Juliane Löffler
14.02.2013 | 11:40 24

Ecke Lausitzer Straße

Mietpreissteigerung Heute morgen wurde nach massiven Protesten die Wohnung der Familie Gülbol in Berlin Kreuzberg geräumt. Das ist kein Einzelfall. Habe ich nicht auch etwas damit zu tun?

Ecke Lausitzer Straße

Organisierte Nachbarschaftshilfe gegen die Zwangsräumung der Familie Gülbol in Berlin Kreuzberg

Foto: der Freitag

Heute morgen bin ich vom Dröhnen eines Hubschraubers aufgewacht. Um sieben. Ich weiß, dass andere um diese Zeit längst arbeiten, aber für mich ist das früh. Missmutig habe ich mich also noch eine Weile in den Kissen gewühlt. Dann kam Hundegebell und Lautsprecherdurchsagen gehört habe, war die Sache eigentlich klar. Sicherheitshalber bin ich aber doch augestanden und habe die Nase gegen die kalte Fensterscheibe gedrückt. Und die Hausblockade gesehen, eine Menschentraube an meiner Straßenecke, eine Menge Polizei mit kläffenden Hunden und den Hubschrauber hoch oben.

Es geht um die Zwangsräumung der Wohnung der Familie Gülbol, die in letzter Zeit ein verhältnismäßig großes Medienecho gefunden hat. Sie ist nur eines von vielen Beispielen für die Mietpreisveränderungen und die Proteste dagegen in Berlin. Die Familie wohnt seit über dreißig Jahren in der Lausitzer Strasse und hatte eine Mitepreissteigerung von rund 100 Euro zunächst nicht akzeptiert – und den Betrag erst nach der gerichtlich dafür auferlegten Frist gezahlt, auf Grund finanzieller Schwierigkeiten. Daraufhin drohte die Zwangsräumung.

"Dreißig Jahre, stell dir das mal vor. Das ist einfach nur traurig", sagt mein Lieblingsverkäufer aus unserem Stammcafé, unten bei uns im Haus. Hier holen sich einige Protestierenden ihren Kaffee. Er kennt viele solcher Geschichten. Ein Freund von ihm habe über 30 Jahre ein Café in der Adalbertstrasse am Kotti gehabt, seine Miete wurde von 1.500 auf 4.000 Euro erhöht, quasi über Nacht. Er musste den Laden aufgeben. "Da bekommt man schon Angst", sagt der junge Mann. Ich kenne seine kleine Tochter und schlucke. "Was kann man da machen?", frage ich ihn. Er schüttelt den Kopf. 

Die Bullen parken ihre Wagen um

Verschiedene Bündnisse hatten zum Widerstand aufgerufen, lokale Kiezorganisation die auf dem Prinzip der Nachbarschaftssolidarität basieren. Etwa "Stadtvernetzt" oder "Zwangsräumung verhindern". Genützt hat es am Ende nicht. Auch wenn der letzte Versuch der Zwangsräumung verhindert werden konnte, heute morgen wurde die Gerichtsvollzieherin durch das Nachbarhaus und den Hintereingang eingeschleust. Ich treffe Nachbarn und Freunde auf der Straße, "die Wohnung wurde längst geräumt", erzählt ein alter Kommilitone, der heute morgen bei der Sitzblockade dabei war. Etwa 15o Personen hatten sich daran beteiligt. Die Polizei hatte die insgesamt drei Sitzblockaden eingekesselt, die Straße abgesperrt und war offenbar gewaltsam gegen die Aktivisten vorgegangen. Die Proteste gehen trotzdem weiter, die Bullen parken ihre Wagen um. An der Straßenecke wird weiter protestiert, auch wenn der Kampf für heute verloren ist.

