Jörg Augsburg
04.01.2013 | 10:28 2

Shut Up And Play The Hits

Ton & Text Das Publikum ist König: Am DJ-Pult und auf der Konzert-Bühne ist oft schnell Schluss mit der künstlerischen Selbstverwirklichung

Shut Up And Play The Hits

Foto: Ralph Thompson/ Flickr (CC)

Es zählt zu den Schlüsselmomenten eines DJs, wenn der Ladenbesitzer mitten im Set hoch zum Pult kommt, dem Aktiven auf die Schulter tippt und ihm ins Ohr schreit, dass er gefälligst seine Sachen zusammenpacken soll, es würde jetzt ein anderer weitermachen, weil das Publikum und er selbst das alles ganz grausam fänden. So etwas kommt in den besten Familien vor, meist allerdings ziemlich am Anfang einer – dann oft auch sehr kurzen – Karriere. Wenn es allerdings DJ Shadow erwischt, reibt man sich schon mal die Augen. Ihn verbannte Mitte Dezember der Manager des Mansion, eines „rich kids club“ (so twitterte der erboste Shadow kurz darauf) in Miami. Dem Publikum sei die Musik des hochrenommierten DJs „too future“.

DJ Shadow, das sollte man vielleicht noch anmerken, gehört zu den Grand Seigneurs des „Turntablism“, der hohen Kunst, beim Auflegen einen ganz eigenen Sound zu entwickeln. Auf handwerklich notwendigerweise artistischem Niveau – aus kreativer Sicht zählt er seit seinem fünfzehn Jahre alten Klassiker „Endtroducing“ zu den Unantastbaren des Genres. Vor gut einem Jahr lieferte er mit einem neuen Album „The Less You Know, The Better“ eine Art Relevanz-Rückmeldung. Was ein DJ Shadow hören lässt, ist in der Tat nicht eben der gewöhnliche Haudrauf-Party-Stil, den man in Miami Beach sonst wahrscheinlich gern pflegt. Nichtsdestotrotz ist das Set des Abends bis zum Abbruch (man kann sich das komplett anhören und downloaden, Shadow selbst hat es hochgeladen) bei aller State-of-the-art-Exzentrik keineswegs unhörbar. Eher im Gegenteil, es ist hoch abwechslungsreich, mit einem – anders erwartet man das nicht – ausbalancierten Mix zwischen Headbanger-Beats, lässigem Smoothness-Faktor und den im Segment als Wahlpflichtfach geltenden Sample-Mätzchen. Nur die klassische Four-to-the-floor-Simplizität normaler DJ-Sets, die fehlt, klar. 

„Der Kunde ist König“ heißt es in der Wirtschaft gemeinhin und natürlich ist Popmusik mindestens zur Hälfte eben vor allem dies: ein Business, in dem letztendlich der zahlende Gast entscheidet, was tragfähig ist. Das fängt schon beim – in DJ-Kreisen berüchtigten – Wunschtitel an, der während des Auflegens mehr oder weniger nachdrücklich vorgebracht wird. Anekdoten darüber und Strategien, damit umzugehen, sind Standardthema der Branche. Schließlich gilt es in den allermeisten Fällen als sehr unfein, einen Wunsch – und sei er auch im konkreten Moment noch so dämlich und unpassend – einfach nur rüde abzubügeln und damit schlechte Stimmung zu erzeugen, die sich vielleicht auf dem Floor breitmachen könnte. Jeder gute Clubbetreiber hat eine Nase für derlei Kontra-Entertainment, denn das wiederum hat fatale Auswirkungen. Clubs – zumal in einer Gegend wie Miami Beach, man kann das aber auch für jeden anderen Nachtleben-Hotspot zu Grunde legen – sind in der Regel strikt durchkalkulierte Unternehmen, bei dem es vor allem um eines geht: Getränke-Umsatz. Die renommierte Clubbing-Webseite In The Mix will herausgefunden haben, was die meistgenannte Begründung für (2012 gar nicht so wenige) vorzeitig abgebrochene DJ-Sets war: sie funktionierten nicht für die Bar. Die Rechnung dafür ist simpel: Läuft die Party auf dem Floor gut, wird ordentlich gesoffen. Jemand wie DJ Shadow liefert – und das ist das Grundmissverständnis dieses Bookings – nicht gerade den Soundrack für Champagner-Orgien.

