aber Sie können das sicher belegen. Die Zahlen zur Produktion sind im Übrigen bei ISTAT, dem italienischen Institut für Statistik, nachzulesen. Wem das zu mühsam ist, kann sich auch bei inumeridelvino.it/ kundig machen.

Beste Grüße, e2m

ed2murrow 06.02.2012 | 14:09

addendum: Der italienische Konsument meint nicht den "Tafelwein", wenn er von "vino da tavola" spricht. Mit anderen Worten: Ihm ist die EU-Weinrechtsänderung von 2009 sowas von ...

Die italienische Wikipedia umschreibt das großartig: "Tuttavia la dicitura vino da tavola non è sempre sinonimo di "scarsa" qualità ma semplicemente di non appartenenza ad alcun disciplinare di produzione. Non è quindi raro trovare vini da tavola di grande qualità e prestigio." ;)

Eckhard Supp 06.02.2012 | 14:14

Es wird immer wirrer! Nein, die Provinz Grosseto grenzt nicht "unmittelbar an die Region(en) Umbria" an, dazwischen liegt die Provinz Siena. Und selbst wenn es so wäre, hätten Sie mit ihrer Aussage, dass der Morellino aus dem Grenzgebiet zu Umbrien kommt Unrecht, denn, wie Sie selbst schreiben, darf Morellino "nur innerhalb einer begrenzten Zone der Provinz Grosseto angebaut werden", und diese begrenzte Zone liegt zwar ziemlich nahe an der tyrrhenischen Küste, aber ziemlich weit von Umbrien entfernt. Aber wahrscheinlich sind Ihnen Fakten ("Neuere Daten, das gebe ich gerne zu, habe ich nicht.") ohnehin genauso egal, wie dem Autor des Artikels, den ich kritisierte. Damit belasse ich es dann mal.

Klaus Kosok 09.02.2012 | 11:41

Lieber Herr Supp,
wir sind uns vielleicht einig, dass es große, gute und andererseits mittelmäßige wie schlechte Weine gibt, dass Möglichkeiten existieren, zwischen diesen Weinen Unterschiede auszumachen, und dass solche Möglichkeiten von menschlichem Interesse sind. Vielleicht einigen wir uns auch darauf, dass große Weine unter anderem durch ihre Typizität und ihre Ausgewogenheit beeindrucken. Wenn Sie dem zustimmen können, dann könnte man sich in Konsequenz darüber verständigen, dass die beiden genannten Weineigenschaften nicht unter allen Bedingungen gewahrt bleiben bzw. zustande kommen können.
Sie haben recht: Barrique (oder Pièce) verunstaltet einen Wein, vor allem einen großen Wein nicht per se. Sie beziehen sich in diesem Zusammenhang ebenfalls zu Recht auf Henri Jayer. Dieser hat allerdings im Sinne eines distinkten Hinweises immer betont, dass das Barrique bzw. Pièce nur dann in Frage kommt, wenn der Wein mit dem Holz umzugehen imstande ist, und nicht umgekehrt. (Diese Frage entscheidet auch über die Konsequenz einer möglichen Übertünchung durch Vanille und andere Noten). Jayer war im übrigen durchaus eigensinnig, auch innovativ, aber niemals trendy.
Um letzteres sollte es in meinem Text aber gehen. Die Trends, die es im Piemont seit den 80er Jahren gibt, besprechen Sie als Trends auch in Ihren Artikeln. In meiner Kolumne zitiere ich (nicht ganz ungern) zwei Traditionalisten, die sich - recht couragiert - gegen diese Trends gestemmt haben, gegen eine Entwicklung, die sich durch ein Bündel von neuen Maßnahmen in der Vinifikation und im Ausbau ergab. Dieses Maßnahmenbündel lebte nicht von Innovationen, sondern von der Ausrichtung an vorgegebenen (maßgeblich französischen) Standards. Worum es darüber hinaus ging, hat Giorgio Rivetti, eine Galionsfigur der Modernisten, erstaunlich deutlich zugestanden. Wenn es um Märkte und Geld geht, geht es (verständlicherweise) nicht immer nur um die allerheiligsten Bedingungen (vor allem nicht immer nur um Qualität). Damit ist nicht gesagt, dass die neuen Weine "pfui" oder "untrinkbar" sind. Ich behaupte auch nicht, dass z.B. Voerzios Weine keine große Beachtung verdienen. Was ich behaupte, ist, dass die Weine der Modernisten an Typizität und Ausgewogenheit einbüßen etwa gegenüber Giovanni Conternos Weinen (was ich im übrigen schade finde und im übrigen auch renommierte italienische Experten wie Rino Fontana schade finden). Offensichtlich findet Voerzio etwas ähnliches, wenn er sich entschließt, zu längeren Maischestandzeiten zurückzukehren. Offensichtlich findet auch Chiara Boschis (die tatsächlich mit dem Rotofermenter arbeitet) etwas ähnliches, wenn sie mithilfe von neu angeschafften großen Gebinden wieder zu "klassischen Weinen" (Zitat!) zurückkehren will.
Die Kennzeichnung "Querköpfe" stammt nicht von mir, was Sie bei sorgfältiger Lektüre der Kolumne auch bemerken dürften. Die Bezeichnung "Der Trinker" stammt ebenfalls nicht von mir, dient aber, seien Sie versichert, nicht dem Versteckspiel. Die Beweiskraft Ihrer Verweise auf Probleme, in Blindproben Weine bzw. deren Qualitäten zu identifizieren, halte ich für relativ gering. Ich finde es z.B. auch nicht verwunderlich, dass die Stiftung Warentest behauptet, selbst Profis könnten in Tests nur schwerlich zwischen "großen Gewächsen" und Weinen aus dem Supermarkt unterscheiden. Ich hätte da auch meine Probleme.
Und da Sie so sorglos und flott mit meiner vita umgehen: Ich habe tatsächlich keine 3.000 unterschiedlichen Flaschen Barolo in meinen Leben verkostet, ich bin wahrscheinlich auch nicht so oft zu Gast bei "Starwinzern" und in "Sternerestaurants". Ich kenne aber z.B. Roberto Voerzio persönlich, ich kannte auch Henri Jayer persönlich. Ich bin weit davon entfernt, den Modernisten bestimmte parteipolitische Tendenzen nachzusagen. Und ich mache mich auch nicht anheischig, die Weinszene im Piemont durch meine kleine Kolumne ins Wanken zu bringen. Deshalb ist es auch nicht nötig, den Taliban Kosok bis zum Hindukusch zu bekämpfen. Nehmen Sie die Bemerkungen meiner Kolumne einfach als Bemerkungen eines Weinamateurs, der gelegentlich vor Ort ist, seine Einsichten nicht am Schreibtisch gewinnt, tatsächlich nicht immer den Common Sense gepachtet hat (das auch nicht will) und vor allem keine lobbyistischen Interessen verfolgt.
Prosit
Klaus Kosok

