Jakob Augstein
04.01.2013 | 11:50 25

„Der Nobelpreis ist ein Anfang“

Freitag-Salon Der Soziologe und Philosoph Oskar Negt plädiert für eine europäische Strategie gegen die Allmacht der Märkte und das Gerede von unüberwindbaren Krisen

Jakob Augstein: Wenn wir über Europa reden, sollten wir mit den Grenzen anfangen. Finden Sie, dass alle niedergerissen gehören?

Oskar Negt: Nein. Grenzsetzung ist wichtig, sowohl im Denken als auch im realen Lebenszusammenhang. Wir stehen heute vor dem Problem der Entgrenzung. Das führt zu einer Art Ohnmacht. Menschen, die nicht mehr wissen, wo Innen und Außen ist, sind manipulierbar. Die Neubestimmung von Grenzen ist Aufgabe der Intellektuellen.

Thomas Morus schreibt in seiner Utopia, dass mit dem Setzen von Grenzen die Enteignung der Allgemeinheit beginnt.

Damals ging es um Schafe. Diese Einhegungen, Enclosures, waren der Ausdruck der neuen kapitalistischen Gesellschaft. Mit diesen Grenzen, Umzäunungen, die niedergerissen wurden, begann eine neue Produktivität, die aber eben auch eine Menschenverachtung in sich trug.

Jede Grenze ist aber auch die Scheidelinie der Identität.

Ja, das galt vor allem zwischen Ost und West. Der Ostblock war eine Abgrenzungsrealität für den Westen. Unser Sozialstaat hat sich vor dem Hintergrund der Systemkonkurrenz ausgebildet. Diese Konkurrenz ist weg und unser Sozialstaat verkümmert.

Trennen die Grenzen in Europa oder formen sie?

Das ist die wiederkehrende Frage in Europa – wo endet es, was ist seine Gestalt? Ich denke, die Türkei gehört dazu, aber auch Russland. Es genügt nicht, dass in Russland jetzt kapitalistisch gewirtschaftet wird. Kapitalismus und bürgerliche Gesellschaft bedingen einander nicht.

Haben Sie sich neulich über den Nobelpreis für die EU gefreut?

Es ist ein Anfang. Für ein neues Europa. Wir vergessen leicht, dass der Kontinent Jahrhunderte hindurch ein Schlachtfeld war. Da ist der Nobelpreis durchaus angemessen.

Kann man nicht auch sagen, dass wir unsere Kriege zwar nicht mehr im Inneren, aber dafür im Äußeren führen?

Ich verstehe den Friedensnobelpreis als Anerkennung für die bereits erreichte Friedlichkeit und gleichzeitig als Aufforderung. Der Rechtsradikalismus treibt die Angstpotenziale zusammen, den Angstrohstoff der Gesellschaft und er hat auch die Fähigkeit, daraus etwas zu machen. Die Friedensfähigkeit, die wir brauchen, hat etwas mit Sozialstaatlichkeit zu tun. Die Entwicklung eines gerechten Gemeinwesens ist die entscheidende Komponente für den gelingenden europäischen Einigungsprozess.

Können Gesellschaften aus der Geschichte lernen?

Es gibt kollektive Lernprozesse. Schon während des Westfälischen Friedens sind Verhandlungen über Toleranz, über die Trennung von Legalität und Moralität geführt worden. Diese Diskurse hatten praktische Auswirkungen. So zum Beispiel, dass die Inquisitionsgerichtsbarkeit allmählich verschwand. Menschen erschrecken darüber, was sie sich einander antun. Sie ziehen daraus institu-tionelle Schlussfolgerungen. Nach 1945 gab es eine parteiübergreifende Grundüberzeugung, dass wir die wirtschaftlich Mächtigen nie wieder ohne Kontrolle lassen dürfen. Die Italiener hatten in ihrer Verfassung sogar das Recht auf Arbeit festgeschrieben. Wir brauchen jetzt einen ähnlichen kollektiven Lernprozess. Europa wird sonst nicht zusammenwachsen.

Aber wir haben doch probiert, Europa über eine institutionelle Gründung zusammenwachsen zu lassen – den Euro.

Ein solcher Anfang hat sich als fatal erwiesen; es funktioniert nicht.

Diese Antwort erstaunt mich. Wir sehen doch den Erfolg dieses Ansatzes. Plötzlich spürt jeder, dass die griechische Politik uns etwas angeht.

Ja, Griechenland. Ich war auf Kreta und habe da Vorlesungen gemacht und festgestellt, dass wir hier alle viel mehr von Griechenland wissen als die Griechen selbst – also von dem, was wir uns unter Griechenland vorstellen, Wiege der Demokratie und so ... Man hätte für Griechenland und für eine Reihe osteuropäischer Länder rechtzeitig eine Art Marshall-Plan entwickeln müssen. Stattdessen hat man diesen Ländern das Schicksal der DDR zuteil werden lassen und die ganze Produktion unwirtschaftlich gemacht.

Was sagen Sie denn einem jungen Menschen in Spanien, der arbeitslos ist und Sie jetzt fragt, was er machen soll?

Die Regierungen müssen handeln. Wir brauchen einen Schutzschirm für die jungen Erwachsenen von, sagen wir, 500 Milliarden Euro. Das wäre eine Zukunftsinvestition. Im Augenblick wird gerade in Spanien gar nichts gemacht, um diese fatale Jugendarbeitslosigkeit zu beseitigen.

Was bedeutet es denn, wenn immer mehr Leute zu der Überzeugung kommen, dass das System sich selbst nicht an seine eigenen Regeln hält?

Wir dürfen uns nicht immer einreden, dass wir uns in einer unüberwindbaren Krise befinden. Das macht ohnmächtig. Ich habe keinen Einfluss auf die New Yorker Börse. Aber wenn ich Lehrer bin, habe ich großen Einfluss darauf, einen anderen Unterricht zu machen. Jeder kann verantwortungsbewusstes Handeln in bestimmten Bereichen entwickeln. Wir müssen aus Krisenherden Handlungsfelder machen. Max Weber spricht vom „Pazifismus der sozialen Ohnmacht“. Das ist eine depressive Situation, in der es kein Handeln mehr gibt, und das muss überwunden werden. Dafür brauchen wir eine europäische Strategie. Wir haben es mit einem Kapitalismus zu tun, der noch nie so frei von Barrieren gewesen ist. Adam Smith oder David Ricardo haben nie daran gedacht, dass der Markt die ganze Gesellschaft reguliert.

