Hanno Böck
08.05.2013 | 11:00 12

Im Schneckentempo

Netzneutralität Die Telekom will das Internet drosseln. Das wird die digitale Welt grundlegend verändern. Mit Geld lässt sich künftig eine Art Informationsmonopol kaufen

Im Schneckentempo

Telekom-Chef René Obermann hat sich mit seiner Drossel-Ankündigung wenig Freunde gemacht

Foto: Patrik Stollarz / AFP / Getty

Der Aufschrei war absehbar. Die Telekom drosselt ihre Internetzugänge und ganz Deutschland ist empört. Der Traum vom unbegrenztem Surfen ist geplatzt, aber in Wirklichkeit geht es um etwas anderes. Die Netzneutralität ist in Gefahr, und das könnte die Online-Welt grundlegend ändern. Nur: Außerhalb von IT-affinen Kreisen wird das bislang kaum diskutiert.

Die Telekom ist auch 15 Jahre nach der Marktöffnung immer noch der wichtigste Telekommunikationsanbieter in Deutschland, in einigen Regionen Deutschlands gar der Monopolist. Nun kündigte der Konzern an: Wer eine bestimmte Datenmenge im Monat überschreitet, wird abgestraft und surft danach im Schneckentempo. Hieß es zunächst, dass nur Neukunden von der Regelung betroffen seien, machte die Telekom inzwischen klar, dass die Regelung mittelfristig auch Bestandskunden betrifft.

Nischenangebote im Nachteil

Besonders brisant an der Telekom-Ankündigung ist, dass es Ausnahmen geben soll. Für den konzerneigenen Online-Video-dienst Entertain gilt die Datengrenze nicht. Das Ziel ist klar: Videofans sollen Entertain nutzen, weil sie hier keine Angst haben brauchen, dass ihr Internet ausgebremst wird. Ein unschlagbarer Vorteil gegenüber Konkurrenz-Angeboten. Somit nutzt die Telekom ihre Vormachtstellung beim Internetzugang, um auch bei den Videodiensten ihre Wettbewerber auszuschalten. Einen Ausweg gibt es immerhin: Andere Anbieter wie Youtube können sich nach den bisherigen Plänen von der Datenbeschränkung freikaufen.

Was bedeutet das für die Zukunft des Internets? Der Vorstoß der Telekom ist ein groß angelegter Anschlag auf die Netzneutralität, im Internet sollen nicht mehr alle Daten gleich behandelt werden. Bislang kann eine chinesische Webseite genauso einfach abgerufen werden wie eine deutsche. Künftig wird es also schwieriger sein, sich aus Nischenangeboten oder ausländischen Quellen zu informieren. Die chinesische Videoplattform Tudou beispielsweise wird sich wenig für die deutschen Telekom-Kunden interessieren und sich daher wohl kaum von der Datengrenze befreien lassen. Mit viel Geld hingegen lässt sich künftig eine Art Informationsmonopol im Netz kaufen – wenn die Telekom das nicht selber haben möchte.

Der Gesetzgeber ist gefordert

Die Telekom behauptet, nur wenige Nutzer seien von der Datendrosselung betroffen. Dabei geht sie jedoch von heutigen Nutzungsgewohnheiten aus, die Begrenzungen sind aber erst für 2016 geplant. Bis dahin wird ein rapider Anstieg des Datenvolumens im Netz erwartet und das hat vor allem einen Grund: Das Fernsehen verlagert sich ins Netz – in immer höherer Qualität. Das ist der Markt der Zukunft.

Netzaktivisten befürchten bereits ein völlig zersplittertes Internet. Wenn neben der Telekom auch andere Anbieter nachziehen, könnten unterschiedliche Netzanbieter auch mit unterschiedlichen Inklusiv-Services werben. Das Grundprinzip des Internets – mit einem Zugang Zugriff auf alle Inhalte – würde in Frage gestellt. Viele fordern deshalb, die Netzneutralität gesetzlich zu verankern, wie dies in einigen anderen Ländern schon der Fall ist. Holland hat kürzlich ein solches Gesetz beschlossen.

