Heinz-Günter Weber
15.08.2012 | 16:12 19

Nachrichten sind uns egal – Gut so!

Nachrichten Man kann es auch als Zeichen gelungener Medienbildung verstehen, wenn Jugendliche sich heute dem Nachrichtenritual der klassischen Medien verweigern

Nachrichten sind uns egal – Gut so!

Screenshot: Der Freitag

Ein schönes Beispiel für den oft selbstvergessenen, kulturpessimistischen Standardreflex deutscher Medien auf digitale Neuerungen liefert ausgerechnet Spiegel Online.

Unter dem Titel "Nachrichten sind uns egal" berichtet Spiegel Online über eine "Wissensstudie unter Jugendlichen", die herausgefunden haben will, dass Jugendliche weniger an Nachrichten interessiert sind als Erwachsene und weniger über die aktuelle Nachrichtenlage wissen.

"Für das tagesaktuelle Geschehen hat das jetzt eine Studie der TU Dresden gezeigt. Demnach wissen Jugendliche deutlich weniger über aktuelle Nachrichten als Erwachsene. Nur 39 Prozent der Jugendlichen (14 bis 17 Jahre) und nur jeder zweite junge Erwachsene (18 bis 29 Jahre) haben der Untersuchung zufolge von den zwei wichtigsten Nachrichtenereignissen des Vortages gehört. Bei den über 30-Jährigen waren es 66 Prozent."

Untersucht wurde das an Beispielen: Die Wissenschaftler wählten damals aktuelle Themen aus wie den Rücktritt von Horst Köhler, die Hilfen für Griechenland oder die AKW-Laufzeitverlängerung.

Spiegel Online leitet das Ganze so ein:

"Es ist eine alte Klage der Erwachsenen: Jugendliche wüssten zu wenig, wahlweise über Geschichte, Politik oder Kultur. Sie seien desinteressiert, träge oder faul. Und immer wieder zeigen Studien, dass die Klagen zumindest teilweise eine tatsächliche Basis haben."

Immerhin: Der Spiegel erkennt, dass die Klage über interesselose Jugendliche einen (mindestens 2500 Jahre langen) Bart hat. Aber warum setzt ein selbsterklärtes Leitmedium wie "Spiegel Online" ihr so wenig Konstruktives entgegen? Es wiederholt die Klage brav: Klar ist was dran, die Jugendlichen sind heute träge, faul und desinteressiert.

Könnte man nicht fragen, warum sich Jugendliche für diese Art von Nachrichten nicht zu interessieren scheinen? Oder warum sie sich überhaupt für klassische Nachrichtenthemen interessieren sollten? Sind die Nachrichten aus ARD, ZDF, den Prviatsendern, dem Radio, den Zeitungen überhaupt relevant für sie?

Viele Jugendliche haben heute, so vermute ich, ein besonderes Gespür dafür, was wichtig ist für sie und was nicht. Eine aktuelle Studie der Personalabteilung bei Audi über junge Mitarbeiter lobt gerade diese "Eigensinnigkeit": "Die Generation Y ändert die Unternehmen". Wenn man die Jugendlichen nicht nur als Mitarbeiter, sondern auch politisch ernst nähme, könnte man Ihrem Empfinden und Ihrer Realität vielleicht etwas näher kommen, anstatt zu sie billig abzutun.

"Information ist ein Unterschied, der einen Unterschied macht." (Gregory Bateson, Ökologie des Geistes). Machen Nachrichten für Jugendliche einen Unterschied? Macht es für Sie wirklich einen Unterschied, ob Horst Köhler Bundespräsident ist oder ein Herr Wulff? Macht es für sie wirklich einen Unterschied, wer welches Detail der AKW-Laufzeitverlängerung wie kommentiert?

Nachrichtensendungen sind heute viel zu sehr Teil des politischen Spiels - man könnte sie als von verschiedenen Interessen geradezu "verzinkt" betrachten - als dass die Nachrichten per se Informationen wären. Sind Nachrichtensendungen mehr wert als das Ritual, das sie darstellen?

