Jakob Augstein
15.02.2010 | 12:48 69

Wozu noch Journalismus. Beitrag zu einer Serie

Vorbemerkung:

sueddeutsche.de macht derzeit eine Serie über die Zukunft des Journalismus. Dazu habe ich auch einen Text geschrieben, den ich hier nicht vorenthalten will:

 

Sie wollen wissen "Wozu noch Journalismus"? Was für eine Frage, denkt man. Da können Sie ja genauso gut fragen, wozu noch Schuhe an den Füßen, denkt man, oder Butter auf dem Brot. Man will sich gar nicht vorstellen, dass es ohne Journalismus geht. Also unsere Gesellschaft, unsere Öffentlichkeit, unser System, unsere Freiheit. Oder wie Angela Merkel den Gedanken ausdrückt: "Die freien Medien sind ja sozusagen ein Teil des Lebenselixiers jeder Demokratie." Sie hat das im März 2009 vor jungen Journalisten gesagt, unsere Bundeskanzlerin, die ja eine der mächtigsten Frauen der Welt ist, aber leider nicht eine der wortmächtigsten. Journalismus tut Not, denkt man ja. So wie Seefahrt früher Not tat. Navigare necesse est. Aber der Spruch geht nocht weiter: Vivere non est necesse. Man muss zur See fahren, aber nicht leben. Das war schon zur Römerzeit Unsinn und umgekehrt wurde der Schuh daraus. Dem Journalismus kann es ähnlich ergehen: Es gibt ein Leben ohne ihn.  Es sollte einen ja stutzig machen, denkt man, wenn die Bundeskanzlerin so teilnahmsvoll über den Journalismus redet, und man erinnert sich an die Worte von Gay Talese: "Sie lügen alle! Man darf ihnen nichts glauben! Niemals!" Das galt der Klasse der Politiker. Talese ist einer der größten Reporter Amerikas und er hat eine klare Haltung dazu, wie das Verhältnis von Politik und Journalismus gestaltet sein soll: Gar nicht! Politiker sollen Journalisten fürchten. Und Journalisten sollen Politikern misstrauen.


In Amerika sterben die Zeitungen, hierzulande leiden sie. Amerika ist uns immer ein bisschen voraus. Was hat der Journalismus in Amerika falsch gemacht, dass die Menschen meinen, ohne ihn auskommen zu können? Dass der Journalismus nicht mehr Not tut? Gay Talese sagt: "Die Medien sind der Macht zu nahe gekommen. Der perfekte Journalist ist immer ein Fremder." Talese beschreibt die Journalistengeneration der amerikanischen Nachkriegszeit, deren Eltern Einwanderer waren, Juden. Italiener. Sie berichteten über eine andere Klasse, eine höhere Klasse, die white anglosaxon protestants der Ostküste: "Wir warteten draußen, bis sie herauskamen und uns Krümel hinwarfen. Brocken. Wir haben sie nicht gehasst. Wir haben sie beobachtet. Es fiel uns leicht, dagegen zu sein." Und heute? Man hat sich angenähert. Der soziale Aufstieg hat die Journalisten selber in die herrschende Klasse gespült: Ihre Kinder besuchen die selben Schulen, sie wohnen in den selben Vierteln, sie gehören zu den selben Clubs: "Es gibt zwischen den Medien und der Macht heute eine Verwandtschaft, die es früher nicht gab. Einen Mangel an Skeptizismus."


Talese hat ein eindringliches Bild dafür gefunden, was Journalisten sein sollen, wie sie arbeiten sollen: "Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden  der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen."
Davon war in Merkels Rede vor der Konrad Adenauer Stiftung gar nichts zu spüren. Im Gegenteil. Sie gab den jungen Kollegen wohlmeinende Ratschläge mit auf den Weg: "Wenn man langfristig groß herauskommen will, ist, würde ich sagen, eine doppelte Quellenbefragung immer wichtig." Und bewies überhaupt viel Einfühlungsvermögen für das Wirken der Presse: "Ihre Tätigkeit ist natürlich auch eine sehr spannende Tätigkeit", sagte sie, "mein Plan für den Tag ist meistens schon fertig. Sie hingegen können gespannt darauf warten, was an dem Tag passiert und was Eingang in Ihre Arbeit findet."
Was Angela Merkel da gesagt hat war nur scheinbar von ergreifender sprachlicher und gedanklicher Schlichtheit. Es war bezeichnend dafür, dass Journalisten und Politiker sich heute mitnichten als Gegner verstehen, sondern als Partner.
Merkel hat zu den Journalisten geredet als seien sie Mitarbeiter einer Abteilung im Kanzleramt. Und wenn man es sich recht überlegt, kommt man zu dem Schluss: Ja, so sehen sich mehr und mehr Journalisten auch selbst. Und wenn das so weitergeht, dann braucht man in der Tat keine Journalisten mehr. Dann tun Pressesprecher es auch. Das scheint der Zug der Zeit ohnehin zu sein: Es soll mittlerweile mehr Pressesprecher in Deutschland geben als Journalisten.
 
Ein paar Monate zuvor, am 8. Oktober 2008, hatte es ein sonderbares Treffen gegeben, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden soll. Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht worden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.


Sie haben sich daran gehalten, die Chefredakteure. Noch im Februar 2009, vier Monate später, wunderte sich die taz über die Medien: "Sie halten die Bürger bei Laune, auf dass diese stillhalten. Wie viel Geld bereits in die Banken gepumpt wurde, wie viele Milliarden Bürgschaftszusagen vergeben wurden (und wie viele Hartz-IV-Monats"löhne" das sind), das steht auch nicht in der Zeitung. Die Süddeutsche (vom 15. 1.) beispielsweise versteckt die Mitteilung, dass die Hypo Real Estate zum vierten Mal in vier Monaten Milliarden Bargeld und Bürgschaften braucht, unter der Überschrift "Wenn Steinbrück an die Tür klopft"."
Die Bild-Zeitung übrigens bekam sogar einen Preis dafür, dass sie so "verantwortungsvoll" berichtet habe. Einen Preis, der von Journalisten verliehen wurde.


Nun mag man sich ja fragen: Was hätten die Medien in Deutschland tun sollen, als den Banken der Zusammenbruch drohte? Genauso gut mag man sich fragen, was sie in Amerika hätten tun sollen, nachdem die Twin Towers zusammengebrochen waren? Und als George Bush den Krieg gegen den Irak vom Zaun brach. Aber dann muss man sich auch fragen, was sollen sie tun, wenn eine Epidemie droht? Wenn ein Krieg beginnt? Wenn eine Entführung im Gange ist? Wenn der Kanzler schwarze Kassen führt? Wie lautet die richtige Antwort? Meine Antwort lautet: Ihren Job. Immer. Berichten. Die Wahrheit. So gut sie können. Viele Journalisten sehen das heute anders.  Als die erste Regierung Merkel ihren Dienst antrat, schrieb sagte Hans-Ulrich Jörges auf einer Podiumsveranstaltung im Stern: „Wir sollten sie wie rohe Eier behandeln. Diese Truppe ist das vorletzte Aufgebot der deutschen Politik, und ich will nicht, dass es kaputtgeschrieben wird, weil dann das letzte Aufgebot regiert."

(Anm.: Der kursiv stehende Text ist eine ältere Fassung, die ich wegen eines inhaltlichen Fehlers korrigiert habe. JA)


Man sollte sehr hellhörig werden, wenn Journalisten anfangen, sich auf ihre Verantwortung zu berufen. Sie haben nur eine einzige: der Wahrheit gegenüber. Alles andere geht sie nichts an. Journalisten sind für die Landesverteidigung nicht zuständig und für die Stabilisierung des Kapitalismus auch nicht, das Überleben der Bundesregierung muss ihnen ebenso gleichgültig sein, wie der deutsche Außenhandelsüberschuss.

Sie kommen andernfalls in Teufels Küche. Da mag es einem warm und behaglich vorkommen. Aber, um mal im Bild zu bleiben, einen so langen Löffel haben die wenigsten Journalisten, dass sie sich mit dem Teufel unbeschadet zu Tisch setzen könnten. Man darf sich nicht darauf verlassen, dass alle Journalisten sich verhalten wie Kurt Kister: Als der neue Bundeskanzler Gerhard Schröder ihn seinerzeit in einem Berliner Restaurant traf und ihm gönnerhaft zurief, ihn doch einmal in seinem neuen Kanzleramt zu besuchen, da soll Kister ihm entgegegnet haben: "Das ist nicht ihr Kanzleramt, Herr Bundeskanzler." Wenn Journalisten ihre Unabhängigkeit verlieren werden sie zu Dienern. Zu Staatsdienern. Solche Journalisten braucht kein Mensch.


Wir sind ja Zeugen einer Revolution. Wir leben mitten drin. Wir treiben sie selber voran. Und wir werden von ihr getrieben. Das neue Internet Protocol Version 6 erhöht die Zahl möglicher Netz-Adressen auf 2 hoch 128. Man könnte damit etwa der Hälfte der Atome im Universum eine eigene Netz-Adresse geben. Wir bauen Rechner und wir schreiben Algorithmen, die dazu in der Lage sind. Information, Wert, Freiheit, Individualität, Zukunft - diese Begriffe bekommen unter solchen Umständen eine neue Bedeutung. Das Schicksal der Medien und des Journalismus wird von dieser Revolution ebenso ergriffen wie der Rest unseres Lebens, unserer Kultur, unserer Gesellschaft. Dafür können die Journalisten nichts. Damit müssen sie sich arrangieren. Das hat der Strukturwandel so an sich, dass es nachher anders aussieht als vorher. Aber Journalisten wären vielleicht gut beraten, diesen Wandel, der ihre Rolle in Frage stellt, der ihre Existenzgrundlage gefährdet, nicht noch zu beschleunigen, indem sie sich selber überflüssig machen.

Kommentare (69)

Streifzug 15.02.2010 | 15:40

Hallo JA,

nur wenige angestellte Journalisten können/dürfen momentan einen Text mit (solch) substanziell kritischen Fragen verfassen, geschweige denn, dass er veröffentlicht wird.

Den Satz:

Merkel hat zu den Journalisten geredet als seien sie Mitarbeiter einer Abteilung im Kanzleramt.
würde ich etwas anders formulieren: "Politiker und Journalisten verbringen zu viel gemeinsame Zeit im Vorzimmer der Herrschenden Klasse." (Um das Thema Kontrolle der Herrschaft aufzugreifen).

Vielleicht schreibe ich doch noch eine kleine Reihe: Herrschende Klasse für Dummies ;)
cnorthe 15.02.2010 | 16:00

"Man sollte sehr hellhörig werden, wenn Journalisten anfangen, sich auf ihre Verantwortung zu berufen. Sie haben nur eine einzige: der Wahrheit gegenüber."

Schöner moralischer Apell, der ungefähr so ernst genommen wird, wie Kants Imperativ. Wer nicht eitel ist, werfe den ersten Stein.

