Jakob Augstein
26.02.2011 | 10:00 71

Dr. Mogel und Frau Merkel

Plagiat Springers Hausminister will die politischen Standards im Land verschieben. Die Kanzlerin macht mit – und geht dabei ein Risiko ein

Wenn seine Karriere bedroht ist, macht Karl Theodor zu Guttenberg kurzen Prozess. Er hat gemerkt, dass er sich selbst gefährlich werden kann. Also hat er sich von sich selbst distanziert. Der Doktor Guttenberg wurde ebenso beherzt geopfert wie seinerzeit der General Schneiderhan nach dem Kunduz-Skandal oder der Schulschiffer Schatz nach der Gorch-Fock-Affäre. Es ist ein bewährtes Verfahren, für das der Evangelist Matthäus in der Bibel, Abteilung Krisenmanagment, diese Beschreibung findet: „Ärgert Dich Dein rechtes Auge, so reiß’ es aus und wirf es von Dir. Es ist dir besser, daß eins deiner Glieder verderbe, und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.“ Bevor sein body politic in die Hölle der bayerischen Provinzpolitik zurückgeworfen wird, würde Guttenberg sich und anderen in Stücke reißen. Hauptsache es bleibt in Berlin etwas Ministertaugliches von ihm übrig

Instabile Größe in Merkels politischem Kosmos

Aber ministertauglich ist er eben nicht. Der Mann, der eine zeitlang Hoffnungsträger der Politik war, entpuppt sich als Hochstapler und Witzfigur. Fragt der Praktikant im Verteidigungsministerium: Wo ist denn der Kopierer? Antwort: Auf Truppenbesuch in Afghanistan. Das wird Guttenberg nie mehr los.

Der CSU-Mann setzt seine Hoffnung da­rauf, dass die Substanz der Politik die Person sei und der Rest – Doktor, Glaubwürdigkeit, Anstand – nur Akzidenzien. Nachdem seine bisherige steile Laufbahn schon die politische Schwerkraft transzendiert zu haben scheint, will Guttenberg nun auch die deutsche Restmoral transzendieren.

Angela Merkel hat sich hinter ihn gestellt. Anders als gewohnt hat sie Position bezogen. Nach der verlorenen Hamburg-Wahl glaubte sie wohl, nicht anders zu können. Sie ist damit ein hohes Risiko eingegangen. Die Kanzlerin deckt den Fälscher und muss nun seinen moralischen Makel mit ihm teilen. Und, was aus ihrer Sicht vermutlich schlimmer ist, die Machtphysikerin Merkel muss sich von nun an mit der Guttenbergschen Unschärferelation herumschlagen, die, in Anlehnung an ihr quantenphysikalisches Original, besagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften eines Teilchens nicht gleichzeitig zu bestimmen sind. Im Falle Guttenbergs sind das sein unbändiger Ehrgeiz auf der einen und seine politische Halbwertszeit auf der anderen Seite. Der Shooting Star der deutschen Politik ist in Wahrheit eine instabile Größe in Merkels politischem Kosmos: zu viele erratische Bewegungen. Merkel setzt sich dem aus. Das kann sich rächen. Mitgehangen, mitgefangen. Wenn er stürzt, kann sie sich rechtzeitig losmachen?

Unsinniges Argument

Gemeinsam mit Hunderttausenden von Gefolgsleuten im Internet und mit Hilfe der Springer-Presse redet sich die Kanzlerin jetzt ein, dass Guttenbergs Unglaubwürdigkeit als Doktorand von seiner Glaubwürdigkeit als Politiker loszulösen sei. Das ist nicht plausibel. Es muss sich auch beim glühendsten Freiherren-Verehrer ein unangenehmes Störgefühl einstellen, ein leises Nagen, dass hier etwas nicht stimmt. Das ist ein Kennzeichen jenes sozialpsychologischen Zustandes, den man kognitive Dissonanz nennt. „Mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend, und das ist das, was für mich zählt“, macht sich die Kanzlerin Mut. Aber das Wissen darum, dass Guttenberg sich in Wahrheit in einer für einen Minister untragbaren Art und Weise verhalten hat, lässt sich nicht so leicht aus der Welt schaffen. Um so heftiger die Angriffe der Guttenberg-Verteidiger auf dessen Kritiker. Da ist eine merkwürdig trotzige Haltung zu spüren, ein wütender Vorwurf: „Den lassen wir uns von euch nicht kaputt machen.“ Aber es sind keine bösen Mächte am Werk, wenn Guttenberg sich von Teilen der Medien und der Politik heftig kritisiert sieht. Es sind die einfachen Regeln des Anstands, die seinen Rücktritt fordern.

Merkel, die Bild-Zeitung und Guttenberg selbst verlassen sich auf ein selbstgerechtes Volksempfinden. Sie schüren ein Murren entlang der Bruchlinie zwischen „wir hier“ und „ihr da“. Auch das ist gefährlich. Es ist das gleiche Murren, mit dem sich die Gemeinde der Gläubigen gegen die schlichte Wahrheit gestemmt hat, dass jener andere Heilige des moralischen Prekariats, Thilo Sarrazin, in seinem Buch vor allem schlichten Blödsinn geschrieben hat. Das Argument der Guttenberger, wir hätten Wichtigeres zu tun, als uns mit den Fußnoten des Ministers zu befassen, ist natürlich vollkommen zutreffend – und vollkommen unsinnig, wie Jürgen Kaube in der FAZ beschrieben hat: „Es gibt auch Wichtigeres als Steuerhinterziehung, Fahren im angetrunkenen Zustand, ..., und was nicht noch alles. Soll man darum nicht sagen dürfen, worum es sich handelt?“ Um Täuschung nämlich. Daran ändert auch die schiere Masse derer nichts, die mit dem Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner zusammen sagen: „Scheiß auf den Doktor.“

Wenn es Guttenberg gelingt, im Amt zu bleiben, wird er endgültig in Springers Hand sein. Der Hausminister der Bild-Zeitung. Der Dieter Bohlen der Politik. Und so wie der Pop-Titan Bohlen ohne Bild nicht denkbar ist, wird dann auch der Polit-Olympier Guttenberg ohne Bild nicht mehr denkbar sein. Das Boulevard-Blatt hat ihre Leser jetzt schon auf Seite eins über Guttenbergs Verbleib im Polit-Container abstimmen lassen. Was für ein Schicksal für einen Politiker, der alles anders machen wollte.