Hier will ich keinesfalls die Wichtigkeit und auch Macht der "Vierten Gewalt" der Medien im demokratischen Prozess in Frage stellen. Aber es darf einmal gesagt werden, dass Nachrichten  Teil eines politischen Systems sind, von dem sich Jugendliche heute häufig ausgegrenzt fühlen. Für Jugendliche interessante Politik findet an den Rändern statt, kaum noch im System: Auf ACTA-Demonstrationen, in Hacker-Zirkeln, bei privatem Engagement und in sozialen Netzen. Zumindest der Teil der gebildeten Jugend, der Medienkompetenz besitzt, kann sich von Fernsehnachrichten nicht mehr ausreichend und kaum noch über das Richtige informiert fühlen.

Neu ist gegenüber früheren Protesten wie der APO, der Nachrüstungsdebatte oder der Anti-AKW-Bewegung, dass die Jugendlichen heute auf andere Medien der Verständigung ausweichen können: Auf Blogs und auf Twitter zum Beispiel im eher öffentlichen Bereich, auf Facebook, SMS und das Smartphone im persönlichen Umfeld.

Der klassische politische Prozess inklusive seiner medialen Begleitung durch die klassischen Medien erfüllt offenbar für viele Jugendliche nicht mehr ihren Anspruch auf Relevanz oder Anteilnahme. Der Anteil von jungen Wählern an den Wahlergebnissen der Piraten und an den Nicht-Wählern spricht dazu Bände.

Das Phänomen betrifft nicht nur das Deutschland. David Buckingham, Professor am Institute of Education der London University und nominiert für die "Academy of Social Sciences" in England, bringt es auf den Punkt:

“By and large, young people are not defined by society as political subjects, let alone as political agents. Even in the areas of social life that affect and concern them to a much greater extent than adults–most notably education–political debate is conducted almost entirely ‘over their heads’” (zitiert aus dem weiter untem genannten Blogartikel von Henry Jenkis)

Ein großes Unbehagen weniger an der Kultur als am politischen System macht sich breit. Was wirklich relevant ist, das vermuten die Jugendlichen eher in Hinterzimmern, beim Lobbying, bei Geheimdiensten, im Big Business. Es findet wenn öffentlich, dann außerhalb der political correctness statt - siehe auch Occupy. Diese Lektion haben Jugendliche heute gelernt.

Der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins beschreibt unter dem Titel Confronting the Challenges of Participatory Culture: Media Education for the 21st Century internationale Politik, wie sie von den Nachrichten konstruiert wird, als reinen Zuschauersport:

Politics, as constructed by the news, becomes a spectator sport, something we watch but do not do. Yet, the new participatory culture offers many opportunities for youth to engage in civic debates, to participate in community life, to become political leaders, even if sometimes only through the “second lives” offered by massively multiplayer games or online fan communities.

Man kann es also durchaus als Zeichen gelungener Medienbildung verstehen, wenn Jugendliche sich dem  Nachrichtenritual der klassischen Medien teilweise verweigern.

Kommentare (19)

Dersu Usala 15.08.2012 | 14:27

So sehe ich das größtenteils auch. Allerdings mache ich mir Sorgen um meine Kompetenz, da mir die Entscheidungsbasis der heutigen Politik recht wenig im Medium Internet vorzukommen scheint. Obwohl - die Entscheidungsbasis wird im Fernsehen ja auch seit jeher nicht gezeigt, nur die Resultate. Aber irgendwie sehe ich mich zu sehr mit mir sympathischen Ansichten und Erklärungen konfrontiert. Die Welt ist aber doch (noch) anders. Meine Restverbindung zur alten Welt (Spiegel-Abo) ist eigentlich zu dünn, wo ist die konservativ sympathisierende Blog-Szene zu finden?

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Ehemaliger Nutzer 15.08.2012 | 18:35

Der Kommentar hat es eigentlich auf den Punkt gebracht.