Denn natürlich geht es bei der Räumung eigentlich darum, dass der Vermieter mutmaßlich einen sehr viel höheren Mietpreis ansetzen können wird, wenn er die Wohnung neu vermietet. Dass Wohnungen in erster Linie Kapitalanlagen sind und in zweiter Linie Lebensraum, wie ein kanadischer Künstler, mit dem ich mich eine Weile unterhalte, es ausdrückt. Er wohnt in Charlottenburg und kennt die Gentrifizierung aus seinem Heimatland. "Das ist ein systemisches Problem, weltweit." Ich treffe Freunde mit einem Baby, die gerade aus Sevilla wiederkommen. In Spanien sei es dasselbe, dort werde angeblich alle fünf Minuten eine Wohnung zwangsgeräumt. Und auch dort werde versucht, mit Hilfe von Nachbarn und Nachbarschaftsbündnissen Räumungen zu verhindern. Es ist schön, hier Bekannte zu treffen und zu reden, sich auszutauschen, das Gefühl zu haben in einer lokalen Gemeinschaft zu sein. Familie Gülbol hat das heute verloren.

"Wir blockieren hier auf jeden Fall, bevor die euer Café räumen", sage ich zu meinem Lieblingsverkäufer im Haus unter uns. Er lächelt nur milde, "dann hauen sie eben die Wand ein, um reinzukommen", sagt er, und zeigt mit dem Finger auf die gelbe Wand hinter der Kaffeemaschine. Als ich zurück nach Hause stapfe überlege ich, inwiefern ich nicht selbst Teil dieser Mietpreiserhöhungsmaschine bin. Ich zahle seit den drei Jahren, die ich in unserer Wohnung bin, verhältnismäßig viel; sicherlich einen höheren Quadratmeterpreis als Familie Gülbol. Oder als der Barkeeper von nebenan, der letzte Woche erzählt hat, er wurde "gentrifiziert". Und müsse nun wieder bei seinem Vater wohnen. Irgendwie trage ich doch auch ein Stück zu den steigenden Mietkosten bei, indem ich sie akzeptiere. Auch wenn man argumentieren kann, dass die eigentliche Verantwortung bei Gesetzgeber und Vermietern liegt – bin ich vielleicht auch eine Gentrifiziererin? In der Straße ist es inzwischen wieder leise geworden. Der Hubschrauber ist wieder woanders.

Kommentare (24)

Andreas Potzlow 14.02.2013 | 12:30

ähm, ja... Auf deine Frage...

 

"Familie Gülbol hat das heute verloren."  -  Ich denke die Familie hat das gerade nicht verloren, im Gegenteil, die sozialen Verbindungen hat sie dazugewonnen. Oder anders, Solidarität.

 

Und das ist auch einer der Schlüssel, die du vielleicht auch anwenden kannst, zum einen ist es schön das du zumindest darüber schreibst was du in deiner Umgebung mitbekommst, aber der wirkliche Schlüssel um sich eben gegen so etwas zur Wehr zu setzen ist eben eine lokale Vernetzung und aus dem unbeteiligten zuschauen was da so bei den Nachbarn abgeht, auf eine aktive Position zu wechseln.

Wenn die Mietpreise in deiner Umgebung halt weiter ungebremst nach oben springen und den Teil übersteigen den du für Miete eingeplant hast, betrifft es dich direkt. Das ist jetzt keine Magie und neue Erkenntniss, aber viele die vielleicht noch vor einiger Zeit unbeteiligt eher über solche Meldungen drüberweg gelesen haben, merken, dass sie im Grunde in der Warteschlange bereits stehen. Nur halt der Platz wann sie dran sind, entscheidet das Einkommen.

