Jan Pfaff
05.12.2012 | 12:33 6

Ein bisschen Folter gefällig?

Alltagskommentar Bei einer Kunstinstallation in Berlin können Freiwillige Waterboarding mal selbst ausprobieren. Die Idee dahinter ist aber weniger aufklärerisch als vielmehr: vermessen

Die Kunstinstallation der Woche hat einen relativ simplen Aufbau. Ein Tapeziertisch, an dem drei Gurte befestigt sind. Mit denen können sich Freiwillige in einem kahlen Raum im Studio am Checkpoint Charlie festschnallen lassen und mal ausprobieren, wie sich das so anfühlt: Waterboarding, jene Foltermethode, bei der man das Gefühl hat zu ertrinken und die die CIA gern bei Verhören einsetzt. Wer sich in dem Berliner Ausstellungsraum bereit erklärt, wird von Männern mit schwarzen Sturmmasken gefesselt und bekommt ein Handtuch über den Kopf, über das dann Wasser gegossen wird. Länger als ein paar Sekunden hielt bisher keiner das Gefühl zu ertrinken aus, das sich so einstellt. Neben dem Tisch warten zwei Sanitäter, sicher ist sicher.

Eine unsägliche Foltermethode zum Ausprobieren – ist das der neueste Kick, mit der man sich in Berlin die Hauptstadt-Langeweile vertreibt oder eine Aktion mit aufklärerisch-humanitärem Ansatz? Die Mitmach-Installation des iranischstämmigen Künstlers Iman Rezai mag auf den ersten Blick wie ein Amnesty-International-Vorzeigeprojekt klingen. Schaut man genauer hin, ist die Idee dahinter jedoch vor allem eins: vermessen. Jeder, der sich in Berlin-Mitte im Namen der Kunst, der Selbsterfahrung oder der universalen Menschenrechte auf den Tisch fesseln lässt, weiß ja, dass er sich darauf verlassen kann, dass sofort abgebrochen wird, wenn er das Zeichen dazu gibt.

Genau an dem Punkt beginnt aber die Folter beim Waterboarding – wenn weitergemacht wird, obwohl das Opfer Todesangst hat und meint zu ertrinken. Das bedeutet nicht, dass man in Ausstellungsräumen nun noch realistischer quälen sollte, sondern dass man sich die Anmaßung eines solchen Versuchsaufbaus bewusst machen muss. Zu glauben, man könnte durch eine Kunstinstallation nachempfinden, wie sich ein Guantanamo-Häftling fühlt, ist so ähnlich wie in einem KZ-Saal die Tür für fünf Minuten zu schließen, um zu fühlen, was die Menschen damals empfanden. Es gibt Erfahrungen, die sich der Einfühlung entziehen.

Die Begrenztheit des Als-ob-Folterns kann zumindest jeder leicht in seinem Wohnzimmer ausprobieren. In Guantanamo wurden die Häftlinge auch gequält, indem sie tagelang mit Metallicas "Enter Sandmann" oder der Musik der Sesamstraße beschallt wurden. Dass das Folter sein kann, muss man den Betroffenen glauben. Sich stundenlang diese Songs daheim anzuhören, bringt einen der Erfahrung nicht näher. Man weiß ja, dass man jeden Moment die Aus-Taste drücken kann.

Kommentare (6)

3Lie 05.12.2012 | 13:10

Ich stimme Ihnen zu, dass sich die wahre Erfahrung dieser Foltermethode nicht durch die Installation erschließen lässt und es vielleicht mit Zuschauern auch eher einen Hauch von einem "Happening" denn einer kritischen Auseinandersetzung bekommt (ich war selbst noch nicht da und kann die Stimmung dementsprechend nicht beurteilen), aber vielleicht soll ja auch eher eine Tür in den Köpfen der Menschen aufgestoßen werden, als für sie die Foltererfahrung körperlich nachvollziehbar zu machen.

Magda 05.12.2012 | 13:13

Tja, damit es Kunst wird, muss man vielleicht ein bisschen probe-guillotinieren. Möglichst mit offenem Ausgang. Vielleicht klemmt ja das Hackebeilchen. Ich denke auch, mit so etwas schafft man keine Erkenntnisse, sondern wohliges oder unbehagliches Gruseln. 

Da hilft vielleicht eher lesen.  Jean Amery über die Tortur: 

"Schwere Gittertore sind immer wieder zu durchschreiten, bis man sich schließlich in einem fensterlosen Gewölbe befindet, in dem mancherlei befremdliches Eisenwerkzeug herumliegt. Von dort drang kein Schrei nach draußen. Dort geschah es mir: die Tortur. … Die Tortur ist das fürchterlichste Ereignis, das ein Mensch in sich bewahren kann. … Es wird schließlich die körperliche Überwältigung durch den anderen dann vollends ein existenzieller Vernichtungsvollzug, wenn keine Hilfe zu erwarten ist. … Mit dem ersten Schlag der Polizeifaust aber, gegen den es keine Wehr geben kann und den keine helfende Hand parieren wird, endigt ein Teil unseres Lebens und ist niemals wieder zu erwecken."

Ich kenne Menschen, die genau diese Erfahrung gemacht haben. Ausgeliefertsein ist schlimmer als Schmerzen, denn man schleppt dieses Erlebnis wie eine Kugel am Bein durchs Leben. 

Eva 20.01.2013 | 15:36

Hurra! Wir haben die neueste Form des Katastrophentourismus entdeckt - das Grauen wird extra zu Ausstellungszwecken herbeigeführt! Oder es ist einfach nur Pseudo; und als solches dann anmaßend bis vermessen...

Wenn auch "nur" ein "Hauch des Happenings" fühlbar gemacht werden soll, stellt sich die Frage - gesetzt den Fall, dass sich diese Intention erfüllt - was der beschaute "Hauch des Grauens" denn in den Besuchern bewirken soll; eine Tür zum Weg des Aktivismus? Soll etwa eine "Testerfahrung" politisieren? Dies als die einzige Intention des "Ausstellenden", mit der ich mir die "Installation" erklären kann, ohne dass sie unangebracht und vermessen wirkt; scheint mir immer noch gefährlich - wie schrecklich, wäre wirklich schon solches nötig um ins Bewusstsein zu dringen.

Reichen die bisherigen Medien (in denen Folter diskutiert wurde) nicht aus - Dokumentationen; Schriften, Worte; Dialoge, Fotografien - um Türen zu öffnen, um Gemüter zu schrecken und bewusst(er) zu machen?! Meiner Meinung nach durchaus.