Ich ärgere mich auch manchmal über das Nichtwissen der Jugend, weil die Zukunft ja ihnen gehört.

Auf der andere Seite kann ich sie auch wieder verstehen, sie haben ein Gefühl, dass man sowieso über ihre Köpfe hinweg regiert.

Es ist eigentlich erbärmlich, dass man in diesem Staat ohnmächtig zuschauen muss, wie alles den Bach runter geht.

Anonym00 15.08.2012 | 22:46

Als Junger Erwachsener weise ich mal darauf hin, dass bei den über 30 Jährigen nur 66% bescheid wussten. Auch das ist gefährlich wenig. Und solche "Vorbilder" brauchen sich dann auch nicht über Jugendliche wundern.

Selbst engagierte Jugendliche werden nur selten erst genommen. Siehe z.B. in Schülervertretungen, beim Wahlrecht usw.

Warum soll man sich mit Nachrichten auseinander setzten, wenn kritisches Denken nicht erwünscht ist oder nur in einem bestimmten Rahmen?

Und der beste Satz überhaupt:

Werd du erstmal erwachsen!

 

Wenn wir nicht Ernst genommen werden und an politischen und gesellschaftlichen Prozessen nicht mitwirken können, dann braucht man auch keine Nachrichten, denn alles „wichtige“ bekommt man dann auch so mit ;-)

hunter 15.08.2012 | 23:32

Ist es nicht ein wenig einfach, zu behaupten, die Jugendlichen hätten das Gefühl, es würde "über ihre Köpfe hinweg" regiert und sie seien deshalb an gesellschaftlichen Themen nicht interessiert?

Betrachtet man die Geschichte, so wird man nur schwerlich eine Gesellschaft finden, in der nicht über die Köpfe der jungen Menschen hinweg Politik gemacht wurde und -wie seltsam- dennoch hat es immer wieder Bewegungen unter jungen Menschen gegeben, die sich Aufmerksamkeit verschaffen wollten und dies auch vermochten - eben weil sie gesellschaftspolitische Ideen und Ziele hatten.

Ich kann nicht finden, dass eine Jugend, die den Unterschied von demokratisch und diktatorisch in ihrer Mehrheit nicht, wohl aber den der neusten Smartphones präzise bennen kann, nicht auch einmal kritisiert werden dürfte.

Sicher, die Jugend ist das Produkt dieser Gesellschaft und somit nicht einmal voll verantwortlich zu machen für ihre Art zu ticken, doch statt Jugendlichen immer alles in den Allerwertesten zu blasen, sollte man ihnen vielleicht ab und an in denselben auch mal treten -  natürlich bildlich gesprochen - vielleicht würde es ja helfen, sie weniger politsch bequem zu machen. 

gewissen 16.08.2012 | 01:40

genug jugend der einen sorte gegen den rest der anderen. hoffen sollten alle schwärmer, esoteriker und religiösen, warum nicht, es tut gut und lenkt ab.

willst DU jahrhundertausende hoffen? was passiert anderes auf dem wege dieser jahre, eine neue sintflut, dann fägnt alles wieder an in einer anderen welt. wie ich diesen senf verzapfe sehe ich, dass du vom "archaischen besitzdenken" denkst. archaisch? novalis, reiss dich zusammen.

smukster 16.08.2012 | 02:35

Interessanter Artikel, danke!

Ich habe noch die verstanden, warum "politisch interessierte Menschen" die Tagespolitik/ Nachrichten verfolgen "muessen". (Ja, auch ich gehoere zu den Menschen, die manchmal gerne die eigene Meinung bestaetigt lesen.)

Ein Aspekt, der hier noch nicht vorkam: Die Praesentation der Nachrichten traegt zu dieser Tendenz bei, indem "echte" Ereignisse und Entwicklungen gleichwertig neben unwichtigen Details praesentiert werden. Ausserdem wird durch eine unnoetig komplizierte und technische Sprache erreicht, dass die wenigsten Zuschauer/ Hoerer/ Leser irgendetwas Konkretes mit z.B. einem neuen Vertragswerk verbinden koennen. Die Folge: maximale Information, minimale Erkenntnis.

smukster 16.08.2012 | 02:50

"noch nie" natuerlich, sorry.