Juliane Löffler 14.02.2013 | 12:44

Naja, sie haben zwar schon Solidarität gewonnen, nach eigenen Aussagen ist die Familie darüber sehr froh. Trotzdem haben sie jetzt erst mal kein Dach über dem Kopf bzw. müssen bei Familienmitgliedern unterkommen und sich dann eine neue Wohnung suchen, die ob der Mietpreislange sicherlich nicht im Kiez liegen wird. Was ist mit der Schule der Kinder, dem Bäcker von nebenan, dem Kiosk zu dem sie seit Jahren gehen, den Nachbarn? Die ganze soziale Infrastruktur ist dann erst mal: weg. Gerade in einer großen und trubeligen Stadt wie Berlin empfinde ich das aber als extrem wichtig und schön, morgens aus dem Haus zu kommen und bekannte Gesichter zu sehen. Oder sich im Haus Butter zu leihen. Dass die Familie sich das neu aufbauen muss, nach dreißig Jahren, damit der Vermieter 100 Euro mehr im Monat bekommt, ist einfach trist.

Und eine aktive Position zu vertreten, ist sicherlich wichtig. Dazu gehört für mich erst mal reden, nachdenken und tja dann das Schreiben. Genau wie du sagst: auf die Warteschlange aufmerksam machen.

gweberbv 14.02.2013 | 13:25

Ich will die Problematik nicht in Abrede stellen, aber gerade wenn solche konkreten Fälle stellvertretend für einen allgemeinen Trend dargestellt werden, wäre es als Außenstehender doch hilfreich, die näheren Hintergründe zu kennen. Meine Großmutter beispielsweise hat in ihrem Mietshaus seit Erstbezug 95 die Miete nicht angetastet (und das im Rhein-Main-Gebiet, nicht in der Uckermark), übernimmt sogar einen Teil der immer wieder hinzukommenden, eigentlich umlagefähigen Kosten selbst (z. B. den jährlichen Legionellen-Test-Unfug). Früher oder später wird sie die Verwaltung der Wohnungen abgeben und dann ist selbstverständlich eine deutliche Mieterhöhung fällig (die ich in diesem Fall tatsächlich eher als "Anpassung" bezeichnen würde).

 

Dies ist natürlich auch wieder nur ein Einzelfall. Aber bei der Wohnung von Familie Gülbol würde ich schon gern wissen, ob da nach Jahre, gar Jahrzehnten, konstanter Miete nun eine saftige Erhöhung anstand oder aber ob ein renditegeiler Vermieter dort gezielt solange an der Schraube dreht, bis ihm unliebsame Mieter zum Auszug gezwungen sind. Ohne besonderen Grund von 1.500 auf 4.000 im Fall des  Ladenlokals zu erhöhen, ist selbstverständlich frecher Wucher und sollte gesetzlich unterbunden werden (falls das Gebäude massiv saniert wird, sieht die Sache schon wieder anders aus).

Citoyen 14.02.2013 | 13:35

Das Problem der Gentrifizierung tritt auf, wenn eine Stadt bzw. ein Stadtteil attraktiver wird. So gesehen steigen natürlich auch die Mieten, wenn Journalisten, Werber, kanadische Künstler oder spanische Familien nach Kreuzberg ziehen und bereit sind für ein schönes Lebensgefühl mehr Geld zu zahlen.

Eine Stadt wie Berlin, die ohne finanzielle Unterstützung anderer Bundesländer überhaupt nicht überlebensfähig wäre, ist natürlich darauf angewiesen, attraktiver zu werden. Wenn sie schon keine Industrie bieten kann, so braucht sie zumindest diese "Sexyness".

Was passiert, wenn ein Stadtteil allzu hip wird, kann man gut beobachten, wenn man sich den Prenzlauer Berg anschaut. Der ist mittlerweile fest in der Hand von gut verdienenden Künstlern, Werbetreibenden und Medienarbeitern, die alle Yoga machen und bio einkaufen wollen. Das führt dazu, dass keiner mehr Bock hat, beim türkischen Gemüsehändler ums Eck zu kaufen, weil der nicht das Leben einer Tomate oder Gurke biologisch einwandfrei nachweisen kann (gabs mal einen schönen Artikel in der ZEIT zu).

Also: zwei Seiten einer Medaille.