Kommentare (71)

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Ehemaliger Nutzer 26.02.2011 | 11:23

Merkel steht jetzt da wie des Kaisers neue Kleider.
Die Leute stehen jetzt am Straßenrand und rufen, dass ihr Minister doch betrogen hat und sie das auch noch akzeptiert.
Solch eine Prozedur hat es in Deutschland wirklich noch nie gegeben. Der ganze CDU/CSU- Haufen weiß über den Betrug, sucht aber heuchlerisch die Schuld bei der Oppostion. Die würde nur neidisch dem Herren nach Gutsherrenart eins auswischen wollen. Sie sprechen verantwortungslos von Fehlern, nur um das richtige Wort Betrug nicht benennen zu wollen. Was Deutschland jetzt augenblicklich regiert, ist ein heuchlerischer Haufen pur. Für diese Regierung kann und muss man sich nur schämen.

HolgerS 26.02.2011 | 11:37

... zudem ist es süß, wie sich "Mutti" Merkel um ihren Jüngsten kümmert. Sie lässt ihn nicht im Regen stehen und sorgt auch dafür, dass sich die immer und ewig ganz christlich um Ehre, Anstand Moral bemühten Tanten und Onkel aus der CDU/CSU seiner annehmen und ihm noch einmal richtig zeigen, was sie unter "Glaubwürdigkeit" verstehen.
Das hat schon bei Kohl funktioniert, aber auch bei Schäuble, Koch und anderen. Warum - die Halbwertzeit von Gedächtnisleistungen in Erinnerung - nicht bei ihm?
Karl Theodor - ungeachtet des Schocks für ihn, dass sein Betrug aufgeflogen und sich ggf. auch noch als juristisch relevant entpuppt - sollte allerdings noch eine gewisse Empfindlichkeit dafür entwickeln können, wie es sich anfühlt, als Hampelmann zu hängen an den Schnüren, die andere führen.
Das fürsorglich-uneigennützige Denken und Handeln von "Mutti" und "Onkel" Horst ist bekannt und sorgte schon bei einigen für ein fröhliches Erwachen.
Wünschen wir es auch ihm.

Verwendungszweck 26.02.2011 | 11:53

"Der Hausminister der Bild-Zeitung" nett. Aber seien wir mal ehrlich, kann es überhaupt einen Minister ohne zumindest der Duldung der Bild geben?

Gutti ist, wie Gutti eben ist. Man kann sich ja auch dran freuen, dass wir so was haben. Man darf sich halt keine Politik mit Wert von ihm erwarten.

Oder ganz gewagt mit Nordafrika im Sinn: Vielleicht ist er das destabilisierende Momentum, das in Deutschland den Umsturz ermöglicht?

Uwe Kampmann 26.02.2011 | 12:00

Guttenbergs Auftreten ist nicht unüberlegt. Er weiss, alles was hier in Deutschland geschieht wird auch vom Feind in der Ferne gesehen. Er mag auch die als dümmste Entschuldigung erscheinende Ausrede für sein Handeln vortragen, so wie er erklärte, "Blödsinn gemacht zu haben", " er habe die Übersicht verloren"," seine Familie habe ihn stark in Anspruch genommen." Simpler geht es nicht. Diese Art von Erklärungen geben ihm Deckung und lassen ihn harmlos erscheinen. Die Frage ist, taugt er als Oberbefehlshaber für eine Armee ? Als subalterner Offizier taugt er für die Umsetzung der Pläne eines übergeordneten Planungsstabes. Als Wegbereiter einer neuen Politik, können sich die USA keinen willfährigeren Mann wünschen. Zwar ein Mann mit unangenehmen Fehlern, da benötigt er noch etwas Schliff aber ansonsten ein Mann, dem auch der strenge Finanzminister Wolfgang Schäuble noch eine große Laufbahn vorhersagt. Guttenberg hat Protegés in Europa und in den USA die ihn aus dem Hintergrund fördern. Guttenberg will, wie die Zielrichtung seiner missglückten Doktorarbeit zeigt, Europa in ein neues Korsett wirtschaftlicher und politischer Interessen bringen. Er muss sich verstellen können um die Absicht seiner Handlungen zu verdecken und das ist nicht so einfach, wenn man häufig von Kameras umgeben ist. Zu Guttenberg beweisst ein großes Talent als Verstellungskünstler und sieht sich vermutlich in der militärischen Disziplin eines Preußen auch wenn er sich dahinter als Bayer versteckt.

Zitiat aus: Die Generalprinzipien des Krieges und ihre Anwendung auf die Taktik und Disziplin der preußischen Truppen. Autor: Friedrich der Große:

"Die Kunst, seine Gedanken zu verbergen, oder die Verstellungskunst ist für jeden, der große Geschäfte zu leiten hat, unentbehrlich. Die ganze Armee liest aus der Miene des Heerführers, wie seine Sache steht. Sie prüft die Ursachen seiner guten und schlechten Laune, seine Gebärden; mit einem Worte: nichts entgeht ihr. Ist er nachdenklich, so sagen die Offiziere: »Sicherlich hat unser General etwas Großes vor.« Sieht er traurig oder verdrießlich aus: »Ach!« heißt es dann, »die Dinge stehen übel.« Und ihre Einbildungskraft, die sich in leeren Mutmaßungen ergeht, sieht alles schlimmer, als es ist. Solche Gerüchte entmutigen; sie laufen durch die ganze Armee und dringen aus Eurem in das feindliche Lager. Darum muß der Heerführer wie ein Schauspieler sein und die Miene aufsetzen, die ihm die Rolle, die er spielen will, vorschreibt. Kann er das nicht über sich bringen, so muß er lieber eine Krankheit vorschützen oder sich irgend einen Scheingrund ausdenken, um die Öffentlichkeit irrezuführen. Trifft eine schlimme Nachricht ein, so stellt er sich, als mache er sich gar nichts daraus, und prahlt mit der Zahl und Größe seiner Hilfsmittel. Er verachtet den Feind öffentlich und respektiert ihn im geheimen."

frty2 26.02.2011 | 12:06

Frau Merkel ist in einer ausweglosen Bredouille gelandet. Entlässt sie Guttenberg muss sie entweder einen neuen Verteidigungsminister aus der CSU finden oder das Kabinett komplett umbauen. Beides ist aufgrund der anstehenden Landtagswahlen ausgeschlossen. Die zweite Option ist an Guttenberg festzuhalten und dafür bedarf es einer moralischen Legitimation, einem negieren der gegen ihn erhobenen Vorwürfe. Dafür wird er zum Opfer und Vorbild stilisiert und versucht mit Hilfe der kognitiven Dissonanz in der Bevölkerung eine "Trotzreaktion" auszulösen. Und diese Unterfangen gelingt zur Zeit auch par excellence. Jeder Angriff auf KT stärkt ihn in Wahrheit noch weiter. Er kann höchstens noch durch den Staatsanwalt gestoppt werden....

baumhoff 26.02.2011 | 12:21

Danke für den scharfzüngigen Artikel!