Im Bundestag wurde die Frage bereits in der Internet-Enquete-Kommission debattiert. Zwar waren sich Vertreter aller Parteien einig darin, dass die Netzneutralität gewahrt werden soll, aber Union und FDP sahen keinen Handlungsbedarf. Die Debatte muss wohl neu geführt werden – die Netzneutralität ist so gefährdet wie nie zuvor.

Kommentare (12)

Gustlik 08.05.2013 | 12:27

"Inklusiv-Services..." gab es schon zu früheren Zeiten von AOL. Bleibt die Frage, ob sich eigener Content gegen den (noch) freien Content behaupten kann. Wenn aus TCP wirklich das Telekom Control Protocol wird, hat Rene Obermann sich längst verabschiedet und die Politik wird immer noch über das Kleingedruckte diskutieren.

Interessant, wie schnell letztendlich die Drosselklappe den Weg in den Sternchentext gefunden hat. Die Ankündigung zur Kappungsgrenze liegt ja noch nicht so weit zurück. Wenn es schnell gehen soll, geht es eben schnell...

lurch 08.05.2013 | 12:48

Was mir in der Diskussion zu wenig vorkommt, ist dass in mehrfacher hinsicht die Grundlage des Problems darin besteht, dass Netz- und Serviceanbieter nicht getrennt sind. Die Telekom braucht das Geld, weil sie das Netz mitschleifen muss. Die Politik tut nichts, weil sie das weiß. So sagt z.B. Cara Schwarz-Schilling von der Bundesnetzagentur auf der re:publica, dass bei einer Trennung von Inhalte- und Verbindungsanbietern der Ausbau der Netze auf der Strecke bleiben könnte.

Nimmt man hinzu, dass Deutschland gegenüber z.B. den skandinavischen Ländern beim Netzausbau tatsächlich ins Hintertreffen gerät, ließe sich an diesem Beispiel schön die Sinnhaftigkeit von Infrastruktur als Staatseigentum herausarbeiten. Bei einem Netz in Staatseigentum kann der Staat leicht Netzneutralität vorschreiben, in der aktuellen Situation würde ein solches Gesetz tatsächlich in erster Linie den Netzeigentümer Telekom treffen.

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Ehemaliger Nutzer 08.05.2013 | 13:01

"Das Fernsehen verlagert sich ins Netz – in immer höherer Qualität. Das ist der Markt der Zukunft."

Oder eben auch nicht, denn einige werden da nicht mithalten können. Werden dennoch mehr und mehr Inhalte über das Netz angeboten, transportiert und verteilt, will die Telekom möglicherweise jetzt schon ihre Marktanteile ausbauen. Denn wenn sie lediglich für Fremdanbieter die Datenmenge für die Pauschalpreise (Flatrates) verringert bzw. begrenzt, will sie sicher die Kunden zu sich hinziehen, deshalb nimmt sie ja ihre eigenen Angebote von der Begrenzung ausdrücklich aus.

Sikkimoto 08.05.2013 | 14:13

>Mit Geld lässt sich künftig eine Art Informationsmonopol kaufen

Man bezahlt seinen Internetanschluss schon heute mit Geld. Ein Monopol erhält man dafür nicht, sondern Nutzungsrechte. Der Begriff Monopol würde nahelegen man könne andere von der Nutzung der selben Leistung ausschließen. Dem ist nicht so.

 

Ansonsten was ich bereits zum letzten Artikel angemekrt habe: Die Telekom gehört verstaatlicht oder zerschlagen. :)

Helmut Eckert 08.05.2013 | 18:50

Letztlich bleiben die " armen Schlucker" auf der Strecke. Hast du nichts, bist du nichts! Die Industrie braucht nur die zahlungskräftigen Kunden! Hartz IV Empfänger kaufen nur zum Überleben1 Da ist Markdenken unnötig! Hier kommt die alte Regel der Mächtigen ins Spiel: Erst jahrelang anfüttern, dann abkassieren! Dem zahlungskräftige Bürger wird eingeredet, nun gehört er zur Elite! Er kann es sich ja leisten! Da stören günstige Tarife! Sie müssen von den Betuchten mitbezahlt werden! Für arme "Restmenschen" in der Gesellschaft ist die Bildzeitung Futter genug!   