Erklären Sie doch bitte mal dieses Max-Weber-Wort.

Weber beschreibt ein Abhängigkeitsgefühl, er nennt das an anderer Stelle das stahlharte Gehäuse der Hörigkeit. Die Menschen wissen, dass sie in eine Situation der Abhängigkeit gezwungen werden und verbrauchen sehr viel Energie darauf, es in eigentlich unerträglichen Verhältnissen auszuhalten.

Darf man darauf mit Gewalt antworten?

Nein. Gewalt produziert nichts. Gewalt produziert nur Gewalt. Und Gewalt beschädigt die Subjekte. Sie beschädigt nicht nur andere Menschen, sondern die gewaltbereiten Menschen sind auch selber beschädigt.

Kann es nicht sein, dass wir die Gewaltfrage zu schnell für beantwortet erklären? Muss man sie nicht offen halten? Als andere Abgrenzungsrealität?

Ich bin lange genug in Zusammenhängen der außerparlamentarischen Opposition gewesen und das meiste wurde erreicht, indem Menschen mobilisiert wurden, ihre Empörung unterhalb der Gewaltschwelle auszudrücken. Ich war immer der Auffassung, dass bestimmte Gewaltaktionen, wie die der RAF, im Grunde nicht die Bewegung gestärkt haben, sondern die Gegenbewegung, den Polizeiapparat. Wir müssen die Empörung sammeln, die da ist. Stéphane Hessel hat sein Büchlein „Empört euch“ millionenfach verkauft. Das ist doch ermutigend.

Ja, aber das Buch spielt sich vor dem Erinnerungshintergrund der Résistance ab. Hessel vergleicht die Empörung gegen den Kapitalismus mit jener gegen die Nazis. Da steht also die Assoziation der Gewalt im Raum.

Ja, aber die Nazis haben nun gar keine Menschenrechte respektiert, gar keine Verfahrensrationalität, eigentlich nichts, was zivilisierte Menschen ausmacht. Das ist nun schon noch mal was anderes.

Warum ist eigentlich Occupy in einem so traurigen Zustand?

Die amerikanische Gesellschaft ist ein Sonderproblem. Und bei uns hatte die Bewegung viel weniger Resonanz. Die wirtschaftlich Mächtigen fanden die Zelte in Frankfurt doch eher lustig. Wir brauchen wieder eine außerparlamentarische Opposition. Erinnern wir uns daran, dass auf diese Weise in den siebziger und achtziger Jahren auch die innerparlamentarische Opposition gestärkt wurde.

Sie sind ein großer Vordenker der politischen Bildung. Vorhin haben Sie gesagt, Europa wächst nicht von alleine zusammen. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts musste der deutsche Nationalismus geradezu erzeugt werden. Ist das für Europa denkbar? Politische Bildung zu europäischem Patriotismus?

Politische Bildung soll nicht die Indoktrination einer politischen Meinung sein. Sie ist die Bearbeitung und Überwindung von Vorurteilen. Tatsächlich wächst die Vorurteilswelt äußerst bedrohlich. Kant hat einmal davon gesprochen, dass Urteilsbildung das Vermögen des Besonderen ist. Urteilskraft muss den eigenen Lebenszusammenhang mit einem größeren Gemeinwesen oder auch mit der globalisierten Welt in Verbindung bringen. Das kritische Vermögen des Menschen bedarf der Übung und der autonomen Entfaltung. Dazu ist Mut erforderlich. Sapere Aude. Habe Mut, dich deines Verstandes ohne Anleitung eines anderen zu bedienen.

Sind wir für Europa zu ungeduldig?

Was jahrhundertelang geprägt wurde, wird nicht in wenigen Jahrzehnten überwunden. Dieser Prozess verläuft zu schnell und zu holperig. Vielleicht wollen die Leute, die das eingeleitet haben, die europäische Einigung unbedingt noch selbst erleben.

Aber manche Dinge entwickeln eine eigene Dynamik. Das haben wir bei der deutschen Einheit gesehen.

Umso schlimmer. Die Resultate sind nicht sehr eindrucksvoll. Die Treuhand war eine Art Mafia-Unternehmen. Das gesellschaftliche Eigentum wurde verschleudert. Es war für Deutschland falsch, die den Dingen innewohnende Zeit nicht zu berücksichtigen. Und es ist für Europa falsch, eine betriebswirtschaftliche Scheinrationalität zum Maßstab der europäischen Einigung zu machen.

Das ist der große Konflikt zwischen Angela Merkel und dem Bundesverfassungsgericht. Sie sagt, wir haben keine Zeit und Voßkuhle sagt, wir müssen uns die Zeit nehmen.

Es ist ja nicht immer so, dass kurze oder kurzfristige Entscheidungen besser sind als keine. Zeit lässt sich nicht beliebig raffen. Die Idee der Bildungsreformen nach Bologna besteht in der Verkürzung. Aber das Ergebnis ist, dass die Studierenden keine Zeit mehr haben, ein Buch zu lesen, also Vorräte anzulegen, von Begriffen, von Perspektiven. Lessing sagt, die Verbindung zwischen zwei Punkten in Erziehungs- und Bildungsfragen ist nicht die gerade Linie, sondern sind die Umwege.

Gibt es so etwas wie eine europäische Weltauffassung?

Das ist eine schwierige Frage. Aber die Aussage, ich bin keine Französin, ich bin keine Deutsche, sondern ich bin Europäerin, setzt doch einen weiten Umkreis von Denkweisen voraus, vielleicht auch von Gefühlsausdrücken. Die europäische Oper gibt es sonst nirgendwo. Die Zauberflöte wird auch in China gespielt. Aber ein autochthones Gebiet der Oper gibt es dort nicht. Nun kann man zwar sagen, das ist nicht so wichtig...

Doch, ich bin für die Oper!

