JR's China Blog
11.02.2013 | 22:46

Wer war Papst?

Das Wunderkind. Benedikt XVI. tritt zurück. Ein "einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn" hatte er sein wollen. Aber das war er schon lange vorher nicht mehr gewesen.

Das Faszinierende am momentan noch amtierenden Papst besteht für mich darin, dass er das vermutlich genau wusste - und trotzdem Dinge sagte, die man doch allenfalls glauben kann, wenn man im Herrgottswinkel sitzt und sich dort zu Hause fühlt. Aus meiner - theologisch völlig unbedarften - Sicht war die Rede von der einfachen Arbeit eine Wohlfühlbotschaft. Marketing also für eine reaktionäre Basisgefolgschaft, die sich gerne blenden lässt, jedenfalls für ein paar erhebende Stunden.

So wie das Publikum des klavierspielenden Wunderkinds:

Das Wunderkind kommt hinter einem prachtvollen Wandschirm hervor, der ganz mit Empirekränzen und großen Fabelblumen bestickt ist, klettert hurtig die Stufen zum Podium epor und geht in den Applaus hinein, wie in ein Bad, ein wenig fröstelnd, von einem kleinen Schauer angeweht, aber doch wie in ein freundliches Element. Es geht an den Rand des Podiums vor, lächelt, als sollte es photographiert werden, und dankt mit einem kleinen, schüchternen und lieblichen Damengruß, obgleich es ein Knabe ist.

Es ist ganz in weiße Seide gekleidet, was eine gewisse Rührung im Saale verbreitet. Es trägt ein weißseidenes Jäckchen von phantastischem Schmitt mit einer Schärpe darunter, und sogar seine Schuhe sind aus weißer Seide.

Soweit die Parallelen. Denn anders als Bibi Saccellaphylacas, Thomas Manns Wunderkind, ist der Papst ein alter Mann. In dem, was er als Papst erreichte, war er auch kein Wunderkind: sei es, weil das, was Eingeweihte als seine Errungenschaften betrachten, den Normalverbraucher nicht erreicht, sei es, weil er selbst sein Pontifikat - womöglich - nicht als erfolgreich betrachten würde.

"Ich bitte um Vergebung für all meine Unzulänglichkeiten", sagte er zum Schluss seiner Rücktrittserklärung. Auch das kann man als Wohlfühlbotschaft betrachten, aber dieser Satz erscheint mir einen konkreteren Sinn zu ergeben.

Er misstraute einem schleichenden Relativismus, schreibt Mark Dowd, der einmal Mönch bei den Dominikanern war und heute als Autor und Dokumentarfilmer arbeitet:

Für eine sich schnell verändernde moderne, westliche Welt klangen seine Äußerungen über schwule und lesbische Eheschließungen harsch und aus der sich wandelnden Zeit gefallen.  Aber dies war ein Mann, der Zugeständnissen an eine unbeständige und individualistische Welt misstraute, die auf das Streben nach Vergnügen versessen war.

Für Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., mögen das Gewissensfragen gewesen sein. Waren es auch Glaubensfragen?

Eine Institution, die sich als Hüterin des Heils betrachtet, betreibt Kinder- und Jugendarbeit, in der es zu Missbrauch kommt. Gleichzeitig halten Angehörige dieser Institution Vorträge darüber, eine Kindeserziehung zum Beispiel durch Alleinerziehende sei alles andere als optimal. Das ist scheinheilig. Aber eine entsprechende Selbstkritik hat man von diesem Papst nicht gehört. Vielleicht sah er darin gar keine Scheinheiligkeit. Vielleicht aber ging er ebenso wie Luther davon aus, dass eine Lüge nur als solche bezeichnet werden dürfe, wenn sie jemandem schade.

Damit beginnen allerdings Abwägungen, von denen schwer vorstellbar ist, dass ihre Ergebnisse niemandem schaden.

Spätestens hier endet auch die einfache Arbeit im Weinberg. Es endet der Glaube, der sich im Herrgottswinkel vielleicht "richtig" anfühlt. Und da beginnt der Noch-Papst, interessant zu werden.

Vermutlich ist es nicht verfrüht zu prognostizieren, dass man ihn später nicht als großen Papst wahrnehmen wird. Aber vielleicht ist er ein großer Gelehrter. Als Student hätte ich mich darum gerissen, eine seiner Vorlesungen zu hören, oder an einem seiner Seminare teilzunehmen.

Um eine Vorlesung oder ein Seminar mit Margot Käßmann hätte ich mich dagegen nach besten Kräften gedrückt. Warum? Weil sie nach meinem Eindruck jedes Wort glaubt, was sie sagt.

Und das ist bestenfalls langweilig. Weiter möchte ich darüber gar nicht nachdenken.