Jana Hensel
12.01.2013 | 09:00 29

Es war nicht umsonst

Scheidung Ganz ohne Häme muss man sagen, dass das Ehepaar Wulff erst im Moment seiner Auflösung zu seiner wahren Bestimmung fand

Es war nicht umsonst

Umzugswagen vor Christian Wulffs neuer Mietwohnung in Hannover

Foto: Getty Images

Was unterscheidet eine moderne Ehe von einer traditionellen? Richtig. Ihre Dauer. Sie ist irgendwann vorbei.

Da ja die kurze Amtszeit des Präsidentenpaars Wulff vor allem von jenen Blättern, die im Zweifel gegen den Fortschritt sind, zu einer Verjüngungskur fürs Schloss Bellevue und das ganze Land, zu einer Coolness-Welle, einem Patchwork-Paradies, kurzum zum Himmel auf Erden im 21. Jahrhundert hochgeschrieben wurde, könnte man jetzt, da Bettina und Christian Wulff wieder getrennte Wege gehen, ohne Übertreibung sagen, dass dieses Paar erst im Moment der Auflösung zu seiner wahren Bestimmung fand. Ohne Häme.

Ohne Trennung kein Patchwork, ohne Ende kein Anfang, ohne Zäsur letztlich keine Erfahrung. Nur eine kurze Ehe ist eine gute Ehe. Das wusste schon Tolstoi.

Man muss sich ja am Frühstückstisch noch in die Augen blicken können. Wie viele Paare kennen Sie, die das noch, sagen wir, einfach so können? Aus jener allseits gelebten Praxis der disharmonischen Symbiose, die viele für Liebe halten, haben die beiden nun den Befreiungsschlag gewagt. Dafür muss man ihnen Respekt zollen. Es hätte günstigere Zeitpunkte als zu Beginn des neuen Jahres gegeben, noch bevor der Rücktritt von Christian Wulff mehr als ein Jahr zurück lag. Der Spott der anderen ist den beiden sicher. Andererseits: Den richtigen Moment für eine Trennung gibt es nicht.

Streng genommen war nun alles umsonst. Sie erinnern sich, mit dem faulen Kredit für das neue Heim in Großburgwedel, dass die beiden frisch Verliebten nach der Trennung von Christian Wulffs erster Familie bezogen hatten, fing alles an. Dadurch war jener Stein ins Rollen gekommen, der dann auch noch die kostenlosen Urlaube, die bis heute nicht ganz geklärte Akquise von Sponsorengeldern für den Nord-Süd-Dialog, die Sache mit dem Rubikon und so weiter und so weiter ans Tageslicht brachte. Aber da es in einer Patchwork-Realität keine große Moral der Geschichte mehr gibt, sondern nur noch Splitter, Fasern und einzelne, ungeordnete Elemente, muss man nach dieser auch nicht mehr fragen. So gesehen, nein, umsonst war all das nicht.

Kommentare (29)

Verwendungszweck 12.01.2013 | 12:23

Ich denke, auch nachdem der interessierte Leser durch ihr Buch etwas mehr von ihrer Innenwelt erfahren konnte, dass Bettina schon bei ihrer Heirat, ach was, schon bei ihrem Entschluss, mit dem Wulff etwas mehr anzufangen, geahnt hat, dass sie schon coolere Freude hatte.

Wulff hat dann sicherlich im Laufe der Zeit öfter mal gemerkt, dass er Bettina schon noch ein bisschen mehr bieten muss als nur sich selbst. Stoff für mindestens ein viertel Drama.

Achtermann 13.01.2013 | 14:49

"Ein Null-Artikel."

So würde ich das nicht sagen. Ich habe schließlich eine Erkenntnis, ja, eine Lebensweisheit gewonnen: "Nur eine kurze Ehe ist eine gute Ehe."

Sollte ich mal wieder zu einer Hochzeit eingeladen sein, werde ich diesen Poesie-Spruch an die Geschenkeverpackung heften. Die Beiden sollen doch nicht etwa die Illusion haben, sie hätten einen Bund fürs Leben geschlossen.

Berufsjugendlicher v2.0 14.01.2013 | 00:18

Ähnlich, fast nüchterner ist auch ein Artikel im Spiegel.

Der Autor sieht darin eine "Konsequenz" was hier die Autorin "Bestimmung" nennt. Die Reflektion darüber grenzt sich ja gegen den füheren Hype ab und das finde ich auch anständig. Was ich mich nur frage, wieviel Frau Hensel dem früher erschienenen Artikel im Spiegel verdankt? Die Ähnlichkeit ist für mich frappierend.

Hotcha 14.01.2013 | 16:07

Ich finde es unfair, den Frust über Katrin Zinkants Weggang auf diesen Artikel abzuladen. Allerdings war mir auch nicht klar, was der Artikel im gedruckten Freitag zu suchen hatte (den ich mir jedesmal kaufe, wenn ich einmal im Jahr in Wien bin, hier in Biel gibts ihn ja nicht). Inhaltlich na ja, und dann noch zeitlich hintendrein wie die alte Fasnacht.

Katrin Zinkant vermisse ich auch sehr. Aber das geht der Red. bestimmt genau so. Vielleicht sucht sie ja schon Ersatz. Hoffentlich.

oranier 29.01.2013 | 18:44

Auf das oder auf den Schild gehoben: nicht so wichtig. Interessant aber die Herkunft der Redensart, finde ich.

"das mit den Wulffs finde ich keine größere Debatte mehr wert." - meine Rede!

"mitmotzen, aber nicht so dolle": da steht erfahrungsgemäß Magda vor, durch dolleres Motzen. Oder fällt dir da auch nichts mehr ein?

@ Hans Springstein

"Aber auch ein Kropf ist ja gewissermaßen nur sichtbarer Ausdruck für ein tiefer liegendes Problem des betroffenen Körpers".

Also immer hübsch auf die Oberbayern, gell?

Im alten "Simplicissimus" gab es mal eine Karikatur: ein älteres Ehepaar, sie im Dirndl (hab vergessen, wie ausgefüllt), er mit Kropf in Krachlederner und mit Gamschbarthut, sitzt beim Abendbrot. Sie: "Sag mal Xaver, willst du dir den Kropf nicht mal wegoperieren lassen? Er: "Jo freili, dass ich ausschaug wie a Preiß!"

Grüße

oranier