Muß man nicht immer ein wenig mit den Wölfen heulen, um die Wahrheit hinter den Kulissen überhaupt erkennen zu können?

Ganz davon abgesehen: vielleicht ist das Zeitungssterben grade der notwendige Gesundungsprozeß, der die echten Wahrheitssucher übrig läßt. Glaub ich das? Natürlich nicht. Dafür wird die Wahrheit viel zu gering geschätzt, ja gradezu gefürchtet. Wovon leben denn die Kitschproduzenten? Nur davon, daß ihren Rezipienten die Realität versüßt und verschwiegen wird.

Anette Lack 15.02.2010 | 18:17

Lieber JA;

alles richtig, was Sie schreiben. Aber ich werde nicht müde, zu wiederholen: Das größte Problem ist, dass wir (damit meine ich jetzt die deutschen Zeitungen und Journalisten allgemein) die Jugendlichen, also die 16-20jährigen, nicht mehr erreichen.

Klar, das war früher auch so: Mit 18 hat keiner die Zeitung gelesen, die seine Eltern lasen. Abgrenzung! Spätestens im Studium stieg "man" dann aber ein. Nur, darauf können wir uns heute nicht mehr verlassen! Denn die Jugendlichen jetzt wachsen mit dem Internet auf, und auch da lesen sie keine Zeitungen mehr. Sie suchen sich ihre Infos zusammen, aber Zeitungen nutzen sie dafür nicht.

Es ist ja nicht so, dass sie sich nicht interessierten - sie sind viel, viel besser resp. engagierter und interessierter, als einige immer wieder mit Grabesstimme verkünden - aber sie informieren sich ANDERS.

Kleine Geschichte dazu: Meine Tochter, immerhin Kind einer Journalistin (!), 11.Klasse Gymnasium, kam neulich von der Schule nach Hause: "Heute hat einer in Politik erzählt, dass er regelmässig Zeitung liest. Wir waren alle total erstaunt. Dann kam raus: Seine Eltern haben ein TAZ-Abo..."

DAS macht mir Sorgen! Meine Tochter liest begeistert die NEON, die treffen den Ton und die Themen ihrer Generation, sagt sie. Alles andere wäre sooo langweilig.

Und wenn ich die dann Beiträge der Süddeutschen zu dem Thema lese... da bemühen sie sich um neuen Journalismus oder postulieren ihn, aber die Beiträge, in denen das steht, sind teilweise so GESTERN! Behäbig, langatmig, und viel zu lang! Damit neue Leser gewinnen?

In ein paar Jahren werden wir merken, dass wir eine Generation verloren haben. Dann könnte es zu spät sein. Da müssen wir was tun.
Nur mit Anbiederei an die Jugendlichen ist es allerdings nicht getan. Wir brauchen eine neue Sprache, eine IDEE...

Herzliche Grüße

Anette Lack

Columbus 15.02.2010 | 18:51

Wofür noch Journalisten und Journalismus?

"Everything dies, baby, that's a fact, but maybe everything that dies some day comes back."
(Bruce Springsteen, „Atlantic City“)

Guy Talese, aus Atlantic City und Studs Terkel, -The city boy from New York, never really leaving a city.-, das waren meine „Helden“ um nach Amerika zu schauen und etwas an den sehr individualistisch angelegten Biografien, die diese beiden Großen des amerikanischen Journalismus schrieben oder notierten, zu lernen.

Vor allem aber, deren Sprache, der eine lauschte und fasste zusammen, der andere, Talese, gestaltete mehr, und deren immer spürbare Aufrichtigkeit waren für mich überzeugend.

Ich unterschreibe Alles, was Sie, schön und wahr, über die Notwendigkeit eines Abstands zwischen politischem Betrieb und Journalismus anmerkten. Jedes Wort trifft voll und ganz!

Aber, wie weit es nach unten gegangen ist, das zeigt für das TV, die „Affäre -Brender“, die ja einen Mann seine Position kostete, der zwar ein guter Organisator und menschlich anständiger Chef seiner Redaktionen ist, aber außer Fragen des persönlichen Auftritts und der Wortwahl, im Fernsehen und damit in der „Superöffentlichkeit“, -es gibt auch noch die anderen, Teilöffentlichkeiten (Web, Zeitungen, Magazine, Bücher, Vereine, Verbände,....) und dann die informationelle Halbwelt (Geschäfts- und Informationsessen, Klausuren, Zirkel, sowie Treffen bei und mit wem)-, nicht durch viele kritische Inhalte glänzte. Sogar so einer, ein eher "Netter", wird nicht mehr geduldet und bei Gelegenheit von Politikern und deren Kontrollgremien ersetzt.

Bei den papiernen, privaten Leitmedien können Sie das am breitflächigen Sieg des Kolumnen- und Meinungsjournalismus ablesen. - Ich meine hier nicht thematische Kolumnen oder die Meinungskolumne als Einspalter auf den ersten Seiten, sondern, die spezielle Art des politischen Meinungsjournalisten, der kampagnenfähig sein soll und es, z.B. in den beiden spektakulärsten jüngeren Fällen, Beck und Ypsilanti, auch war. Bei Lafontaine schützte jetzt allein noch ein gewisser Restbestand an Zurückhaltung, um die Chancen medial nicht voll zu nutzen.

Mir ist bekannt, große Zeitungen führen das bei Stellenausschreibungen sogar als journalistische Spezialität! Ein eher stimmlich herausragendes und sehr vom Temperament getriebenes Anschauungs-Exemplar, ist ja der Herr Jörges, um nicht gleich wieder meine Narrenkappe gegen ein spezielles „Hassmützchen“, wehrhaft gerichtet auf die eigentlichen bürgerlichen Hauspostillen, aus zu tauschen. - Sie wissen schon, die Zeitung mit den heiligen, fast schon olympischen Rauchkringeln über dem emblematischen Kopf und jener stumpfer werdende Spiegel.

Sie nennen Kurt Kister, das ist ganz sicher ein respektabler Journalist und ein guter Name. Aber, selbst er ist anfällig geworden. Immerhin ist er aber bereit, überschwängliche Lobhudeleien, z.B. zu von Guttenberg, wieder zu korrigieren.

Gut, Chefredakteure haben einfach keine Zeit mehr für große Stücke und das zwingt Sie, auf viele kleinere Formen auszuweichen. Herr Kister beherrscht die kleine Form und macht die Kolumne nicht zum Dienstboten einer Botschaft, sondern eher zu dem was sie von der Form her schon ist, ein geradliniges Ausrufezeichen. - Die SZ hat Glück und dazu auch noch einen Herrn Prantl, der gerne einmal näher auf die Staatsziele und auf den eigentlichen Sinn und Zweck eines demokratischen und sozialen Rechtsstaates zu sprechen kommt.

Denn hier gilt ja mittlerweile Ähnliches, wie für die Presse beschrieben. - Viele Menschen können nicht mehr erkennen, wofür man diese Art der Politik noch braucht, obwohl man Politik doch heuer dringlicher nötig hätte, als je in den letzten Jahren. Der Ausgleich, die Machtbalance, das Gleichgewicht zwischen der Welt des Kapitals und der Welt der Arbeit und der Gemeinschaft ist gefährdet und jeder spürt es.

In den USA folgt auf diese eher „stille Krise“ der Medien und der Politik, - coram publico geht es unvermindert immer noch weiter-, derzeit, was hier noch aussteht.

Die Politiker, sie deuteten es an (Pressesprecher), machen zusammen mit den Wirtschaftsverbänden, mit der Finanzindustrie und den größten Medieneignern, ihre ganz eigene Presse und Öffentlichkeit.

Da kommen dann Sarah Palin und Rush Limbaugh, Journalist, Prediger der Reaktion und populistischer Politiker, und eine populistische Stellverteterin der wahren Herren dieser Erde, ganz anders und prominent zu Wort, und dürfen den größten Unsinn, die schärfsten Beleidigungen und die dicksten Lügen direkt beim Volk abliefern. - Der „Clear Channel“- Unternehmerfamilie und Rupert Murdoch sei es auf ewig nicht verziehen!

Aber diese Macht weiß was sie tut. In Jahren der gesellschaftlichen Unsicherheit ist das eine gefährliche Mischung, denn Populismus schlägt alle tiefsinnigeren Begründungen und alle längerfristigen Strategien.

Liebe Grüße

Christoph Leusch

PS: -Schon die Marke „Clear Channel“ ist
eine Lüge.
-Ich bin gespannt, was "Streifzug"
dazu einfällt.

Joachim Petrick 16.02.2010 | 04:36

die Idee, dass es Journalisten/innen gibt ist jünger und von flüchtigerer Natur als die Geschichte des Journalismus selbst, die auch davon kündet, dass Journalismus was mit hoch- , ab- , durchfahendem Volk zu tun hat, das gehalten ist, Biudenzauber auf Jahrmärkten zu betreiben, um Meinungen in der Vielfalt ihrer Vielstimmigkeit ein angemessenes Setting zu verpassen.

Das bringt den Gewinn, dass mancher ohne Meinung zum Jahrmarkt der Eitelkeiten strebt, sei der nun schriftloser Natur Kultur oder Schriftkultur, aber mit einer Meinung für den nächsten Tag, das nächste Jahr, heimwärts zieht.

Was soll uns da die Merkelsche Allgemeinhaltung zum Journalismus wohl bringen, dass wir diese so oder so, da und dort besingen?

tschüss
JP

SiebzehnterJuni 16.02.2010 | 07:02

Vielleicht geht es vielen Menschen angesichts der Medienkampagnen gegen Kurt Beck, Andrea Ypsilanti, gegenalles Linke so ähnlich wie mir. Ich fand dabei folgende Zeilen:

Prof.Dr.Winfried Schulz:".. Medien und die Realität. Das Ergebnis eindrucksvoller Studien über die Beziehung zwischen Medien und Realität lautet, dass die Massenmedien die Wirklichkeit nicht repräsentieren und schon gar nicht widerspiegeln. Die Berichte der Medien sind oft einseitig, ungenau und verzerrt, sie bieten manchmal eine ausgesprochen tendenziöse Weltsicht. Politische Nachrichten präsentieren eine Politik-Illusion. Sie konzentrieren sich auf prominente Personen der politischen Exekutive, auf Negativismus und auf Dramatik, auf fragmentiertes Geschehen und auf die Sichtweise der westlich-atlantischen Welt. Es scheint, als sei es müßig, die Berichterstattung an Prinzipien wie Objektivität und Wahrheit zu messen. Für die Abweichung der politischen Berichterstattung von Prinzipien wie Objektivität und Wahrheit gibt es zwei verschiedene Erklärungen. 1.Es handelt sich um politisch-ideologische Einseitigkeit. Dies ist ein Fehlverhalten, das den politischen Vorurteilen oder Absichten der Journalisten / Verleger /Programmverantwortlichen zuzuschreiben ist, deren (Partei-) – politische Einstellungen unwillkürlich oder absichtsvoll die Medieninhalte einfärben. Man würde im Deutschen eine solche Berichterstattung als tendenziös oder parteilich bezeichnen. 2.Zum anderen können Abweichungen vom Objektivitäts- und Wahrheitsgebot auf das strukturelle Unvermögen der Medien zurückzuführen sein, die Wirklichkeit in allen ihren Facetten abzubilden. Die Berichterstattung muss bei der medialen Codierung und Formatierung der politischen Realität diese notwendigerweise verkürzen, akzentuieren und interpretieren. Dies ist ein wesentlicher Aspekt dessen, was als Medialisierung bezeichnet wird. Die Realität wird durch die mediale Informationsverarbeitung in eine Medienrealität umgeschrieben ....."

