Jakob Augstein
15.05.2010 | 13:00 13

Wo bleibt nur das Wasser?

Gärtner Der Teich bringt den Gärtner langsam um den Verstand, weil das Wasser immer verschwindet. Zumindest lernt der Gärtner aber so viel über Kapillarkräfte und trinkende Bäume

Liebe Gartenfreunde, mein Teich bringt mich um den Verstand. Im Ernst. Es ist ein Elend. Er verliert Wasser. Immer noch und zwar nicht zu knapp. Ich habe Ihnen hier einmal die beiden denkbaren Erklärungen für diesen bedauerlichen Umstand skizziert: Löcher und Kapillarkräfte. Die Gärtner, denen ich leichtfertig den Bau meines Teichs anvertraut habe, hielten es für eine gute Idee, die Folie mit vermörtelten Steinen zu belegen. Das sieht toll aus. Birgt aber das Risiko von Beschädigungen. Ich hätte mir das vorher denken müssen. Aber ich bin so vertrauensselig.

Außerdem hatten die Gärtner ja Vliesmaterial zum Schutz der Folie eingearbeitet. Das Vlies nun führt seinerseits zu neuen Problemen: Kapillarkräfte. Das ist eine lustige Laune der Natur. Flüssigkeiten wandern entgegen der Schwerkraft in dünnen Röhren und Spalten, in Hohlräumen aller Art, wenn sie nur fein genug sind, nach oben. Das kann sich jeder Gärtner mit dieser hand­lichen Formel ganz leicht selber ausrechnen: Die Steighöhe ist gleich dem Quotienten aus dem Produkt von 1,4 und zehn hoch minus fünf Meter im Quadrat und dem Radius.

Anders gesagt: Je kleiner der Durchmesser einer Röhre, desto größer sind der Kapillardruck und die Steighöhe. Eine Kapillare mit einem Radius von 0,1 Millimeter lässt das Wasser um 14 Zentimeter steigen, 1 Mikrometer Durchmesser zieht das Wasser um 14 Meter nach oben.

Jedenfalls entfalten diese Kräfte eine unerwartet starke Wirkung: Sie können den halben Teich leersaugen. Einfach so. Man muss sich klarmachen, dass Bäume auf diese Weise Wasser in große Höhen bringen. Sie machen sich auch den Sog des verdunstenden Wasser zunutze und den osmotischen Druck, der von den Wurzeln ausgeht. Wenn man das alles zusammenzählt, dann kann ein Baum Wasser bis auf 130 Meter Höhe transportieren. Höher kann auf dieser Welt keine Pflanze werden.

Über das Trinken der Bäume hat Helmut Schreier in seinem dendrologischen Klassiker ­Bäume – Streifzüge durch eine unbekannte Welt geschrieben: „In einer regnerischen Mainacht im Jahr 1992 hörte ich, wie der Baum trank. Ich presste mein Ohr an den Stamm und vernahm sein Saugen, sein Pumpen, Schmatzen und Schlürfen ... Wir gingen von Baum zu Baum, um unsere Ohren an die Stämme zu halten und verschiedene ­Saufmuster herauszuhören. Am lautesten schmatzten die Birken, aber am Ende fand ich die Kiefer am interessantesten, ihr ziehendes Schlürfen, ihr klingendes Rauschen, ihr zischendes ­Knistern.“

Schreier gesteht, dass es ihm nach jener Nacht nie wieder ­gelang, den Bäumen beim Trinken zuzuhören. Aber immerhin.

Was jetzt mit meinem Teich ­geschieht? Ich habe die Zusammenarbeit mit den Gärtnern beendet. Sehr traurig. Nach all den Jahren. Und alles muss neu gemacht werden. Von Grund auf.