gweberbv 08.05.2013 | 19:36

Ein Datenvolumen von 75 GB reicht aus, um einen Monat lang täglich 24 Stunden in hoher Qualität Musik bzw. Radiosendungen in hoher Qualität aus dem Netz zu beziehen und nebenbei noch zu Surfen.Vor Monatsfrist ausschöpfen kann man das eigentlich nur, wenn man exzessiv Videos anschaut (selbst da sollten 100 Stunden drin sein) bzw. sich zahlreiche Nutzer einen Anschluß teilen.

Wer behauptet ein Informationsmonopol entstünde dadurch, dass man sich nur noch 100 Stunden im Monat irgendwelche chinesischen Streamingkanäle reinziehen kann, der macht sich in meinen Augen lächerlich.

Ludwig Hasselberg 08.05.2013 | 23:09

Als Nutzer einer alternativlosen 5-GB-UMTS-Flat geht es mir erstmal ähnlich wie GWEBERBV. Über Probleme mit 75 GB kann ich nur lachen. Und die Probleme damit hat man nur, wenn man munter Videos streamt, wobei der überwiegende Teil der betroffenen Nutzer diese Videos schlicht aus illegalen (=unbezahlten) Quellen bezieht. Wenn das nicht mehr geht, oder auch die Nutzung von Diensten wie Spotify, ist das in meinen Augen ein reines Privatproblem.

Dumm-dreist von der Telekom ist es natürlich, jenseits der 75 GB gleich auf DSL 384 zu "drosseln". Das hat mit Drosseln nichts mehr zu tun. Damit ist MAXIMAL das Abrufen von E-Mails möglich - alles Andere kann man vergessen.

Die Telekom sollte man jedoch vor jedem neuen Kunden bewahren, der Laden ist so schon völlig überfordert.

Heinz Klaus Dieter 10.05.2013 | 09:15

Ich bin bei Vodafone und könnte meinen, dass ist mir völlig Wurst was die Telekom macht. Nur Vodafone zieht nach, nach dem der Rauch verzogen ist. Sollten doch die Diensteanbieter erst einmal ihre Verträge erfüllen und auch die Gigs garantieren. Nix, ob beim Riesen oder Vodafone.
Aber ich habe auch etwas gegen das Schmarozertum der Deutschen. Das Prinzip: Nix bezahlen und alles Haben wollen, ist krank und gefährlich und dass ist das Verhalten von einigen Millionen der Schmarozer und das spüren dann die anderen und Ehrlichen. Oder gibt es die überhaupt noch? Ich meine, Leistung gegen Leistung und wer dass nicht begreift wird erzogen. Und liebe Leute, fangt erst einmal an zu denken, bevor die Klappe aufgerissen wird und Gift und Galle gespuckt wird.

Euer Dialektiker

Zweibein 14.05.2013 | 09:44

75GB reichen heute sicher aus, wenn der Anschluss nur von einer Person genutzt wird. Üblicherweise hängt aber die ganze Familie an einem Anschluss; und was Kinder so an Daten durchsetzen können ist wirklich enorm, selbst bei legaler Nutzung. Und das wächst noch erheblich bis 2016

Das Problem ist auch nicht die Mengenbegrenzung, sondern die Drosselung an sich. Wer ist der Internetprovioder, dass er sich für meine Datenquellen interessieren darf? Welches Recht hat er, nachzuschnüffeln, ob ich aus Deutschland oder China downloade?

Zu den gern beschworenen Kosten für den Netzausbau: die Telekom verfügt über ein flächendeckendes, bereits voll bezahltes Kupfernetz. Sie hat auch nicht vor, dieses durch ein ebenfalls flächendeckendes Glasfasernetz zu ersetzen. Es wurde nämlich beschlossen, nichts derartiges zu bauen sondern auf die VDSL-Vectoring Technologie zu setzen, die auf Kupferbasis läuft. Offenbar handelt es sich somit nur um Gewinnmaximierung.