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carl-gibson 16.02.2010 | 10:48

Was erwartet die Welt von einem „Journalisten“, der noch etwas Ehre im Leib hat und ein Ethos?:

„Meine Antwort lautet: Ihren Job. Immer. Berichten. Die Wahrheit. So gut sie können. Viele Journalisten sehen das heute anders.“

Das habe ich auch lange so geglaubt, Herr Augstein!

Und was sagt Kanzlerin Angela Merkel zur Fundiertheit eines kritischen und investigativen Journalisten aus empirisch-naturwissenschaftlicher Sicht?

"Wenn man langfristig groß herauskommen will, ist, würde ich sagen, eine doppelte Quellenbefragung immer wichtig."

Ein Mythos, ein Märchen!
Seit zwei Jahren mache ist hundertfach die Erfahrung, dass die Journalisten nicht mehr konsequent recherchieren oder Zweifelhaftes kritisch hinterfragen!

Die Lüge regiert:

Solange es Kommunisten gab und einen Ronald Reagan im Weißen Haus, wusste die Welt, wo das „Reich des Bösen“ lag und später die Welt der „Schurken-Staaten“.
Heute, seit der Hype, schwappt die große Lüge aus den Vereinigten Staaten herüber und erreicht uns via Mogelpackung „Euro“ und „Inflationsrate“ im Alten Europa. Das Problem ist erkannt, Herr Augstein:

„Worte von Gay Talese: "Sie lügen alle! Man darf ihnen nichts glauben! Niemals!" Das galt der Klasse der Politiker. Talese ist einer der größten Reporter Amerikas und er hat eine klare Haltung dazu, wie das Verhältnis von Politik und Journalismus gestaltet sein soll: Gar nicht! Politiker sollen Journalisten fürchten. Und Journalisten sollen Politikern misstrauen.“

Aber die Volksverdummung geht weiter – in allen Bereichen des öffentlichen Lebens.

„Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht worden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.“

Rücksichtsvoller, verantwortungsvoller Umgang mit Fakten ist angebracht. Aber weshalb steuern wir die Meinung auch dort, wo nur Kulturpolitik abgesagt ist, etwa bei einer Nobelpreisnominierung?

Weshalb gängeln einige Einflussreiche den Gang des Geistes?
Nur um ihre Prioritäten durchzusetzen?

Die etablierten Zeitungen werden aussterben, wenn sie sich nicht rechtzeitig auf Online-Versionen umstellen.
„Papier, Druckmaschinen und Vertrieb“ werden ihnen den Garaus machen – denn diese Dinge sind teuer!

Noch schlimmer aber ist: das "gespaltene Verhältnis zur Wahrheit und zur Macht" wird ihnen den Garaus machen, wenn sie sich denn nicht noch rechzeitig auf „kritischen“, „investigativen“ Journalismus besinnen – und auf das Abwürgen von „Freiheit“ als Meinungsäußerung verzichten.
Carl Gibson

misterl 16.02.2010 | 11:31

Der gute Jörges...

"schrieb Hans-Ulrich Jörges im Stern: „Wir sollten sie wie rohe Eier behandeln. Diese Truppe ist das vorletzte Aufgebot der deutschen Politik, und ich will nicht, dass es kaputtgeschrieben wird, weil dann das letzte Aufgebot regiert.“

Nun werden wir vom letzten Aufgebot regiert und er schreibt seine Merkel in Grund und Boden. Und nun spricht er sie auch noch in selbigen.

Streifzug 16.02.2010 | 14:19

Gerade bei Reformen, die zunächst schmerzliche Eingriffe in Besitzstände relevanter Wählergruppen bringen, müssen Reformbedarf, Reformprozess und Reformergebnis in der richtigen Weise und in der richtigen Gewichtung vermittelt werden. Gefordert ist die Orientierungsleistung der Politik, Ziele und Methoden des eingeschlagenen Reformkurses nicht nur technokratisch (Alternativlosigkeit), sondern auch normativ (beste gangbare Alternative) zu begründen. Besonders berücksichtigt werden müssen dabei vorhandene gesellschaftliche Werte- und Einstellungsmuster – auch um sie gegebenenfalls durch gezielte Kommunikationsstrategien zu verändern.
Quelle: bertelsmann-stiftung, "Politische Reformkommunikation"

Veränderungsprozesse überzeugend vermitteln
Joachim Petrick 16.02.2010 | 16:25

Ist der Journalismus nicht einst angetreten, der Einfalt der kümmerlich klerikal verkündeten Einstimmigkeit der Bibel, den Koran, die Tora, den säkularen Reichtum der Vielfalt der Vielstimmigkeit entgegen zu setzen, ohne Bibel, den Koran, die Tora zu entsetzen, noch zu ersetzen?
Ist Journalismus nicht eine Frage von Investion, Fehl- Investition in Ideen, Projekte, Kampagnen, Auf- und Abbrüche, Wenden, Einkehr, Umkehr, private wie gesellschaftliche Unternehmungen?
JP

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tomgard 16.02.2010 | 18:47

Einspruch, JA!
Journalisten sind für die Landesverteidigung nicht zuständig und für die Stabilisierung des Kapitalismus auch nicht, das Überleben der Bundesregierung muss ihnen ebenso gleichgültig sein, wie der deutsche Außenhandelsüberschuss.
Das ist sachlich unrichtig. Journalisten sind lt. Gesetz auf die Verfassung verpflichtet, sprich auf die Gewaltherrschaft des Privateigentums, dessen Personal sich periodisch von einem Wahlvolk ermächtigen läßt. Diese Verfasstheit der Herrschaft bestimmt die sog. "Öffentlichkeit" militärisch (!) unwidersprechlich dazu, ein Institut eben dieses Staatswesens zu sein. Ähnlich, wie ein Demonstrant, der anderes, als seine letztinstanzliche Botmäßigkeit demonstriert, sein Demonstrationsrecht verwirkt, im Knast, zusätzlich nicht selten in der Klinik landet, verwirkt auch ein Journalist die Pressfreiheit und in beiden Fällen macht ihm überwiegend die "demokratische Öffentlichkeit", der beide zu dienen gedenken, den Garaus. Sie liefert den Händen, welche im Zweifel die Hämmer der Polizeigewalt schwingen, die vernichtende Wucht.

Oh, zweifellos kommt es hierzuland im Falle der Pressefreiheit nur in abzählbaren Fällen zu solcher Konsequenz. Subtile Formen der Untertänigkeit, darunter die Erscheinungen, von denen Du, JA, sprichst, ersetzen sie. Eben drum erinnere ich an ihren "Fluchtpunkt", den harten Kern der Funktion einer demokratischen Öffentlichkeit für jedes Subjekt, das sich nicht konsequent zur Rebellion entschließt, ein Kern, der vorzugsweise in der Gestalt einer seiner Erscheinungsformen besprochen wird: der Indolenz des Publikums. Es macht sich mehrheitlich keinen Dunst über die Funktion der Presse vor, die in dem Text der Bertelsmann-Stiftung nüchtern benannt ist: Dem Subjekt so effektiv, wie möglich, beizubringen, was von ihm erwartet ist, was es zu tun und zu lassen hat. Weniges fürchtet der Untertan mehr, als fehlende Orientierung durch seinen Herrn. Erscheint sie ihm unzureichend, ergänzt er sie an Stammtischen und aus Medien seiner Wahl und nennt solche Ergänzung, die ihn gelegentlich zum unerwünschten Gast auf regierungsnahen Podien macht, Kritik.

Kurzum.
"Wahrheit" ist in diesem Geschäft, das erzwungenermaßen eines mit der Gewalt ist, beim besten Willen nicht erhältlich und selbst die Korrektur von Lügen, die möglich ist, dient in der Mehrzahl der Fälle in anderem Gewand demselben Zweck, den die Lüge verfehlte oder unzureichend erfüllte.

Doris Brandt 16.02.2010 | 19:05

Was ist das Hauptziel eines Journalisten?

a)den Leser zu konfrontieren?

oder

b)dem Leser zu gefallen?

Ich hoffe nicht auschließlich letzteres. Dann hätten wir es geschafft und es auschließlich mit einer hübsche Einheitspampe aus PR, Lobbyismus mit einem Quäntchen Journalismus zu tun. Medienbeiträge (wie z.B. Sonntagsabends-Talkshows)die durch die INSM (Initiative neue soziale Marktwirtschaft)gesteuert werden, machen dies meiner Meinung nach schon sehr anschaulich vor.

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hibou 16.02.2010 | 20:12

merci I

Danke auch. Wichtiges Thema, hab den Artikel gern gelesen, sehr bildhaft *smile* "nicht wortmaechtig", Teufels Küche und der umgekehrte Schuh kommen auch vor. Aber das Diskussionsniveau ist ordentlich hoch *grins*, danke auch Anette, Petrick, 17. Juni, Gibson und die anderen!
Als Student habe ich nebenbei für den NDR in Lokstedt gejobbt. Schon damals wunderte ich mich über dpa. Alle beriefen sich darauf. Aber die hatten die Wahrheit doch auch nicht gepachtet? Naja, wer hat das schon? Messe ich die Temperatur des Wassers, veraendert mein Messinstrument diese gleichzeitig. Medizinische Diagnosegeraete sind inzwischen auf dem Stand, dass Krebs in JEDEM Organismus festgestellt werden kann. Heute kennt man viel mehr Meteoriten, die auf die Erde zurasen, als noch vor 100 Jahren, aber nicht, weil es mehr gibt, sondern weil die Teleskope viel besser sind.....

ed2murrow 16.02.2010 | 20:16

Sehr geehrter Herr Augstein,

seitdem ich in einem Blog schreibe, liegt auf meinem Bildschirm ein graphischer Shortcut, der einzige außer dem Papierkorb, zu einer Rede von Edward Roscoe Murrow vom 15. Oktober 1958. Sie beginnt, gewandt an das Auditorium der „Radio and Television News Directors Association”, mit: “This just might do nobody any good.“

Wie vor einiger Zeit die Perspektive des Lesers bei „Öffentlichkeit 2.0“ zunächst etwas kurz geriet, verengt sich das Anliegen von Weichert und Kramp, „einen medienübergreifenden Diskurs an(zu)regen und danach (zu) fragen, was Journalismus heute noch leisten kann und muss“ zunächst auf Printmedien und dann doch eigentlich nur auf die Berufswelt des (Print-)Journalisten aus dessen ureigener Sicht. Niggemeier bestätigt die Regel mit der Ausnahme des www. Ob die Dimensionen von Radio und Fernsehen, nach wie vor Nr. 1 der täglichen Erkenntnisquellen, noch Erwähnung finden werden, wird sich weisen, ein Kursbuch der Beitragenden hat die SZ ja nicht vorgestellt. Ernst Elitz hat jedenfalls außer zum Crossover nichts spezifisches zu schreiben gewusst.

