Gustlik
28.12.2012 | 09:53 6

+++20drei10+++

Ausblick Hoch oben auf der Schwelle stolpere ich in das neue Zimmer.


Natürlich soll 20drei10 alles anders werden, obwohl nur die Filmrolle gewechselt wird...

Nach dem Krieg stand der Wunsch nach Frieden ganz oben auf der Schwelle. Auch der Duden von 1918 schreibkorrigierte schon.  Das Wunschbild wurde etwas marktkonform verschoben. Wenn die Großeltern des Krieges keine Erinnerungen mehr erzählen können, bleibt nur die Austastlücke zwischen Radio, TV und Internet. Klassische Zeitungen lassen wir mal in die Papierpresse fallen.

Auch ich habe mir viel vorgenommen, bin aber um Altersringe ruhiger geworden. Früher wurde zum Jahreswechsel noch richtig die Pyrosau durch die Strasse getrieben.
Die Altgelehrten müssen wissen, dass das sogar zu Zeiten des Mangels möglich war. Die volkseigene Drogerie hatte genügend Schwefel und Salpeter zum Schlachten der Sau im Angebot. Holzkohle fand sich auch noch, um sich einen eigenen DDR-Alltag schwarz zu pulvern.
Bin noch am Überlegen, ob ich 20drei10 meine Anzugsordnung ändere. Ich benötige einfach zu wenig Sachen, habe keinen Anzug und nur einen Schlipps aus der Alibihalterung. Bei C&A such ich mir immer den nächstgelegenen Sessel.

Sicher. Wir werden wieder etwas gegensteuern müssen. Die Sturm- und Drangperiode ist zwar vorbei, aber Querschläger, die das System kaum husten lassen, sollten noch möglich sein.
Der Uniformiertheit aus Markentaschen von Adidas und Adidas und Adidas, stellen wir Seltenheit entgegen.
Wir zeigen offensiv, welcher Stern für uns unerreichbar war. Es hätte auch ein Kombi sein können. Die Schrittlänge entsprach der Länge des Benzinmessstabes.
Dem nächsten Jugendlichen, der uns mit einem quäkenden Handy über die Ohren fährt, drücken wir ein Zwangsradio mit "Smoke on the Water" in die Hand.

Geschlechterdebattiert wird weiter. Ich mag das Wort "Gender" nicht. Ein alte Weisheit sagt doch: "So wie die Frau kocht, so schmeckt es dem Mann."
Fehlen nur noch die Pantoffeln und der angewärmte Teller, um die Beziehung zu retten.
Hände weg von der Kühltruhe, von Fertiggerichten, von Schnellfraß, von Vitaminpillen, von isotonischen Getränken. Das kann alles der Mann übernehmen. Seine Ausstrahlung steigt mit der Abnahme des Bierbauches.

Und Kultur?

Ohne geht nicht! Muss ja nicht immer die erste Reihe sein, reicht ja auch ein Stream zum Gemüt. Ich wünsche mir einige gute Filmmusiken, mehr deutsche Texte und Poesie im Film, gute Schwenks hin zum Leben und Lieben.
Jene, die hinter der Kamera und im Schneideraum an Hyperaktivität leiden, Musik und Interviews stativlos in die Welt pulsieren, sollten ihre Unruhe nicht auf unsere Kinder übertragen. Wir müssen nicht alles mit ADHS erklären und in Pillen ertränken. So lange noch Bäume an den Stadträndern stehen, sollte das nachwachsende Rohkind auf jene klettern, Kirchen, Birnen, Äpfel und Pflaumen pflücken. Sie müssen sich auch nicht vor jedem Modegedöns bücken, aber können einen Kniefall vor den ersten Erdbeeren im Mai machen.

Auch das Jahr 20drei10 wird nicht endgültig klären können, warum der Sozialismus von der Arbeiterselbstverwaltung über den Gulasch bis zum Zentralismus untergegangen ist. Sicher ist, dass auch Bummelanten und Gammler eine Schippe d'raufgelegt haben und vor der Friedens- und Kraftfront desertiert sind. Der Abriss von Wohnungen für junge Eheleute wird derweil fortgesetzt. Mann und Frau warten heute sowieso mit Kindern, Mann und Frau wollen erst auf festen wirtschaftlichen Füßen stehen, um dann vor der Kindererziehung zu desertieren.