Ein weiterer Gedanke: Geht es hier ueberhaupt wirklich nur um "Jugendliche"? Ich bezweifle es. Vielmehr glaube ich, dass die beschriebene Tendenz in allen Bevoelkerungsgruppen anzutreffen ist, dass sich dies jedoch bei "der Jugend" staerker bemerkbar macht, da junge Leute in ihren Gewohnheiten flexibler, weniger gebunden sind - sich also eher von Altem ab- und Neuem zuwenden. Ich behaupte, dass die aelteren Generationen die Kritik weitgehend teilen, jedoch ist bei ihnen schlicht die Macht der Gewohnheit ausgepraegter. Das ist keine Wertung: Beides hat Vor- und Nachteile, und die Neuen Medien bieten zwar viele Chancen (globale Vernetzung, Informationsfluss, Mobilisierung), genauso aber auch Risiken (Desinformation, Radikalisierung, Zerfall der Gesellschaft).

@Hunter:

"an gesellschaftlichen Themen nicht interessiert?" - wer hat das hier behauptet?

Achtermann 16.08.2012 | 05:55

Wer Nachrichten als Informationsquelle betrachtet, ist selbst schuld. Nachrichten geben den Anschein, Tatbestände objektiv (neutral) zu vermitteln. Dabei sind sie Teil politischer Interessen. Es ist beispielsweise ein Unterscheid, ob ich politische Aktivisten Rebellen, Freiheitskämpfer, Terroristen oder Aufständische nenne. Das sind vier Begriffe aus der alltäglichen Nachrichtensprache, die unterschiedliche Intentionen verfolgen. Sie verfestigen, da ständig wiederholt, eine politische Sichtweise, die interessengeleitet ist. Nachrichten gaukeln vor, komplexe Sachverhalte in Kurzform erklären zu können. Das ist mitnichten der Fall. Wer meint, mit Nachrichten politisch informiert zu sein, ist geistig formbar wie frische Knete.

Heinz-Günter Weber 16.08.2012 | 09:10

@Hunter Es geht nicht darum zu behaupten, die Jugendlichen seien politisch desinteressiert, das stimmt ja auch so nicht. Es geht darum, Ihre Verweigerung gegenüber traditionellen Medienritualen gerade nicht als Apathie oder Ignoranz zu werten, sondern als Art von aktivem Widerstand. Nämlich dagegen, dass ihr Anteilnahme und Respekt verweigert wird. Und gegen die Ignoranz einiger Erwachsener, die nicht erkennen wollen, dass Medien wie Twitter oder Facebook für viele Jugendliche (und Erwachsene) mindestens gleichwertige Nachrichtenkanäle sind. Würde Tschernobyl heute passieren, wären Twitter & Co. (solange das Netz nicht zusammenbricht) verlässlichere und schnellere Medien als es das TV und Radio je sein konnten.

hunter 16.08.2012 | 11:33

Twitter und Facebook als "gleichwertige" Informationsmedien zu den gängien (Zeitungen, Zeitschriften, Nachrichtenmagazine, pol. Bücher) zu sehen, halte ich schon für sehr bezeichnend. Um sich das Wissen anzueignen, das zu einer fundierten eigenen Meinung führt, reicht es nicht aus, den Like-Button zu drücken oder eine knappe Message zu "posten" oder zu konsumieren - da gehört schon mehr dazu.

Sollte man wirklich glauben, so anders zu denken als der pol. Mainstream (Zeit, Spiegel, Faz etc.) so genügt es nicht, dies einfach nur zu postulieren, man muss sich mit diesen Medien auch a u s e i n a n d e r s e t z e n . Ein Ignorieren der - wegen mir- "klassischen" Medien ist kein Zeichen von Auflehnung sondern von Ignoranz. Tut mir leid, ich kann da nichts Gutes dran finden und schon gar kein Anzeichen für gesellschaftliches Interesse, Engagement oder sonstwas - eher das Gegenteil.