Warum die Integration zwischen Netz und Print, die von Niggemeier noch als „Kampf“ bezeichnet wird und die eigentlich exemplarisch am Freitag versucht werden soll, nicht Raum greift, obwohl gerade der Titel „Wozu noch Journalismus“ mehr als einladend wirkt, ist mir bei aller weiteren Verengung der bisherigen Perspektive ein Rätsel. Denn die Themen, die hier, auf der hiesigen Plattform behandelt werden, und gelegentlich Veröffentlichung finden, sind ein beachtlicher Beleg dafür, dass Leser-Autorenschaft nicht um ihrer selbst willen produziert, sondern für den interessierten Leser/Nutzer.

Das Thema des Journalismus als vierte Macht scheint ausgelutscht. Vielleicht so sehr, dass jüngere Menschen es noch gar nicht kennen gelernt haben und das Wort „Zensur“ überall dort schon im Munde führen, wo es um Allgemeine Nutzungsbedingungen einer Plattform geht. Insoweit ist es schon richtig, auch anhand einer Feiertagsrede (oder eines offiziösen Geheimtreffens) zu veranschaulichen, dass Regierungsmacht auch diese Gewalt immer dann vereinnahmen wird, wenn sie sie nicht fürchtet. Aber, und die Frage stelle ich mir anhand gerade der Pluralität der sog. „Neuen Medien“ ganz ernsthaft, kann es sein, dass nur dieses Spannungsverhältnis die Daseinsberechtigung der schreibenden Zunft charakterisiert? Anders herum gefragt: Wenn sich Journalismus in dem Spannungsbogen erschöpft, wozu brauche ich eigentlich „neue“ Medien?

Den Leser interessiert nicht nur die „Enthüllungsstory“. Abgesehen davon, dass drehbuchreife Geschichten nur alle Jubeljahre passieren und auch dann nur, wenn zufällig wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit dem richtigen Riecher und dem richtigen Können aufkreuzt, interessiert auch die kundige Behandlung von Sachthemen. Das innere Funktionieren von komplexen Maschinerien, gleich ob technisch oder menschlich, transparent gemacht zu bekommen, gedankliche Beziehungen als Vorschlag zu erhalten, vor allem aber: neugierig zu werden gehört zu den fundamentalen Erwartungen eines jeden Menschen. Wenn man unter Neugierbefriedigung lediglich Gossip versteht, erübrigt sich freilich jeder weitere Buchstabe.

Mit dem Heranwachsen neuer Leser ergibt sich ein weiterer Aspekt dessen, was für einen Journalisten unabdingbar wäre: Die Selbstverständlichkeiten, die er in seiner Ausbildung beigebracht bekommen hat, weiter zu vermitteln. Und darin liegt ein Dilemma. Während das Erlernen des journalistischen Berufes zu einem guten Teil auf die Erfahrungen von Altvorderen aufbaut, die gestählt sind und mitunter geprägt von Affären, Prozessen und Verhaftungen, ist der Neuleser eben nur das, Neuling im Lesen, vor allem zwischen den Zeilen. Insofern mag es sogar erhellend sein, wenn Journalisten sich selbst kritisch hinterfragen. Wenn sie aber die Errungenschaften ihres Berufes bereits als Selbstverständlichkeit ansehen, wie werden sie motiviert sein, derart Banales wie Meinungsfreiheit und ihre Schranken, Wahrheitsverpflichtung und Berufsethos zu vermitteln? Liegt vielleicht darin einer der Gründe, warum Blog(g)ern in der Szene mehr zugetraut wird als dem berufsmäßigen Schreiber mit Ausweis?

Nicht nur dieser Satz, gemünzt auf das 1958 noch neue „neue“ Medium TV (insb. pay-tv) ist einprägsam: „There are, it is true, occasional informative programs presented in that intellectual ghetto on Sunday afternoons. But during the daily peak viewing periods, television in the main insulates us from the realities of the world in which we live. If this state of affairs continues, we may alter an advertising slogan to read: LOOK NOW, PAY LATER.“ Es ist vor allem anwendbar auf das hier und heute die Erkenntnis: „I am entirely persuaded that the … public is more reasonable, restrained and more mature than most of our industry's program planners believe.

Die Frage, warum ich Journalismus brauche, beantwortete Edward Roscoe Murrow mir vor einiger Zeit im Geiste, als ich Dachau besuchte: „I pray you to believe what I have said about Buchenwald. I have reported what I saw and heard, but only part of it. For most of it I have no words. If I've offended you by this rather mild account of Buchenwald, I'm not in the least sorry.

„Ich bitte Sie, mir zu glauben“: Mehr bedarf es nicht, aber auch um kein Quantum weniger, um mich zum Lesen zu bewegen.

Mit freundlichen Grüßen, e2m

Avatar
hibou 16.02.2010 | 20:21

merci II

"Die Wahrheit......", seufzt der Inspektor in Dürrenmatts "Die Physiker". Wann haben wir die jemals in den Medien gefunden? Es musste schon immer interpoliert werden (auch wenn wir zweifellos früher mehr gute Journalisten hatten). Dazu eben (siehe merci I) die sogenannte Trennung in Nachricht und Kommentar, in Mitteilung und Meinung. Sie ist kaum durchzuhalten. Trotz alledem habe ich die Tageszeitung geliebt (in meinem Fall war es etwa für 35 Jahre die Frankfurter.... Rundschau). Ich meine aber auch, dass die Zeitung stirbt. Die junge Generation? Sie verstehen uns gut, aber wir sie nicht *nochmal grins*. Wo sind die "Nachrichten"quellen der Zukunft? Was ist mit Youtube? Na klar auch gesteuert, aber vielleicht für Momente herrschaftsfrei? Es werden sich hoffentlich neue Wege auftun. Oder wollen wir ewig gleichFOERMIG informiert werden?

Rüdiger Kalupner 16.02.2010 | 22:23

Ganz schwierig wird es für Journalisten mit der 'Wahrheit' erst dann, wenn man Goethes Definition des WAHREN als Richtschnur einführt. Er sagt 'Wahr ist der höchste Grad wechselseitiger Entwicklung' und wenn dieser 'höchste Grad' nur durch jene Option erfüllt wird, die aus der Menge der möglichen Optionen herausragt, die die aktuelle Entwicklungsstufe bereithält. Hier ist also die genialste, für die Betroffenen wirkungsmächtigste Innovation meint.

Diese einzigartige Politikoption kann als Tipping-Point-Änderung bezeichnet werden. Naturgemäß wird diese WAHRE Option von allen Mitgliedern eines Machtsystems gefürchtet. Alle politischen Machterhaltstrukturen zielen darauf, diese Tipping-Point-Änderung, die ich in Anlehnung an Goethes Bild von der 'Genialität in den Dingen' mit dem Begriff 'Geniepunktänderung' belegt habe, zu verhindern.

In diesem Sinne ist es wahr, dass (fast) alle Politiker lügen und dass diese Personengruppe alles unternehmen wird, ihre Machterhaltpolitik auf diesen Punkt auszurichten. Normale Journalisten haben kaum Chancen, diese höchste Stufe von Machterhaltpolitik zu durchschauen - und darüber zu berichten. Solche Szenarien sind machtstürzende 'Watergate im Quadrat'. Dennoch sind solche Kipp-Szenarien für Journalisten sehr interessant. Doch wer hat die Theorie dieser Möglichekeit schon drauf.

Klar ist, dennoch, dass nur von einer solchen Innovation ein neues Zeitalter ausgehen wird. Wir werden erst dann eine machtsystemfreie Gesellschaft errichten können, wenn Politik nicht mehr Konfliktkampfpolitik ist, sondern wenn WAHRE/KREATIVE Konfliktauflösung konkurrenzmächtiger wird, d.h. zur GOETHEPOLITIK wird.

Als Vorsitzer der DIE KREATIVEN, 1. evolutionistische Partei der Welt, kenne ich das oben beschriebene Kippszenario und ich weiß aus eigener Erfahrung zu welchen Machterhaltstrategien führende Spitzenpolitiker fähig sind, wenn es um's Ganze ihrer Macht geht. Ich weiß, wie gefürchtet u n d verfolgt das WAHRE-im-Sinne-Goethes in Zeiten einer Systemkrise ist - und wie übermächtig und unaufhaltsam ....

sahni 17.02.2010 | 02:24

Wahrheit ist für die meisten Leser eine viel größere Herausforderung als für den Journalisten. Wahrheit setzt Wissen, setzt Arbeit, setzt Affekt voraus. Meiner Meinung erstreckt sich die journalistische Verantwortung auch auf Bildung. Nicht in der pervertierten Form der Propaganda (wird übrigens wieder salonfähig www.heise.de/tp/r4/artikel/32/32095/1.html). Eher in einer sexy Form (zB www.vbs.tv/de/watch/the-vice-guide-to-travel/the-vice-guide-to-liberia) die nicht "die Masse anspricht", sondern den Konsumenten anspornt zum "mündigen Bürger" zu werden.
Das bedeutet auch dieselbe Nachricht in unterschiedlichen Versionen (je nach Anspruchsniveau) herauszubringen. Da bleibt es nicht aus, vereinfachen zu müssen, nicht alle Informationen unterbringen zu können.

Eine zusätzliche Information zum IPv6: Der "Adressenknappheit" wurde bisher problemlos mit NAT begegnet. Mit IPv6 wird unter anderen jedem Gerät bei Herstellung eine individuelle Adresse gegeben - das erleichtert die Zurückverfolgung von Kommunikation ungemein.

carlfatal 17.02.2010 | 02:30

Ich bin kein Journalist, aber ich nehme mal an, das die meisten dieser Zunft vor allem arbeiten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Und wie in wahrscheinlich den meisten Berufen gibt es da den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit, die Möglichkeit von Karriere oder gar Jobverlust.
Und was die Wahrheit angeht: Ich liebe Fußballübertragungen im Radio, denn gerade hier ist deutlich erlebbar nicht ein unparteiischer, sondern ein engagierter Fan der einen Seite der mit Sicherheit bessere Kommentator, weil er bei der Sache ist. Und im besten Fall hab´ ich dann das Gefühl, mitten drin zu stehen.
mfg cf

misterl 17.02.2010 | 10:05

Ich denke, der Kernprobleme sind es mehere.

- Dass (pauschal betrachtet) Journalisten sich selbst dazu erkoren haben, der Wahrheit zu dienen aber eben nicht definierten , ob es die objektive Wahrheit ist (aus einer Zahl an Optionen öffentlich zu selektieren und zu werten) oder eine von Wahrheiten (aus der Sicht einer Person oder Gruppe oder Idealen).