So etwas zu pflegen, ist ein europäisches Identitätsstück. Oder die von Aristoteles und Cicero ausgehende Rhetorik bis hin zu Kleists wunderbarem Aufsatz über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden: das ist europäisch! Civis romanus sum, ich bin ein römischer Bürger, dahin müssen wir kommen. Aber der wusste auch, was er an den römischen Bürgerrechten hatte! Im Augenblick legt die europäische Entwicklung den gegenteiligen Eindruck nahe. Den griechischen Jugendlichen wird ihre Zukunft genommen. Das zerstört die Identitätsbildung. Ich hoffe, dass wir keine Renaissance des Nationalstaats erleben – oder gar eine Vervielfältigung, wenn ich daran denke, dass so viele Regionen sich selbstständig machen wollen, die Katalanen, die Bretonen, und am Ende melden sich noch die Friesen.

Ich wäre unbedingt für ein autonomes Friesland.

Na gut, meinetwegen, also Freiheit für Friesland!

Kommentare (25)

anne mohnen 04.01.2013 | 17:16

Für mich war das Salon-Gespräch mit Oscar Negt, das hier nur in Auszügen wiedergegeben werden konnte, das interessanteste und gleichzeitig gedanklich dichteste Salon-Gespräch 2012.

Schließlich ist es die Vorstellung, was in Europa anstelle des Nationalstaates treten könnte, die mich nachhaltig beschäftigt.

Europa bestand ja lange Zeit als Imperium, das immer den europäischen Gedanken gepflegt hat - in Worten Horaz: „Wenn ich verreise, ändert sich nur das Wetter“. Gemeint hat Horaz damit, dass er innerhalb der Grenzen des Imperiums in einer einheitlichen Kultur reiste bzw. Zivilisation lebte: Lingua franca, Rechtsvorstellungen etc.

Die alte Reichsidee steht ja in der Tradition des Römischen Imperiums und hatte auch mit seiner Ordo-Idee den europäischen Gedanken fortgetragen. Erst mit dem Nationalstaat und seiner recht jungen, dafür sehr blutige Geschichte ist die europäische Idee aus dem Fokus geraten und wie es aussieht, wird sie allenfalls als fiskalpolitische Idee befördert, die aufgrund der Ungleichheit der wirtschaftlichen Kraft der einzelnen Nationalstaaten, immer mehr erodiert und ihren eigen Verfall intendiert. Was Europa brauchte ist die Erinnerung und den Glauben daran, dass es  immer schon mehr als eine krude Wirtschaftsgemeinschaft war und ist, vielmehr eine Zivilisation u.a. im Spannungsfeld von Zentralismus und Dezentralismus: Am produktivsten zeichnet sich dies auf dem Felde von Kunst, Literatur und Wissenschaft, aber auch in der Politik bzw. der Ökonomischen Systeme aus, deren Wirkmächtigkeit stets von wechselnden Zentren herrührte. Diese pulsierende Kraft Europas zur Veränderung, dies ist mein Eindruck, soll nun zugunsten eines Brüsseler Zentralismus aufgeben werden, ohne dass man weiß, wohin die Fahrt eigentlich gehen soll.

Es ist naiv zu glauben, dass die nationalistischen bis faschistoiden Tendenzen in Europa Ausdruck von an die Peripherie gedrängter Staaten Europas sind, vielmehr wäre zu fragen, ob sich hier nicht schon die Unheilboten solch angedachten Zentralismus‘ zeigen. Warum soll Brüssel der Nabel Europas sein, warum werden zentrale die europäischen Idee tragende und befördernde Institutionen nicht auf die Europäischen Länder verteilt? Warum wird der europäische Gerichtshof, um ein Beispiel zu nennen, nicht nach Bukarest verlegt und damit ein Land wie Rumänien in Fokus von europäischen Bürgern gerückt, warum wurde etwa die europäische Zentralbank nicht nach Vilnius oder Athen verlegt? Das wäre ein Bekenntnis hin zu den Bürgern Europas. Dies würde die Geschichte eines lebendigen, nicht im Zentralismus zementierten, kreativen Europas fortführen.

Ich finde die Vorstellung unerträglich, Europa sei nur dann geeinigt, wenn es von einem starken im Westen liegenden Zentrum und unter einer starken Führung allumfassend geleitet und regiert würde. Das föderative, das dezentrale Element, also dazuzugehören ohne vereinnahmt zu werden, das gehört zu einem pulsierenden Europa. Wo diese Idee aufgegeben wurde, wächst die Gefahr einer Diktatur, mindestens aber von Schwerfälligkeit.

Die Verfasser des deutschen Grundgesetzes haben ihre Lehre gezogen. Warum also nicht einmal ein gelungenes Beispiel -die föderative Idee-  auf die europäische Union übertragen?

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Ehemaliger Nutzer 04.01.2013 | 18:00

Negt: "...Ja, aber die Nazis haben nun gar keine Menschenrechte respektiert, gar keine Verfahrensrationalität..."

So sehr man sich auch bemühen möchte, man kommt nicht umhin gerade Verfahrensrationalität als eine der Wesensbestandteile gerade des Nationalsozialismus betrachten zu können und das gerade via der im nationalsozialistischen Deutschland praktizierten "Form" der Verachtung von Menschenrechten.

imao

Costa Esmeralda 04.01.2013 | 22:46

@JAKOB AUGSTEIN

Lieber Herr Augstein,

vor mehr als einer Stunde hatte ich versucht, einen längeren Kommentar von Panamá aus nach Deutschland zu schicken - leider vergebens. Er muss auf dem Wege "unter die Räder"gelangt sein.

Nun ein neuerlicher, notwendig zusammengefasster, Versuch (da vielleicht auch die Länge Schuld an der Übertragung hat):

Erst einmal Dank für die Übermittlung des Gespräches mit Oskar Negt! Er hat mir seit 68er Tagen, damals als junger Student, einiges an Erkenntnis gegeben; dafür auch Dank an ihn zurück nach 45 Jahren. Ich bin positiv überrascht, dass er wie Wenige seine Unabhängigkeit im Denken und vor allem seinen Willen zur gesellschaftlichen Veränderung aufrecht erhalten hat. 

