Gina Bucher
14.07.2012 | 10:00 1

Wo hat die Sonne ihren Hauptsitz im Sommer?

Die Wetterfee Endlich sind die langen Tage da. Unsere Wetterfee ist am Polarkreis auf der Suche nach noch mehr Licht. Und merkt, dass die Sonne auch nerven kann

Wo hat die Sonne ihren Hauptsitz im Sommer?

Illustration: Otto

Ob die Sonne nun direkt auf die Erde brennt oder sich hinter Wolken versteckt: Die langen Tage sind da. Die Sonne verabschiedet sich oberhalb des Äquators spät, je nach Breitengrad dauert die bürgerliche Dämmerung zwischen 20 Minuten (am Erdäquator) und zwei Stunden (am 50. Breitengrad). In dieser Zeitspanne nach Sonnenuntergang lässt sich draußen ohne Licht bequem noch Zeitung lesen.

Derzeit löst im Norden die morgendliche Dämmerung die abendliche ab, sodass sich die Mitternachtsdämmerung erleben lässt, noch weiter nördlich gar „weiße Nächte“. Über dem Polarkreis geht die Sonne jetzt gar nicht erst unter. Die späte Dämmerung im Sommer freut die meisten, entweder, weil sie gerne draußen oder lieber drinnen und dafür alleine sind: Die Badenden finden Gelegenheiten, sich abends noch frei zu machen, die Cineasten sitzen endlich ganz allein im Kino. Es gibt Menschen, die können von der Sonne nicht genug bekommen. Das kann dann zu Sonnenbrand führen – oder aber zum Polarkreis, wo gerade jetzt die Tage kein Ende nehmen, weil die Sonne nicht wirklich untergeht. So hat es die Wetterfee an den 67. Breitengrad verschlagen, nach Lappland, um einmal zu sehen, wo die Sonne im Sommer ihren Hauptsitz hat und ob man von ihr überhaupt jemals genug bekommen kann.

Selbst lange nach Mitternacht noch, als diese Zeilen ihre Form finden, scheint die Sonne vom Himmel, als ob es kein Morgen gäbe. Den gibt es tatsächlich nicht, weil sich die Tageszeiten hier oben, zumindest für einen Mitteleuropäer, verschieben, ja man möchte sagen: auflösen. Immer wieder muss man verblüfft einen Blick auf die Uhr werfen, weil der Sonnenstand keine Orientierung mehr gibt. Abends um zehn Uhr scheint die Sonne noch immer so hoch, als ob es Mittag wäre. Unter geht sie höchstens hinter einer Birke, und das auch nur, um gleich wieder aufzugehen und ein grasendes Rentier anzuscheinen.

24/7 Sonne

Das fasziniert die ersten Tage ungemein, weil es wie ein Jetlag im Schlaraffenland ist, wo die Sonne immer lacht. Wenngleich nicht glühend heiß, wärmt sie doch angenehm bei stahlblauem Himmel und das für 24 Stunden, was an anderen Orten nur Bräunungsstudios versprechen. Die ewigen Tage bringen aber auch Fragen mit sich: Wie dunkel muss es hier oben zum Ausgleich im Winter sein, wenn es jetzt ständig hell ist? Wie sehr kann der Schnee die Dunkelheit aufhellen? Wie kann die Natur innerhalb nur weniger Monate im Eiltempo derart erblühen und es gleich darauf wieder herbsten? Wie kommt diese üppige Natur in der kalten Jahreszeit mit dem Frost zurecht? Und: Warum sitzen die Menschen hier oben nicht ständig im Freien, wenn sie im Winter stets zu Hause sind?

Viele Fotos werden geschossen, um den Daheimgebliebenen von dem schönen Licht zu erzählen. Wobei die Nachtfotos aussehen, als ob sie tags gemacht wurden und ihre Sensation erst bekommen, wenn man die Uhrzeit einblendet.

Das Abgleichen von Licht und Uhrzeit macht einen ganz meschugge, wo man doch eigentlich die Zeit vergessen wollte. Nach ein paar Tagen beginnt die Sonne schließlich zu nerven. Niemand löscht abends das Licht, womit der Tag endlich zu einem Ende finden würde, entsprechend währen auch die schlechten Tage hier oben länger.

Egal wann und wo, die Sonne ist immer da. Es gibt keine Ritzen und Ecken, in die sie sich nicht fressen würde. Keine Verdunklung hilft, um Schlaf zu finden. Ob man den Vorhang öffnet oder schließt, die Sonne lacht vom Himmel – mit der Zeit kommt einem dieses Lachen höhnisch vor. Fast wünscht man sich, dass es morgens einmal regnet, damit man sich von der ständigen Sonne erholen kann.

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