In meiner Wahrnehmung geht es um zweierlei: Das Plagiat und den Umgang damit.

Plagiat ist schlimm genug. Schlimmer fand ich die ignorante Art des ministerialen Umgangs damit. Gutenberg wähnt sich über den Dingen stehend. Der Mann hat einfach keine Moral!

Der Mangel an Anstand und Moral missfällt mir persönlich am meisten. Er hat diese Affäre sehr, sehr schlecht gemeistert und deshalb sollte er zurücktreten. Er ist wegen seiner Unaufrichtigkeit und den endlosen Manipulationen nicht mehr glaubwürdig.

Aber so oder so: für mich ist er als Politiker erledigt - er schauspielert lediglich, er besetzt die Rolle, sonst nichts. Das wird früher oder später auf Merkel abfärben. Mir missfällt es sehr, wie sie die Affäre behandelt.

Graureiher 26.02.2011 | 12:39

Die BILD-Zeitung ist nicht die oberste Instanz in dieser Hierarchie. Denken wir mal zurück ins Jahr 1998. Fischer wurde Außenminister. BILD und die angeschlossenen Abteilungen der CDU starteten zu einer massiven Kampagne gegen ihn wegen seiner Streetfighter-Vergangenheit. Diese ebbte dann aber sehr schnell ab, nachdem Fischer seinen US-Antrittsbesuch gemacht hatte. Die wirklichen Dirigenten der deutschen Außenpolitik pfiffen Springers Bluthunde zurück, nach dem Motto: Finger weg, der gehört uns! Und Fischer fraß anschließend seinen neuen Herrchen, bzw. seinem Frauchen Madeleine Albright, aus der Hand.
Guttenberg scheint mir ein Perspektivagent eben derselben Kreise zu sein, die einst über Joseph Fischer die deutsche Außenpolitik steuerten. BILD Co sind lediglich Werkzeuge in deren Händen.

Graureiher 26.02.2011 | 13:27

Nachtrag:
Die jüngere US-Geschichte, aus Sicht der US-Regierenden, zeigt doch sehr deutlich, was alles geht, wenn Politik und Presse fest zusammen stehen. Bushs Irak-Lügen, die in der Konsequenz zehntausende, wenn nicht hunderttausende Iraker das Leben kosteten, haben dem Präsidenten in keiner Weise geschadet. Er wurde sogar glorreich im Amt bestätigt. Im Vergleich dazu ist die fingierte Doktorarbeit des Lügenbarons doch wirklich eine Lappalie. Was liegt aus US-Sicht also näher, als am Lügenbaron festzuhalten?

Angelia 26.02.2011 | 15:58

Klasse, des Pudels Kern treffender Beitrag, Herr Augstein. Vielen Dank. Dass sich aus einer bloßen medialen Imagekampagne plötzlich das ganz persönliche Fegefeuer der Eitelkeiten für Herrn zu Guttenberg entwickeln würde, haben sich sicher weder der Feiherr noch die Bildzeitung ausgerechnet. Ich glaube kaum, dass man Herrn zu Guttenberg lange bitten musste, um sich auf diese Imagekampagne einzulassen. Der Schuss ging für Ihn nach hinten los. Shit Happens auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten und aus diesem Grund hält sich mein Mitgefühl in Grenzen.

Zwar scheint die irrationale Sehnsucht nach wahrhaftigen Lichtgestalten während orientierungsloser Krisenzeiten groß zu sein. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung fühlt sich durch Spitzenpolitiker nicht mehr vertreten sondern hintergangen. Hinter der Sehnsucht nach einem aufrichtigen Kerl steckt ja auch eine Menge Hoffung auf Erlösung von den Übeln, unter denen immer mehr Menschen leiden. Aber genau deshalb wiegt die Enttäuschung über Täuschungen über und durch die Person doppelt schwer, weil die künstlich erschaffene Lichtgestalt sich dann doch als “Nur-Mensch” entpuppte.

Aus der konstruierten Lichtgestalt zu Guttenberg wird Herr Jedermann. In weniger krisenhaften, faireren, gerechteren und wertstabileren Zeiten wäre dieser Vorfall vielleicht nur einer von vielen und ein Grund zum Schmunzeln gewesen. Frei nach dem Motto, auch ein Freiherr ist einer von uns - ein fehlbarer Mensch.
Doch die Erkenntnis, dass ein zu Guttenberg eben nicht Erlöser vom Übel, sondern Teil des Übels ist, ist eine bittere zu schluckende Pille.
.
Die krisenhaften Umstände machen Herrn zu Guttenberg zum Symbolträger des Werteverfalls in der Deutschen Politik. Ein Mann mit fehlgeschlagener Karrierestrategie, zur falschen Zeit am falschen Ort. Dafür kann man wohl kaum die Medien verantwortlich machen, die im Grunde nur, business as usual, ihrer Arbeit nachgingen.

Frau Merkel macht eigentlich das, was man von einer guten Chefin erwartet. Sie steht zunächst hinter ihrem Mitarbeiter. Doch wenn dieser Mitarbeiter weder der Chefin noch dem Unternehmen langfristig nutzt, sondern statt dessen schadet, wird sie sich von ihm trennen. Wäre zu Guttenberg der gewesen für den wir ihn hielten, hätte Frau Merkel ihn wohl, nach ihrer Logik, längst abschreiben müssen.

Beste Grüße Angelia

karamasoff 26.02.2011 | 16:36

Sehr schön. Endlich mal jemand, der Klartext schreibt.

Daß parteiparlamentarische Politik in einer deutschen demokratischen Republik ein Krebsgeschwür ist, dürfte jedem klar sein, der noch einigermassen Nachdenken kann.

Daß das auch nicht mehr als ein Spiel ist mit den zwei Grundvarianten Sieger/Verlierer und Spielen-um-des-Spieles-Willen, dürfte auch einleuchten. Für die Allgemeinheit ist die erste Variante die bitterste, denn sie teilt die Gesellschaft eindeutig auf.

