Emran Feroz
15.02.2013 | 12:28 3

Syrien und Bahrain - Ein Vergleich

Nahost Guter Diktator - Böser Diktator

Der blutige Stellvertreterkrieg in Syrien tobt unaufhaltsam weiter. Das mediale Interesse gilt weiterhin dem Assad-Regime sowie den Kämpfern der „Freien Syrischen Armee“. Währenddessen gibt es Aufstände im absolutistischen Bahrain, die blutig niedergeschlagen werden. Allerdings hört man nicht viel darüber. Kein Wunder, denn der dortige Tyrann König Hamad al-Khalifa ist ein wichtiger Verbündeter des Westens.

Während das “Wanted-Bild” von al-Assad um die Welt ging und auf vielen Toiletten zu sehen, gerieten die Verbrechen al-Khalifas nicht im Fokus der Weltöffentlichkeit.

Syrien und Bahrain sind sich auf den ersten Blick nicht unähnlich. Beide Staaten sind arabisch und werden von Diktatoren geführt. Der eine diktiert mehr, der andere vielleicht etwas weniger. Dennoch wird ein Land mit Sanktionen und Krieg überschüttet, während das andere Land noch weit von derartigen Ereignissen entfernt ist. Warum ist das so?

Mehreren Berichten zufolge wird Syriens Präsident Baschar al-Assad von der Mehrheit der syrischen Bevölkerung immer noch unterstützt. Dies stellte der englische „Guardian“ schon vor einem Jahr fest. Auch der russische Außenminister Sergei Lavrov schloss sich im Oktober vergangenen Jahres dieser Meinung an und fügte ein weiteres Mal hinzu, dass Baschar al-Assad für die geopolitischen Interessen anderer ausgenutzt werde. Währenddessen ist der Großteil der nicht-syrischen Araber der Meinung, dass al-Assad seinen Posten aufgeben sollte. Um diese Theorien zu begründen, braucht es jedoch eine handfeste, seriöse Umfrage innerhalb der syrischen Gesellschaft. Allerdings liegt es auf der Hand, dass dies aufgrund der gegenwärtigen Umstände, es herrscht Krieg, nicht passieren kann.

Währenddessen sind die Zustände in Bahrain nicht derartig unklar. Hamad al-Khalifa wird von den bahrainischen Schiiten, die die eindeutige Mehrheit im Land darstellen, abgelehnt. Dies hat vor allem damit zu tun, dass al-Khalifa und seine Sippe den Schiiten ihre Rechte nicht einräumen möchten und bei Demonstrationen gewaltsam gegen diese vorgehen. Es mag sein, dass viele Menschen dies auch bei Baschar al-Assad denken. Oftmals wird der Eindruck erweckt, dass die alawitische Minderheit um den Assad-Clan hauptsächlich die sunnitische Mehrheit Syriens unterdrückt. Allerdings muss man diesbezüglich beachten, dass wichtige Amtsträger des Assad-Regimes Sunniten sind. Abgesehen davon ist al-Assads Ehefrau, Asma, ebenfalls eine gebürtige Sunnitin. Hafez al-Assad, der Vorgänger und Vater Baschars, soll schon in den 70er-Jahren mit seiner gesamten Familie zum sunnitischen Islam übergetretensein. Dass dies höchstwahrscheinlich nur aus formellen Gründen geschah, ist nicht zu bezweifeln und unter arabischen Diktatoren geläufig. Einst trat auch Saddam Hussein pro forma zum Schiitentum über, um die schiitische Mehrheit des Iraks zu befriedigen.

Ein weiterer erwähnenswerter Punkt ist das Verhältnis der beiden Staaten zu anderen Ländern. In Bahrain liegen mehrere Stützpunkte der US-Armee, während in Syrien ein russischer Militärstützpunkt aus der Sowjetära zu finden ist. Al-Khalifa pflegt Kontakte zu anderen arabischen Despoten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Qatar, während Damaskus’ Hauptkontakte die libanesische Hisbollah-Miliz sowie das iranische Mullah-Regime sind.