Ich behaupte nicht, dass Twitter und Facebook bei einem Unglück wie einem Reaktorunfall eine wichtige Rolle spielen könnten, doch um etwas von der Technologie, den Mechanismen der Meinungsmache und den Tricks der Lobbies zu begreifen, muss ich schon mehr tun als dies Facebook oder Twitter leisten können.

Im Übrigen sollte man nicht verkennen, dass diese neuen Medien, gerade weil sie keine gründliche Beschäftigung mit sich einfordern, sehr anfällig dafür sind, manipuliert und missbraucht zu werden. (Davon abgesehen, dass sie Produkte amerikanischer Monopolisten sind, die nun wahrlich nicht Meinungsfreiheit und Information als ihr oberstes Ziel ansehen sondern Profit.)

jjpreston 16.08.2012 | 12:46

@Hunter

"Betrachtet man die Geschichte, so wird man nur schwerlich eine Gesellschaft finden, in der nicht über die Köpfe der jungen Menschen hinweg Politik gemacht wurde und -wie seltsam- dennoch hat es immer wieder Bewegungen unter jungen Menschen gegeben, die sich Aufmerksamkeit verschaffen wollten und dies auch vermochten - eben weil sie gesellschaftspolitische Ideen und Ziele hatten."

Sie verkennen da was. Heinz-Günter Weber hat auch mindestens ein Beispiel benannt: Occupy. Die jungen Menschen haben gesellschaftliche Ideen und Ziele. Junge Menschen setzen sich aktiv für ihre politischen Ansichten ein. Siehe Occupy.

Aber wie ist die Rezeption der Politik? Sie verweigert sich der thematischen Auseinandersetzung. Sie fragt nicht, woher diese Ansichten kommen und ob sie berechtigt sein könnten. Sie hinterfragt auch nicht, warum diese Ansichten genau auf diese und keine andere Art und Weise geäußert werden. Sie fragt nicht, warum politische Junge sich dem traditionellen - man könnte auch sagen: stark kalkhaltigen - Parteienbetrieb entziehen.

Die Politik nimmt politische Junge, die sich abseits der Parteienumgebung engagieren, nicht ernst. Die Occupy-Camps werden, meist ohne Absprache mit den Bewohnern, kommentarlos geräumt. Und selbst die höchste Persönlichkeit im Staate, der Bundespräsident, bezeichnete die Occupy-Bewegung als "albern" und verweigerte sich der Auseinandersetzung mit den Protestanten bei Stuttgart 21.

Warum das so ist, ist schnell erklärt. Denn Politiker können mit allem, was sich außerhalb ihres Einflussbereiches passiert, nichts anfangen. Da geht es um Rangkämpfe. Die Devise lautet: "Entweder spielen die nach meinen Regeln und auf meiner Bühne - oder gar nicht." Denn auf ihrem eigenen Terrain können sie viel leichter alle die bekämpfen, die sich ihnen nicht unterordnen. Man sieh sich nur mal an, wen Angela Merkel in der CDU alles an möglicher Konkurrenz politisch begraben hat oder wie die etablierten Parteien mit den Piraten umgehen.

Und die Politik begreift nicht - weil sie es nicht begreifen will -, dass genau diese Haltung das Problem ist, weshalb sich politische Junge dem Parteienbetrieb entziehen. Oder sie selbst sich dem echten Leben, denn was im Regierungsviertel in Berlin passiert, hat mit dem Leben in Pankow oder Tegel schon nichts mehr zu tun, geschweige denn mit dem in Kassel, Hannover oder Saarbrücken.

