hest
26.11.2012 | 12:55 8

Bundes-Journalismus-Kammer

Gewaltenteilung, 4.0 „Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben? … gar nicht“, apokalyptiert Frank Schirrmacher. Sollten wir also die ‘vierte Macht‘ gesetzlich verankern?

„Wie kann eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben?“, fragt Frank Schirrmacher, FAZ-Herausgeber und scheinbar öffentlich bestellter Abendland-Besorgter, in seiner jüngsten Enyzklika Das heilige Versprechen [Zukunft des Journalismus]. Er beantwortet sich am Ende diese natürlich rhetorisch gemeinte Frage selbst: „Jetzt, wo sich leider auch immer mehr Journalisten ihre sozialen Prognosen vom Silicon Valley und der Wall Street schreiben lassen, riskieren wir eine ganz einfache und ebenso gelassene Vorhersage: gar nicht.“

Nehmen wir diesen Befund mal ernst, dann meint er doch im Umkehrschluß: Im diskursiven Zweifel – und diesen Zweifel mahnt Schirrmacher ja an – muss die Gesellschaft ihren (Qualitäts-)Journalismus schützen. Aber wie? Am besten, ihn als Grundversorgung definieren, wie Strom, Straßen, Wasser. Und ihn dann folgerichtig als unprivatisierbare Auf-Klär-Anlage staatlich ermöglichen, versorgen und ganz in Ruhe „machen lassen“. Ob das allerdings angesichts derzeitiger Schelten gegenüber öffentlich-rechtlichen Anstalten und Gebühreneinzug eine Mehrheitsmeinung findet?

Doch die Alternative heisst Schirrmachers Ausführungen zufolge offenbar (und kaum mehr ausweichlich), den Journalismus dem Neoliberalismus zum digitalen Fraß vorzuwerfen. Das will ja keiner. Daher wäre ich für eine gesetzliche Festschreibung des Journalismus in die Gewaltenteilung, als 4.0-te Macht: neben Legislative, Exekutive und Judikative dann die (bin kein Lateiner) Docerative, die aufklärende Macht. Mit wirklich unabhängigen Institutionen, wie es die Gerichte sind. Und mit einer Art Bundes-Journalismus-Kammer, besetzt mit den besten Journalisten, Redakteuren und Herausgebern, im Sinne von Weitsicht, Neutralität, Leumund, Richterlichkeit. Mit Sitz in … hmm … , klar: Frankfurt/Main. Na, wär das nicht ein Posten, Herr … …  (Namen bitte ganz nach Bedarf einsetzen ;-)

Kommentare (8)

Konfuzikuntz 27.11.2012 | 03:14

Al Schlagwort haben Sie auch "Abendland-Untergang" gewählt. In dieser Spenglerschen Denkweise ist Journalismus aber eben gerade nicht die Voraussetzung für die abendländische Kultur, sondern Symptom ihres Verfalls...

Natürlich kann es eine Gesellschaft ohne Journalismus geben. Ob man in ihr leben will, ist eine andere Frage. Aber wenn man sich 4000 Jahre chinesischer Geschichte ansieht - die sind ohne Journalismus weit gekommen... Hatten die Indianer Zeitungen? In der verrottenden Stadt Detroit erscheinen welche. Und?

miauxx 27.11.2012 | 19:50

"Mit wirklich unabhängigen Institutionen, wie es die Gerichte sind."

Über diese "Unabhängigkeit" gibt es, gerade aus der Mitte der Angesprochenen, andere Auffassungen. Wusste ich so auch noch nicht.

"Und mit einer Art Bundes-Journalismus-Kammer, besetzt mit den besten Journalisten, Redakteuren und Herausgebern, im Sinne von Weitsicht, Neutralität, Leumund, Richterlichkeit."

Also ein Volksaufklärungsministerium?! 

Würde mit Deinen Vorschlägen aber Journalismus gerettet bzw. gesichert werden? Journalismus, zumindest der hier in Rede stehende, ist ja eine zutiefst liberale Idee. Was Du dir vorstellst steht zu der aber ziemlich konträer.

 

 

Meyko 27.11.2012 | 21:37

Ein kurzer Erinnerungsausflug:

In den ersten Jahren unserer Nachkriegsdemokratie wurden sogenannte „Lizenzzeitungen“ herausgegeben. Das bedeutete, ausschließlich eingewiesene, dem neuen Demokratie - System gewogene Medienmacher, durften Informationen zu Veröffentlichung auswählen und somit den (politischen) Ton in der Pressewelt angeben. (Die erste Lizenz wurde am 1. August 1945 an die Frankfurter Rundschau vergeben) Diese ersten Zeitungen wurden Anfangs, sicherlich auch als Hilfe zur Demokratisierung, von den Alliierten Mächten beraten und zensiert.