„All Basses Covered“ hieß Shadows – sic – Tour, jedem Booker hätte klar sein müssen, dass sein Auftritt wenig mit klassischem DJing, viel hingegen mit einem Konzert zu schaffen hat, bei dem eben nicht das Tanzen an sich, die Enthemmung auf dem Floor und an der Bar, im Vordergrund steht. Ein Konzert funktioniert strukturell und damit kalkulatorisch anders als ein Club. Hier geht es um gebündelte Aufmerksamkeit, die mit dem Ticketpreis gewichtet wird. Getränkeeinnahmen sind dabei meist nur ergänzender Faktor und relativ unabhängig vom qualitativen Verlauf des Abends. Trotzdem sind auch – nennen wir sie hier wegen der Handhabbarkeit und Differenz zum „DJ“ einfach – „Bands“ einem relativ engen Rahmen unterworfen, der selbstbestimmte Konzertgestaltung nach rein künstlerischen Erwägungen von vornherein obsolet macht, zumindest wenn sie nicht gerade ganz am Anfang stehen. Das Publikum will die „Hits“ hören.

Die wiederum entstehen immer noch vorwiegend nach dem Prinzip der Single-Auskopplung aus einem Album. Schon diese Auswahl erfolgt in den allermeisten Fällen nach einem einzigen Prinzip: Hit-Tauglichkeit. Oft genug trifft es dabei einen Song, der eigentlich eher das ideelle Stiefkind in der Werkfamilie einer Band ist. Im Kurzzeit-Zyklus ist die „aktuelle Single“ Pflichtprogramm, bei großem Erfolg hängt ein Hit einer Band dann für praktisch immer an, wird im Konzert von den Fans ultimativ erwartet, vor allem wenn – was ja der Normalfall ist – nicht noch ein gutes Dutzend Hit-Alternativen zur Auswahl stehen. Dann wiederum läuft man Gefahr, als die eigene Jukebox wahrgenommen zu werden, nur noch als Coverband des eigenen Œuvres zu agieren. Das ist in Zeiten der Retromania zunehmend die Konzert-Standardsituation, sogar für künstlerisch sonst prinzipiell über jeden Verdacht der Korrumpierbarkeit erhabene Musiker.

„Shut Up And Play The Hits“ hat James Murphy denn auch gleich die aktuell hoch gelobte Dokumentation des Abschlusskonzerts seiner Band LCD Soundsystem genannt. Die galt als einer der wichtigen Inkubatoren des aktuellen Popmusik-Sounds der letzten zehn Jahre, Murphy selbst als einer der musikalischen Vordenker der Dekade. Er handhabt das Dilemma ganz konsequent: mit Auflösung der Band. Dass es noch einige Jahre hätte weiter gehen können, zeigt das Finale ganz deutlich. Schon allein deshalb, weil er dafür den Madison Square Garden gefüllt hat, was verdeutlicht, dass es noch für einige Jahre auf der Bühne gereicht hätte. Mit allen seinen Hits halt. Unbeschäftigt ist Murphy deshalb noch lange nicht. Unter anderem ist er jetzt wieder öfter als DJ zu erleben. Dem Manager des Miami Mansion würde sein Set sicher auch nicht unbedingt passen. Aber das dürfte ihm jetzt erst mal egal sein. Nach einer Entschuldigung des Clubs an DJ Shadow wurde er – zumindest kann man das zwischen den Zeilen so herauslesen – gefeuert. Denn für einen Club noch schlimmer als Umsatzeinbußen an einem einzelnen Tag ist natürlich ein schlechter Ruf. Und zwar gleich weltweit. 

 

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