Die Widerstandskräfte in Bahrain benutzen bis zum heutigen Tage keine schweren Waffen. Die Proteste begannen einst friedlich mit dem sogenannten arabischen Frühling, mittlerweile greifen Einzelne zu Molotov-Cocktails und Steinen. Währenddessen sind die Kämpfer in Syrien, die man mittlerweile als „syrische Opposition“ bezeichnet, bestens ausgerüstet. Mit diesen Waffen werden unter anderem auch syrische Zivilisten verletzt und getötet. Autobombenanschläge und Granatenangriffe sind zum Alltag geworden. Abgesehen davon befinden sich unter den Bewaffneten zahlreiche Fremde aus aller Herren Länder. Zum gleichen Zeitpunkt findet man in Bahrain ausschließlich lokale Aktivisten und Demonstranten.

Während Syrien mit Sanktionen überschüttet wurde und der Westen al-Assad verteufelte, gingen die Repressalien in Bahrain ungeachtet weiter. Prinz Nasser, der Sohn des Königs, war letzten Sommer in London zu den Olympischen Spielenzu Gast, obwohl britische Politiker ihren Unmut darüber äußerten. Kein Wunder, denn der Prinz höchstpersönlich soll die eigenen Sportler gefoltert und misshandelt haben. Obwohl der Sachverhalt eindeutig gegen den Prinzen sprach, wollte Großbritanniens Premier David Cameron nichts davon wissen und behauptete, dass die Vorwürfe nicht beweisbar seien. Berichten zufolge wurden in der Vergangenheit britische Waffen nach Bahrain geliefert. Bahrainische Menschenrechtsorganisationen übten scharfe Kritik an die Rolle Großbritanniens im Syrien-Konflikt aus und behaupteten, dass es heuchlerisch sei, Russland aufgrund der Aufrüstung der syrischen Armee zu kritisieren, während man selbst in Bahrain das Gleiche mache.

Mittlerweile tauchen immer wieder zahlreiche grausame Bilder aus Bahrain auf, die die Verbrechen des Khalifa-Regimes deutlich machen. Dennoch wird der Fokus weiterhin auf Syrien gerichtet bleiben. Bahrain ist ein Verbündeter des Westens, genauso wie die anderen arabisch-absolutistischen Königshäuser, die Öl liefern und vor allem in ihrer Funktion gegen den Iran eine wichtige Rolle spielen. Diese Tatsache wird meistens als billige Ausrede für die Umsetzung eigener Interessen verwendet, unter anderem auch von so manch deutschem Politiker. Deshalb wird über deren Verbrechen einfach hinweg gesehen. Sie sind eben die „guten Diktatoren“ und dürfen es auch weiterhin bleiben. Zum Leid der dortigen Bevölkerung.

 

Kommentare (3)

Werner Kruck 16.02.2013 | 05:05

Es gibt so wenig "gute" und "schlechte" Diktatoren wie es "gute" und "schlechte" Vergewaltiger gibt. Richtig an diesem Artikel ist, dass die Menschheit über keine verbindlichen Regeln verfügt, welche Arten einer Staatführung angemessen sind und welche Arten nicht. Und ferner richtig ist, dass eigene Interessen anderer Staaten häufig den Blick trüben auf das, was man "Menschenrechte" nennen könnte.

Diktaturen sind - wie Vergewaltigungen - immer schlecht. Man kann sich nicht herausreden damit, dass Vergewaltigungen wenigstens dem mengenmäßigen Erhalt der Art dienen würden und es im Reich der Enten völlig normal sei, dass der Erpel die Ente brutal am Nacken packt und drauf steigt. Die relativierenden Argumente im Falle von Diktaturen haben allesamt nur das eine Ziel, nämlich eine Diktatur zu billigen, weil es dem Interesse des Betrachters entspricht.