Zu den Gefolgsleuten im Internet, möchte man schon gar nicht mehr Stellung beziehen. Muss man aber, und zwar in aller Deutlichstkeit!
Denn was dort stellenweise an Kommentaren (und inzwischen schon an Zensuren) stattfindet ist nicht nur die grösste Ansammlung an Borniertheit, blindestem Gefolgsgetümel, Argumentationslosigkeit, sondern verlääst meines Erachtens stellenweise schon die Festungsmauern aufgeklärter Demokratie.
Das ganze gabs schonmal in Reinkultur und ich traue diesem Adelspopanz und Verteidigungsministranten samt seiner stürmerhaften Journaille und deren bild-ungsblinden Bagasche inzwischen alles zu.

Knallchargenrepublik.

"Pleite glotzt euch an restlos" aus Carl Einstein "Die Pleite"

Uwe Kampmann 26.02.2011 | 16:41

@ Angelina
Im Juni 2010 waren in der öffentlichen Liste des Präsidenten des Deutschen Bundestage über die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern ( Lobbyisten ) 2136 Verbände registriert, die den Zugang zu den Abgeordneten suchen und pflegen. Sie sind Teil der Mogelpackung die nach aussen das Etikett trägt: " Der Abgeordnete ist seinem Gewissen verpflichtet."
Die BILD Zeitung ist nur ein winziger, sichtbarer Teil derer, die den gewissenlosen Schummler im Amt halten will, die richtig Großen halten sich bedeckt im Hintergrund. Moralische Empörung ist ihnen fremd.

Grüßchen aus Offenbach a.M.
Uwe Kampmann

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justintime 26.02.2011 | 17:03

Das Problem: Guttenberg kann nicht einmal mehr GLAUBWÜRDIG zurück treten, will heißen, selbst ein Rücktritt kann seine verpfuschte politische Akzeptanz nicht wiederherstellen, der käme 2 Wochen zu spät.
Der "richtige" und damit "heilende" Zeitpunkt für einen Rücktritt wurde verpasst: der letzte Termin war der Montag vor der Fragestunde im Bundestag.

Wahrscheinlich tritt er auch deshalb jetzt nicht zurück, es würde ihm nichts bringen.
Ihm scheinen seine eigenen Postulate zu Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Fair Play wenig zu bedeuten und auch nicht die Tatsache, dass er mit seinem Tun das Ansehen von Politik im Allgemeinen erheblich beschädigt hat.

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jps-mm 26.02.2011 | 17:50

Top-Juristen sehen Beweise für Vorsatz

Guttenberg hat sich bisher gegen den Vorwurf des Vorsatzes verwahrt und lediglich "gravierende handwerkliche Fehler" eingeräumt. Er betont stets, nicht wissentlich getäuscht zu haben, sondern bei der Vielzahl der Quellen etwas den Überblick verloren zu haben.

Mehrere namhafte Juristen sehen die Beweise allerdings als erdrückend an, dass der Verteidigungsminister mit Vorsatz gehandelt hat. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war", sagte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend dem SPIEGEL.

Der auf Streitereien um Examensarbeiten spezialisierte Rechtsanwalt Michael Hofferbert urteilte: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan." Der frühere Verfassungsrichter Winfried Hassemer sagte: Selbst wenn der faktische Beweis nicht vorliege, seien "Juristen gut darin geübt, den Vorsatz aus den äußeren Umständen einer Tat zu schließen".

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,747880,00.html

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jps-mm 26.02.2011 | 17:51

"Wir sind einem Betrüger aufgesessen"

Frontalangriff aus Bayreuth: Der Juraprofessor Oliver Lepsius von der dortigen Universität äußert sich in der Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg schärfer als es die Hochschule bislang gewagt hat. Der Nachfolger von Guttenbergs Doktorvater attestiert dem Minister "Realitätsverlust".

Nun ist Lepsius, 47, dort nicht nur Professor der Jurisprudenz, sondern auch, was der Sache zusätzlich Brisanz verleiht, Nachfolger auf dem Lehrstuhl von Peter Häberle, Guttenbergs Doktorvater.

Und er hat eine sehr klare Meinung über den ehemaligen Doktor: Lepsius hält den Verteidigungsminister für einen Betrüger. "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Es ist eine Dreistigkeit ohnegleichen, wie er honorige Personen der Universität hintergangen hat."

www.sueddeutsche.de/politik/plagiatsaffaere-um-guttenberg-wir-sind-einem-betrueger-aufgesessen-1.1065263

Manrodyl 26.02.2011 | 17:53

Die Christlichen,sie haben eben ihren Bonus. Da beisst die Maus keinen Faden ab.
Mutti Merkel mit ihrer Vergangenheit,damit meine ich nicht die lässliche Sünde als Sekretärin für Agitation und Propaganda bei der FDJ. Es geht um die Bespitzelung vom DDR Regimekritiker Havemann und dessen Sohn. Hat da je ein Hahn danach gekräht? Ein damals 17 Jähriger wird von der Stasi für Spitzeldienste geködert,es kommt raus,schon verliert er seinen Job bei der Birthler Behörde. Wo bleiben da die Maßstäbe?
Oder Kohl mit seinem Ehrenwort, Koch mit seinen jüdischen Vermächtnissen,Schäuble mit seiner Parteispende,alles perlt von den Pseudochristlichen wie von Lotusblütenblättern ab. Geschadet hat es den Christlichen im Grunde nie.
Springer,Holzbrink und Co waren stets zur Stelle,um die,, Christen " vor dem allerschlimmsten zu bewahren.

Das einzige was hilft,wenn die Opposition jedesmal die Sprache auf den Baronim Bundestag kommt,ihn als das zu bezeichnen,womit der Herr Trittin schon angefangen hat,ihn als Betrüger zu bezeichnen.
Angedroht hat der Baron ja schon mit einer Anzeige wegen übler Nachrede.
Mal sehen ob er sich wirklich traut.

zephyr 26.02.2011 | 18:55

Guttenberg sagte vor dem Parlament, er habe Fehler gemacht, aber diese seinen ihm weder "bewusst noch vorsätzlich" unterlaufen. Das ist eine ungeheurliche Aussage, räumt der Verteidigungsminister doch ein, nicht nur planlos sondern bewusstlos gehandelt zu haben. Ich darf mir nicht vorstellen, welche Direktiven, Anweisungen, Erklärungen und/oder Verträge er in Zukunft noch unterschreibt, ohne bei Bewusstsein zu sein.