PS: Juliane Löffler, dass Sie "Bullen" statt Polizei schreiben, finde ich irgendwie...äh...kindisch und so pseudo-revolutionär.

Juliane Löffler 14.02.2013 | 13:43

In diesem Fall ist es so, dass Herr Gülbol die Wohnung nach eigenen Aussagen die Wohnung selbst saniert hat und daraufhin mit dem Vermieter die mündliche Vereinbarung getroffen hat, den gleichen Mietpreis bezahlen zu dürfen. Das interessierte den neuen Vermieter nach einem Eigentümerwechsel 2006 offenbar nicht, der erhöhte die Miete. Skandalös ist aber vor allem, dass die Familie nun zwangsgeräumt wurde, obwohl sie diese erhöhten Mietkosten nun nachgezahlt hat. Rechtlich wasserdicht, weil sie die Frist dafür nicht eingehalten haben (einhalten konnten). Da werden Profitinteressen um jeden Preis durchgedrückt, darin liegt m.E. die eigentliche Problematik.

Idefix 14.02.2013 | 14:06

Gentrifizierung ist letztlich auch eine Frage von Nachfrage und Angebot. Und die Nachfrage sind natürlich auch alle, die in einem nachgefragten Wohngebiet leben – insofern sind wir auch ein bisschen Gentrifizierung. 

Was mich stört, ist das der Bösewicht in dieser kleinen Reportage der falsche ist. Die "Bullen" können nun wirklich nichts für die Gentrifzierung und nichts für die Zwangsräumung. Die, die ich kenne, können sich auch echt bessere Einsätze vorstellen. Die Verantwortung liegt bei der Politik, die nicht handeln will und natürlich auch bei Investoren, die Wohnungen als Anlage und nicht als Wohnraum sehen. Ergo geht es nicht darum, dass jemand drin wohnen kann, sondern dass sie viel Miete abwirft.

Lukasz Szopa 14.02.2013 | 15:44

Ich hätte bei dem Thema gerne mehr sachliche Informationen & Berichte, die die rechtliche Seite beleuchten. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass jd. die Miete von heute auf morgen von 1500 auf 4000 erhöht. Ist das rechtlich überhaupt möglich? Bei einem bestehenden Mietvertrag?? Oder hat der Mieter irgendeinen irren Mietvertrag, der dem Vermieter so ziemlich alles erlaubt? Ebenso bei anderen Mieter-Problemen: Wie wirkt sich der Mietspiegel & Inflation auf einerseits bestehende Mieten, und Neu-Vermietungen? Denn zumindest bei ersteren habe ich den Eindruck, diese können ohne Tricks wie "Sanierungen" oder "Betriebskostenerhöhung" nur sehr begrenzt steigen - was wiederum dem Argument "die Ur-Bewohner werden vertrieben" zuwiderläuft (anders bei kiez-Bewohnern, die immer wieder die Wohnung wechseln wollen). Ist es gesetzlich wirklich nicht unterbunden, dass bei selbst durchgeführten Sanierungen, wie bei der Familie hier, dieses NICHT auf den Mietpreis draufgerechnet wird? Anderserseits scheint mir die Familie nicht besonders schlau gewesen zu sein, sich auf "mündliche Absprachen" beschränkt zu haben...

dame.von.welt 14.02.2013 | 17:26

Der irre Mietvertrag heißt in diesem Fall Gewerbemietvertrag. Was Juliane Löffler im Artikel über das Café in der Nähe des Kottbusser Tors berichtet, ist im SO36 keine Ausnahme, sondern allmählich eher die Regel - ich hörte etwas sehr Ähnliches erst vorgestern über einen kleinen Laden in der Dresdener Straße.