Warum gibt es den geforderen Konsenz der Menschheit nicht bei der Beurteilung von Staatsführungen? Weil es keine organisierte Menschheit gibt, sehr wohl aber hoch organisierte Staaten. Fast alle Staaten auf diesem Planeten sind einstmals durch Eroberung durch fremde Völker entstanden, die mit dem Ziel der Ausbeutung das eroberte Volk unterworfen haben. Natürlich waren das anfänglich alles Fremdherrschaften und Diktaturen. Natürlich hatten die unterworfenen Völker anfänglich keine Rechte. Natürlich ging die Durchsetzung der Herrschaftsinteressen stets auch bis in die Durchsetzung gegen Leib und Leben. Natürlich haben diese Herrscher ihre Gegner versklavt, umerzogen und ermordet. Am Anfang der Entstehung von Staaten steht die pure Gewalt. Erst im Anschluss werden die Mittel der Herrschaftsausübung verfeinert, aber nicht aus Menschenliebe, sondern um die Herrschaft zu verstetigen und das Risiko von Aufständen gegen die Herrschaft zu reduzieren. Wir haben heute in manchen Ländern Rechts- oder Konsensstaaten, weil diese Gesellschaften sich weit weg entwickeln konnten von ihren Ursprüngen der Staatenbildung. Das Römische Reich und was es da sonst noch gab wodurch die vielen Völker auf deutschem Boden in einen Staat gezwungen wurden, ist halt schon ein paar Tage Vergangenheit. Die Könige, Blaublüter oder ursprünglichen Eroberer und Kriegherren, haben sich im zivilisierten Leben eingefunden und ihre Ansprüche gegenüber den Unterworfenen weitgehend verloren.

Das ist bei den Assads in Syrien nicht der Fall. Und ohne das ich von Bahrain ähnlich viel wüsste wie von Syrien, scheint auch dieses Könighaus 100 Jahre vor unserer Zeit zu liegen. Was macht man damit?

Die Staaten selber, die überwiegend nicht lediglich demokratisch legitimierte Verwaltungen von Konsensgemeinschafen sind sondern zumindest historisch immer Einrichtungen der Herrschaftsausübung waren - der herrschenden Klasse gegenüber der unterworfenen -, diese Staaten haben sich untereinander darauf geeinigt, dass sie sich gegenseitig nicht einmischen würden in die inneren Angelegenheiten des anderen. Das sind sehr alte Agreements, entstanden in Zeiten, als es Demokratien noch gar nicht gab, als überall mehr oder noch mehr Herrschaft das Leben bestimmte, und als diese Totschläger am Hofe sich darauf verständigten, sich gegenseitig nicht in die Suppe zu spucken. Das Dogma von der "Staatlichen Souveränität" heißt übertragen: ich darf meine Frau ungestört vergewaltigen und rege mich nicht darüber auf, wenn Du das gleiche mit Deiner machst. Es ist eine Regel der Übereinkunft bei der Unterdrückung und Ausbeutung des jeweils "eigenen" eroberten Volkes. Vielleicht eine notwendige Regel, die einst die Kriege zwischen den Ausbeutern reduziert hat, aber dennoch eine Regel im Unrecht, wenn man Menschen bereit ist ein Recht zuzugestehen. Z.B. ein Recht auf freie Meinungsäußerung oder auf körperliche Unversehrtheit etc.

Man kann den Standpunkt der Menschenrechte nicht einnehmen ohne den Standpunkt derjenigen zu verlassen, die die Gewalt gegen andere ausüben zur Durchsetzung eigener Interessen. Das kann man in Syrien so wenig wie in Bahrain und anderswo. Und in sofern ist man entweder konsequent oder inkonsequent, wie der Autor zutreffend anmerkt. Aber es gibt natürlich auch die Sorte Leute die dann meinen, weil es Ungerechtigkeit in Bahrein und sonstwo gibt, sollte man in Syrien mal schön ruhig bleiben. Der Fehler ist aber allenfalls dort zu suchen, wo man aus Gründen des eigenen Interesses schweigt.

Man könnte dem nun entgegenhalten, dass ein umfassendes Anprangern misslicher Umstände so weitreichende Folgen haben könnte, dass ein Miteinander gar nicht mehr möglich ist. Denn der Mensch ist nun einmal ein Raubtier und die natürlichen Ordnungen von Raubtieren sind Raubtierordnungen. Mit diesem Widerspruch müssen wir leben und dürfen uns dennoch täglich entscheiden wofür wir uns verwenden. In diesem Spannungsfeld findet die Entwicklung der Menschheit seit Jahrtausenden statt, einerseits vom Wesen her brutales Biest, anderseits zum Schöngeist fähig mit einer klaren Vorstellung vom Göttlichen, das manche als Ideal ins Jenseits verbannen und andere als Ziel im Diesseits verfolgen.