Kommentare (13)

Technixer 15.05.2010 | 15:34

"dann kann ein Baum Wasser bis auf 130 Meter Höhe transportieren"
Interessanterweise nutzen die größte Baumart (Sequoiadendron giganteum) diese Technik nicht. In ihrem Verbreitungsgebiet regnet es selten (Westhänge der Sierra Nevada). Merkwürdiger Weise befinden sich am Boden Pflanzenarten mit hohem Wasserverbrauch (bspw. Farne).
Mammutbäume lassen über ihre Rindenstruktur die morgentlichen Nebelschwaden kondensieren.

PS: Ihre Zeichnung als zusätzliche Information hat was ;-)
Warum nutzen Sie keine Zementauskleidung und teeren den (ernstgemeint)? Bei meinem Onkel blüht und gedeiht der Teich, er hat sogar Molche drin, ein Zeichen für die Wasserqualität und Stabilität des Mini-Ökosystems.

Anette Lack 15.05.2010 | 17:13

Lieber JA;

über Ihren Blog habe ich mich gefreut, auch wenn der Umstand ja ein trauriger ist. Dieser Teichmacht es Ihnen ja wirklich nicht leicht, er ist spröde und wehrhaft und tödlich, für manche Lebewesen, zeitweise...

Gefreut habe ich mich trotzdem, über die hübsche Ente und die vielen Zahlen in Ihrem Blog, die Sie für mich als echten HUMANISTEN ausweisen; auch bewandert in Biologie (interessiert ja sowieso) und Physik.

Was die Kapillarkräfte angeht, muss man sein Ohr nicht unbedingt, wie Schreier, an die Stämme von Bäumen legen, um sie wahrzunehmen: Von einer Floristin erhielt ich den Tipp, meine wunderbar üppig lila blühende Topfpflanze (ich habe leider keinen Garten) nur per Untersetzer zu giessen; da einmal in der Woche Wasser reinzugießen bis zum Rand, eine halbe Stunde zu warten, und den Rest wieder abzugießen.

Innerhalb einer Minute ist der Untersetzer fast völlig trocken. Ich bin jedesmal sehr beeindruckt. Braucht es noch mehr Beweise dafür, WIE lebendig Pflanzen sind? Jetzt hat das Ganze auch noch einen Namen: Kapillarkäfte.

Viel Glück weiterhin für Ihren Teich. Manches braucht offensichtlich einfach seine Zeit...

Technixer 15.05.2010 | 19:21

Ich muss mich allerdings korrigieren (eben nochmal meine Grundvorlesungsfolien durchgekramt) die größte Baumart ist der Küstenmammutbaum (Sequoia sempervirens)
Über diese Baumart kam ein Beitrag auf Phönix. Die Arbeitsgruppe eines Professors einer kalifornischen Universität, hat mit einem Kunststoffmodell diese charakteristischen Linien nachgebaut und ca. 1,50 m über den Waldboden installiert und war erstaunt wie effektiv selbst da unten noch Wasser kondensieren konnte.
Zwei weitere Wissenschaftler haben in mühsamer Kleinarbeit die kalifornischen Küstenparks durchwandert um den Bestand auf zu nehmen, nicht einfach ohne Wege.
Der größte Baum, den sie fanden, war der Hyperion mit 115,5 m (lt. Wikipedia), in unseren Vorlesungsfolien ist allerdings von mehr als 120m die Rede

chrislow 15.05.2010 | 23:15

Wasserverlust im Feuchtgebiet...

Am Baum kann es aber wohl nicht liegen - wenn überhaupt einer im Teich, dann erst sehr klein weil jung, sodass er wohl nicht so viel Wasser "trinkt".

Und ein Fliess ... ? Sehr logisch und praktisch. Aber doch nur unter der Folie. im Teich, also auf der Folie dann nur zum unterlegen - etwa unter Pflanzenkübel. Aber doch nicht über die gesamte Folie und schon gar nicht über den Rand hinaus....

Das müsste man wohl dann wegschneiden.

Aber war nicht eher die Befürchtung einer Beschädigung der Folie irgenwo mittendrin? Wegen eines kleinen Brunnens (mit Steinen aufgestapelt und dadurch beschädigt?).
Dann müsste man solange warten, bis der Wasserstand nicht mehr sinkt- an dieser Stelle müsste irgendwo an der Wasseroberfläche das Leck zu finden sein. Läuft es dann komplett ab, .... naja dann hats eben etwas länger gedauert.