Was Europa und europäische Identitätsstiftung anbelangt, so bin ich auch der Meinung, dass diese eine herausragende politische Aufgabe unserer Zeit ist, in der sich die Welt in kontinentale Blöcke aufteilt, die um Einfluss und auch Überleben wettstreiten. Europa ist ein ganz besonderer Kontinent, der in Gefahr gerät, politisch und wirtschaftlich unter die Räder zu kommen, und damit auch die europäische einzigartige Kultur, der die gesamte Menschheit viel zu verdanken hat. Als Deutscher, seit Jahrzehnten im aussereuropäischen Ausland lebend, sehe ich mit äusserster Besorgnis, wie unsere mediokre Seilschaften-Republik mit Frau Merkel an der Spitze, dieses Europa mit Elefantenschritten (besser gesagt mit dem Merkelschen Totspardiktat) "durchpflügt" und eine gemeinsame Identitätsstiftung der europäischen Länder dem Herrschaftsanspruch der deutschen wirtschaftlichen Seilschaften opfert. Der deutsche Bürger, wie auch der Bürger unserer europäischen Nachbarländer, wird seine politische, wirtschaftliche und kulturelle Identität in Zukunft nur bewahren können, wenn es gelingt, die "Nationen-Bildung" (nation building) in Deutschland und den anderen Ländern zu vertiefen und darüber hinaus die europäische "Nationen-Bildung" in Angriff zu nehmen. Vor allem die deutsche Nationen-Bildung ist keineswegs abgeschlossen, weder politisch, ökonomisch noch kulturell; und wird es auch nicht, solange der Charakter unserer Seilschaften-Republik durch die Herrschaftsansprüche von hinter den Bundestagsparteien stehenden wirtschaftlichen Seilschaften bestimmt bleibt. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Bürger sind zumindest politisch und wirtschaftlich vom nationalen Identitätsbildungs-Prozess ausgeschlossen. Und grosse Teile unserer kulturellen Elite unterwerfen sich "freiwillig" dem Herrschaftsanspruch der Seilschaften, um ihr materielles Lebensniveau nicht infrage zu stellen. Was für Deutschland und Europa, aber auch für die Welt, auf der Strecke bleibt, ist die erfolgreiche Fortsetzung der vor 250 Jahren begonnenen Aufklärung mit ihren Idealen, die wir alle im Munde führen, aber nicht in die Tat umsetzen, insbesondere der Schaffung eines Humanismus, der weit über Sozialismus und Kapitalismus hinausführt.

Nach langer Vorrede nun zum konkreten Vorschlag an "den Freitag":

Seit einigen Monaten trage ich die Idee mit mir herum, es müsste so etwas wie eine unabhängige von der dFC selbst geschaffene Monatszeitschrift als vierseitige Beilage zur Print-Ausgabe erscheinen, die mögliche gesellschaftliche Systemänderungen und nationale und europäische Identitätsstiftung diskutiert und einem breitmöglichsten Publikum kostenlos zur Verfügung stellt.

Wie könnte das konkret aussehen?

Ich kann mir vier Themenbereiche auf vier Seiten vorstellen: 1. Systemanalyse, 2. Reform des gesellschaftlichen Systems, 3. gesellschaftliche Utopie und 4. Kultur.

Vorgeschlagener Titel: "El Condor pasa". (Warum dieser Titel? Er assoziiert, der indianischen Mythologie der Anden entsprechend, den Freiheitsgedanken, das "Fliegen" in eine bessere Zukunft)

Untertitel: "Monatszeitschrift für deutsche und europäische Identitätsstiftung"

Erstellung: Eine freiwillige Gruppe von dFC (etwa fünf) checken 20 Tage im Monat Vorschläge für die Publikation in den vier genannten Bereichen durch und stellen diese dann in den restlichen 10 Tagen als endgültigen Druckvorschlag zusammen (über Internet und kostenlos). Die Monatsbeilage von anfangs vier Seiten wird mit der vierten Wochenausgabe verteilt. Eventuell könnte man an einen geringen Kostenaufschlag denken (Papier- und Druckkosten). Alle in der Community sind zur aktiven Mitarbeit aufgerufen. Die Monatszeitschrift sollte ihr kollektives Werk sein und so eine Wirkung aus der Community heraus in die Zivilgesellschaft möglich machen. Die dahintersteckende Zielvorstellung, aus der Mediokrität des gesellschaftlichen "Status quo" in Deutschland und Europa herauszukommen, wäre für die Community so etwas wie "vom Wort zur Tat schreiten".

Verbreitung: Alle Community-Mitglieder wären aufgerufen, für kostenlosen Nachdruck und Verbreitung der Monatszeitschrift in alternativen Publikationen zu werben, bspw. in Unis, Gymnasien, Gewerkschafts- und Stadtteilzeitungen, usw. usf. Vor allem sollte durch eine "allgemein verständliche, nicht elitäre, Sprache" dafür geworben werden, dass auch die immer grösser werdende Gemeinde der "sozial Ausgegrenzten" in die Diskussion einbezogen wird. Für den Freitag sehe ich auch finanzielle Vorteile, wenn sich dadurch die Wochenzeitschrift mit der Monatszeitschrift als Wortführer im deutschen und europäischen Identitätsstiftungsprozess qualifiziert.

Dieses in aller Kürze zum deutschen - europäischen Projekt einer Überwindung der aktuellen gesellschaftlichen Situation, die durch unsere Seilschaften aus Selbsterhaltungsgründen nicht geleistet werden wird. Wir Unabhängigen der Zivilgesellschaft sollten uns jedoch dem Herrschaftsanspruch der Seilschaften verweigern, uns selbst "Flügel der Freiheit" verleihen und dort am Humanismus weiterarbeiten, wo er durch Sozialimus und Kapitalismus gestutzt wurde.

LG aus Panamá, CE

 

 

die Realistin 05.01.2013 | 14:36

Mich haben zwei Zitate aus dem Salon-Gespräch ausgesprochen wütend gemacht:...parteiübergeifende Überzuegung, die wirtschaftlich Mächtigen nie wieder ohne Kontrolle zu lassen..

Aber genau das ist doch in der alten BRd geschehen!!! Und ja nicht nur dort!

...in der Verfassung Italiens ist das Recht auf Arbeit verankert...

Warum sind das so viele Italiener  ausgewandert?

Das, was in diversen Verfassungen verankert ist, ist doch nur Geschwafel. Die Realität sind anders aus!

Und noch etwas zur Treuhand-Mafia: gut, das sie endlich mal beim Namen genannte wurde. Die Vereinigung so, wie sie stattgefunden hatte, war ein Mafia-Cup, bei der sich der Bananen-und DM-süchtige DDR-Bürger überrennen ließ.

Wie oft hörte man nach der "Wende": "So hab ich mir das aber nicht vorgestellt"! Und komischerweise kamen solche Äußerungen meist  von CDU-Wählern!

