Juliane Löffler
06.11.2012 | 17:07 2

"Jeder sichere Platz ist gut"

Asylprotest Hatef, ein junger Iraner, erzählt seine Verfolgungsgeschichte als politischer Flüchtling. Und davon, was Heimat für ihn bedeutet

"Jeder sichere Platz ist gut"

„Wo ich frei sein kann, und für Freiheit kämpfen kann, ist meine Heimat“

Foto: Lia Darjes für der Freitag

Hatef hämmert Holz, als ich ins Camp komme. Mit einem großen Vorschlaghammer zerteilt er alte Stühle und Garderoben für den kleinen Ofen im Schlafzelt. Er schiebt die Holzscheite hinein, bald qualmt dichter Rauch aus dem Ofenrohr. Und in das Zelt, wo jemand schläft. Er sei kein Profi im Feuermachen, sagt Hatef, und lächelt schief. Wir gehen ins Café Kotti, einer kleinen verwinkelten Kneipe mit alten Sofas und Sesseln.

Er komme aus einem intellektuellen Elternhaus, erzählt er, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Teheran. Während der Schulzeit habe er gerne gelesen. Über seinen älteren Bruder entdeckte er dann seine Liebe zum Theater und begann nach der Schule ein Theaterregiestudium an der Universität in Teheran. In seiner Studentenzeit begannen seine politischen Aktivitäten. 2009, ein Jahr vor Beginn des arabischen Frühlings, war er Teil der Grünen Revolution im Iran und erinnert sich besonders an einen Tag, an dem etwa vier oder fünf Millionen Menschen gegen die mutmaßlich manipulierte Wahl mit einem stummen Marsch protestierten. „Das war toll“, sagt er.

Von Beginn an antwortete die Regierung auf die Proteste mit Gewalt. Während einer Protestaktion für 13 getötete Studierende, wurde Hatef verhaftet. Er war ohne seinen Bruder unterwegs. Hatef spricht auf einmal leiser. Fünf Tage war er in Kahrizak, einem Gefängnis in der Wüste. Drei Leute seien in der Zeit gestorben, er wurde gefoltert. Jeder Tag kam ihm wie ein Jahr vor.

Keine passenden Worte

Er schaut mich an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er habe viele Angebote bekommen, darüber zu schreiben, sagt er. Aber er habe noch nicht den Mut dazu gefunden. Ich versuche passende Worte zu finden, es fällt mir schwer. Wie soll ich, die noch nie politische Verfolgung erfahren hat, seine Erfahrungen teilen können? Unterdrückung sei anders, als er sie aus Theaterstücken kannte, sagt Hatef.

Später werde ich mir daheim die Wikipedia-Seite zu dem Gefängnis anschauen. Ich werde noch einmal erschrecken und mich zum zweiten mal an diesem Tag fragen: Mit welchem Recht erzähle ich diese Geschichte? Wie gehe ich mit der Verantwortung dafür um? Hatef und ich vereinbaren genau, worüber ich schreiben kann und worüber nicht, um nicht die Sicherheit seiner Freunde und Familie im Iran zu gefährden. Ich habe trotzdem Angst, will es von ihm gegenlesen lassen. Dazu habe er keine Zeit, er sei mit der Pressearbeit im Camp beschäftigt, sagt er. Ich bin dankbar für sein Vertrauen, aber auch unsicher.

Nach weiteren 25 Tagen in einem anderen Gefängnis wurde er freigelassen, setzt er seine Erzählung fort. In Teheran waren damals gerade Sommerferien. „In dieser Zeit waren alle sehr vorsichtig und hatten Angst“, sagt er. Auch sein Bruder sei verhaftet worden. Man müsse sich gegen die Macht der Angst, die der Staat verbreitet wehren, sagt Hatef. Sie sei das Schlimmste. Er war weiter aktiv. Nach einer nach einer weiteren Demo – „es war eine gute Demo, ich habe viele Parolen geschrien“ – bekam er einen Brief mit Anschuldigungen des Regimes. Er habe islamfeindliche Parolen verbreitet, er sei staatsgefährdend und habe verbotenen Medien Interviews gegeben.

