Felix Werdermann
17.05.2013 | 09:00 6

Piratin für den Wahlkampf

Katharina Nocun Die Expertin für Datenschutz und Bürgerrechte wurde von den Piraten zur politischen Geschäftsführerin gewählt. Nun soll sie ihre kriselnde Partei in den Bundestag hieven

Piratin für den Wahlkampf

Foto: Lennart Preiss / Getty

Bis zuletzt hat sie gezögert, doch auf dem Parteitag der Piraten ist davon nichts mehr zu spüren. Katharina Nocun hält eine flammende Bewerbungsrede für das Amt der politischen Geschäftsführerin. „Ich möchte nie wieder von irgendjemandem in der Piratenpartei hören, dass wir den Bundestag nicht wuppen.“ Und: „Wir werden uns verdammt noch mal den Arsch aufreißen, um die anderen anzugreifen!“

Die Basispiraten sind begeistert, rufen: „Katta, Katta!“ Bei der Abstimmung erhält sie 81,7 Prozent der Stimmen, nun lastet auf ihr die Hoffnung tausender Piraten. Die 26-Jährige ist die neue Frontfrau, (erst mal) nur für den Wahlkampf. Kurz nach der Bundestagswahl im September wird das Spitzenpersonal der Piraten schon wieder regulär neu gewählt.

Dümpeln unter der 5-Prozent-Hürde

Nocun profitiert letztlich von der Krise der Piraten. Sie löst Johannes Ponader ab, der vielen als exzentrisch galt und von der Parteibasis im Frühjahr so schlechte Noten erhalten hatte, dass ihm im Grunde nichts anderes übrig blieb als der freiwillige Rücktritt.

Die schlechten Wahl- und Umfrageergebnisse der Piraten dürften den Druck auf Ponader zusätzlich erhöht haben. In ferner Vergangenheit scheinen die grandiosen Erfolge der Piraten zu liegen. Die politischen Newcomer zogen in vier Landesparlamente ein, die Umfragen sahen sie mit bis zu 16 Prozent schon an etablierten Bundestagsparteien vorbeiziehen. Inzwischen ist der Glanz verblasst, die mediale Aufmerksamkeit hat nachgelassen, und die Piraten dümpeln knapp unter der Fünf-Prozent-Hürde vor sich hin.

Jung, weiblich, attraktiv

Einige sehnen sich nach der früheren Geschäftsführerin Marina Weisband zurück, und mit der Wahl Nocuns drängt sich ein Vergleich der beiden Piratinnen fast schon auf. Beide sind jung, weiblich, attraktiv. Keine schlechten Voraussetzungen, um einem als nerdiger Männerclub verschrienen Verein ein neues Image zu verpassen. Und es gibt noch mehr Gemeinsamkeiten: Beide Frauen kommen aus Osteuropa und haben in Münster studiert.

Der Vergleich könnte aber auch unerfüllbare Hoffnungen wecken, deswegen wiegelt der Piratenvorsitzende Bernd Schlömer auch gleich ab, wenn er auf Nocun angesprochen wird: „Man kann sie nicht mit Marina vergleichen. Wir geben Katta Zeit, ihre eigene Art zu entwickeln.“

Auch Nocun selbst hält nichts davon, Menschen „in Schablonen zu pressen“, findet, dass sie und Weisband „schon sehr unterschiedlich“ seien. In die Fußstapfen ihrer Vorvorgängerin will Nocun nicht treten. „Ich möchte keine Identifikationsfigur sein“, sagt sie. Und: „Meine Stärke ist die inhaltliche Arbeit.“

Konzentration auf die Kernthemen?

Die neue Frontfrau ist Expertin für die typischen Piratenthemen: Datenschutz, Bürgerbeteiligung, Freiheit im Internet. Die Partei hat sich inzwischen inhaltlich zwar deutlich breiter aufgestellt, als es in der Anfangszeit der Fall war. Auf dem jetzigen Parteitag wurden etwa Forderungen nach einem Mindestlohn, einem Grundeinkommen und einem kostenlosen Personennahverkehr beschlossen. Zu vielen anderen Fragen gibt es bereits eine klare Piratenposition. Trotzdem werden die Piraten noch als Internetpartei wahrgenommen. Und es sind auch immer noch die Online-Themen, die die Mitglieder zusammenschweißen. Nichtsdestotrotz stehen die Piraten vor der strategischen Frage: Profilieren wir uns mit unseren Kernthemen oder werben wir mit einem großen Bündel an Forderungen aus allen Bereichen?