Uwe Kampmann 26.02.2011 | 19:55

Herrn Guttenbergs Bewusstsein wird ausreichen sich schweren Seegang vorstellen zu können, wenn die Gorch Fock spätestens Anfang Mai in Kiel vor Anker geht. Eine Lapalie wird das nicht für den Herrensegler Guttenberg. Das Schiff trägt eine schwere Last. Guttenberg wird sich schon jetzt mit seinen Beratern betütern. Ein Blick in das Logbuch der Gorch Fock wird ihn davon überzeugen, nicht auf einem Musikdampfer zu sein. Vielleicht pfeifen ihm die Kadetten zur Begrüßung das "La Paloma" und singen an der passenden Stelle: "mein Kind sei nicht traurig, tut auch der Abschied weh." Abmustern oder baden gehen, die BILD Zeitung hätte die Wahl oder einfach nur vom Kurs abgekommen. Guttenberg sollte dann auf jeden Fall eine zweite Chance bekommen, als Fischer auf dem Bodensee.

euklid 27.02.2011 | 03:29

Mich wundert dass es im Netz bei mehreren Quellen ein "Guttenberg Dossier" gibt, das, oder Hinweise darauf, in keiner der lobenswerten Arbeiten erwähnt wird.

Es gibt dort nämlich durchaus interessante Aspekte der freiherrlichen Aktivitäten, die mir in den betrachteten Zusammenhängen mindestens so interessant erscheinen wie die jeweils Erwähnten.

Googeln hilft.

Brett 27.02.2011 | 11:14

Witzigerweise wäre die "Bild" die einzige Instanz gewesen, die Merkel aus ihrem Dilemma hätte heraushelfen können. Nämlich indem "Bild" eine Volksmeinung simuliert hätte, die das befürwortet hätte. Dann wären alle dafür gewesen und damit wäre das Aus von Guttenberg für Merkel vermittelbar gewesen.

"Bild" hat aber die ungebrochene Beliebtheit simuliert und die Anhänger zu Meinungskämpfen pro G. aufgestachelt. Diese "Unterstützung" ist ja auch Druck auf Merkel gewesen ihn zu halten. Nun kann Merkel gar nicht mehr anders, als auch so tun, als würde sie G. für eine politische Begabung halten. Im Kabinett glaubt das sicher keiner mehr.
Es ist sehr schwer zu trennen, wo es in den Debatten um Moral und wo um politischen Kampf geht. Ich glaube, es ist weit mehr Kampf. Deshalb kämpfen die Anhänger weiter und beteuern, G. für eine politische Fürhungskraft "von Format" zu halten. Jeder spürt oder weiß aber, dass ihm Format fehlt.
Sie haben vollkommen recht: Der Betrug gegenüber der Universität bleibt kleben. Und ebenso das unglaublich schwache Krisenmanagement Guttenbergs nach Entstehen der Affäre.
So trägt "Bild" gerade mit ihrer verkämpften Guttenberg-Treue paradoxerweise zur Schwächung der Koalition bei.

Grundgütiger 27.02.2011 | 12:08

Der Untergang von Reichen, Dynastien oder sonstwie gearterter Herrschaft hängt oft nicht unwesentlich vom Verhalten der Handelnden ab.
Bestimmen Sie doch die Entwicklung maßgeblich mit.
Wenn Frau Merkel jetzt die Deckung dieses Wechsels von KTG übernommen hat, ist dies ein nicht ungefährliches Spiel. Da bin ich mit JA einer Meinung.
Ich gehe schon einen Schritt weiter, Ist die CDU/CSU/ FDP überhaupt noch in der Lage, die aufkommenden Probleme zu lösen?
Und damit meine ich nicht nur die Umverteilung, sondern generell der Umgang mit den Widersprüchen dieser Zeit.
Hatte doch schon Kohl "bleiernde" Zeiten fabriziert, die eine schwere Decke über unser Land gelegt hatten, so ist seine Schülerin nicht gerade mit mehr Phantasie gesegnet.
Die CDU erscheint mir immer mehr als ein Konstrukt der Vergangenheit. Absolut nicht zukunftstauglich.
Und ich glaube fest daran, gäbe es im Moment eine politische Alternative, währen Gaukler wie KTG nicht haltbar.
Es gibt aber keine.
Und damit müssen wir, fürchte ich, noch eine Weile leben.

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Ehemaliger Nutzer 27.02.2011 | 12:20

Ganz genau, Herr Augstein -

"Aber ministertauglich ist er eben nicht" -
nein, ganz und gar nicht.

Von all den hahnebüchenen (schon fast hilflos wirkenden) Erklärungs- und Verschleierungsversuchen unseres exdoktoralen BILDungs- und hoffentlich in Bälde Ex-Verteidigungsministers, durch die er sich selbst immer noch tiefer in den Ehrtod-Sumpf hinabzieht, einmal abgesehen - ist er als Minister absolut untragbar geworden.

Er ist ein Betrüger und hat sich vollkommen unehrenhaft verhalten - und Frau Merkel erweckt durch ihre verharmlosenden Äußerungen zu dieser Sache den Eindruck, mit Begriffen wie "Anstand", "Ehrlichkeit" und "Ehre" ebenfalls nicht sehr viel anfangen zu können - und ohne sich dessen bewusst zu werden, hat sie durch ihre "Rückendeckung" auch schon einen Fuß in besagtem Sumpf. Igitt!

Sehr guter Artikel, Herr Augstein!

la borsa 27.02.2011 | 12:42

1. Schavan doziert: "Ob und Wie ein Akademiker seiner Doktor macht", ist unwichtig.

2. Frau Merkel meint vollbrüstig: "Ich habe keinen Assistenten eingestellt".

Was soll man von einer wertkonservativen Partei halten, wenn nur einer, nämlich der Böhmer, auf die Barrikaden geht. Der Rest kuscht.

Die CDU hat sich als wertkonsvervative Partei zur Hure der Macht gemacht. Man darf gespannt sein, ob diese Geisteshaltung in Baden-Württenberg bestraft wird. Sollte sich die Pöbel-Haltung durchsetzen, dann müssen wir in der Tat über die Modernisierung unserer Demokratie nachdenken.

Uwe Kampmann 27.02.2011 | 16:05

@ Brett schreibt:"Nun kann Merkel gar nicht mehr anders, als auch so tun, als würde sie G. für eine politische Begabung halten. Im Kabinett glaubt das sicher keiner mehr."

Im globalen Machtspiel ist Berlin nur eine Provinzstadt. Der Verbleib Guttenbergs wird nicht in Berlin entschieden. Die Karriere des Mannes, dessen Kriegspolitik mehrheitlich vom deutschen Volk abgelehnt wird, aber dessen Popularitätswerte ihn als Nr.1 auszeichnen, ist ein Mann, der gehalten werden muss. Nicht anders als in den Zentralkomitees in Russland, China oder Nordkorea wird in Washington entschieden. Die Parlamentarier haben in den höchsten Interessenlagen nur den Charakter von Klatschnasen.