Mir trägt das demnächst die Abwanderung meines Arbeitsraums vom SO36 nach Weissensee ein, wo ich trotzdem mehr Miete bezahle als jemals für einen Arbeitsraum hinzublättern war und ich mich außerdem über mehr als 2 Stunden Freizeit in öffentlichen Verkehrsmitteln freuen darf (nicht, daß meine Verkäufe irgendwie gestiegen wären). Es ist mein dritter Umzug innerhalb von etwas über 3 Jahre mit dem Hintergrund Vermietergeldgier und quasi rechtsfreier Raum Gewerbemitvertrag.

Und das geht ganz einfach und legal: es wird fristgerecht gekündigt und vom nächsten Mieter das Doppelte oder Dreifache verlangt. Ohne irgendeine Wertverbesserung, ohne Ablöse eigener Wertverbesserungen. Bei mir war das nach knapp 8 Jahren Mietzeit in einer Ex-Grotte (vorher 8 Jahre nicht vermietet, Ofenheizung, Schimmel etc.etc.) und mit einer Gasetagenheizung/Fenstergrundsanierung/komplett neu verlegter Elektrik etc.etc. so. Ich: nichtwohlhabende Künstlerin.

Im Rahmen eines halben Jahres intensiver Suche habe ich auch ganz neue Wörter kennengelernt, z.B. die *notariell beglaubigte Zwangsvollstreckungsunterwerfungserklärung im Fünffachen der Bruttowarmmiete*  Die wurde mir von einer großen schwedischen Immobude (die sich die Kulturförderung groß auf die Fahnen schreibt, haha) fünf vor Vertragsunterzeichnung angetragen, nach der üblichen Schufa-Auskunft und den 3 Mieten Kaution, zusätzlich zu einer Bürgschaft, als zuvor überhaupt nicht verhandelte 4. Sicherheit. Das heißt im Klartext: beschert mir der Vermieter durch Nichtpflege seiner Grotte z.B. einen üblen Wasserrohrbruch, der meinen Arbeitsraum nichtbespielbar macht und ich daraufhin die Miete mindere, kann mir dieser Vermieter ohne jede Möglichkeit der Einrede 5 Mieten vom Konto saugen. Hab ich nicht unterschrieben, in den Räumen ist jetzt ein Designer aus, tut mir leid, Klischee, Stuttgart drin.

Ich bin heute morgen vom ganz gleichen Hubschrauber geweckt worden und kann noch beitragen, daß die Demo am Ufer längs von der Polizei ganz schön gejagt wurde. Mir hängt es auch aus dem Hals, daß Wannen nicht ohne Sirene auch nur ein Meterchen nach vorne fahren können. Die geben sich richtig Mühe, hier ein Beirut-Feeling zu erzeugen und ich freu mich ja jetzt schon auf den 1. Mai. wo das dann gern dreivier Tage vorher schon so ist. 

 

Lukasz Szopa 14.02.2013 | 17:45

Vielen Dank für die Info, ich wusste gar nicht dass solche "Vorgehensweisen" seitens der Vermieter legal sein können. Genau gegen solche Wuchermethoden - Mietpreise und Nachfrage hin oder her - sollte man gesetzlich vorgehen. Denn freier Markt hin oder her, es ist wie beim Verkehr - es müssen gewisse Regeln her, sonst kracht es bzw. der Stärkere hat immer "Vorfahrt"... Bei Gehalts- und Lohngestaltung oder bei Arbeitssicherheit gibt es doch auch Gesetze, die Auswüchse begrenzen sollen.

Juliane Löffler 14.02.2013 | 17:45

Sebastien Nekyia hat dazu in seinem Beitrag der Berliner Abgeordnete der Piratenpartei Philip Magalski zitiert: „Allein dieser unsinnige Hubschraubereinsatz übersteigt die Kosten einer Jahresmiete“.  Halina Wawzyniak denkt in eine ähnliche Richtung, wenn sie vorschlägt: "Die Aufgabe muss sein, immer wieder zu kommen und immer mehr zu werden. Bis irgendwann auch der/die Letzte einsieht, dass Zwangsräumungen konstenintensiv sind und deshalb keinen Sinn machen."

dame.von.welt 14.02.2013 | 18:04

Hmnuja, unverhältnismäßige Polizeieinsätze bezahlt ja nun mal leider nicht der geldgierige Vermieter, sondern der Steuerzahler. Allein der Beirut-Feeling-Hubschrauber-Einsatz heute morgen dürfte eher in der Preisklasse der Jahresmiete des ganzen Hauses liegen als nur der Jahresmiete der geräumten Familie. 

