hierundjetzt
06.08.2012 | 13:03 1

Kennenlernen verschoben

Gentrifizierung In Neukölln wurde am Samstag gegen steigende Mieten und Verdrängung demonstriert. Dem Motto „Zeit sich kennenzulernen“ kam die Veranstaltung jedoch nicht nach.

An der Richardstraße startete am Samstag die Anti-Gentrifizierungsdemo

 

„Zeit sich kennenzulernen“ gab es am Samstag Nachmittag an der Richardstraße, Ecke Böhmische Straße in Neukölln. Dort startete die Demonstration mit selbigem Namen, die quer durch Neukölln zum Straßenfest in der Weisestraße führte. Dabei wurde gegen die steigenden Mieten in Neukölln und ganz Berlin und die damit verbundene Verdrängung vieler Menschen aus ihren Kiezen demonstriert.

Dieses Schicksal widerfährt mittlerweile vielen in Neukölln. Daher sollte mit der Demonstration der Versuch unternommen werden, die verschiedenen davon betroffenen Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen, um gemeinsam den Problemen besser entgegenwirken zu können.

Die üblichen Verdächtigen

Dieses Vorhaben kann - für Samstag - allerdings als gescheitert angesehen werden. Zwar kamen etwa zweihundert Anwohner dem Demonstrationsaufruf nach, doch beliefen sich diese zum größten Teil auf die 'üblichen Verdächtigen' aus dem links-alternativen Spektrum. Angehörige anderer besonders betroffener Gruppen, wie sozial Schwache, Migranten, oder Rentner suchte man hingegen vergeblich unter den Demonstranten.

Dazu trug wohl auch bei, dass die Einladung ein wenig halbherzig wirkte. Auf echten Dialog schien kaum einer der Anwesenden aus. Stattdessen erschöpften sich viele Teilnehmer eher im Rufen der üblichen, auf verkürzter Kritik beruhenden Parolen à la „Yuppies raus!“. Ob sich die skeptisch drein blickenden Anwohner am Straßenrand davon jedoch überzeugen ließen, beim nächsten Mal selbst mit zu demonstrieren, darf bezweifelt werden.

Passend dazu gestaltete sich daher auch das Gespräch mit einem der Demonstranten: Als sich ein Dritter mit einem beherzten „Servus“ zur Runde dazu gesellte, entgegnete dieser nur genervt: „Geht's noch?! Kommst du aus Bayern, oder was?!“. Kennenlernen sieht wohl anders aus.

 

Dieser Artikel erschien zuerst bei schreibstoff.com und neukoellner.net.

Kommentare (1)

Sisyphos Boucher 07.08.2012 | 14:32

Es ist sehr schwer, eingefahrene Gleise zu überwinden. Man wird niemanden, der sich über Jahre in seiner kleinen Wohnung im Hinterhof so eingerichtet hat, dass ihn die Welt nicht berührt und auch nicht rührt, dazu bewegen können, plötzlich auf die Straße zu gehen und nicht nur für die eigenen recht überschaubaren Interessen, sondern auch für die ihm fremden Interessen der Nachbarn zu streiten, zu diskutieren, zu demonstrieren. Die Vereinzelung (selisch, sozial, strukturell), die die allgemeinen Verwertungsbedingungen den Menschen aufzwingen, macht es so kompliziert, in einem Stadtbezirk wie Berlin-Neukölln Solidarität statt Ab- und Ausgrenzung hinzubekommen.

Man muss übrigens kein Zugezogener sein, um dieselben Konflikte zu erleben und dabei zu lernen, dass es überall Arschlöcher gibt.

Mein Tipp: Nicht aufgeben!