Deswegen sind die Jungen noch lange nicht politisch desinteressiert. Sie selektieren nur stärker, mit welchen Plattformen sie auf welche Themen Einfluss zu nehmen versuchen - und zwar mit einem strengen Auge darauf, wo sie überhaupt etwas erreichen und wahrgenommen werden können. Deshalb passiert auch in Sachen Ölkartell rein gar nichts - das wird auf höherer Ebene ausgeklüngelt, hinter verschlossenen Türen. Das gleiche gilt für Rettungsschirme (Occupy bezieht sich auf das Grundproblem und nicht um die Auswirkungen) oder auch den Panzerdeal mit den Saudis und viele andere Dinge.

Aus dem gleichen Grund interessieren sich viele Junge auch nicht für die tagesaktuelle Berichterstattung. Denn die ist viel zu parteinah und gefärbt. Dersu Usalas Suche nach einer "konservativ sympathisierenden Blog-Szene" spricht schon Bände - auch ihm/ihr geht es da wieder nur um das politische Lagerdenken anstatt um Probleme und Lösungen, und das wird von der Mehrheit der Jugendlichen schlichtweg abgelehnt.

hunter 16.08.2012 | 23:21

"Aber wie ist die Rezeption der Politik? Sie verweigert sich der thematischen Auseinandersetzung. Sie fragt nicht, woher diese Ansichten kommen und ob sie berechtigt sein könnten. Sie hinterfragt auch nicht, warum diese Ansichten genau auf diese und keine andere Art und Weise geäußert werden."

Ich sehe das anders. Die heutige Reaktion der herrschenden politischen Eliten gegenüber jugendlichem (bzw. studentischen) Protest ist nicht etwa Ablehnung bzw. Missachtung sondern Umarmung. Ich erinnere mich noch gut, wie Schavan als Verantwortliche die damaligen Studentenproteste öffentlich "verstehen" konnte und erklärte, sich für Forderungen der Studenten einsetzen zu wollen - was dann natürlich nie geschah. Und die wohlwollenden Kommentare vieler Politiker, was Occupy angeht, klingen mir auch noch in den Ohren.

Zugegeben, es muss schwierig sein zu protestieren, wenn die, gegen die man demonstriert, sich so jovial zeigen. (Im Übrigen hat da unser "Bürger Gauk" gerade in dieser Richtung einiges "gelernt".)

Doch das ist nicht der einzige Grund, warum Occupy schließlich im Sand verlief. Wichtiger erscheint mir, dass der Glaube, eine Organisation könnte auf längere Sicht auf ohne klar umrissene Forderungen und ohne politische und intellektuelle Köpfe bestehen (weil dies, so wurde behauptet, eben der Zeit entspräche), hat sich als fatal erwiesen und schließlich den Eindruck erweckt, dass die Protestierenden nicht ernstgenommen werden  m ü s s e n.

Zweitens hat die Abhängigkeit vom Vorbild Amerika, bzw. die Unfähgkeit eigene kulturelle Formen des Protests zu erfinden, gezeigt, auf welch dünnem intellektuellen Fundament man sich bewegt. Als an der Wall Street geräumt wurde, war Occupy in Deutschland tot - und das zu einer Zeit, wo die Misere durch die Eurokrise doch erst offenkundig wurde!

Im Übrigen zeigt der Weg der ehemaligen Protestpartei Die Piraten, dass das Etablisment wirklich nichts zu fürchten hat von neuen Bewegungen, so es denen nicht um Inhalte sondern um "Kommunikationsformen", Rampenlicht und Performances geht - doch das ist dann vielleicht doch wieder eine ganz andere Geschichte.     

bambulie 16.08.2012 | 23:43

Ich finde die Jugendlichen haben recht, wenn sie sich dem angestaubten „Nachrichtenritual“ der klassischen Medien immer mehr verweigern. 

Ein Ritual (von lateinisch ritualis ‚den Ritus betreffend‘) ist eine nach festgelegten Regeln ablaufende, meist formelle und oft feierlich-festliche angestaubte Handlung mit hohem Symbolgehalt. Wer braucht das?