Das Problem auf allen Ebenen ist: geldgierige Vermieter gehören eher nicht dem immer noch erfreulichen Kreuzberger Gemeinwesen an. Es ist also nicht möglich, auf sie sanften moralischen Druck* auszuüben. Die Gesetzeslage hat für Wohnungs- wie Gewerbe-Mieter mehr Löcher als ein Käse und man scheint in der Berliner Republik auch eher daran interessiert, das arme Pack aus der Innenstadt zu haben als es zu halten und zu stützen. Was ist denn schon Heimat?

*Wenn ich mir allerdings auch betrachte, wieviele alteingesessene Kreuzberger Cleverle mittlerweile Wohnraum in Ferienwohnungen umgewandelt haben und wer so alles ein Hostel betreibt, z.B. die auch mal links gewesene Regenbogenfabrik, nimmt mein Brechreiz überhaupt gar kein Ende mehr.

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Ehemaliger Nutzer 14.02.2013 | 18:33

@JULIANE LÖFFLER14.02.2013 | 11:40

Gentrifizierung = verschleiernde und verdeckende Bezeichung für Verdrängung und Vertreibung angestammter Bewohner aus ihren Wohnungen und Stadtteilen.

Ihre Frage: Habe ich nicht auch etwas damit zu tun?

Vermutlich nicht. Es sei denn, Sie gehören zu denen, die aus purer Geldschwemme (Einkommen und/0der Vermögen) jedes Maß verloren haben, oder nie hatten, und deshalb um jeden Preis in bestimmten Stadtteilen bestimmter Städte wohnen wollen, weil es "in" ist oder es einen Status ausdrücken soll und sie es sich leisten können.

Für falsche Stadtplanung und fehlenden öffentlichen Wohnungsbau kann man ebenso wenig, wie für falsche Wirtschaftspolitik, die bei uns seit 40ig Jahren zu steigender und sich verstetigender Arbeitslosigkeit, fallenden Löhnen und auch zu Armut in der Bevölkerung geführt hat und führt. Verdienten alle Menschen auskömmlich, gäbe es keine Verdrängung aus den Wohnvierteln.

Berlin hatte seinen isolierten und abgeschiedenen Status sowie einige Privilegien durch die Auflösung der DDR verloren und wurde zur offenen Stadt. Nachdem sie zur Hauptstadt gemacht wurde, kamen viele Leute mit sicherem und hohem Einkommen nach Berlin (Abgeordnete, Beamte). Zudem siedelten sich Wirtschaftsverbände an, in denen extrem hochbezahlte Kräfte arbeiten. 

Die allgemeine Verstädterung machte sich natürlich auch in Berlin bemerkbar. Wo alle möglichen Dienste (Schulen, Ärzte usw.) sich häufen, kommen auch die Menschen hin. 

Die gestiegenen Preise für privaten und beruflichen Verkehr bewogen und bewegen viele gutverdienende Leute dazu, wieder in die Stadt zurückzukehren oder erstmals dorthin zu gehen.

Wer in der Stadt wohnt und arbeitet, spart sich so einen eigenen PKW und/oder teuren und unzuverlässigen öffentlichen Nahverkehr und beides mit stundenlangen An- und Rückfahrten.

Da ist man dann eher bereit, den einen oder anderen Euro mehr zu bezahlen, zumal die Mietkosten in anderen Teilen Deutschlands deutlich höher sind. Man bringt dann ein anderes Maß mit, das einem die Mieten in Berlin nicht so hoch erscheinen lassen.