Nocun sieht darin „kein Entweder-Oder“. Aber sie steht für die Kernthemen. „Ich bin mit Computern aufgewachsen“, schreibt sie auf ihrem Blog kattascha.de. Ihre Mutter ist Datenbankadministratorin, ihr Vater IT-Projektmanager. Mit ihrer Familie lebt sie zusammen auf einem Bauernhof zwischen Osnabrück und Bielefeld, viele Dinge erledigt sie von zu Hause, mit Hilfe des Computers.

Aus der Bewegung zu den Piraten

Seit Jahren ist sie außerhalb von Parteien aktiv, engagierte sich im „Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung“, half bei der Verfassungsbeschwerde gegen den elektronischen Einkommensnachweis Elena, war im Asta der Uni Münster Referentin für Datenschutz und Freie Sofware. Nach ihrem Bachelorstudium ist sie nun in Hamburg eingeschrieben, studiert dort Politik, Wirtschaft und Philosophie. Ihr fehlt nur noch die Masterarbeit, aber die muss jetzt warten wegen des Wahlkampfs.

Die Piratenpartei ist die erste Organisation, von der sie sich einen Mitgliedsausweis habe ausstellen lassen, schreibt Nocun stolz auf ihrem Blog. Seit 2009 engagiert sie sich für die Partei, im März 2012 trat sie dann ein – mitten im Piraten-Höhenflug. Zur Begründung sagt sie heute, dass man „die Demokratie nur retten kann, wenn man in die Parlamente geht“.

Politische Einstellung? Bürgerrechtlerin.

Sollten es die Piraten in den Bundestag schaffen, ist Nocun auf jeden Fall dabei. In Niedersachsen steht sie auf dem zweiten Platz der Liste – wie schon bei der Landtagswahl, als die Piraten mit 2,1 Prozent der Stimmen kläglich scheiterten.

Über mögliche Koalitionen im Bundestag will Nocun lieber nicht reden. Das müssten die Parteimitglieder dann entscheiden. Ohnehin dürften andere Parteien wenig Interesse an einem Bündnis haben, weil ihnen die Piraten ohne Fraktionszwang zu unberechenbar erscheinen, vermutet die Piraten-Frontfrau. Wo ist Nocun politisch zu verorten? Beim Grünen-Politiker Malte Spitz hat sie vor einigen Jahren ein Praktikum gemacht, zu ihrer politischen Einstellung sagt sie bloß: „Ich bin Bürgerrechtlerin.“

Und wenn der Einzug ins Parlament doch nicht klappt? Nicht so schlimm, sagt Nocun. „Die Piratenpartei ist ein langfristiges Projekt.“ Und im Politstress möchte sie auch nicht verbrennen wie einst Marina Weisband. Nocun erklärt: „Eine meiner Stärken ist es, dass ich mir auch mal eine Auszeit nehme und das Handy ausmache.“

Kommentare (6)

Dr. Mabuse 17.05.2013 | 12:33
Piratengebet: Katta unser, die du bist im BuVo, geflauscht werde dein Name. Deine Zeit komme. Deine Agenda geschehe, wie im Vorstand, so an der Basis. Unsern täglichen Blog gib uns heute. Und vergib uns unsere GO-Anträge, wie auch wir vergeben Johannes Ponader. Und führe uns nicht in den Shitstorm, sondern erlöse uns von den Trollen. Denn dein ist der Flausch und die Kraft und die Herrlichkeit, bis zum nächsten BPT. RAmen.
Meyko 19.05.2013 | 09:11

"Seit Jahren ist sie außerhalb von Parteien aktiv, engagierte sich im „Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung“, half bei der Verfassungsbeschwerde gegen den elektronischen Einkommensnachweis Elena, war im Asta der Uni Münster Referentin für Datenschutz und Freie Sofware. Nach ihrem Bachelorstudium ist sie nun in Hamburg eingeschrieben, studiert dort Politik, Wirtschaft und Philosophie. Ihr fehlt nur noch die Masterarbeit, aber die muss jetzt warten wegen des Wahlkampfs."

Nur der Vollständigkeit halber (Wiki):

"Bis Dezember 2012 war sie beruflich als Referentin für digitale Verbraucherrechte beim Verbraucherzentrale Bundesverband beschäftigt. Derzeit arbeitet sie als Redakteurin bei netzwelt und absolviert ein Teilzeitstudium in Wirtschaftsinformatik."