"Jeder sichere Platz ist gut"
Asylprotest Hatef, ein junger Iraner, erzählt seine Verfolgungsgeschichte als politischer Flüchtling. Und davon, was Heimat für ihn bedeutet

„Wo ich frei sein kann, und für Freiheit kämpfen kann, ist meine Heimat“
Foto: Lia Darjes für der Freitag
Hatef hämmert Holz, als ich ins Camp komme. Mit einem großen Vorschlaghammer zerteilt er alte Stühle und Garderoben für den kleinen Ofen im Schlafzelt. Er schiebt die Holzscheite hinein, bald qualmt dichter Rauch aus dem Ofenrohr. Und in das Zelt, wo jemand schläft. Er sei kein Profi im Feuermachen, sagt Hatef, und lächelt schief. Wir gehen ins Café Kotti, einer kleinen verwinkelten Kneipe mit alten Sofas und Sesseln.
Er komme aus einem intellektuellen Elternhaus, erzählt er, aus einem kleinen Dorf in der Nähe von Teheran. Während der Schulzeit habe er gerne gelesen. Über seinen älteren Bruder entdeckte er dann seine Liebe zum Theater und begann nach der Schule ein Theaterregiestudium an der Universität in Teheran. In seiner Studentenzeit begannen seine politischen Aktivitäten. 2009, ein Jahr vor Beginn des arabischen Frühlings, war er Teil der Grünen Revolution im Iran und erinnert sich besonders an einen Tag, an dem etwa vier oder fünf Millionen Menschen gegen die mutmaßlich manipulierte Wahl mit einem stummen Marsch protestierten. „Das war toll“, sagt er.
Von Beginn an antwortete die Regierung auf die Proteste mit Gewalt. Während einer Protestaktion für 13 getötete Studierende, wurde Hatef verhaftet. Er war ohne seinen Bruder unterwegs. Hatef spricht auf einmal leiser. Fünf Tage war er in Kahrizak, einem Gefängnis in der Wüste. Drei Leute seien in der Zeit gestorben, er wurde gefoltert. Jeder Tag kam ihm wie ein Jahr vor.
Keine passenden Worte
Er schaut mich an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er habe viele Angebote bekommen, darüber zu schreiben, sagt er. Aber er habe noch nicht den Mut dazu gefunden. Ich versuche passende Worte zu finden, es fällt mir schwer. Wie soll ich, die noch nie politische Verfolgung erfahren hat, seine Erfahrungen teilen können? Unterdrückung sei anders, als er sie aus Theaterstücken kannte, sagt Hatef.
Später werde ich mir daheim die Wikipedia-Seite zu dem Gefängnis anschauen. Ich werde noch einmal erschrecken und mich zum zweiten mal an diesem Tag fragen: Mit welchem Recht erzähle ich diese Geschichte? Wie gehe ich mit der Verantwortung dafür um? Hatef und ich vereinbaren genau, worüber ich schreiben kann und worüber nicht, um nicht die Sicherheit seiner Freunde und Familie im Iran zu gefährden. Ich habe trotzdem Angst, will es von ihm gegenlesen lassen. Dazu habe er keine Zeit, er sei mit der Pressearbeit im Camp beschäftigt, sagt er. Ich bin dankbar für sein Vertrauen, aber auch unsicher.
Nach weiteren 25 Tagen in einem anderen Gefängnis wurde er freigelassen, setzt er seine Erzählung fort. In Teheran waren damals gerade Sommerferien. „In dieser Zeit waren alle sehr vorsichtig und hatten Angst“, sagt er. Auch sein Bruder sei verhaftet worden. Man müsse sich gegen die Macht der Angst, die der Staat verbreitet wehren, sagt Hatef. Sie sei das Schlimmste. Er war weiter aktiv. Nach einer nach einer weiteren Demo – „es war eine gute Demo, ich habe viele Parolen geschrien“ – bekam er einen Brief mit Anschuldigungen des Regimes. Er habe islamfeindliche Parolen verbreitet, er sei staatsgefährdend und habe verbotenen Medien Interviews gegeben.
Besuch vom Geheimdienst
Tatsächlich hatte Hatef mit der Los Angeles Times gesprochen, das Interview war online erschienen. Besteht für ihn jetzt noch Gefahr, frage ich ihn. Er habe keine Angst, aber die Unsicherheit trage er jeden Tag mit sich. Er war sich der Gefahr des Interviews bewusst, habe auf die Reaktion des Regimes gewartet – und stimmte trotzdem der Veröffentlichung zu. Seine Familie unterstütze ihn. Sein Vater hatte als er jung war, selber Revolutionserfahrungen gemacht. Nach einem Besuch des Geheimdienstes bei ihm zu Hause und einem offiziellen Universitätsverbot, entschied sich Hatef zu fliehen.