Mit was könnte man das neue Jahr erschrecken? Ein Schmuckblatttelegramm verschicken; ein Protestplakat an eine noch vorhandene Litfaßsäule kleben; die Auskunft anrufen und nach der Nummer für die Uhrzeit fragen; mit alten Essenmarken zur Schulspeisung gehen und Erdbeeren zum Nachtisch essen; im Sternerestaurant Grützwurst mit Sauerkraut und Kartoffelbrei bestellen; bei der Russischen Botschaft klingeln und Abzeichen tauschen; einen ferngesteuerten PIKO-Hubschrauber auf der amerikanischen Botschaft absetzen; dem MDR das Mitteldeutsch nehmen; Frankfurt/Oder nach Słubice und Görlitz nach Zgorzelec eingemeinden; Kołobrzeg 2 mit Götz George drehen; V-Frauen beim Chaos Computerclub enttarnen; Silbereisen mit Casper in FERROPOLIS auftreten lassen; den Generalstreik bei der Steuer als Werbungskosten absetzen; auf einem Smartphone MS-DOS installieren; ein Tiefdruckgebiet Guantanamo nennen; in die SPD eintreten; mit Omas Röhrenradio Digitalradio empfangen; beim Europäischen Gerichtshof das DIPLOM erstreiten; Bewerbungen mit Schreibmaschine schreiben; von ZALANDO alle Fördermittel zurückverlangen; die Generalfeldmarschall Rommel Kaserne in Георгий Константинович Жуков Kaserne umbenennen; den Bundespräsidenten zu Gegenbauer ausfacilitieren; das Studio der Tagesschau mit Windows8 fliesen; Patenbrigaden reanimieren; englische Filmgesänge in deutschen Filmen verbieten; IKARUS wieder alle Busse bauen lassen; BStU mit Schnipselsäcken aus BND, MAD und Verfassungsschutz beliefern; Freundschaftsspiel des DFB in Pjöngjang; Opelrettung durch Lada; ADAC dem ADFC angliedern; S-Bahnring von 1 bis 4 Uhr für Draisine freigeben; Liebesbriefe pflichtlektüren; eine Pille gegen Traumvergessen; NATO-Aussengrenze nach Portugal westverkleinern und zurückverlegen ... 

20drei10 wird ein Gartenjahr. Alle Birnen und Pflaumen werden bis zur Reife an den Ästen bleiben. Möhre, Mangold und Kartoffel werden die Renner auf den Märkten. Das Teehaus entdeckt die deutsche Streuobstwiese und lässt die Verpackungsordnung für Teebeutel ändern. Deutsche Eigenheimler bringen geklaute Pflanzen in die städtischen Beete und Gärten zurück. Die EU legt die Schnitthöhe für Rasen auf 10 Zentimeter fest. Die Botschaft Chinas bietet für jeden asiatischen Marienkäfer einen Glückskäfer. Die Pollenflug-Vorhersage wird durch die Motorradflug-Vorhersage abgelöst.

20drei10 und schon gratulieren? Ja... das erste Kalenderblatt geht an Tallinn. Dort, wo Einwohner mit Beginnn des neuen Jahres kostenlos die öffentlichen Verkehrsmittel benutzen können. Eine richtige Hauptstadt! Tusch.
Da könnte man doch gleich die Koffer packen, um öffentlich zu verkehren.

Kommentare (6)

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 11:05

kann ich alles haben? :-)

arg wunderbar verfaßt!!!

mensch könnt dem kindlein einen trick erklären, dieses nichtfestefeiern, so sie vorgegeben, bringt weit mehr geschenke als ein nadelbaum im beheizten wohnraum und ginge der deal auf, denn als solches muß der trick immernoch "verkauft" werden, so ließe mensch der freude über die freude der "kurzen" freien lauf, gemeinsame freude am beschenktwerden...

 

schönes geschenk hier, sehr schönes!

(zu gendering spririts...ach 20fünf10 mal was)

 

lg

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Ehemaliger Nutzer 28.12.2012 | 12:26

scheint einigen so zu ergehen?

nun hatte ich drum gebeten, unser donnerstägliches "freitagsgeschenk" an wen andren adressiert zum geschenk zu wandeln und ach, wie es grad erscheint, hättsch die erste nun ausbleibende ausgabe gestern doch gern dringehabt im briefkasten statt der einzeln,einsam hindümpelnden mitteilung der gez, daß unsre befreiung abliefe und wir fürs ungenutzte uns doch mit dem folgeantrag und zugehörigem bescheid anschlüssig folgebefreien lassen müßten...

nuja, so kanns auch gehen unds is ja nicht der schlechteste her-gang...

 

:-)

 

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 17:54

des pudels kern:

 

http://www.pohritzsch.de/poh/lage_01.html

 

http://www.immonet.de/angebot/18537733#18537733

 

schaut leider nach dem hof meiner oma aus... 60 000 ... nur gabs nen eingerahmten innenhof, scheunen usw...

mensch ging von der seite hinein und hinten, wo dieser großeingang ist, war ein wildwuchernder garten, sehr gehegt und gepflegt und wild , dahinter auf dem stück land hat sie spargel beackert...

delitzsch is die kreisstadt...

 

lg

 

Gustlik 29.12.2012 | 18:26

Unser Radius war vom Fahrrad begrenzt. Mit ca. 10 Jahren war es bis Selben oder Zschortau schon eine Weltreise. 1974 sind wir aus Delitzsch weggezogen. Meine neue Patenbrigade war im Chemieanlagenbau, welch Rückschlag nach der Schokoladenfabrik!?

Schönes Haus... Man müßte, wenn man könnte, der Landflucht ein Schnippchen schlagen, mit alten Baumaterialien zurück in die Zukunft sanieren...
Wir leben gerade das Thema und beteiligen uns an alternativen Gedanken.

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Ehemaliger Nutzer 29.12.2012 | 18:41

ich studierte die letzten monate ebensolches... hier in der gegend natürlich fachwerk, lehm... rahab hatte an meiner statt, weil ja gesperrt dir nen link zur fachwerkcommunity getipselt netterweise, weil du nach lehm suchtest... einen wunderbaren anbieter gibts hier http://www.lehmdiscount.de/ ...leider zu weit weg, sodaß ich mir nur für mich, für die hände und die nase unds auge und... ein bisgen tonpulver anliefern ließ zum manschen...

das ists ja eigendlich, ich hätt gern solches zu tun ;-) , war nur grad erschrocken, das haus so zu sehen, naja ...

liebgrüß