JR's China Blog
02.01.2013 | 10:11 4

Antisemit? Wer sagt das?

Klärungsversuch. Wollen wir uns medienwirksam anschreien, oder wollen wir eine faire "Streitkultur", die der Wirklichkeit etwas näher kommt?

Jakob Augstein ist "bigott", schreibt das Simon-Wiesenthal-Center in einer Liste der "zehn größten antisemitischen bzw. anti-israelischen Verunglimpfungen" des Jahres 2012 (2012 to-ten anti-semitic/anti-Israel slurs) - Seite 4, Nr. 9.

Ob Augstein tatsächlich ein Antisemit sei (so, wie die Berichterstattung das weitgehend auffasst), lässt die Liste offen. Der Substantiv wird darin nur zitiert. Vielleicht lautet der Vorwurf ja auch auf "anti-israelisch". Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist das das Gleiche. Vielleicht auch nicht. Wer weiß das schon? Will das überhaupt jemand wissen?

Allerdings setzt das Center hinzu:

Der geachtete "Welt"-Kolumnist Henryk M. Broder, der als Experte im Bundestag zum deutschen Antisemitismus aussagte, bezeichnete Augstein als "kleinen Streicher" und fügte hinzu: "Jakob Augstein ist kein Salon-Antisemit, sondern ein reiner Anti-Semit ... ein Überzeugungstäter der es verpasst hat, bei der Gestapo Karriere zu machen, weil er nach dem Krieg geboren wurde. Er hätte sicherlich die Voraussetzungen dazu gehabt." (Respected Die Welt columnist Henryk M. Broder, who has testified as an expert in the Bundestag about German anti-Semitism, labeled Augstein a “little Streicher” adding: “Jakob Augstein is not a salon anti-Semite, he’s a pure anti-Semite…an offender by conviction who only missed the opportunity to make his career with the Gestapo because he was born after the war. He certainly would have had what it takes.”)

(Meine Rückübersetzung aus dem Englischen.)

Auch die vom Wiesenthal-Center beanstandeten Aussagen Augsteins finden sich in der Liste.

Die Verfasser der Liste bezeichnen Augstein nicht ausdrücklich als "Antisemiten". Sie lassen nur Broder sprechen. Das ist eine ziemlich schlampige Vorgehensweise. Und damit müsste sich die Liste als verständige Diskussionsgrundlage eigentlich erledigt haben.

Diskutieren müsste man statt dessen die Vorgehensweise selbst. Unter den gelisteten Aussagen Augsteins gibt es ja einige, die sich mit Recht bestreiten lassen - zum Beispiel, Israel brüte im Gaza-Streifen seine eigenen Gegner oder Widersacher aus. So, als hätten Hamas, Gaza-TV, etc. nichts damit zu tun, und so, als gäbe es keine Gegner Israels z. B. in Europa, die hier - und ganz sicher nicht von Israel - "ausgebrütet" werden.

Aber die Liste will gar nicht argumentieren oder streiten. Alles, was sie bietet, ist eine Collage aus Augstein- und Broder-Zitaten, und dazu eine Überschrift: "Die zehn größten", usw..

Für Augstein wird das - hoffentlich und vermutlich - kein großes Problem darstellen. Für die Vorwürfe des Wiesenthal-Centers spricht einfach zu wenig, und Augstein kann überzeugend für sich selbst sprechen. Das Problem sind weder das Wiesenthal-Center noch Augstein. Das Problem ist die Art, wie unsere Medien funkionieren, und in einem Kontext wie dem dieser Liste gehört auch das Wiesenthal-Center zu den Medien.

Wenn diese Funktionsweise "kleinere" Journalisten, Redakteure oder andere Teilnehmer in der Öffentlichkeit trifft, kann das für diese Teilnehmer brandgefährlich werden - eben dann, wenn sie keine Totalitarismusverherrlicher oder rotlackierte Nazis sind.

Der China-Redaktion der Deutschen Welle, des deutschen Auslandssenders, wurde kein Antisemitismus vorgeworfen. Der Vorwurf hörte sich vergleichsweise harmlos an: "Nähe zur KP Chinas". Vor über vier Jahren wurde der Vorwurf von chinesischen Dissidenten in Deutschland vorgebracht. Gut begründet war er nicht, wurde aber vom "Autorenkreis der Bundesrepublik Deutschland" weiter verstärkt, und damit womöglich überhaupt erst für die Presse wahrnehmbar.

Obwohl die China-Redaktion in einer Untersuchung unter Beteiligung des früheren ARD-Korrespondenten und Anchors Ulrich Wickert ausdrücklich entlastet wurde, begann danach ein Ringen um die Inhalte der chinesischen Programme, das bis heute anhält - zu Lasten mehrerer chinesischer oder deutsch-chinesischer Mitarbeiter, die im Verlauf ihre Jobs oder für ihren Lebensunterhalt kritische Aufträge verloren.

Der Vorwurf, Kommunisten nahezustehen, kann, je nach Lage, sehr gefährlich für diejenigen sein, auf die er zielt - egal, wie schlecht er im Einzelnen begründet sein mag. Und darum ist die Fixierung auf Antisemitismusvorwürfe als "Maulkorb" zumindest auffallend. Wer sich ausschließlich über eine Debattenhegemonie beschwert, wenn sie mit diesem Mittel asusgeübt wird, ist fixiert.

Das beste Mittel gegen Verblödung ist ein gescheites Publikum. Die Medien ziehen dann schon nach, und erweitern ihren Horizont entsprechend.

Testfall: schafft es die FC, unter diesem Artikel die nahöstliche Tagespolitik einfach mal auszulassen und statt dessen über unsere Medienrezeption zu diskutieren? Das wäre - aus meiner Sicht - ein netter Anfang.

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