- Die meisten Journalisten sind irgendwo in einer Hierachie angestellte. Die Freiheit zur Wahrheit ist nicht zwingend dass, was bezahlt wird.

- Jounalisten sind auch nur Mitglied einer Gesellschaft mit diesem oder jenem Mainstream. Das sie dabei durch ihren Tun (oder Lassen) diesen oder jenen Mainstream befördern oder verhindern und so selbsttragende Funktion haben beflügelt das Ego. Ein gutes Ego ist wie ein guter Ruf im - a priori falschen - Mainstream. Die gesellschaftliche Wahrheit sieht letzteres aber möglicherweise völlig anders. Somit unterliegen Journalisten den selben Fehlsteuerung wie der große Rest.

- Unsere real existierende Gesellschaft ist keine besonders aufgeklärte (trotz oder gerade wegen Internet). Die Kombination Journalismus, Markting, Politk stellt einen stabilisierenden Dreiklang dar mit dem Ziel Aufklärung zu vergindern. Diesen aufzulösen hätte sofort den Kippeffekt zur Folge und eine hilflose, weil wahrheitslose Gesellschaft bliebe übrig - Chaos. Die Stabilität einer unaufgeklärten Gesellschaft verlangt nach keiner Wahrheit, sie erwartet halbwegs vertraute und funktionierende Subsysteme.

Beispiel Finanzkrise: Die Wahrheit darüber hätte unsere Gesellschaft ersatzlos zum Einsturz geführt. Die begrenzten Halbwahrheiten haben es am Leben gehalten (und mitten drin auch Journalisten bei ihrem Broterwerb). Die Fortführung der begrenzten Halbwahrheit dient dem Fortbestand jener Kreisläufe im System, die zum nächsten Finanzcrash führen werden.

Ersters ist fast zu loben - das Folgende scharf zu verurteilen. Die Journalisten, das Marketing, die Politik, die Unwahrheit sind die selben. Unsere real existierende Gesellschaft (ver./be.-)hindert Lerneffekte. Das liegt u.a. auch daran die Wahrheit zu (ver.-/b.-)hindern. Es ist die Aufgabe des real existierenden Journalismus dies mit zu gestalten.

Der ersten Wahrheit - wäre im Umgekhrschluss - zu dienen, wäre also diese Wahrheiten auf die erste Seite zustellen.

oca 17.02.2010 | 12:45

@J.A.: Zustimmung zu den Idealen, die Sie in Ihrem Text ausdrücken (auch wenn man sie durch einen Blick auf die Realität ergänzen sollte, wie ihn TomGard oben unternimmt).

Aber mal komplett off-topic eine Frage, die ich nicht nur Ihnen, sondern auch 99.9% Ihrer KollegInnen stellen könnte:

Auf welchem Kontinent liegt eigentlich Amerika?

Ach ja, auf der "Western Hemisphere", ich vergaß.

Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer 17.02.2010 | 13:21

Die Verlage liegen im Sterben, aber der Journalismus ist bereits verwest. Vielleicht verdirbt der Verwesungsgeruch den neuen Lesern die Lust?
Ich gehe besser einen Schritt zurück und schreibe ein verspätetes Vorwort. Ich habe den Artikel von JA und die Kommentare gelesen und zu diesem wichtigen Thema, muss ich meine Meinung noch dazuschreiben. Vielleicht finden sich nicht nur JA, sondern auch Frau Lack, Columbus und andere Kommentatoren wieder.
Zurück zur Kompostierung einer Kommunikationsform. Es ist natürlich richtig, dass Zeitungen sterben, weil zu wenige Exemplare gekauft werden. Woran kann das nur liegen – werden sich am Anfang der Debatte Viele gefragt haben. Den Blick nach außen gerichtet, wird geschaut, was sich verändert hat. Da fallen die neuen Medien so offensichtlich ins Auge, daß sie den Blick auf alles andere verdecken.
Natürlich hat sich die Medienlandschaft durch das Internet stark verändert. Stärker noch als durch das Fernsehen, weil es nun jedem möglich ist zu Publizieren. Und das tun die Menschen auch. Überall wird gebloggt, getwittert, kommentiert und provoziert. All das dient zwar auch, aber nicht nur der bloßen Kommunikation, wie eine SMS. Selbstverständlich twittern Menschen auch, weil sie dadurch Geld sparen können. Das ist trotzdem nicht alles. Bloggen und Twittern findet öffentlich statt und davon geht ein Reiz aus. Es ist der, auch unbewußte, Reiz am öffentlichen Diskurs, am zementieren seiner Meinung, die auch in der Flüchtigkeit des Internets eine Permanenz erlangt.
Es besteht ein großer Bedarf an Meinungen, an Kommunikation und Information. Sind das nicht Bestandteile einer Zeitung, eines Magazins oder auch einer Fachzeitschrift? Trotzdem werden weniger Zeitschriften verkauft. Das mag am Internet liegen. Aber weder Fernsehen noch Radio und im Übrigen auch nicht das Internet, haben es in einer gemeinsamen Anstrengung geschafft das Buch zu vernichten. Zwar erfordern neue Umstände neue Medien, aber der Blick darf nicht nur auf der Form des Vermittelns ruhen. Es muss geschaut werden, was vermittelt wird.
Genau da trifft Herr Augstein mit seinem Kommentar. Die Krise der Verlage liegt am Produkt mit dem sie Handeln. Egal, ob man durch die Überregionalen Zeitungen blättert oder durch verschiedene Nachrichtensendungen im Fernsehen zappt, es scheint alles ähnlich. Natürlich ist der Gegenstand des Berichtes immer dasselbe, aber die Tonart, die Sichtweise auch. Es ist richtig, daß objektiv berichtet werden muss, aber selbst wenn es vollkommene Objektivität geben würde, unterschieden sich die Autoren immer noch in Wort und Stimmung. Doch selbst sind wirkliche Unterschiede oft kaum noch vorhanden. Oft sind Artikel nichts weiter als leicht umformulierte DPA-Meldungen. Und so ein Produkt soll interessant sein?
Wieder zurück zur Objektivität. Es gibt sie nicht. Die Wahrheit zu finden, ist oft unmöglich. Selbst Fakten führen zur Subjektivität. Was erwähnt man, was nicht? Berichtet man nur, dass der Iran erfolgreich Uran anreichert oder erwähnt man noch, daß es sich um einen Bluff handeln könnte? Es sollen keine Grenzen zwischen Artikelgattungen verwischt werden. Nur das Mischverhältnis der Publikationen sollte angeguckt werden. Sind Kommentare wirklich noch Kommentare? Wo setzt sich jemand wirklich mit einem Thema auseinander und wo wird nur die Meinung eines Pressesprechers wiederholt? Ein Thema muss von vielen Seiten beleuchtet werden, aber der Platz für den Text ist oft begrenzt. Der Autor muss auswählen und filtern und dadurch entsteht unweigerlich seine Wahrheit. Das scheint keinem mehr bewußt zu sein. Wären Journalisten Schreiner, dann würden die meisten im Moment den vollkommen gleichen Stuhl herstellen.
Immer das gleiche zu sehen ist nicht interessant und gute Artikel müssen den Leser in seinen Bann ziehen. Von ihnen muss eine Anziehungskraft ausgehen, die sie lesenswert macht. Seine bloße Existenz kann nicht der einzige Grund zum Lesen sein. Die Faszination mit der Columbus hier in den Kommentaren von Journalisten spricht, kommt nicht auf. Wo nichts ist, was geliebt werden kann, entsteht keine (positive) Beziehung. Die Neon ist ein gutes Beispiel. Sie scheint die junge Generation wirklich anzusprechen, da ich überall junge Menschen über sie reden höre. In der Bahn wird die Neon gelesen und auf Blogs wird kommentiert, was die sie schreibt. Das ist eine intermediale Koexistenz, wie sie sich viele Verlage wünschen (sofern sie das Internet nicht verbieten können). Die Neon existiert nicht nur, sie spricht ihre (jungen) Leser an und das in Farbe und bunt, wie der Name schon sagt. Das ist nun auch nicht der Aufruf an sämtliche Printmedien zur BILD zur werden (bitte nicht). Aber Zeitschriften brauchen Charakter, ansonsten können alle problemlos durch Direktmeldungen der Nachrichteagenturen ersetz werden.
Die Jungen zwischen 16-20, die Frau Lack anspricht, sind es gewohnt bevormundet zu werden. Abgesehen von Eltern und Lehrern, tritt die Politik stärker denn je in die Rolle des Vormunds. Überall trifft auf die jugendlichen heute Zensur und vor allem Unverständnis. Ihnen nachzusagen, daß sie Komasäufer sind, ist noch eines der harmlosesten Dinge. Jugendliche sind gewaltbereite Amokläufer, deren Hobbies verboten werden müssen. Ihr Kommunikationsraum (das Internet) ist voller Kinderpornografen, Diebe, Terroristen und Dummschwätzer. Sie sind unmündig und die Kontrolle über sie muss erweitert werden. Heute bekommt man seine Mündigkeit nicht mit 18 Jahren. Man bekommt sie niemals. Spiele und andere Dinge werden in Deutschland verboten, ohne daß selbst Chance hat, für sich zu entscheiden. Was Stopp-Schilder angedeutet wurde, wird mit dem Jugendmedienschutz-Staatsvertrag ad absurdum geführt.
Heute heißt es eben nicht mehr „Poltiker lügen“ sondern „Politiker und Medien lügen“. Das Internet gilt als der letzte Platz, wo noch Wahrheiten oder Meinungen zu finden sind und wird von der jungen Generation deswegen mehr geschätzt, als ihnen vielleicht bewußt ist. Und die Zeitungen, Magazine und alle anderen Printmedien wundern sich, daß die Auflage sinkt? Sie sind doch nur Stimmen des Chors, der zerstören möchte, worauf eine Generation stolz ist.

So am Ende etwas zu mir, weil der Hintergrund des Autors oft wichtig ist für das Verständnis seiner Meinung. Mein Name ist Philipp Nordmeyer, ich gehöre selbst zur jungen Generation mit meinen 27 Jahren. Ich bin fast mit meinem Magister Studium der Geschichte und Politikwissenschaft fertig und schreibe nebenbei als C-Klasse-Journalist. Was meine literarische Erziehung angeht, bin ich wohl relativ unterbelichtet. Bis zum Alter von 20 Jahren habe ich vielleicht 10 Büchern aus Spaß gelesen (inzwischen sind es viel mehr). Auch wenn ich mich für Politik und Menschen interessiere, habe ich niemals regelmäßig eine Zeitung gelesen. Dafür hatte ich den Spiegel abonniert bis mich Hasstiraden gegen das Internet und meine Generation Doof vertrieben haben. Ich lese aber regelmäßig online, vor allem weil dort das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Hauptsächlich lese ich sueddeutsche.de, spiegel.de, welt.de und heise.de, um verschiedene Gesichtspunkte kennenzulernen und nicht nur eine Meinung zu hören. Allerdings gibt es, bis auf heise.de, kaum Meinungen. Ich frage mich warum der Heise Verlag als einziger mein politisches Interesse an Meinungsfreiheit vertritt.
Ich würde mich freuen, wenn mir jemand antwortet. Ganz abgesehen davon, meine Einstellung zum Beruf wird mir wohl nie einen richtigen Journalisten-Job bescheren.