2008 im US amerikanischen Wahlkampf kündigte Barack Obama an, Guantánamo zu schließen und die verantwortliche Folterer vor Gericht zu bringen. Seitdem er der Wahl gewonnen hat, hat er nichts davon umgesetzt. Die CIA wird ihm mitgeteilt haben: " Mr. President, wenn Sie unsere Leute nicht schützen können, dann können wir Sie auch nicht schützen." So reicht ein Satz, um Politik zu machen, vorbei am Präsident, vorbei am Parlament.

Guttenberg ist " a most lovely Minister ", ein Satz genügt um Angela Merkel klarzumachen, das sie nicht unantastbar ist in ihrer Macht als gewählte Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
Guttenberg wird gebetsmühlenartig von vielen seiner Kollegen und vielen Kommentatoren nachgesagt, als Verteidigungsminister wäre er großartig und habe schon ein Lebenswerk geschaffen, er könne auf die Soldaten zu gehen und locker mit ihnen sprechen. Das kann jede Marktfrau auf dem Offenbacher Wochenmarkt auch, ihre Lebenswerke sind die Früchte die sie anbauen. Was für Früchte hat Guttenberg angebaut ? Für mich nicht zu erkennen. Er ist ein Titelblattmann, ein Dienstmann, ein Werbemodel für Kriegsgerät. Darum wird er gehalten, von den Buschleuten unseren transatlantischen Freunden.

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justintime 27.02.2011 | 21:58

Rund 20.000 Promovierte und Promovierende haben in einem offenen Brief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in der Guttenberg-Affäre eine "Verhöhnung" aller wissenschaftlichen Mitarbeiter und Doktoranden vorgeworfen. Das berichtet das "Hamburger Abendblatt" (Montagausgabe).

"Durch die Behandlung der Causa Guttenberg als Kavaliersdelikt leiden der Wissenschaftsstandort Deutschland und die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Land der Ideen", heißt es in dem offenen Brief. Merkels Behandlung der Plagiatsaffäre lege nahe, "dass es sich beim Erschleichen eines Doktortitels um ein Kavaliersdelikt handele".

Der offene Brief wurde am Sonntagabend im Berliner Kanzleramt abgegeben.

alf harzer 27.02.2011 | 22:26

Jetzt wird mir sehr klar, oder es fällt mir wie Schuppen von den Haaren, warum zuG. als teflonminister bezeichnet wird.
Es gleitet alles ab, aber vor allem scheint nichts duirchzudringen, in welcher prekären Lage er sich befindet. und Frau Merkel, die sieht nur, dass sie ihn "in der Hand hat" .
schön für so machtgeile Personen wie Frau DR: Merkel. Ist ihr denn auch klar, dass der gegeelte Freiherr sie flugs mit in den Abgrund ziehen kann. Vielleicht haben ja beide Lust am Untergang.
Es sei ihnen gegönnt. Dann wäre der Rest der republik, also ohne die seltsamen Tugendwächter der Union, in der Lage im Ausland nicht diesen jämmerlichen Eindruck weiter zu vertreten.
An anderer Stelle wurde schon ein Vergleich mit Berlusconi gezogen. Am Ende steht der Herr noch besser dar als die Komplizen von Merkel bild und Co.

j-ap 28.02.2011 | 00:06

Ja, der »Aufstand der Anständigen«, courtesy Gerhard Schröder.

Von dem abgesehen gefällt mir nach wie vor am besten, wenn Herr Augstein ein seltsames »Störgefühl« beschwört, ein »leises Nagen« ausgemacht haben will, als sei etwas ganz und gar Arcanes, Numinoses, Außerweltliches im Gange, wenn Frau Bundeskanzler zwischen dem Doktor Guttenberg hier und dem Minister Guttenberg da unterscheiden wolle.

Was gäbe ich darum, würde Herr Augstein diesen Spalt aus Abstraktion und Synthesis auch ganz woanders entdecken, nämlich an der Wurzel.

Wie, welche Wurzel? — Na die, die den Citoyen vom Bourgeois abstrahiert, das Subjekt vom Individuum, die juristische von der natürlichen Person, den Steuerbürger vom Wahlbürger, den Staat vom Kapital, das Geld von der Produktion usw. usf., ad inf.

So könnte sich nämlich dermaleinst ergeben, daß Frau Merkel und Herr zu Guttenberg nicht die Zerstörung von Anstand, Republik und Meritenstolz betreiben, sondern im Gegenteil ihre ganz eigentliche Verwirklichung.

Wie, das versteht keiner?

Achso!

j-ap 28.02.2011 | 00:24

Na scheinbar verstehen Sie's wirklich nicht oder halten es jedenfalls erstaunlich gut versteckt hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen, Rahab.

Dabei müßten gerade Sie zu diesem Thema etwas zu sagen haben, denn diese Wurzel, von der ich da eben sprach, die ist es auch, die den Asylbewerber zum Halb-, Viertel- oder gar Unmenschen macht.

Formale Abstraktion, reale Subsumtion.

Heißend: Rechtsstaat und geschrieben stehend im: Grundgesetz (das alle lieben), zuvor Reichsbürgergesetz von 1935 (das alle verdrängen), davor wiederum Allgemeine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (merke: Menschen und Bürger sind zwei paar Stiefel; da beginnt der Spalt nämlich) von 1789.

N'est-ce pas? Verstehe.

Deshalb schwadroniert ihr hier auch lieber über Anstand, Leistung, Gel im Haar und anderen weltbewegenden Schwachsinn, dressierte Staatsbürger, die ihr seid.

j-ap 28.02.2011 | 00:51

Sie brauchen sich doch nur einmal anzusehen, worin sich die bisherige »Kritik« erschöpft:

Der eine träumt von Lügendetektoren und Eignungstests, der andere befürchtet bei Ausbruch der Freiwilligenarmee Handelskriege — ganz so, als wären die nicht auch schon längst und ganz prima mit der bisherigen Wehrpflichtarmee zu bewerkstelligen —, der Dritte zeigt Photos, auf denen »Arbeit macht frei« nur anders apostrophiert wird, ein anderer zitiert einen bekannten Dozierer, der den Vorsatz aus der Tatfrucht heraus-deduzieren will und Herr Augstein befürchtet von Kabinetts wegen die moralische Erosion des Unterbaus.