Und man sucht sich, wenn man kann, eher Stadtteile aus, in denen ein intaktes bürgerliches Umfeld existiert und es keine offensichtliche Verwahrlosung öffentlicher und privater Plätze gibt. In ein soziales Ghetto zieht niemand freiwillig hin.

Dazu kommen dann noch die Auswirkungen der Kapitalverwertungsstrategien vermögender Anleger auf dem Wohnungsmarkt, die einerseits wegen des fehlenden öffentlichen Wohnungsbaus möglich sind und andererseits aufgrund des in Bezug auf das Grundgesetz anachronistsichen und deshalb im Kern rüden und rabiaten Bürgerlichen Gesetzbuchs, welches aus dem vorvorigen Jahrhundert stammt und genau in diesem harten und unbarmherzigen Sinne vom wirklichen Besitzbürgertum diktiert worden war.

Zitat: "Das ist ein systemisches Problem, weltweit."

Unbedingtes Ja. 

snow_in_june 15.02.2013 | 09:19

Also der Vergleich der Kosten des Polizeieinsatzes mit den Kosten der Miete hat für mich Stammtisch-Niveau. Soll die Polizei etwa künftig nur noch dann tätig werden, wenn die dafür notwendigen Kosten in einem vernünftigen Verhältnis zu den Kosten stehen, um die es in dem Konflikt geht, zu dem sie gerufen wird?

Darübr hinaus: Natürlich sind diejenigen, die in die betreffenden Bezirke neu hinzuziehen, Teil des Problems (jedenfalls in vielen Fällen). Wie wird es denn mit der jetzt geräumten Wohnung laufen? Sie wird schlussendlich wieder auf dem Markt angeboten, zu einem deutlich höheren Preis und dann kommt jemand, der sich das leisten kann, und zieht da ein. Den Zusammenhang muss man doch sehen. Man sollte man diejenigen Fragen, die in den letzten Jahren in diese Bezirke gezogen sind, ob sie wissen, wer vorher dort gewohnt hat, zu welchem Preis und so weiter...

Vadis 16.02.2013 | 20:05

Am 14.02.1992 unterschrieb ich einen Mietvertrag über umgerechnet 766,94 EUR kalt für 3 ZKDB, Balkon, 98 qm, im heute angesagten Düsseldorfer Stadtteil Flingern, vertr. Staffelmiete auf 879,42 EUR bis zum 31.03.1997. Ende 2011 verließ ich die Wohnung bei einer Miete von 627,20 EUR. 

Dazwischen liegen zwei Prozesse, der erste in 1993 wg. überhöhter Miete mit dem Versäumnisurteil einer Reduzierung auf umger. 538,14 EUR, der zweite (Urteil 2008) mit Gutachten als Widerspruch auf ein Mieterhöhungsbegehren (in 2006) von 614,- auf 652,- EUR (bei Kappungsgrenze 736,80 EUR). Von den 38,- EUR Forderung wurden gerichtlich nur 13,20 EUR anerkannt, inkl. eines 3 %-igen Abschlags vom geltenden Mietspiegelwert für die Lage an einer stark frequentierten Straße (Lastring). Meine anfallenden Prozesskosten von letzterem waren Ende 2010 amortisiert.

Man kann also durchaus was gegen hohe Mieten unternehmen. Kostet allerdings Nerven.

Ach ja, die Wohnung wurde dann ab 2012 für kalt 850,- EUR weitervermietet, Erhöhung um 222,80 EUR bzw. 35,5 %... Alles wieder von vorne, spätestens bei der nächsten Mieterhöhung. Wenn der Vermieter clever ist, hält er still und kassiert den Anteil oberhalb des Mietspiegels, bis letzterer seine Miete erreicht hat, was jede überhöhte Miete der Stadt wiederum beschleunigt.