10000 Liter Wasser...(?) sind ja schon mal eine Zahl. Aber wie groß ist denn der Teich nun wirklich (1x1x10 Meter?)? mindestens 36 qm Folie - das wird doch wieder teuer, wenn alles neu muß/soll.

Von Beton halte ich nichts. Wie wärs denn mit einer Lehmschicht? Frei nach natürlichem Vorbild.

Wasserverlust kann auch natürlicher Verlust bedeuten - durch verdunstung - um das festzustellen müsste man sich mit dem PH-Wert befassen. Sind erhebliche Schwankungen messbar, dann könnte es auch daran liegen. Liegt der Teich immer in der Sonne (so eine scheint?)?

Ich weis ja nicht, was man einem kleinen Teich und den Fischen darin alles zumuten kann. Vielleicht kann man für Nachschub an Wasser sorgen, indem man Regenwasser einleitet? (Ist der Regen in der Großstadt für Fische geeignet?)

Tja, die Natur zu simulieren ist nicht einfach. Vielleicht doch ein LCD-Aquarium? Ist auch recht Wartungsfreundlich. Braucht nicht mal gefüttert zu werden!

...

Gruß

Avatar
gerhardhm 16.05.2010 | 12:40

Nichts Neues unter der Sonne:Vergänglich ist alles Menschenwerk. Zuweilen rasend schnell. So manche Brücke brach noch vor der Einweihung zusammen. So manches Schiff soff sofort nach dem Stapellauf ab. Nagelneue Autobahnen (DB-Schienenschwellen sowieso) werden umgehend vom Betonkrebs befallen. Selbst das wenige Jahre alte Bundeskanzleramt zerbröselt schon wieder. Irgendwas läuft hier ganz offensichtlich grundsätzlich falsch! Irgendwie auch traurig, das.

Vielleicht dann doch keinen Teich?

Übrigens:
Werden die avisierten Laufenten sich mit dem Teich vertragen? Oder ihn einfach über kurz oder lang zusch...? Wird die Sonne sich das Wasser holen? Und welche Tiere werden zu Besuch kommen, wenn der Teich das Wasser hält? Wildschweine gar - die Schrecken aller Gärtner? Werden Gartenbesucher in den Teich stolpern? Muß ein Zaun gebaut werden für die Nichtschwimmerkinder? Fragen über Fragen. Wieder mal.

chrislow 17.05.2010 | 23:14

Ich dachte eigendlich an kubikmeterweise Ton vom 40 Tonnen-Kipper und mit Rüttelmaschine ordentlich plattgestampft.

Aber das ist ja fast Genial...! Ob der Funktionsfähigkeit sollte man doch mal ein "Projekt" daraus machen....!

Ich liebe es jemanden zu erklären, dass es nichts taugt - aber auch zustaunen, wenns tatsächlich funktioniert.

Nach dem Preis frag ich lieber nich - so kann schnell as zur Illosion werden.

Columbus 18.05.2010 | 19:36

Lieber Herr Augstein,

Jetzt werden Sie zum "Dulder", das ist letztlich eine ganz wichtige Voraussetzung für den konstanten Gärtner und sein Gartenreich. - Hoffentlich liegt es nicht an einem tiefen Leck in der Folie.

I
Ich würde aber die Flinte nicht so leicht ins Korn werfen und mir die Mühe machen, den Folienrand in der angedeuteten Rigole (das ist der kleine Graben um den Teich in ihrer Zeichnung) frei zu legen, d.h. das freie Ende der Teichfolie wieder auszugraben.

Wie schon Mitkommentatoren ausführten, muss die eigentliche Teichfolie deutlich über das Ende des Vlieses hinaus reichen und am Ende des kleinen Umlaufgrabens des Teiches, deutlich über dem Vlies und dem Wasserspiegel stehen.