... Toll!

j-ap 28.02.2011 | 01:07

Das Blumengedeck habe ich noch vergessen:

20000 Doktoranwärter haben Mama Merkel eine Beschwerde geschrieben, weil sie sich um den Standort Deutschland sorgen.

Haben eigentlich Rainer Brüderle, Wolfgang Clement und Dieter Hundt auch paraphiert? Schließlich sorgen die sich auch schon seit hundert Jahren um den deutschen Standort und unernehmen nun wirklich alles, um auch das kleinste Sandkorn aus dem Verwertungsgetriebe zu entfernen.

GeroSteiner 28.02.2011 | 01:15

Herr Augstein, dem kann ich nur zustimmen.

Funktion und Person zu trennen funktoniert auch im richtigen Leben nicht. Das logische und auch politische Problem ist in Gänze ein emotionales.

Die generöse Rückgabe eines erworbenen Titels fällt halt leichter als die Rückgabe eines angeborenen Titels. Womit allen im Lande mal wieder klar gemacht wird, dass all die herumdokterei doch gar nichts wert ist, Gockelei des Parvenue. Ha! Was ist das denn wert gegen die Ahnengalerie der Edlen, der jahrmillionenalten Adelsgeschlechter. Was ist schon ein Doktortitel? Geben wir den halt großzügig zurück! Das ist eben ein Dreck gegen den richtigen Titel, den man seit 1919 zwar nicht mehr führen darf, der aber von jedem Schmierenblatt mit goldenen Lettern wie eine Prahlwurst auf den Tisch des Hauses geknallt wird.

Nein, das ist kein Neid. Das ist Zorn. Zorn, der zunehmend gespeist wird vom Verhalten einer politischen Führungsriege, die den kategorischen Imperativ für den unangenehmen Teil einer Wettervorhersage hält. Wird's halt ein bisschen stürmisch, wenn man die Öffentlichkeit bescheißt, belügt und mit blöden Sprüchen abspeist.

Feudalherrschaft! Denn - quod licet jovi non licet bovi. Sollte einer seiner Vornamen nicht doch Jupiter gewesen sein?
*grunz!*
*schnorch!*
*grunz!*

Uwe Kampmann 28.02.2011 | 03:05

Kanzlerin Merkel gibt vielen Menschen ein Rätsel auf. Warum hält die promovierte Wissenschaftlerin so verbissen an Dr.ex Guttenberg fest ? Wer vermag darauf eine Antwort zu geben ? Die, die es wissen schweigen oder lavieren sich mit Antworten durch, die wie Nebelbomben geworfen werden. Politik hat auch mit Geheimdiplomatie zu tun. Oft erstaunlich flach wie WIKILEAKS zeigen konnte.

Als die Guttenberg Affäre ins Laufen gekommen war, war Guttenberg einige Tage nach Afghanistan gereist und hat in einem Aussencamp der Bundeswehr genächtigt. Das zeigte, Guttenberg ist mutig, er ist bei seinen Soldaten, so etwas schweisst die Truppe und den Befehlshaber zusammen und signalisiert in die Heimat, einen besseren Verteidigungsminister kann man sich nicht wünschen. Bei seiner Rückkehr, gleich am Abend hatte er ein Vieraugengespräch mit der Kanzlerin. Zum Inhalt des Gespräches gab es keinen Kommentar, es blieb geheim.
Zum Thema Geheimdiplomatie gibt es einen aufschlussreichen Artikel von Egon Bahr in der ZEIT vom 8.9.2009 mit dem Titel: "Drei Briefe und ein Staatsgeheimnis" zu finden unter www.zeit.de/2009/21/D-Souveraenitaet

Guttenberg ist bei der US Administration sehr beliebt, so einen erhält man sich gerne und fördert ihn im eigenen Interesse um das transatlantischen Bündnis stabil zu halten. Was ist da eine verpatze Doktorarbeit. Da kann man gemeinsam drüber hinwegkommen, man muss nur entschlossen zusammen stehen. Am Besten schweigen, egal wer sich empört, und wenn es nicht so richtig klappen will, man wird sich etwas einfallen lassen.
Politik ist ein schmutziges Geschäft. Egon Bahr zeigt auf, wie man deutsche Kanzler zum Vollzug eine fremde Meinung zwingt. Aus Scham haben alle geschwiegen. Egon Bahr hat darüber geschrieben - dafür gebührt ihm Dank. Frau Merkel hat ihren Kopf schon tief in der Schlinge, sie sollte einen Befreiungsschlag führen. Das Zeug dazu hat sie.

Fro 28.02.2011 | 03:57

Merkel wäre dumm, oder erpressbar, wenn sie Guttenberg nicht feuerte. Die Sympathie für Guttenberg wird auf den harten Kern der BILD-Leser zusammenschrumpfen. Ich las gerade einen Artikel über Guttenbergs Doktorvater, der sich zutiefst von ihm enttäuscht zurückgezogen hat. Guttenberg hat das Vertrauen eines alten gutmütigen Wissenschaftlers missbraucht – da wird einem erst die Kaltschnäuzigkeit dieses Typen klar. Ich vermute Prof. Lepsius, der Nachfolger von Prof. Häberle kennt die Geschichte und hat möglicherweise das gesagt, was Guttenbergs Doktorvater gerne gesagt hätte....

Merkel wird vielleicht abwarten, bis sich die Sympathiewerte für G. deutlich gesenkt haben und ihn dann entlassen – m.E. wäre es jetzt soweit. Jeder weitere Tag des Zögerns wird sie 3% der Wählerstimmen kosten – 10-15% hat sie wegen dieser Affäre schon verloren... vermute ich mal.

claudia 28.02.2011 | 17:13

>>Ich las gerade einen Artikel über Guttenbergs Doktorvater, der sich zutiefst von ihm enttäuscht zurückgezogen hat. Guttenberg hat das Vertrauen eines alten gutmütigen Wissenschaftlers missbraucht –
Na, bleiben wir mal auf dem Boden. Die Familie Guttenberg hat der Uni Bayreuth ein erkleckliches Sümmchen spendiert. Da lässt man sich schon mal ein bisserl missbrauchen, oder?

Solche Geschichten hab ich auch schon aus Gymnasien gehört: Sprössling aus reicher Familie droht durchs Abitur zu fallen. Plötzlich bekommt die Schule neue Computer und die Noten des Sprösslings werden besser. Rein zufälliges Zusammentreffen von Ereignissen, versteht sich. :-)
Ich weiss nicht, ob das nur in Bayern so ist.