In der DDR-Staatshymne waren die Worte "Deutschland einig Vaterland"!

Ich bin Jahrgang 43, in Breslau geboren.

Wie oft kommt in mir die Wut hoch,  wenn ich daran denke, wie dieses gierige Deutschland 1939 aufbrach, ganz Europa zu einem Großdeutschland zu machen!

Irgendwie erinnert mit das "Problem Europa" arg an diese Zeit.

Die gleiche Menschenverachtung und das Vernichten von Existenzen und Lebensplänen, nur eben auf wesentliche subtilere Art.

Die  bestimmten Politiker, die ehemals  eine europäische Union anstrebten, dachten doch vorrangig (angestiftet von den Wirtschaftsmächtigen) an eine Vorherrschaft bestimmter Kreise über ganz Europa.

Ich will keine Deutsche und keine Europäerin sein, ich will Erdenbürgerin seit!

Alle machen sich Gedanken um Europa, keiner um unseren Erdball.

Was geben mir solche Salon-Gespräche, wenn Mensch nur an sein Heute denkt und damit demnächst die Erde unbewohnbar machen wird? Ja, ich bin Pessimistin, wie auch anders.

Ich habe  den mörderischen Faschismus überlebt, ich habe den Versuch einer gerechteren Gesellschaftsordnung erlebt und scheitern gesehen (nicht NUR an sich selbst!) und mein Leben wird nun bis zum Ende in einer menschenverachtenden globalen Banken-Diktatur zu Ende gelebt werden müssen.

Und da komme mir bitte nicht ein angeblicher Bürgerrechtler, gemeint ist der prädidiale Oberpfaffe Gauck, mit dem Wort FREIHEIT!

Die europäischen jugendlichen Arbeitslosen ohne Perspektive und die Alten mit dem Existenzminimum brauchen etwas anderes! Freiheit gibt keine Arbeit, keine Hoffnung und macht nicht satt, Herr Gauck!

(Aber der liest den "Freitag" und solche Beiträge garantiert NICHT!

Costa Esmeralda 05.01.2013 | 15:56

Liebe Realistin,

ich bin ebenfalls Jahrgang 43, aber im Gegensatz zu Dir im "Westen" aufgewachsen und trotz aller Widrigkeiten, die ich in Deutschland und im Ausland als unverbesserlicher Libertäre überstehen musste, Optimist geblieben. Deshalb werde ich auch bis zu meinem Lebensende nicht aufgeben, nach immer wieder neuen gesellschaftlichen Lösungen zu suchen. Siehe auch meinen oben stehenden Kommentar und den Vorschlag einer Monatszeitschrift.

Ich analysiere und urteile über viele gesellschaftliche Dinge in unserem Vaterland mit ähnlichen Schlussfolgerungen wie Du. Aber das Recht auf dauernden Widerstand gegen die Verhältnisse in unserer Seilschaften-Republik lasse ich mir nicht nehmen.

LG aus Panamá, CE

 

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Ehemaliger Nutzer 05.01.2013 | 19:59

Interessante Vorschläge die Sie hier unterbreiten. Jahrgang 1943 – d.h. als in Westdeutschland Aufgewachsener 1968 fünfundzwanzig Jahre alt, während unsereins damals fünf war und sich wenig später entschloss das Elternhaus zu verlassen und seine Reise dank der roten Punkt Aktion antreten konnte, um dann durch das aufgerissene Pflaster und zubetonierte Weichen am hannoverschen Hauptbahnhof und die polizeigestützte jugendamtliche Rückholung nachhaltig politisiert zu werden...
;-)

Tja, das Salongespräch mit Negt las ich demzufolge, aber auch weil ich seinerzeit als Student seine Seminare und Vorlesungen besuchte – nicht zuletzt weil ich parallel als Erzieher in einem Kinderladen für die Kinder der 68er und als Atelerista in der von ihm mitbegründeten Glocksee-Schule tätig war – sehr anders als Sie.
Denn ich habe mit Herrn Negt in dieser Zeit gelegentlich gesprochen und er hat meine Skripte, z.T. ausführlich, kritisiert. Das war nicht immer angenehm, aber immerhin hat es mich weitergebracht und so habe ich den Negtschen Grundgedanken der soziokulturell verankerten politischen Bildung als Generalauftrag für linkstickende Menschen zumindest nebenberuflich verwirklicht, z.B. durch Bildungsarbeit in Gewerkschaften und subkulturellen medialen Kontexten.

Ich habe btw das weitere Engagement Negts natürlich verfolgt und muss sagen, daß er mit dem Abflauen der außerparlamentarischen Bewegungen allmählich die Bodenhaftung verloren hat und in die pastoral-akademische Vogelperspektive gewechselt ist, d.h. nach einer Möglichkeit gesucht und diese – siehe Interview – wohl auch gefunden hat, seinen Frieden mit dem Gesellschaftssystem zu machen, das er lange Jahre zuvor so radikal kritisiert hat.
Entgangen ist ihm – wie mir scheint auch Ihnen – das mit der Allzeitverfügbarkeit des Internets in Händen multinationaler Konzerne, das Ende des Zeitalters der Aufklärung durch Schrifttum und Rede eingeläutet ist.
Folglich muß sich politische Bildung im Negtschen Sinne in heutiger Zeit ganz anders aufstellen und die Rezepte dafür finden sich nicht bei denen für die das Jahr 1968 eine Zeitenwende war, denn diese wurde von der 1989/90 inzwischen mehr als nur überholt.
Am Ende landen wir dann doch wieder bei der letztlich nicht abschließend diskutierten Gewaltfrage, d.h. bei der Frage inwieweit die soziale Frage sich im Rahmen einer bürgerlich – kapitalistischen Gesellschaft gewaltfrei beantworten lässt.
Dieser ist Herr Negt nach meinem Eindruck lebenslang ausgewichen, wie steht es damit bei Ihnen?

Costa Esmeralda 05.01.2013 | 22:57

Lieber Alesanders,

da haben wir ja Parallelen im Lebenslauf. In der Heidelberger Rote Punkt Aktion habe ich damals als Juso-Verantwortlicher gemeinsam mit K-Gruppen zum Protest aufgerufen und sofort ein Ausschlussverbot angedroht bekommen, woraufhin ich schnellsten Tschüss gesagt habe. Das war der Versuch, den langen Marsch durch die Institutionen anzutreten, der bei mir leider kurz war und abrupt endete. Und das spielte sich bereits mit meinen zwei Kindern ab, die Dein Alter haben.