Da gibt das Internet schon wesentlich mehr her. Da erfährt man einfach mehr und vor allem ohne jegliche selektive Vorauswahl. Aber die klassischen Medien werden auch diese Krise überleben, haben die doch in weiser Vorrausicht die Zwangsabgabe eingeführt. Die Umstellung ist für Anfang 2013 vorgesehen. CDU, SPD und sogar die Grünen haben zuletzt für eine Zwangsabgabe plädiert. Die fetten Gehälter können also weiterhin problemlos ausbezahlt werden.

http://finanzen.freenet.de/recht-steuern/neue-geldquelle-fuer-ard-und-zdf-zwangsabgabe-fuer-alle-haushalte_1625926_685676.html

jjpreston 18.08.2012 | 03:37

@Hunter

"Die heutige Reaktion der herrschenden politischen Eliten gegenüber jugendlichem (bzw. studentischen) Protest ist nicht etwa Ablehnung bzw. Missachtung sondern Umarmung. Ich erinnere mich noch gut, wie Schavan als Verantwortliche die damaligen Studentenproteste öffentlich "verstehen" konnte und erklärte, sich für Forderungen der Studenten einsetzen zu wollen - was dann natürlich nie geschah. Und die wohlwollenden Kommentare vieler Politiker, was Occupy angeht, klingen mir auch noch in den Ohren."

Sie widersprechen sich selbst. Denn auch wenn sich da ein Parteipolitiker oder eine Parteipolitikerin hinstellt und sich das anhört, ist das noch lange keine Umarmung, sondern Alibi und Inszenierung. Sie sagen es ja selbst: Schavan setzte sich nie für die Forderungen der Studenten ein. Damit bekundete sie, wie es im Handelsrecht so schön heißt, durch schlüssiges Handeln ihre Ablehnung. Gleiches gilt für die Kommentare zu Occupy - wohlwollende Aussagen in Form von Lippenbekenntnissen sind die einzige Konsequenz. Politisch hingegen hat es keine Folgen. Dastehen, lächeln, interessiert gucken wie ein Gesichtsvermieter - das ist Heuchelei - und Missachtung -, aber keine thematische Auseinandersetzung.

"Wichtiger erscheint mir, dass der Glaube, eine Organisation könnte auf längere Sicht auf ohne klar umrissene Forderungen und ohne politische und intellektuelle Köpfe bestehen (weil dies, so wurde behauptet, eben der Zeit entspräche), hat sich als fatal erwiesen und schließlich den Eindruck erweckt, dass die Protestierenden nicht ernstgenommen werden  m ü s s e n."

Und genau da hat die Politik versagt, durch die Bank. Es wäre gerade an der Opposition, an den Kapitalismuskritikern und Sozial(ist)en gewesen, das aufzugreifen. Selbst wenn sich aus den deutschen Occupy-Ablegern politische Köpfe hervorgetan hätten, was hätte das gebracht, ohne parlamentarischen Arm? Occupy war auch nie eine Organisation, wie Sie meinen. Es war eine Bewegung von gleichartig Interessierten, aber ohne Struktur, und weniger Demonstration als vielmehr Mahnmal.

Dazu kam, dass die politische Ebene Occupy nicht nur nicht ernstgenommen hat, sie hat es auch verlächerlicht und verniedlicht (allen voran der damals noch nicht höchste Mann im Staat) und damit sehr effektiv eine größere mediale Diskussion über die Anliegen der Occupier beerdigt. Weil sie wissen, wie es geht. Und mag das Engagement der Nachwachsenden noch so groß sein, gegen solche Mechanismen ist kein Ankommen - und daher bleiben die politischen Jungen auch dem Einfluss der Parteien fern.

Das ist sogar sehr konsequent und perspektivisch. Denn den Bundestagsparteien - das wissen Merkel, Gabriel, Rösler, Trittin und Gysi auch - werden diejenigen, die meinen, dass politisches Engagement sich zwingend in den Parteien und Plenarsälen abspielen muss, und die die Parteien finanziell und mit ihrer Stimme unterstützen, langsam mit der Zeit wegsterben. Und dann bleiben die übrig, die die Politik auf die Straße und ins Internet tragen. Die Jungen müssen nur auf das Aussterben der Verknöcherten und Verkalkten in der Politik warten, und mit jedem verwaisten Parteibuch wird ihre Macht wachsen.