Jakob Augstein 17.02.2010 | 13:23

Amerika? Ja, das stimmt. Streng genommen die USA. "Amerikanisch" als Adjektiv geht aber, glaube ich, auch formal.
Es ist einfach ein sehr schönes Wort, vielleicht benutzen wir es deshalb so sorglos - obwohl es formal nicht richtig ist.

Aber ganz kurz noch zu einem allgemeinen Trend bei einigen Kommentaren hier: Was ich da schreibe hat doch mit "Idealen" nichts zu tun. Ideale klingt so, als sei es wichtig, sie zu haben. Aber jeder weiß, dass sie unerreichbar sind. Ein Bäcker hat aber doch nicht das Ideal essbares Brot zu backen, oder ungiftiges Brot zu backen - sondern eine entsprechende Pflicht.

Wieso finden wir uns damit ab, dass Journalisten Wahrheit vielleicht als "Ideal" sehen, aber für unerreichbar halten? Wir würden uns nicht damit abfinden, dass Bäcker giftiges Brot in die Regale legen.

Da sollten wir wütender sein. Als Leser und Bürger, finde ich.

Alien59 17.02.2010 | 13:29

Stimmt. Ich bins auch oft, und ein Grund für meine bloggerei - nicht so sehr hier, als auf meinem anderen blog - ist, dass ich oft im Internet Informationen finde, die offensichtlich in den deutsche Medien unter den Tisch fallen. Bei vielem frage ich mich, warum, und alle Antworten, die mir dazu einfallen, sind nicht schmeichelhaft.
Journalismus heute muss sich fragen lassen, wie es mit seiner Unabhängigkeit steht - ohne diese ist er nicht wirklich viel nütze.

Magda 17.02.2010 | 13:43

@ Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer
Sie sprechen vieles an, was mir auch durch den Kopf geht.
Ich denke ebenfalls, dass es Objektivität gar nicht gibt, ich glaube, dass mediale Bevormunderei und der Elitedünkel einer guten Berichterstattung und gutem Journalismus im Wege sind. Journalisten sollten sich mehr als Diener an der Allgemeinheit verstehen, so treten viele aber nicht auf.

Seltsamerweise fühle ich mich bei
www. heise.de auch immer gut informiert. Meinungen kann man da aber tatsächlich "nur" in den Kommentaren lesen, da aber ziemlich schrill.

"Die Welt" lese ich ungern, weil deren gehässiger Unterton in einigen Ressorts mich stört. Und dieses Ost-West-Polarisieren.

Die "Süddeutsche" finde ich auch am Besten, aber auch die haben immer wieder Ausrutscher, wo man sich fragt, woher da plötzlich der Wind wehte.

Kennen Sie die www.nachdenkseiten.de
Kann ja sein, dass das für Manche auch schon zu meinungslastig ist. Ich finde es gut.

Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer 17.02.2010 | 14:00

Dann haben wir einen ähnlichen Geschmack. Der Unterton bei Welt.de stört mich auch, aber ich lese dort öfter, um auch mal etwas anderes wahrzunehmen.

Die Nachdenkseiten habe ich bis jetzt leider vernachlässigt, finde sie aber gut.

Ich denke auch, dass Journalisten Diener der Allgemeinheit sind. Aber schreiben sollten für sich selbst. Journalisten sind, denke ich, am besten wenn sie schreiben was sie selbst sehen, beobachten, denken (auf eine interessante und stilvolle Weise). Das reduziert aber sofort die Kompatibilität mit dem Leser. Aber es gibt keinen allgemeinen Leser. Es gibt den Mainstream als maximale Überschneidung der gemeinsamen Vorlieben. Mainstream zu werden, scheint die einzige Möglichkeit sein, heute noch Gewinn zu machen. Aber Journalismus ist am besten, wenn er etwas ist. Wer Mainstream ist, ist aber nichts handfestes.

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tomgard 17.02.2010 | 14:15

Vielleicht braucht es einen längeren, philosophischen und realistischen Diskurs über den Begriff "Wahrheit".(misterL)

Das halte ich für einen Irrweg. Ein Journalisten kann kaum etwas anderes leisten, als direkte oder mittelbare Lügen aufzudecken, oft vermag er bestenfalls, sie ins Zwielicht zu stellen. Letzteres um so mehr, als die Mehrzahl der Lügen auf Selbsttäuschungen der Adressaten beruhen.

Nebenher: Wahrheit und Lüge halte ich für Reflexionsbegriffe, insoweit stimme ich der Goetheschen Definition zu. Praktisch halte ich es mit "unzureichenden Bemerkungen" :)

oca 17.02.2010 | 14:21

@J.A.: Wütend sein ist gut, aber derzeit handelt es sich bei dem, was Sie fordern eben doch eher um ein "Ideal".

Zm Thema Amerika und Wahrheit: Eine Lateinamerika-"Expertin" just der Süddeutschen Zeitung sagte mal in einer Podiumsdiskussion, wir Europäer sollten froh sein, dass "die Amerikaner" in Kolumbien den Drogenanbau bekämpften, weil "wir" das sonst tun müssten. "Die Amerikaner in Kolumbien", das klang schon lustig, und man hätte darüber lachen können, wenn nicht der Rest ihrer Aussage schon eine so widerliche Lüge gewesen wäre, die den Krieg in Kolumbien in voller Übereinstimmung mit der offiziellen Kriegspropaganda darstellt. Solche JournalistInnen tun genau das mit der Politik, was die Wahrheit laut Schopenhauer eben nicht tut:

"Die Wahrheit ist keine Hure, die sich demjenigen an den Hals wirft, der sie nicht begehrt."

(Ich distanziere mich natürlich von der Misogynie Schopenhauers ;)

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carl-gibson 17.02.2010 | 14:25

Apropos "Wahrheit und Journalismus" - Ein Journalist, der von einem "Ethos" bestimmt wird, sucht a priori nach der Wahrheit in allen Dingen, die er beschreibt und bewertet.

Weicht er von seinem Ethos ab, das ist bei Ärzten, Anwälten etc. nicht anders, wird er zum Handlanger und zum Erfüllungsgehilfen bestimmter, zum Teil obskurer Interessen und Zielen.

In den letzten Jahren habe ich (in Journalistik und Wissenschaft) folgende Erfahrung gemacht:

Man kommt der Wahrheit dann am nächsten, wenn man kontinuierlich und konsequent viele unbequeme Fragen stellt, bohrt, nachfragt, "kritisch" recherchiert, ohne "Partei" zu ergreifen.

Wer mit vorgefasster Meinung an ein Thema heran geht, gibt schon Entscheidungsfreiheit auf, noch mehr derjenige, der in Anhängigkeiten agieren muss und sich selbst zensiert, um nicht anzuecken.

Meine große Enttäuschung:
Die Haltung der großen Blätter : DIE ZEIT, DER SPIEGEL, die FAZ, die FR, Focus, die NZZ etc. bei bestimmten Themen, wo das kritische Hinterfragen ganz andere Ergebnisse erbracht hätte, Resultate, auf die der "gesunde Menschenverstand" jederzeit selbst kommt, wenn er sich analytisch ein Bild macht und alles "kritisch" verifiziert.

"Investigativer Journalismus" findet heute fast nicht mehr statt.
Die Mainstream-Meinung soll transportiert werden - als "Element der Volskverdummung" - und basta!

"Wahrheit" verwirrt nur!

Überlassen wir die Wahrheitsfindung den entrückten Philosophen im Elfenbeinturm der Alma Mater - und gehen wir unseren Handwerk nach, das heute zu einem Mittel des Willens zur Macht verkommen ist.

Glauben, das war gestern, bei der katholischen Kirche und dann bei Marx, Engels und Lenin im dogmatischen Kommunismus.

Heute kommt es auf das kritische Analysieren und Werten der Fakten an, jenseits von Ideolgie, und Vorurteil und Anhängigkeiten aller Art.

Heute ist posttotalitaristische Kritik angesagt, die keine Tabus kennt und nur einem verpflichtet ist: der "vollen" Wahrheit.

Carl Gibson

misterl 17.02.2010 | 15:21

@TomGard

Irrwege...

Dem stimme ich ja zu. Mir scheint aber JAs Anforderung klingt nach einer Aufgabe mit Absolutheitsanspruch (die nicht funktionieren kann amS).

Mir würde es ja schon reichen, würde ich in einem politischen Journalisten (m/w) eine eher unabhängige Instanz erkennen und nicht eine undeutliche Vermischung aus Hofberichterstattung, rechter (oder linker) Hand der Marketingabteilung und Staatsdiener mit (altmodisch) Schreibmaschine.

Übertragen auf den Bäcker also jemanden der seine Zutaten selber mischt und Brötchen mit eigenem Geschmack produziert.

Lethe 18.02.2010 | 12:36

es wäre illusorisch, anzunehmen, das berichtende Subjekt sei frei von Intentionen, die über reine Berichterstattung hinausgingen. Ich finde nirgendwo, wirklich nirgendwo, weder bei Bild, noch bei TAZ, noch im Freitag, nirgendwo eben, eine Berichterstattung, die auf die Vermengung von Wertungen und Darlegung von Fakten verzichtet; der Interpretationsrahmen wird immer mitgeliefert - in den schlimmen Fällen implizit, suggestiv, durch Wortwahl, im Falle anständigen Journalismus´ als Kommentar. Ersteres ist vielleicht menschlich, aber es ist unverzeihlich. Zumindest mir geht der überbordende manipulative Charakter moderner Berichterstattung zunehmend gegen den Strich, und Journalisten, die solches betreiben, können mir in der Tat gestohlen bleiben. Und selbst bei letzterem fehlt mir zunehmend die Trennschärfe; die Eindeutigkeit der Kennzeichnung einer Meinung als Meinung ist schon lange nicht mehr gegeben.

Von daher kommen ohnehin nur noch sehr wenige Journalisten und noch weniger Zeitungen, Zeitschriften oder Nachrichtensendungen in Frage.

Anette Lack 18.02.2010 | 14:51

@Doris Brandt:

Interesse ist schon vorhanden, nach meiner Wahrnehmung. Aber die Zeit fehlt. Jugendliche und Kinder werden ja, wie hier in HH, schon frühzeitig - möglichst schon im Kindergarten, wie Sie ja in ihrem schönen Spielplatz-Blog beschrieben haben :) (den ich übrigens nur bestätigen kann, besonders für Eppendorf. Hier in Ottensen passiert die Schickererisierung der Kleinen noch etwas subtiler) auf kleine Lernmaschine getrimmt.