Übrigens Hannover: Lies mal meinen Beitrag 2. Juni 1967. Ein Auszug aus meinem Roman "Abschied von Bissau". Der fiktive Hans ging während der 68 auf ein hannoversches Gymnasium und wurde durch den 2. Juni 67 politisiert. Ich selbst stamme aus Bad Münder/Deister, das Dir bekannt sein dürfte.

Übrigens Negt: Ich kenne ihn nicht persönlich und nur aus der 68er Zeit, als er im SDS und der APO eine wichtige aufklärerische Rolle spielte. Da ich in den 70er Jahren ins aussereuropäische Ausland ging, habe ich seinen weiteren politischen und wissenschaftlichen Lebensweg nicht mehr verfolgt. Bin lediglich durch das Salon-Gespräch wieder auf ihn gestossen. Vielleicht ist er, wie Du vermutest, durch Seilschaften-Zwang "gezähmt" worden, um der materiellen Ausgrenzung durch den "mainstream" zu entgehen. Kann persönlich darüber nichts sagen. Aber im Allgemeinen ist das ja so passiert.

Ich bin erst seit einigen Monaten hier in der dFC und habe doch einige interessante Persönlichkeiten angetroffen, die sich ihre Leidenschaft auf Reform unseres gesellschaftlichen System erhalten haben. Was ich allerdings vermisse, ist die Tat. Das versammelte Wissen hier müsste unbedingt verbreitet werden und mit dabei helfen, unsere Seilschaften-Republik wieder in gehörige Reform-Bewegung zu bringen. Leider hat meine 68er-Generation zu 95% die Löffel in die Ecke gelegt und sich genüsslich im Sessel zurückgelehnt, ein Verhalten, dem ich bis heute gottseidank entgangen bin. Seit meiner aktiven Arbeit in Haiti nach der Erdbebenkatastrophe bin ich ans Schreiben gekommen. Ich hatte versucht, in Deutschland Menschen zu finden, die als Unabhängige für den BT kandidieren könnten und eine gehörige ausserparlamentarische Bewegung, über Internet, mit in den BT brächten. Leider ist das Echo auf so ein Unternehmen gering. Wenn ich in Deutschland lebte, würde ich mich auf meine alten Tage noch einmal aufmachen. Aber vielleicht wäre es gar nicht so schlecht, die Piraten mit Programm-Futter zu versorgen und sie über die 5%-Hürde hieven zu helfen.

Mal sehen, was Jakob Augstein zu meinem Vorschlag meint.

Dir ein gutes Neues Jahr!

Aus Panamá LG, CE

 

 

pleifel 05.01.2013 | 23:24

Folgende Situation:

Politik führt aus, was dem Kapital genehm ist, dafür sorgt das Kapital. Die großen Medienkonzerne gehören zum Kapital. Die Gesetze werden im Sinne des Kapitals geschrieben. Die Judikative muss nach den Gesetzen urteilen.
Recht ist also dann legal, wenn nach diesen Prinzipien geurteilt wird. Danach vollstreckt die Exekutive, auch wenn es nicht legitim ist.
Mit anderen Worten: Systemische Gewalt ist dann legal, wenn aus quasi demokratischen Prozessen heraus umgesetzt und ausgeführt wird.
Wer definiert nun den Maßstab, wann die Grenze überschritten ist? Wenn Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben werden, weil das Eigentum (hier die Banken) Vorrang vor der Menschenwürde erhalten. Wenn uns gesagt wird, wieviel das Existenzminimum zum Leben beträgt. Wenn man uns sagt, dass jede Arbeit zu jeder Bedingung ein Muss ist, um der Gesellschaft nicht zur Last zu fallen. Andererseits das Kapital legal von leistungslosem Einkommen lebt. Wie kann ich mein Recht bekommen, wenn ich dafür viel Geld und Zeit einsetzen muss, wenn es gegen die Großen geht? Der Spruch: "Recht haben und recht bekommen wird immer mehr (wieder) zur Frage des Geldes.

Oskar Negt macht es sich etwas zu einfach! Ich sehe zwar auch, dass Gewalt keine Lösung ist. Aber es gibt eine Grenze, wo Gewalt als Mittel der Verteidigung legitim ist. Über diese Grenze und die Formen der institutionellen Gewalt gilt es zu streiten!

Solange es Europa nicht schafft, auf einer sozialen, menschenwürdigen Basis das Zusammenleben der Menschen zu organisieren (zu gestalten), solange hat Europa keinen Nobelpreis verdient. 

JR's China Blog 05.01.2013 | 23:44

Augstein hat gerade von "Sachzwängen" geschrieben - aber das schließt ja vielleicht nicht prinzipiell neue Projekte aus.

Costa, ich teile Ihren Optimismus. Ich glaube nicht an den möglichen Nutzen von Gewaltbereitschaft, wie das im Thread angesprochen wurde. Was fehlt, sind Ideen mit einem praktischen Bezug, welche die angebliche "Alternativlosigkeit" der aktuellen Politik nicht nur widerlegen (das geschieht ja zum Teil), sondern auch beschreiben, wie Opposition dagegen in anderen Ländern funktioniert.

Was mir während der Endphase der Spendenaffäre auffiel vor über zehn Jahren auffiel: es gab zig-tausende von Unterschriften unter einer Beschwerde an die Oberstaatsanwalt Köln, weiter gegen Kohl zu ermitteln. In manchem anderen Land hätten sich Demonstranten vor die Staatsanwaltschaft gesetzt und dort "keinen wieder rausgelassen", bevor dort nicht weiter ermittelt wird - bis zu den berühmten unbekannten Spendernamen.

Es ist eine Frage der Kultur. Die muss nicht gewaltsam sein, sie muss "nur" bereit zu Aktionen bereit sein. Sie sollte auch nicht gewaltsam sein, denn Gewalt geht immer ganz schnell ihre eigenen Wege, und wird dann zum Selbstzweck.