Das damals installierte Mediensystem ist erweitert worden, mächtig gewachsen, funktioniert heute noch und ist nach wie vor  eine Voraussetzung, oder besser gesagt die Lebensnotwendigkeit für vielfältige demokratische Entwicklungen, beinah auf der ganzen Welt. Deutlicher gesagt, ohne Informationen wüssten wir nicht, wen wir eventuell wählen, oder gegen wen wir etwa Krieg führen sollen. Also, unsere Medien haben allein schon durch ihre Informationsvorauswahl die Gelegenheit unsere Meinung oder auch gesellschaftliche Entwicklungen zu steuern. Abgesehen von möglichen Manipulationen, die auf anderen (auch eigenen) Interessen beruhen können.

Allerdings sagt der Art. 5 GG

„Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. ..“

Langsam verändert sich nun einiges in der Welt der Medien. Durch das Netz besteht erstmals die Möglichkeit, Informationen „journalistisch ungefiltert oder unbearbeitet“ zu bekommen, bzw. sich auch aus anderweitigen Quellen die neuesten Informationen sehr viel schneller als bisher zu beschaffen.

"Freie" Informationen, die genau so wie bisher die „alten Medien“, irgendwann oder schon in absehbarer Zeit, zur Meinungsbildung für unsere Demokratie lebensnotwendig sein können.

Neue Medien, die das seinerzeit verteilte „Journalismus-Monopol“ in immer mehr Bereichen ablösen, sind vielleicht ja ein weiterer Grund für ein unablässiges Rufen der Verlage nach einem sogenannten „Leistungsschutzrecht“...

hest 27.11.2012 | 23:00

OK,  meinem Text fehlte der Packungsbeilage-ähnliche Hinweis darauf, dass er in gewissen Mengen Satire enthält; sei hiermit nachgeholt. Ausgangspunkt war, jenes weiter zu denken, was Frank Schirmamcher mit seiner Suade anfing, nämlich höchst trabend eine gesellschaftspoltische Rettungsaktion für Journalismus anzumahnen. Seine denkfaltige Attitüde provoziert doch geradezu den Ruf nach höchsten Instanzen. Von daher treffen die in Ihrem Kommentar angestrengten Vergleiche gut - in Richtung Frank Schirrmacher.

miauxx 28.11.2012 | 19:13

"OK,  meinem Text fehlte der Packungsbeilage-ähnliche Hinweis darauf, dass er in gewissen Mengen Satire enthält"

Ich ahnte es ... :-)

Nachdem ich den FAZ-Artikel nun gelesen habe,  finde ich, dass Sie Schirrmachers Aussage arg verkürzen. Zwar hat er eine zutiefst konservative Perspektive - wer hätte anderes erwartet? -, doch ist seine Ansicht die, dass es allein der Mut und die Fähigkeit zu "gutem Journalismus" seien, die eine Behauptung auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten möglich machen. Als "Beweis" gilt Schirrmacher, dass es der digitale "Laienjournalismus" in Gestalt von Blogs u.ä. schließlich nicht geschafft hätte, sich wirtschaftlich stabil zu etablieren. Ferner sei auch symptomatisch, dass sich etablierte Verlagshäuser zu sehr dem digitalen Hype beugen würden, obwohl doch offensichtlich sei, dass mit der Digitalisierung und Web 2.0 nicht wirklich neue Mechanismen greifen würden, sondern im Gegenteil sehr etablierte. Dass Digitale sei nur eine andere Form.  "Guter Journalismus", den zu machen Schirrmacher freilich nur gelernten Profis zugestehen will, würde sich auch wirtschaftlich bezahlt machen. Jedoch auch nur, wenn "man" offen dazu stehe, einen solchen leisten zu wollen und sich nicht von jedem neuen, sinngemäß, 'Schnickschnack' der digitalen Welt ablenken lässt. Das Problem sei eben nicht das Medium, sondern, nach wie vor, der Inhalt. Damit vollführt Schirrmacher auch einen deutlichen Seitenhieb auf die gegenwärtig prominenten "Opfer" FR und FTD.

Man kann nun sagen, dass Schirrmacher auf einem ziemlich hohen Ross sitzt - wenngleich ich ihm in seinen Analysen in Teilen (!) zustimmen würde. "Guter Journalismus" lasse sich eben am wirtschaftlichen Bestehen ablesen.  Der FAZ wie FAZ-online scheint es ja noch ziemlich gut zu gehen; da lassen sich leicht große Töne spucken.