Marzar 01.03.2011 | 20:02

Mich wundert der ironische Unterton im Artikel. Es ist doch in Wirklichkeit ein Skandal mit knapper Not abgewendet worden. Um ein Haar hätte sich dieser Mann gehalten! Ein ausgewiesener Hochstapler als Bundesminister, gedeckt von einer Kanzlerin, die sich wie das Oberhaupt in einer Monarchie gebärdet, das sich erlaubt geltendes Recht wahlweise und zu ihrem Vorteil auszulegen. Was ist mit unserer Kultur los? Tausende von Studenten mühen sich in Bachelor-, Master-, Diplomarbeiten ein Thema wissenschaftlich zu durchdringen, Informationen zu generieren, zu bewerten, zu formulieren und der Bundesminister, der auch noch ein Jurastudium absolviert hat, darf ungestraft Urheberrechte verletzten und Titelerschleichung betreiben. Ich finde, man muss dem das Studium auch noch aberkennen. "Endgültig nicht bestanden"

sofjek 03.03.2011 | 01:21

Der Rücktritt Guttenbergs ist die spitze des Eisbergs: Er wirft der Opposition eine "dramatische Verschiebung der Aufmerksamkeit" vor und verweist im nächsten Satz auf 13 tote Soldaten in Afghanistan.
Ihm muss klar sein, welch große Angriffsfläche er dadurch bietet: Kritiker werden ihm vorwerfen, er instrumentalisiert das Geschehen in Afghanistan zu seinen Gunsten.
Es gibt zweifelsohne wichtigeres als den "Raub geistigen Eigentums". Und ohne Relationen können wir zu keiner Beurteilung kommen; Wir ordnen die Plagiatsaffäre irgendwo zwischen Kavaliersdelikt und Kapitalverbrechen ein. Dieser essenzielle Mechanismus des menschlichen Verstandes wird von Guttenberg missbraucht. Die Enden der Skala sind fließend: Es wird immer wichtigeres und unwichtigeres geben - wenn diese Tatsache Diskussionen verbieten würde, müssten wir alle verstummen. Die Argumentation führt sich insofern selbst ad absurdum. Guttenbergs "Fallhöhle" ist beispiellos. Dass sein Vergehen hohe Wellen schlägt, muss allen von vornherein klar gewesen sein.

Friedrich IV. 03.03.2011 | 14:06

Um jetzt nicht zu hart zu starten, da gerade von ZEITonline gesperrt, also nicht "Spaltungsirresein" als politische Kategorie zu implementieren, rekurriere ich vorab auf "Hypokrisie" als DAS Merkmal aktuellen politischen Handelns in D.

Ein Extremes Beispiel ist, jetzt ist mal die SPD an der Reihe,
Vural Öger:

“Im Jahr 2100 wird es in Deutschland 35 Millionen Türken geben.
Die Einwohnerzahl der Deutschen wird dann bei ungefähr 20 Millionen liegen. Das, was Kamuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen verwirklichen.”

de.wikipedia.org/wiki/Vural_%C3%96ger

Wo ist der Unterschied zu seinem Parteigenossen Thilo Sarrazin, dessen Ausschluß er fordert?
www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,652962,00.html

Im ersten Satz seines Zitates stimmt er dem zentralen Tenor
dessen Bestsellers “Deutschland schafft sich ab” doch zu, oder?

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jps-mm 04.03.2011 | 13:57

Fast wie eine Flucht

Doch am Montagabend schrieb er schon seine Abschiedsrede. Darin verkündete er nicht nur seinen Rücktritt, er brachte auch die Aufhebung seiner Immunität als Parlamentarier ins Gespräch. Wenn Staatsanwaltschaften gegen ihn wegen Verstoßes gegen das Urheberrecht ermitteln, so Guttenberg am Dienstag, biete er die Aufhebung der Immunität an. In der Union halten manche diese Passage für den Schlüssel, warum der zuvor so standhafte Guttenberg die Fahne einrollte. Am Montagnachmittag muss ihm, wahrscheinlich aus der Staatsanwaltschaft Hof, nach der CSU-Vorstandssitzung jemand klar gemacht haben, was ihm blüht: als erstes staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, dann eine Debatte um die Aufhebung seiner Immunität und dann ein Prozess, an dessen Ende von seiner löcherigen Verteidigungslinie, nicht bewusst gefälscht zu haben, nichts mehr übrig bleibt.

Deshalb zog Guttenberg die Reißleine. Deshalb wirkt der Rücktritt, nach Tagen des Ignorierens, so überhastet, fast wie eine Flucht.

www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/machtmensch-ohne-gespuer/

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jps-mm 04.03.2011 | 13:57

Zustimmung zu Guttenberg sinkt drastisch

Kurz vor seinem Rücktritt hatte Guttenberg in der Bevölkerung deutlich an Ansehen eingebüßt, ergab eine zweite Forsa-Umfrage. Demnach bezeichneten ihn nach dem Entzug seines Doktortitels nur noch 26 Prozent der Bürger als "vorbildlich". Einen Monat zuvor sprachen ihm noch 51 Prozent diese Eigenschaft zu. Dass er "glaubwürdig" sei, meinten zuletzt nur noch 35 Prozent - Ende Januar waren es 59 Prozent gewesen. Für "gradlinig" hielten ihn 47 Prozent - 20 Prozentpunkte weniger als vor vier Wochen. Das Kanzleramt trauten ihm nur noch 37 Prozent zu (Ende Januar: 42 Prozent). Dagegen sprachen ihm mehr Deutsche zu, kompetent und führungsstark zu sein.

Auch die Zahl der Bürger, die einen Rücktritt des Ministers forderten, hatte zugenommen. Ende vergangener Woche erklärten 35 Prozent, zu Guttenberg solle sein Amt aufgeben. Eine Woche vorher waren in einer "stern"-Umfrage nur 22 Prozent dieser Ansicht. An dieser Befragung nahmen am 24. und 25. Februar 1003 repräsentativ ausgesuchte Bundesbürger teil.

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748526,00.html

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jps-mm 04.03.2011 | 14:03

Der Scheinaufrichtige

Guttenberg gab auf in dem Moment, als die Empörung der Wissenschaftselite übermächtig, die Rückzugslinie der Union auf einen rein akademischen Lapsus durchlässig und erste Absetzbewegungen des Kanzleramts erkennbar wurden. Ohne Eingeständnis eigenen Versagens und ohne echte Reue. Uneinsichtigkeit ist dafür eine zu harmlose Lesart. Diese bis zuletzt durchgehaltene Stilform der Scheinaufrichtigkeit ist auch der Grund, warum Guttenberg für seinen Rücktritt tatsächlich keinen Respekt erwarten darf, wie er es am Dienstag in einem kurzen Aufblitzen von Wahrheit festgestellt hat.

www.fr-online.de/politik/meinung/der-scheinaufrichtige/-/1472602/7508638/-/index.html