Mit Schmugglern, teils zu Fuß, teils mit kleinen Autobussen, schaffte er es über die türkische Grenze und fuhr von dort mit einem Bus 28 Stunden lang nach Istanbul. Am meisten Angst hatte er vor den Passkontrollen, doch die „Gendarmen“, wie er sie nennt, interessierten sich vor allem für die Kurden. Wohin es weiterging, war Zufall. „Jeder sichere Platz ist gut“, sagt er zu mir. Von Istanbul flog er nach Athen, wo er einen Monat lang versuchte, sich einen illegalen Pass zu beschaffen. Schließlich reiste er nach Verona.
Er hatte keine Kontakte in Europa, die Organisation seiner Flucht funktionierte über spontane Unterstützung vor Ort. Ich frage immer wieder nach, um Lücken in der Erzählung zu schließen. Bis ich erkenne, dass manche Auslassungen wichtig sind. Sie dienen dem Schutz und sie gehören zu Hatefs Alltag. Er ist es gewohnt, seine Geschichte nicht vollständig zu erzählen.
Zufälle und Facebook
Eine Facebook-Liaison hätte ihn fast in die Niederlande gebracht. Als nichts daraus wurde, landete Hatef in München. „Zufall“, lächelt er. In Bayern wurde er in eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung in Nürnberg geschickt, ein bürokratisch standardisierter Vorgang. Nach zwei Monaten wird er einem Flüchtlingsheim in Würzburg „zugeteilt“.
Sein Asylantragsprozess zieht sich über eineinhalb Jahre hin. Aber nach sechs Monaten des Wartens, eingepfercht mit fünf Leuten in einem kleinen Zimmer, muss er raus. Er hält die Bedingungen im Heim nicht mehr aus. Montags und mittwochs haben sie ihre Essenspakete erhalten, erzählt er. Als er die Ausgabe einmal wegen einer langen Fahrt zu einer Sprachschule außerhalb des Heims verpasste, bekam er die Essensausgabe für einen Monat gesperrt. Ich bin sprachlos. Er lacht darüber. Andere Flüchtlinge haben ihm ausgeholfen, erzählt er. Die 40 Euro, die er monatlich erhielt, brauchte er für die Fahrten zur Sprachschule, die er besuchte.
Er floh dann aus Würzburg für acht Monate nach München, und entschloss sich, schließlich weiterzuziehen: Weil die Lebenshaltungskosten dort unbezahlbar waren und er dem Flüchtlingsaktivisten, bei dem er untergekommen war, nicht länger zur Last fallen wollte. Die zwei Euro die Stunde, die er für einen kleinen Nebenjob als Spüler bekam, halfen da nicht viel weiter. Am 28. Mai kam er in Berlin an, erzählt Hatef ungerührt weiter, und zog kurz darauf in die erste Stätte des Protestcamps am Heinrichplatz. Das Leben im Camp, die politische Arbeit, geben ihm ein Stück Freiheit zurück. Ihm sei egal, wo er wohne, sagt er, aber er möchte irgendwo sein, wo er Kommunikation und Austausch mit anderen habe. In dem Camp habe er viele Freunde gefunden. „Wo ich frei sein kann, und für Freiheit kämpfen kann, ist meine Heimat“, sagt er. Heimweh hat Hatef sich schon lange nicht mehr erlaubt.

Kommentare (2)
Hatef kommt aus dem Iran - und ist völlig zu Recht politisch verfolgter Asylant in Dtschld. Denn schließlich ist der Iran ein Unrechtsstaat,resp. dessen Regierung ff. und das System sind undemokratisch.
Das Ausnutzen des Hatef , für 2,-Euro beim Spülen in einer Kneipe-eine Spießerkneipe voller potentieller deutscher Nazis und rassitischer dtsch.Spießer vorgerückten Alters wird wird es ja nicht gewesen sein- erinnert ein wenig an die dunklen Seiten von Big Apple! Und erinnert an die Tellerwäschergeschichte-einen Kerntopos des amerikanischen Traums vom Durchstarten im Sozialdarwinismus, Frau Löffler!