Da bleibt wenig Zeit und Energie, um jenseits davon Interessen zu entwickeln. Abitur in 12 Jahren, Abschaffung der Orientierungsstufe in den Gymnasien usw.

h.yuren 18.02.2010 | 23:07

wenn von unabhängigkeit des urteils gesprochen wird, stellt sich zwangsläufig die frage nach der abhängigkeit, in der die journalist/innen arbeiten. die öffentlich-rechtlichen medien werden vom rundfunkrat, vor allem zunehmend von parteien kontrolliert und manipuliert.(s. ZdF)
die privaten medien kennen ähnliche richtlinien oder image-fragen, die vom besitz bestimmt sind.
unabhängiger journalismus ist unter diesen verhältnissen nicht möglich.(ausnahmen bestätigen die regel)

der deutsche journalismus hat im krieg der nato gegen jugoslawien allen kredit verspielt. der us-journalismus im irakkrieg entsprechend. gleichschaltung ist ein kriterium des faschismus.
"freiwillige" einheitsnachrichten sind nicht besser.

von wahrheit und objektivität war hier des öfteren die rede. mir würde es schon genügen, wenn die ausbildung und das selbstverständnis der journalist/innen aufgeklärt wäre und das erklärte ziel der berichterstattung und kommentierung die aufklärung.

Fro 18.02.2010 | 23:40

Ein sehr guter Werbebeitrag für unabhängigen Journalismus.
Ich finde auch, dass ein guter Journalist sich als Dienstleister der Bürger und der Allgemeinheit sehen muss. Als Wahrheitsvermittler. Er darf niemals Dienstleister irgendwelcher Interessengruppen werden. Dann wäre er nur noch Auftragsschreiber. Er soll es aber frei und unabhängig aus sich heraus machen – nicht populistisch.

Ich glaube schon, dass es für die Wahrheit einen Markt gibt – ich würde sogar sagen, dass es ein Zukunftsmarkt ist. Wahrheit ist lebenswichtig für die Demokratie. Der Mensch ist angewiesen auf Wahrheit – anders kann er sich nicht orientieren.
Um die Nachfrage muss man sich nicht sorgen. Die Frage ist, ob es da ausreichendes Personal - und Medienunternehmen gibt, die das zu schätzen wissen.

Eine andere von JA angerissene Frage, ob wir als Medienkonsumenten und Bürger von den Journalisten eine unabhängige Berichterstattung und Bewertung der politischen Ereignisse verlangen können und sollten, würde ich auf jeden Fall bejahen.
Auch ein Bildzeitungsleser wünscht sich Artikel, die der Wahrheit entsprechen. M.E. ist es Betrug am Kunden, wenn sie für politische Manipulationen, auch noch bezahlen müssen.
Es könnte m.E. durchaus hilfreich sein, die Wahrheitsverpflichtung und die gesellschaftspolitische Aufgabe der Journalisten in den Fokus des öffentlichen Interesses zu stellen. Nur leider sind es ja dann die Kritisierten selbst, die darüber berichten würden....

Fritz Teich 19.02.2010 | 09:01

Niemand sagt die Wahrheit, sondern allenfalls einen Ausschnitt daraus. Eine Flotte von Filmen verlangte Kluge. Viele Zeitungen liest der Leser und am interessantesten sind die, die interessante Leserbriefe veroeffentlichen. Je besser es der Zeitung gelingt, interessente Leserbriefe zu bringen, Leser zu binden, eine Gemeinschaft oder was auch immer zu schaffen, desdo mehr wird sie gelesen. Und umso besser kann sie sich verkaufen.

Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer 19.02.2010 | 09:42

Ist mein Text larmoyant? Für mich klingt Larmoyanz immer nach Selbstmitleid oder Wehleidigkeit. Das wollte ich damit nicht ausdrücken. Sicher klingt eine gewisse Frustriertheit mit, wenn es um Bevormundung und Zensur geht. Ansonsten gibt es aber nichts zu beweinen. Zwar ist es aus der Sicht der Verlage schade, daß sich junge Menschen kaum noch für ihre Produkte interessieren, jedoch haben Twens ihre eigenen Medien gefunden.
Das in einer Gesellschaft einzelne Milieus entstehen, die ihren eigenen Kommunikationskanal haben, ist völlig normal.

Zu 1.: Was Sie schreiben ist vollkommen richtig. Ob nun im Duden oder in einer Zeitung, es wird oft über Jugendtrents und Jugendsprache berichtet. Aber ich denke nicht, daß die Jungen wirklich damit erreicht werden. Allerdings geht hier auch nicht darum. Ich meinte ganz konkret etwas anderes, ohne es konkret zu nennen.
Die anderen Stimmen des Chors sind die Politiker und Parteien. Es wird meiner Meinung nach viel Wahlkampf auf dem Rücken der unter 30-jährigen geführt, aber kaum Wahlkampf für sie. Ob nun von der Leyen das Internet dämonisiert oder Roland Koch die jugendlichen selbst - es werden Vorurteile geschürt und Missverständnisse gepflegt, wo sie auch geklärt werden könnten.

Zu 2.: Ich denke meine Generation ist vorallem kreativ, neugierig und gar nicht so anders, wie jede andere Generation. Es gibt immer etwas neues, das die Älteren nicht gut finden, ob das nun der Tonfilm ist oder die Beatles. Die Kluft zwischen Jung und Alt erscheint mir nur intensiver, vielleicht weil sich alles immer schneller ändert und gleichzeitig die Deutschen immer älter werden.
Die Medien sollen berichten worüber und wie sie wollen. Ich wünsche mir nur, sie würden wirklich berichten und nicht nur wiederkauen, was jemand vorgekaut hat. Außerdem scheinen die Printmedien oft das Interesse der Verlage zu vertreten, wenn es um Themen wie Internet, Open Access und so weiter geht.

Noch etwas anderes. Die meisten Schrift-Medien sind auf Zielgruppen fixiert. Der Spiegel hat öfter getitelt, daß das Internet dumm, einsam und abhängig macht, während Spiegel Online eher gemischt berichtet. Ist eine solche Zielgruppenausrichtung Fluch oder segen?

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carl-gibson 19.02.2010 | 10:22

Was mich seit Jahren aufregt und irritiert:

Die Duldung des "diagnostizierten Missstands",
die Duldung der Unwahrheit, der Lüge,
die stille Akzeptanz und Billigung der prinzipiellen Ungeheuerlichkeit, dass Einrichtungen, die eigentlich öffentlich und objektiv informieren sollen,
"Instrumentalsierung", "Manipulation", ja gezielte "Desinformation" akzeptieren,
hinnehmen, gar bewusst betreiben - im Fernsehen und in den großen Blättern.

Weshalb bleibt das "ohne Konsequenzen"?

"Ja, wir haben von der krummen Sache gehört ..." Jetzt gehen wir zur Tagesordnung über, etc. etc.

Selbst der "kritische Staatsbürger" ist überfordert von der Informationsflut.

Gelähmt kapituliert er und resigniert fatalistisch, ohne zu handeln, ohne engagiert zu "reagieren".

Darin sehe ich ein Defizit der Demokratie, die von allgemeiner "Saturiertheit" bestimmt wird.

Der kritische Staatsbürger sollte von seiner "Freiheit" guten,regen Gebrauch machen, indem er dem Lügenwerk in vielen Formen "etwas" entgegensetzt, indem er aufmuckt und Fragen stellt.

Meine Strategie: Bisher habe ich immer wieder versucht, den Autoren, Journalisten, Redaktionen "andere" Wahrheiten anzubieten, "selbstredende" Fakten, zu tieferen Recherchen auffordernd.

Ist das schon zu viel?

Uns fehlen die Mittel, dies und das "zu überprüfen"!
So wehren sich einige, wäherend andere das "Prozessrisiko" scheuen.

Viele Autoren, Journalisten transportieren nur das, was man ihnen vorsetzt. Leider.

Meine Antwort darauf: Dort, wo es möglich war, habe ich versucht, mit kritischen "Kommentaren" dagegen zu halten, auch um andere kritische Köpfe aus der Leserschaft zu erreichen.

Dabei erlebte ich Maulkörbe und Zensur durch "Nichtveröffentlichung" oder "Löschung" des Beitrags.

Die Krise des Journalismus ist eine Krise der Demokratie - und des Vertrauens in diese Demokratie.

Kritische Zeitgenossen müssen dagegen halten - und munter "gegen den Strom" schwimmen, gegen den "Mainstream" , auch und gerade von hier aus!
Carl Gibson

Philipp "ChaosPhoenix" Nordmeyer 19.02.2010 | 10:35

Ich kann das nur wieder aus der Sicht der jungen Leute versuchen zu schildern. Dieses Nichts-Tun ist etwas, das man sich selbst und von anderen anerzogen bekommt. Widersprechen wird in der Schule nicht gerne gesehen, in vielen Unis leider auch nicht, besonders seit dem Bachelor. Früher stand man früher auf eigenen Füßen. War es für die meisten noch Schule -> Arbeiten, ist es jetzt Schule -> Abi -> Bachelor -> Master -> Praktika -> Nebenjobs -> Arbeiten.

Das ist keine Beschwerde, nur ein Hinweiß darauf, daß sich die Umstände geändert haben. Jeder muss seine Nabelschnur selbst durchtrennen und auf eigenen Beinen stehen. Bis das soweit ist, sind für viele die Misstände, der Willen etwas zu ändern und auch die eigene Meinung zu einem leisen Hintergrundrauschen geworden. Ein "man kann ja eh nichts ändern", das aber nicht stimmt.

Genauso, wie früher nicht alles besser war ;-)

oca 19.02.2010 | 13:22

@Fro: Ich fasse mal zusammen: Man muss "die Medienunternehmen" nur davon überzeugen, dass es einen Markt für "die Wahrheit" gibt, und sie werden anfangen, "Wahrheit" auf dem Markt anzubieten.

Und die Zeitungsleser, die sich heute ganz gegen ihre eigentliche Absicht nur Selbstbestätigung, Ressentiements, einfachste Welterklärungen und bestenfalls Pseudokritik per Abo ins Haus liefern lassen, werden "die Wahrheit" begierig aufsaugen.

So muss dem Markt nur erklärt werden, wo sein Gleichgewichtszustand wirklich liegt, damit er endlich dorthin relaxiert und den allgemeinen (geistigen) Wohlstand maximiert.

Ich wusste doch gleich, dass die Lösung des Problems irgendwo in der "Einführung in die Mikroökonomie" zu finden ist.

Fro, ich glaube, die Kategorien in denen du denkst sind selbst das Problem. In deinem letzten Satz klingt das ja auch an.

Fro 19.02.2010 | 14:39

@oca

Sehr freundlich, dass du versuchst meinen Beitrag zusammenzufassen und mich darauf Aufmerksam zu machen, in welchen Kategorien ich denke – aber leider liegst du da etwas daneben.
Noch einmal etwas anders:
Es braucht hier im Lande Autoren und Journalisten, die sich der Aufgabe eines unabhängigen Wahrheits-Mittlers und Kommentierers im Dienste der Allgemeinheit widmen wollen.
Und es braucht Bürger, die die obrigkeitsdienliche Medienberichterstattung und Kommentierung kritisieren und nach einem ehrbaren Journalismus verlangen.