Kurz gesagt: die angebliche "Alternativlosigkeit" der aktuellen Politik ist ein Argument, das sich leicht widerlegen lässt. Aber es muss etwas hinzukommen: die Bereitschaft, die Macht, welche die Regierten über den Wahlzettel tatsächlich haben, auch aufzuzeigen: Demonstratione, Blockaden, und - ganz besonders - Boykotte. Wer meint, er müsse seine Produktion renditehalber - nicht aus Verlustgründen - in Billiglohnländer verlagern, um sie dann hier zu überhöhten Wohlstandspreisen zu verkaufen, sollte die öffentlichen Reaktionen bei seinen Absatzzahlen in Mitteleuropa zu spüren bekommen.

Das zu vermitteln, ist allerdings kein Kinderspiel. Es geht nicht darum, die Wut zu mobilisieren, sondern darum, den Zynismus und die Mutlosigkeit ("nützt ja doch nichts") so lange auszuleuchten, bis Kräuter dagegen wachsen. Was die Wut betrifft: die muss man ebenso ausleuchten wie die Mutlosigkeit. Wut ist kein Argument, und schädigt auf die Dauer nur diejenigen, die sie empfinden.

Um sich darüber zu verständigen, muss man miteinander reden (oder schreiben). Und ein Condor verfügt ja über viel Überblick.

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Ehemaliger Nutzer 05.01.2013 | 23:58

Alles was Du schreibst, klingt mir sehr vertraut. Wir sollten Kontakt aufnehmen - nur wie?

Bad Münder kenne ich natürlich und hätte wohl etliche Geschichten und Photos aus der norddeutschen Tiefebene nach deinem Auszug aus diesen Gefilden zu bieten - und Einiges mehr.

Panama? Dazu könntest Du mir was schreiben, mir Geschichtensammler und Weitererzähler, auch gern mit Bildern - ich habe ja auch Kinder...
;-)

Jedenfalls bin ich interessiert und würde - wenn dies bei Dir auch der Fall ist - bei der Moderation des Freitag um Kontaktvermittlung ersuchen, so du damit einverstanden.
Hier ist es nun gegen Mitternacht und ich muß nun den Weg ins Bette suchen, bei Dir / Euch dagegen...

Wir sehen uns, bestimmt. I.d.S. ist hoffentlich bald

allesanders

pleifel 06.01.2013 | 00:31

Ersetzen wir mal "Wut" mit "Zorn" dann sieht die Sache schon etwas anders aus! Und Zorn ist oft mehr als berechtigt. Zorn ist nicht blind,  und sehr nützlich als Antrieb.

Blockaden werden in Deutschland ggf. mit polizeilicher Gewalt, zumindest mit Strafanzeigen geahndet.
Nochmal: wer hat die Deutungshoheit über die Definition von Gewalt? Die Sicht des Staates ist immer die der Obrigkeit und nicht unbedingt die der Mehrheit des Volkes.

Beispiel: Wohnung soll zwangsgeräumt werden (in Spanien bereits mehr als 300.000). Die Wohnungen stehen anschließend leer und die Familien stehen wörtlich "auf der Straße".
Anwohner organisieren sich und blockieren die Zwangsräumung. Im nächsten Anlauf geht es weiter mit großem Polizeiaufgebot. Ist die Sache nun damit beendet, dass man sich wegtragen lässt? Und was tun, wenn die Polizei zur Gewaltanwendung übergeht?

Staaten wenden jederzeit Gewalt an, wenn sie es für "nützlich" halten. Soweit mir bekannt, gibt es in  der Geschichte nur wenige Fälle, wo es größere gesellschaftliche Veränderungen ohne Gewalt gegeben hat. Warum? Weil solche Entwicklungen eine Eigendynamik haben. Bleibt es gewaltfrei, dann hat oft der Zufall eine Rolle gespielt.

Solange die Restauration den "Status Quo" mit Gewalt verteidigt, solange bleibt ihre Idee ein schöner Wunsch (allerdings ein sympatischer!).
Daraus sollte aber niemand den Schluss ziehen, dass ich Gewalt befürworte. Aber Gewalt ist manchmal (in unserer Welt) unvermeidlich.  Nicht unbedingt geplant, aber oft das Ergebnis von "schreiender Ungerechtigkeit" und bereits genannten Prozess.

 

Costa Esmeralda 06.01.2013 | 02:10

Lieber Alesanders,

mein Sohn ist genau Dein Jahrgang. Ist augenblicklich mit der UN in Bangkok. Ist dort noch bis März beschäftigt und muss sich dann umsehen, da der UN immer mehr die Knete ausgeht.

Über Panamá kannst Du meinen zweitletzten Blog lesen, vor Silvester, über den Alten Mann. Dann weisst Du in etwa, in welcher Umgebung ich wohne.

Nun muss man abwarten, wie Jakob Augstein auf meinen Vorschlag reagiert. Wir sollten uns unbedingt organisieren. Auch Andere sind interessiert.

Vielleicht machen wir auf meinem letzten Blog weiter, der ja denselben Vorschlag wiederholt.

Mach's gut!

LG, CE

PS: Ich werde mich auch bei Deinen beiden Blogs melden.

Costa Esmeralda 06.01.2013 | 02:51

Lieber JR'S und auch lieber

@PLEIFEL

Ich bin noch nicht mit den Demokratie Blogs fertig, die ich ganz spannend finde.

Wie Ihr gesehen habt, habe ich hier den Vorschlag von der Monatschrift als Beilage zum dF gemacht, den wir als Community erstellen und möglichst deutschlandweit verbreiten sollten.

Es geht erst einmal darum, eine Gegenöffentlichkeit herzustellen, aus der eine neue APO (ausserparlamentarische Bewegung) geboren werden kann. Es muss sich in der deutschen aber auch europäischen Gesellschaft die Überzeugung durchsetzen, dass der derzeitige gesellschaftliche "Status quo" kein unabwendbares Schicksal für den Bürgers bedeutet, sondern von ihm selbst zu neuen Ufern hin verändert werden kann. Und um diese neuen Ufer zu definieren, um das "Fliegen" zu erlernen, sollten wir uns auf unsere geistigen und ethischen Qualitäten besinnen mit der Utopie im Hinterkopf: Alles ist möglich, wenn wir nur wollen. Die Monatszeitschrift soll so etwas wie Standortbestimmung sein, unsere eigene und die des Bürgers allgemein, der aktiv daran mitarbeiten sollte. 