"Zweitens hat die Abhängigkeit vom Vorbild Amerika, bzw. die Unfähgkeit eigene kulturelle Formen des Protests zu erfinden, gezeigt, auf welch dünnem intellektuellen Fundament man sich bewegt. Als an der Wall Street geräumt wurde, war Occupy in Deutschland tot - und das zu einer Zeit, wo die Misere durch die Eurokrise doch erst offenkundig wurde!"

Stuttgart 21 hat ja das Gegenteil gezeigt, das hatte nichts mit Amerika zu tun. Aber mit der Räumung an der Wall Street, da gebe ich Ihnen Recht, war das Zugpferd weg. Das hat aber auch was mit der amerikanischen Medienlandschaft zu tun: Solange Occupy in der Wall Street kampierte, war das ein riesiger Aufmacher für alle Medienorganisationen. Diesen Stellenwert hatte in Deutschland aber kein Protest, weder Wall Street noch Frankfurt, Berlin oder Hamburg. Dafür sind die TV-Sender und Zeitungen viel zu parteinah.

Und nicht zu vergessen: Dem Durchschnittsdeutschen geht es schlichtweg zu gut, um sich ernsthaft mit den systemischen Missständen befassen zu wollen. Dumm nur: Das Erwachen kommt, wenn es schon zu spät ist. Aber im Herzen ist der Deutsche ein Konservativer, der das behalten will, was er hat, und solange er es hat, sieht er keinen Handlungszwang und keine Zusammenhänge mit denen, denen es schlechter geht.

"Im Übrigen zeigt der Weg der ehemaligen Protestpartei Die Piraten, dass das Etablisment wirklich nichts zu fürchten hat von neuen Bewegungen, so es denen nicht um Inhalte sondern um "Kommunikationsformen", Rampenlicht und Performances geht"

Auch das sehe ich weit weniger eng. Es ist nun einmal so, dass die Piraten sehr schnell sehr stark wachsen mussten. Das hatte nichts Homogenes. Man könnte gar sagen, der Wähler hat sie in eine Rolle reingezwungen, in das Füllen eines politischen Vakuums, wofür sie noch nicht bereit waren. Und vor allem fehlt den Piraten die Erfahrung im Umgang mit tendenziöser Berichterstattung (zum Beispiel der vermeintliche, künstlich konstruierte Konflikt zwischen Transparenz und Privatsphäre, der gar kein piratiger Konflikt ist). Da ist noch viel Naivität drin. Was wir erleben, sind Wachstumsschmerzen.

Aber wir sehen bei der Piratenpartei genau das, was ich sagte: Sie spielen auf der parteipolitischen Bühne, und die etablierten Schauspieler aus CDU/CSU, SPD, FDP, Grünen und Linken wollen sie da wieder runterhaben, weil sie das Rampenlicht nicht teilen wollen. Und ihre publizistischen Arme helfen ihnen kräftig dabei, indem sie sich an programmatischen Kleinigkeiten festhalten, die sie allenfalls aufgeschnappt haben, ohne den gesamten Kontext zu erwähnen - oder indem sie die Berichterstattung über die Piraten auf nichtpolitische Themen beschränken (wie aktuell das Fischeinwickelpapier mit den vier großen Lettern, das aus der Umfrage auf SexyPirates.org, in der der thematisch sexieste Pirat [siehe Überschrift "Themen statt Köpfe"] gewählt werden soll - aktuell Rechtsanwalt Udo Vetter vom Lawblog - zu einer Wahl des optisch attraktivsten Piraten umformte und damit seine Leser einmal mehr desinformierte).

Genau so funktioniert das Spiel in Deutschland. Und diesen Mechanismen entziehen sich die politischen Jungen eben heute zunehmend. Die haben keinen Bock auf ewige Auswärtsspiele...