Die meisten Medienunternehmer haben in erster Linie wirtschaftliche und politische Eigeninteressen – und bieten daher wenig Chance für unabhängigen Journalismus. Das ist mir bekannt.
Aber natürlich kann es sein, dass einige wenige Medienunternehmer den Markt erkennen und vertrauenswürdige Medienangebote mit vertrauenswürdigen Autoren und Journalisten anbieten.

Das, was für mich als Leser an erster Stelle steht, wenn ich beginne etwas zu lesen, ist: Kann ich der Zeitung und den Autoren vertrauen. Und so wird es jedem gehen, der sich informieren will. Das Vertrauen bringt es – und das muss sich eine Zeitung durch die Arbeit ihrer Autoren und Journalisten erarbeiten.
Ich sehe da ausgezeichnete Marktchancen für den vertrauenswürdigen Wahrheitsjournalismus – da klafft eine riesige Marktlücke.

Alien59 19.02.2010 | 14:45

Fro, da stimme ich dir zu. Ich hoffe auch, dass gerade die Möglichkeiten des Internets immer wieder dazu führen, dass manche Dinge irgendwann auch von Berufsjournalisten nicht mehr so einfach übersehen werden können. Manchmal klappts - ich fand heute in einer Zeitung einen Artikel zu einem Thema, das, als ich es als blogbeitrag bei mir einstellte, keines war. Nur ein Haufen gehässiger Kommentare in anderen Blättern. Aber es wuchs.

Fritz Teich 19.02.2010 | 18:24

Wozu noch Journalismus ist auch eine Frage nach journalistischer Qualitaet. Man muss wieder kontinuierlich ueber Themen berichten. Das zeichnet beispielsweise die NZZ aus. Es war frueher, in den fruehen 50ern in Bonn, selbstverstaendlich, ist es aber nicht geblieben. Dabei ist Kontinuitaet das einzige, was eine Zeitung auszeichnen kann, die Themen, genauer: Geschichten um Themen, ueber die fortlaufend berichtet wird. Binden Interessenten usw, jede Zeitung hat andere Themen.

h.yuren 19.02.2010 | 21:21

was den NEWSpapers besonders zu schaffen macht, ist die tatsache, dass sie keine NEWSpapers mehr sind, seitdem die elektronischen medien mitmischen. was heute neu ist und online oder auch im rundfunk zu hören, wird erst morgen in der zeitung stehen. dann aber haben manche neuigkeiten bereits eine wende genommen, die erst am folgenden tag in die zeitung kommt.
diese tatsache kann keine noch so gut gemeinte zeitgemäßheit aus der welt schaffen. bis sie ihre ganze wirkung getan hat, ist die zeit für zeitungen abgelaufen.
periodika sind anders. sie jagen nicht dem letzten schrei nach. und sie haben den aktualitätsrasern voraus, dass sie überlegter und besser recherchiert schreiben können. also haben sie auch noch zukunft.

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tomgard 21.02.2010 | 13:41

@Fro
"Die Juden sind Parasiten am deutschen Volkskörper" - ich nehme diese alte Aussage zum Beispiel, weil Du andernorts über Antisemitismus geschrieben hast.
Ist die "Wahrheit" zu dieser "Lüge" die Negation der Aussage? Bestünde sie nicht vielmehr in der Aufklärung der funktionellen Notwendigkeit der "Lüge" im Bewußtsein der Adressaten, mithin ihres Grundes?
Im letzteren Fall wäre "Vertrauen" auf Leute, die eine Korrektur unternähmen, nicht nur entbehrlich, sondern hinderlich! Ultimativ deshalb hinderlich, weil der Zwang, dem ein Staatsbürger ausgesetzt wird, das Staatswesen als Mittel seiner Interessen zu behandeln , obwohl es keines ist, das offensive Vertrauen (das Staatsideal) darauf befördert, es sei eines und könnte diese Eigenschaft erst so recht entfalten, wenn es nicht dauernd von "fremden" Kräften und Mächten darin behindert werde.
Z.b auch von Faschisten ...

Eben sowas will kaum ein Staatsbürger hören, nicht wahr? Ich fürchte, Du auch nicht.

mfg
Tom

Phineas Freek 21.02.2010 | 18:32

Wenn ich Dich richtig verstanden habe (was mir zugegebener Weise schwer fiel), verhält es sich folgendermaßen: die Verneinung Deines Aussagebeispiels „Die Juden sind Parasiten am deutschen Volkskörper“ (in dem Fall dann „Die Juden sind KEINE Parasiten am deutschen Volkskörper“) ist nicht nur unzureichend, sondern grundverkehrt.

Und zwar deswegen, weil der (willkürlich positiv gefasste) Maßstab (hier „deutscher Volkskörper“ oder Staat/Nation) auch in der verneinenden Fassung gar nicht verlassen wurde, um ihn vorher einer kritischen Würdigung zu unterziehen.

Und hinderlich für eine echte Meinungskorrektur wäre die ausschließliche Verneinung der obigen Aussage deswegen, weil somit der GENERELLE GRUND und geistige Ursprung (der POSITIVE Bezug auf Staat/Nation des Staatsbürgers) der rassistischen Ausgrenzung (bis hin zur physischen Vernichtung) in der ersten Aussage (Juden=Parasiten) gar nicht verlassen wurde, sondern ausschließlich eine Gruppe (hier „die Juden“) vom „Parasitentum“ ( fürs Gemeinwohl unterstellte und schädigende Eigenschaften einer Personengruppe) freisprechen will.

Der so freigewordene Platz des „Volksschädlings“ und „Parasiten“ lässt sich ja heute wieder nach Laune und Vorliebe auffüllen. Die „rechte“ Variante dieses staatsbürgerlichen Raisonnements schließt diese Lücke mit den faulen Arbeitsverweigerern, Ausländern und den übrigen Überflüssigen Kostgängern und die „linke“ Variante schießt sich auf böse Steuersünder und Heuschrecken aller Art ein (früher hieß dass „raffendes Kapital) – manchmal sind die Grenzen auch fließend.

Closer 25.03.2010 | 22:13

Lieber Herr Augstein,

die schiefe Ebene des Journalismus haben Sie perfekt zusammengefasst. Er/sie ist zu einem Pressesprecher mutiert, dessen Netzwerke sanft eingebettet sind in eine Hängematte aus Politik, Beamtentum, Konzernmacht, Parteiengeflecht, Forschung, Universität und Verlagen. Er sitzt am liebsten im Café Einstein, umgeben von Politikern, Ministerialdirigenten, Sekretärinnen und redet von denen da draußen, den Affen im Zoo, denen man Futter geben muss.

Christian Friedrich Daniel Schubart saß dereinst Jahre auf dem Hohenasperg ein, weil er dem König nicht nach dem Mund reden wollte. Von ihm stammen diese Worte: "Unter allen kriechenden Kreaturen des Erdbodens ist der Zeitungsschreiber der kriechendste. Wie er da mit kindischer Bewunderung den Pomp der Großen anstaunt! Wie er in pedantischer Ehrfurcht, wie weiland Magister Sebaldus Nothanker, nach dem Schlafrockzipfel eines ausgetrockneten Hofmarschalls schnappt und ihn demütig küsst."

Am liebsten schnappt sich der Journalist noch ärmere Kriecher und Versager, z.B. die notleidenden Autoren. Ich komme in Ihre Zeitung, nachdem ich etwas über Sie, Herr Augstein, gelesen habe, und lese einen flammenden Aufruf zu Buch-Verrissen. Ich kritisiere das, bemängele den Ton, der dort angeschlagen wird, die stümmelnden Versuche des Gespräches Ihres Journalisten und werde bedroht: ein Herr sagt mir, ich würde bei der nächsten Auffälligkeit 1 Woche Hausverbot bekommen.

Dies ist die typische Durch-Fall des deutschen Journalisten. Statt froh zu sein, kritisiert zu werden, verrissen gar, droht man. Man droht mit Redeverbot, mit Meinungsausschluss. Man tritt nach unten, statt nach oben endlich Kraft und Mumm zu entwickeln.

Ich fordere einen Verriss der deutschen Politik, der deutschen Wirtschaft und ihrer Akteure, eine klare transparente Sprache und kein Geschwurbel. So wie das Karl Popper formuliert hat: "Wer's nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er es klar sagen kann." Journalisten sollen sich nach Popper nicht als orakelnde Philosophen aufspielen, sondern übersetzen. Sie sollen komplizierte Sachverhalte einfach übersetzen, so dass der Leser selber denken kann, sie sollen so schreiben, dass hier möglichst viele Menschen einsteigen und mitreden.

Journalismus morgen ist nur noch eine Einladung zum Gespräch. Je mehr hier mitreden, umso erfolgreicher wird ihre Zeitung/Blog/Plattform. Je schneller Journalisten vom bedeutungsschwangeren orakelnden Berg heruntersteigen und zugeben, dass sie nicht mehr wissen als der Leser, umso besser.

Der Leser durchschaut heute auch, woher ab und zu-geschrieben wurde. Ab- und zuschreiben ist nicht mehr notwendig. Zitate, Auszüge, Zusammenstellungen, Analysen - es muss nur zentrierter, klarer, zusammenfassender, verständlicher geschrieben werden. Dann beginnen neue Horizonte des Journalismus. Wenn dieser begreift, dass er ein Wissensstimulator ist und kein Meinungsmacher. Der normale Blogger ist hier auf dem leichteren Weg, weil er keine Netzwerke hat oder elitäre soziale Einbildungen abwerfen müsste.

Blogging ist aber nur ein kurzer Schritt des Wunderns darüber, dass man endlich etwas sagen, sich mitteilen darf - und nicht nur Journalisten. Wir alle sind Journalisten! Sehr schnell merkt aber der Blogger, dass er damit kein Geld verdienen kann. Also redet er, erwirbt Wissen und beginnt zu arbeiten, gemeinschaftlich, kooperativ und genossenschaftlich zusammen. Ja, so läuft das Netz 3.0 - aber alle Journalisten plappern immer noch mit den Bloggern um die Wette - um den Pokal des plappernden Nichts.

Schön, dass Sie die Netzimplikationen angesprochen haben. Sie gilt es für alle zu schürfen, zu verdeutlichen: partnerschaftlich, fair offen, kooperativ.
Im permanenten Gespräch. Ich würde mir wünschen, dass Sie dies leben, Herr Augstein, und wünsche Ihnen dafür viel Glück - und vor allem die richtigen Mitarbeiter bzw. Kooperationspartner.

Übrigens sage ich wenig Neues. Es wurde bereits 2001 geschrieben und kann hier nachgelesen werden: www.cluetrain.de

Wenn Ihre Zeitung das zu leben lernt und versteht, dann hat sie eine kleine Chance weiter zu bestehen, imho.