Und nun abschließend zurück ins Konkrete: Warum haben in Deutschland so viele Leute ein Problem damit zu akzeptieren, dass eine relevante Anzahl von Leuten in Syrien Forderungen nach mehr Freiheit vorgetragen hat und die Reaktionen des bestehenden Herrschafts-Systems auf diese berechtigten Forderungen für die Eskalation des Konfliktes verantwortlich ist? Viele andere kultivierte Völker Europas gehen mit der Frage Diktatur oder Menschenrechte deutlich entspannter um in dem Sinne, dass Apelle an die Menschenrechte nicht erst groß begründet werden müssen und solche Erwägungen wie bei uns, ob Diktaturen nicht irgendwo auch ihr Gutes haben können und die eine Vergewaltung nicht vielleicht besser sei als die andere, das findet man bei den Briten und Schweizern als Gedankengänge gar nicht.

Wenn man ehrlich ist, nennt man das Falsche überall falsch. Daran hindert einen niemand. Wenn man ehrlich ist, fügt man hinzu, dass einen was falsch ist nicht überall interessiert oder man sogar eigene Interessen mit dem Falschen verbindet. Dann sage ich ganz ehrlich, von Bahrain habe ich keine Ahnung und deswegen interessiert es mich weniger als Syrien, wo ich sehr konkrete Menschen seit vielen Jahren kenne, mit denen ich vor dem Krieg wöchentlich auch geschäftlichen Gründen, aber auch privat, in Kontakt stand. Ich habe die ganze Entwicklung brühwarm mitbekommen, aus durchaus verschiedenen Perspektiven, von jenen, die sich bis heute raushalten ebenso wie von jenen, die heute im Kampf stehen auf der einen oder anderen Seite. Ich kann dazu vor meinem Hintergund nur sagen, dass jene, die vor 2 Jahren gerufen haben "schlagt diese Tiere alle tot" - und damit die Protestierenden meinten - im historischen Irrtum handeln. Syrien ist keine Farm die den Assads gehört mit ein paar profitierenden Aufsehern und dem Rest Nutztieren. Solche Revolutionen hat es in der Geschichte zu tausenden gegeben, immer aus ähnlichen Konstellationen heraus, immer mit ähnlichem Ergebnis. Manchmal wurden sie im Blut ertränkt, aber auf die lange Sicht haben überall die Motive sich durchgesetzt, die die Basis unserer eigenen (Fast-)Konsensgesellschaft bilden. Man sollte stets in Richtung einer Verbesserung denken und nicht die Tyrannen bewundern.

Was in Syrien danach kommt? Wer weiss das schon. Dafür muss das Danach erst einmal kommen. Und auch dann gilt unverändert, was jetzt schon gelten sollte: für die Menschenrechte und die Freiheit sollte man sich verwenden, egal wer diese wo aus welchen Gründen nicht respektiert. Das darf man als Standpunkt auch gegenüber Freunden und Verbündeten vertreten, sogar gegenüber sich selbst, falls es da einen Schatten gibt, über den man springen könnte.

Wie auch in Ägypten, gibt es neben den Religiösen solche Kräfte die heute sagen, wir haben nicht gegen Mubarak gekämpft um uns heute einer Diktatur der Religiösen zu unterwerfen. Auch das ist in Syrien mindestens so gegeben wie es andererseits reale Gefahren gibt. Es war der syrische Dichter Abu Al-Alaa al-Maari der vor 1000 Jahren den Spruch geprägt hat "In dieser Welt gibt es nur zwei Sorten Menschen – intelligente ohne Religion und religiöse ohne Intelligenz." Da hat man in Europa noch Hexen verbrannt, fremde Völker im Namen der Religion abgeschlachtet und gegeneinander die brutalsten Kriege "im Namen Gottes" und der Religion geführt. Bitte: die Syrer sind keine Affen, sondern hoch gebildete Menschen. Auch und gerade, wenn sie ihr Leben und ihre Bequemlichkeit opfern für dieses bescheidene Ziel der Freiheit und Menschenwürde in einem Land ohne staatliche Terrorherrschaft. Wenn wir schon zu faul sind um in diesem Konflikt eine eigene aktive Haltung einzunehmen, dann sollten wir uns doch wenigstens nicht dadurch auch noch intellektuell aus der Affäre zu ziehen versuchen, indem wir das Loblied auf die Diktaturen singen und dem Nutzvieh das Recht auf eine eigene Meinung absprechen.