Die Teichfolie muss die Rigole also ausfüllen und in genügender Höhe über dem gewünschten Wasserspiegel abgeschnitten werden. - Wenn nun dieses durchzuführende Folienstück zu kurz ist, in der Rigole endet, dann kann man sich behelfen, indem man eine weiteres, zu einem großzügigen Band geschnittenes
Stück Teichfolie weit überlappend unter die erste Folie schiebt und dieses Band dann ordentlich auf der teichabgewandten Seite des Rigolengrabens hochführt.
- Das ist das Ende jeder Kapillarwirkung.

Diese Methode ist sicher schonender und kostengünstiger, als den ganzen Teich neu anzulegen. Wenn der Rigolengraben mit grobem Material gefüllt ist, dann gibt es auch keine Kapillarwirkung mehr. Er kann dann sogar mit Grünmatten, die einmal angelegt, sich nach und nach selbst weiter bepflanzen, überdeckt werden.

Der Hauptgrund für die Kapillarwirkung ist meist die nicht ausreichend an der teichabgewandten Seite der Rigole hoch geführte wasserundurchlässige Folie, die zudem häufig einfach im Erdreich verbuddelt wird (das ist ein Baufehler), obwohl es viel sicherer ist, sie nach oben zu ziehen und zwischen zwei größeren Steinen, bzw. einer Linie aus geschickt gesetzten Steinen, sicher einzubauen. Wenn das geschehen ist, dann kann man, wenn einen der kleine Graben stört, vorgefertigte Pflanzmatten darüber legen, den Graben an einigen Stellen durch ein Uferprofil ersetzen oder einen kleinen "Bold-walk" anlegen.

II
Selbstverständlich gilt ja, was Sie zu den Auflagen schrieben. Wer in seinem Teichufer große Steine haben möchte die auf der Teichfolie liegen, der muss sie sichern, damit diese die Folie nicht zerstören. Die Vliese sind nur dann eine ausreichende Lösung, wenn keine zusätzlichen Scher- und Druckkräfte einwirken. Werden die Steine durch Trittlasten und /oder durch Gefälle und weitere Auflasten, bewegt, dann zerreißen sie trotz Schutzvlies die Folie.

III
Nichts spricht dagegen, den Teichrand, die Rigole, mit einem Ring aus wasserhärtendem und frostsicherem, puzzolanischem Beton, Trass z.B., zu befestigen. Ordentlich ausgeführt, kann dieser Beton dann überdeckt werden. - Aber das ist was für Fachleute (Gartenarchitekten, Gartenbauer).

Liebe Grüße und
dawei, dawei

Christoph Leusch

chrislow 22.05.2010 | 14:11

Ich konnte einmal die Entstehung eines Teiches in beachtlicher Größe beobachten. Dabei Wurde der Teich auf dem Baugrund angelegt, bevor mit dem Bau des Hauses begonnen wurde. Das entstand aus der Idee das Fundament des hauses über den Teichrand hinaus zu setzen, damit eine Terrasse sich bis über das Wasser neigen kann. Ein schöner Anblick.

Daraus bedingte sich nun, dass der Teich erst nach einem Jahr oder mehr "kultiviert" wurde - so war sicher, dass der auch funktionierte. Und wie ich mich erinnern kann, gab es damals auch ein Problem mit Wasserverlust.

Also eines ist wohl bei solchen Vorhaben sicher:

Das man Zeit und Muße haben muß, um ein Gelingen und Funktionieren zu erreichen. Auch wurde mehrmals der Randbereich bearbeitet, damit dieser rundherum in Waage war. Meine Schätzung der Teichfoliengröße geht so auf 100-150 qm zu oder hinaus. Es gab also reichlich Teichrand! ...

Das Anwesen mit dem Teich ist aber beachtlich geworden. Und Fische, Frösche und andere Tierchens kamen von allein aus der Umgebung. Was die Frösche betrifft, war das zuweilen etwas nervend.....