Besuch vom Geheimdienst

Tatsächlich hatte Hatef mit der Los Angeles Times gesprochen, das Interview war online erschienen. Besteht für ihn jetzt noch Gefahr, frage ich ihn. Er habe keine Angst, aber die Unsicherheit trage er jeden Tag mit sich. Er war sich der Gefahr des Interviews bewusst, habe auf die Reaktion des Regimes gewartet – und stimmte trotzdem der Veröffentlichung zu. Seine Familie unterstütze ihn. Sein Vater hatte als er jung war, selber Revolutionserfahrungen gemacht. Nach einem Besuch des Geheimdienstes bei ihm zu Hause und einem offiziellen Universitätsverbot, entschied sich Hatef zu fliehen.

Mit Schmugglern, teils zu Fuß, teils mit kleinen Autobussen, schaffte er es über die türkische Grenze und fuhr von dort mit einem Bus 28 Stunden lang nach Istanbul. Am meisten Angst hatte er vor den Passkontrollen, doch die „Gendarmen“, wie er sie nennt, interessierten sich vor allem für die Kurden. Wohin es weiterging, war Zufall. „Jeder sichere Platz ist gut“, sagt er zu mir. Von Istanbul flog er nach Athen, wo er einen Monat lang versuchte, sich einen illegalen Pass zu beschaffen. Schließlich reiste er nach Verona.

Er hatte keine Kontakte in Europa, die Organisation seiner Flucht funktionierte über spontane Unterstützung vor Ort. Ich frage immer wieder nach, um Lücken in der Erzählung zu schließen. Bis ich erkenne, dass manche Auslassungen wichtig sind. Sie dienen dem Schutz und sie gehören zu Hatefs Alltag. Er ist es gewohnt, seine Geschichte nicht vollständig zu erzählen.

Zufälle und Facebook

Eine Facebook-Liaison hätte ihn fast in die Niederlande gebracht. Als nichts daraus wurde, landete Hatef in München. „Zufall“, lächelt er. In Bayern wurde er in eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung in Nürnberg geschickt, ein bürokratisch standardisierter Vorgang. Nach zwei Monaten wird er einem Flüchtlingsheim in Würzburg „zugeteilt“.

Sein Asylantragsprozess zieht sich über eineinhalb Jahre hin. Aber nach sechs Monaten des Wartens, eingepfercht mit fünf Leuten in einem kleinen Zimmer, muss er raus. Er hält die Bedingungen im Heim nicht mehr aus. Montags und mittwochs haben sie ihre Essenspakete erhalten, erzählt er. Als er die Ausgabe einmal wegen einer langen Fahrt zu einer Sprachschule außerhalb des Heims verpasste, bekam er die Essensausgabe für einen Monat gesperrt. Ich bin sprachlos. Er lacht darüber. Andere Flüchtlinge haben ihm ausgeholfen, erzählt er. Die 40 Euro, die er monatlich erhielt, brauchte er für die Fahrten zur Sprachschule, die er besuchte.

Er floh dann aus Würzburg für acht Monate nach München, und entschloss sich, schließlich weiterzuziehen: Weil die Lebenshaltungskosten dort unbezahlbar waren und er dem Flüchtlingsaktivisten, bei dem er untergekommen war, nicht länger zur Last fallen wollte. Die zwei Euro die Stunde, die er für einen kleinen Nebenjob als Spüler bekam, halfen da nicht viel weiter. Am 28. Mai kam er in Berlin an, erzählt Hatef ungerührt weiter, und zog kurz darauf in die erste Stätte des Protestcamps am Heinrichplatz. Das Leben im Camp, die politische Arbeit, geben ihm ein Stück Freiheit zurück. Ihm sei egal, wo er wohne, sagt er, aber er möchte irgendwo sein, wo er Kommunikation und Austausch mit anderen habe. In dem Camp habe er viele Freunde gefunden. „Wo ich frei sein kann, und für Freiheit kämpfen kann, ist meine Heimat“, sagt er. Heimweh hat Hatef sich schon lange nicht mehr erlaubt.

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