In meinem Roman "Abschied von Bissau" habe ich über die Zeitschrift "Claridade" (Klarheit) in den 30er und 40er Jahren (19. Jh) auf Kapverde geschrieben, die der Kreolenbevölkerung der ehemaligen portugiesischen Kolonie als "Vehikel" der erfolgreichen  Identitätsstiftung gegenüber der Metropole und dem portugiesischen Faschismus diente.

Die sozial Ausgegrenzten werden in 2013 die 30% weit überschreiten. Dazu kommen Piraten und unabhängige Intellektuelle, wobei Letztere die Verantwortung haben sollten, über die Monatszeitschrift mit Kritik, Reformvorschlägen, Utopie und Kultur die Bewegung mit Argumenten und Ermutigung zu unterstützen. Es gibt verschiedene Formen des Widerstandes gegen die Seilschaften-Republik, unbestreitbar, aber parallel müssen Inhalte geklärt sein. Beide, konkreter Widerstand und Definition von Inhalten ergänzen sich in dialektischer Weise, ein Prozess des "trial and error". 

Bevor ich weiterdiskutiere, schlage ich vor, auf meinem Blog úber die Monatszeitschrift weiterzudiskutieren.

Euch beiden noch liebe Grüsse aus Panamá.

 

JR's China Blog 06.01.2013 | 08:09

Gewalt ist - manchmal - die Folge von Unrecht, Pleifel. Aber nicht nur staatliche Gewalt kann Unrecht sein, sondern auch Gegengewalt. Ich verstehe, dass Sie Gewalt nicht befürworten. Soweit kein Missverständnis, und keine Differenz zwischen uns. Aber ebenso wie diejenigen, die den Staat "durch die Institutionen verändern" wollten, werden auch diejenigen, welche die "Gegengewalt" anführen, zunehmend zur Selbstherrlichkeit tendieren. Daraus wird keine "Gegengewalt" in dem Sinne, dass sie ein Gegengewicht - und damit mehr Gerechtigkeit - schaffen würde. Darum bin ich nicht nur gegen Gewalt gegen Menschen, sondern ich traue ihr auch keinen auch nur marginalen Nutzen zu.

Ich misstraue dem Zorn, weil er sich - auch auf diesen Seiten - häufig an Dingen festmacht, die mit unserem Land herzlich wenig zu tun haben. Zorn wird gerne projiziert. Vergleichen Sie einmal, wie viele Beiträge und Kommentare die - haltlosen und schlampig zusammengestellten - Vorwürfe des "Simon-Wiesenthal-Centers" gegen Jakob Augstein generiert haben, und wie viele sich zum Beispiel dafür interessieren, was die eigentlich geschrieben haben (danach hätte man eigentlich nur noch lachen müssen), wie häufig das "SWC" in Los Angeles (anscheinend) mit dem Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes in Wien gleichgesetzt wurde, wie wenig man sich für die Definition eines hegemonialen "Maulkorbs" interessiert, wenn man über den Vorwurf des Antisemtismus einmal hinausgeht, und wie wenig Interesse Steve Roses Bericht über Hausbesetzungen (und ihre Kriminalisierung) auf der anderen Seite des englischen Kanals gefunden hat (null Kommentare).

Selbst wenn wir Wut als "blind" und Zorn als "verständig" bezeichnen wollten (ich bin skeptisch, dass das gute Definitionen sind), überwiegt in den Äußerungen m. E. eher die Wut. Zorn ist auch dann deutlich wahrnehmbar, aber die blinde Wut ist groß genug, um sie als Bedrohung für den Humanismus wahrzunehmen, von der Costa geschrieben hat, und auf den sich, meiner Wahrnehmung nach und aus einer vielleicht anderen Weltsicht, auch Delloc einmal bezogen hat:

"Die Qualität aller organischen Kommunikationen hängt nicht von der intellektuellen Plausibilität des funktionalen Entwurfs ab, sondern liegt allein im wohlwollenden Umgang aller Beteiligten."Wenn der Wille zu einer gerechten Gesellschaft beginnt, "Koalitonen" mit denen zu bilden, denen dieses Wohlwollen fehlt, ist das, was dieser Wille anstrebt, für mich nicht besser als der Status Quo - nur anders. Unter diesen Umständen passiert vielleicht genau das, was Sie - nach meiner Wahrnehmung - befürchten: dass eine Mehrheit mit annehmbarer Politik von der politischen Klasse (wieder) kooptiert wird, während die politische Klasse und die Mehrheit sich ein Ei auf diejenigen pellen, die dann immer noch auf der Strecke bleiben.Darum glaube ich, dass Wut (und vermutlich auch Zorn) nicht nachhaltig sind. Es geht zu sehr um das eigene Fressen, und zu wenig um das der "anderen".

twiga 06.01.2013 | 11:17

Auch wenn es da wenig Kommentare zum Hausbesetzer-Artikel gibt, so heisst das nicht, dass da kein Interesse besteht. Ich denke, es ist wichtig, sich mit Leuten aus der Hausbesetzer- und Instandbesetzungsszene zu vernetzen, wie auch mit alternativen Gemeinschafts-projekten - das sind die Praktiker, und da läuft in Deutschland schon einiges. Ich habe selber nicht die politische Erfahrung, die ihr mitbringt, aber wenn ihr etwas auf die Beine stelen wollt, tut es nicht ohne die neuen Bewegungen.

silvio spottiswoode 16.01.2013 | 14:58

Auch wenn er als alter Mann inzwischen sicherlich etwas versöhnlicher und gesetzter ist, so stellt Negt doch immer noch den Praktiker unter den Denkern der Kritischen Theorie dar. Seine Texte zu Bildung und Arbeit haben mein Denken wahrscheinlich nachhaltiger geprägt, als alle anderen. Ihn dann tatsächlich einmal live zu erleben war schon wirklich irre. Ein längst überfälliges Aha-Erlebnis. In solchen Begegnungen wird Geschichte plötzlich so bunt und anschaulich.

Schon die ersten Fragen fand ich sehr gut. Vor allem auch die Gewaltfrage: Negts klare Ablehnung gegenüber körperlicher Gewalt hätte ich so nicht erwartet. Zumal er selbst "Arbeitslosigkeit als einen Gewaltakt" beschrieben hat. Hier wurde dann auch gut nachgehakt. Daraus allein hätte man eine abendfüllende Diskussion machen können. Sehr sehr toll.

Mein Dank an alle Beteiligten.