Eckhard Supp 09.02.2012 | 12:20

Hallo Herr Kosok,

danke für die ausführliche Antwort.

Ich lasse Nebensächlichkeiten einmal beiseite, wie etwa Ihr Betonen der Tatsache, dass bestimmte Begriffe und Formulierungen gar nicht von Ihnen selbst stammten. Meine Kritik bezog sich darauf, dass Sie sich diese Punkte offenbar zu eigen machten.

Einen einzigen Punkt möchte ich noch einmal aufgreifen. Sie kontern auf meine Anekdote von der missglückten Identifizierung moderner und traditioneller Weine im Rahmen einer Blindverkostung mit einer Behauptung der Stiftung Warentest, die man erstens getrost bezweifeln kann und die zweitens mit der Debatte nichts zu tun hat. Wenn Sie - wiederum im Zusammenhang mit einem Zitat, das Sie zustimmend und bestimmt nicht kritisch verwenden, behaupten, die Weine der Modernisten schmeckten nach Vanille (und sonstwas), aber nicht nach Barolo, dann heißt das doch, wenn ich der deutschen Sprache noch mächtig bin, dass man die Stilrichtung der Weine AM GESCHMACK erkennen kann. Anders kann ich diese Behauptung nicht erklären. Und der einzige valide Beweis für eine solche Behauptung liegt in dem, was auch in der Wissenschaft in solchen Fällen praktiziert wird. In einer Probe OHNE KENNTNIS des Erzeugers oder Weinnamens. Wenn ihre geschmacklichen Unterschiede nur in offener Probe, also in Kenntnis von Erzeuger und seiner Stilrichtung, wahrnehmbar sein sollten, dann halte ich das für schlichtweg irrellevant. Wie schon der alte Émile Peynaud sagte: "Ein eingebildetes Aroma ist bereits halb wahrgenommen", und das heißt - und das habe ich selbst bei unendlich vielen Gelegenheiten festgestellt -, dass bestimmte Barolos für bestimmte Menschen nach Vanille schmecken (oder auch nicht), WEIL sie wissen, von wem der Wein stammt und wie er gemacht wurde.

Auch Ihre Replik bezüglich der Aussage von Henri Jayer ist nicht zielführend, denn ich habe ausdrücklich von "großen" Rotweinen gesprochen. Das nicht jede dünne Plörre den Ausbau im Barrique verträgt, brauchen wir nun wirklich nicht zu diskutieren.