Und Hatef könnte fraglos gut untergebracht sein mit den entsprechenden Möglichkeiten(und bräuchte nicht zu demonstrieren) ,wenn andere sich z.B. in Afghanistan in den Landesteil begeben hätten, der von den NATO-Truppen geschützt wird und sich damit auch die lange Reise nach Dtschld. erspart hätten. Schließlich stehen die NATO-Truppen dort nicht aus Langeweile, sondern um Sicherheit zu schaffen. Gleiches gälte für Leute aus dem natogeschützten Kosovo und den EU-Ländern Rumänien und Ungarn, die entweder (Kosovo) natobeschützt sind oder im Falle der EU-Staaten ja nicht auf der Kostenstelle "Asyl" hier leben können als EU-Bürger.Die haben ja ein Recht hier zu leben,so sie es finanzieren können.Gilt für Deutsche genauso, die gern "ihre Heimat" am französischem, italienischem oder spanischem Mittelmeer wählen würden und das auch können , wenn sie dort eine Firma finden die sie einstellt, einen Vermieter finden der ihnen eine Wohnung vermietet und zur Abwicklung alldessen eben französisch,italienisch oder spanisch sprechen. Klappt das irgendwo nicht -müssen diese Deutschen auch im kalten Deutschland bleiben. Gilt auch für Dänen und Holländer -die villeicht auch gern am Mittelmeer wohnen würden. Das Recht haben sie wie alle EU-Bürger ,sie müssen da Arbeit finden,Wohnung finden und deshalb logischerweise die dortige Sprache sprechen. Wenn nicht, müssen sie in Holland oder Dänemark bleiben . Finden Rumänen oder Ungarn hier in Dtschld. -oder in Dänemark oder Holland - keine Arbeit und Wohnung oder sprechen nicht Deutsch,Holländisch oder Dänisch,müssen sie halt auch in Ungarn und Rumänien bleiben.
Und wenn Hatef gerne Deutscher werden möchte und das sicher problemlos mögliche Asylverfahren rasch hinter sich brachte was leichter wäre wenn nicht Verfolgte in sicheren Staaten daheim blieben und nicht als Wirtschaftsflüchtlinge die Ämter und Kassen blockierten -Iran wie gesagt Unrechtsregime,kaum Probleme zu erwarten beim Asylanerkennungsverfahren- dann kann er den Einbürgerungsantrag doch stellen und ist nach 5 oder 7 Jahren Wartezeit (internationaler Standard,in den meisten Ländern dauert es noch länger und die Antragsteller müssen demütigende Prüfungen und Untersuchungen über sich ergehen lassen; in USA z.B.) fast automatisch Deutscher.
Wo liegt das Problem?
Bei Leuten ,die Hatef -und andere -gern für 2 ,-Euro arbeiten lassen wollen oder auch für 4,-. Und bei denen , die herkommen und gar nicht verfolgt sind und Hatefs Antragsbearbeitung verzögern. Wären die nicht-könnte Hatef sozusagen " 1.Klasse" wohnen und seine Exilzeitung herausgeben oder Artikel schreiben ,schließlich ist er ja politisch Verfolgter und an einem Regimechange in Iran interessiert. Er muß ja nicht gleich auftreten wie Thomas Mann seinerzeit -aber Kleinvieh macht auch Mist.
Wo also liegt das Problem? Es liegt da , wo nicht berechtigte Personen oder andere Bleiberechte habende Personen den WIRKLICH POLITISCH VERFOLGTEN den Weg versperren völlig unsolidarisch und egoistisch . Ihr Hatef wäre vielleicht schon anerkannt und bräuchte nicht zu demonstrieren und wäre gut untergebracht-wenn da nicht andere ,nicht verfolgte Leute auf der Welle segeln würden und genügend naive Hiesige finden, die sie dabei noch unterstützen.
Die Geschichte von Herrn Hatin überzeugt mich überhaupt nicht, sond. sagt mir nur, dass Hr. Hatin die Mittel (!) hatte, sich mit einigen Koffern 6 000km weiter nach Westen abzusetzen, während es die "Deppen", die im Land blieben, dieweil `richten`sollen, u.z. unter denselben Bedingungen, von denen Hr. Hatin geflohen ist, und die Bedingungen im Heim hierorts se schrecklich findet. Ich hab übrigensselber im Jahr 1963 -in Irans Wüste- von Mai bis Nov. mit 5 Männer in einem Zelt(!) gewohnt, als ich da wg. des Erdbeben half, - nicht einfach aber durchaus machbar!