JR's China Blog
15.02.2013 | 14:05

Zickzackverlauf statt Eskalationsspirale

Feste Beziehung. Nordkoreas Atomtest mag den Chinesen das Frühlingsfest etwas verstrahlt haben. Aber das chinesisch-nordkoreanische Bündnis wird auch daran nicht zerbrechen. Noch nicht.

Zickzackverlauf statt Eskalationsspirale

Foto: madiko83/ Flickt (CC)

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Keine Panik

Das Umweltministerium soll zur Sicherung der Umwelt vor Radioaktivität [die vorgesehenen] Notfallüberwachungsmaßnahmen und Messverfahren zur Anwendung gebracht haben, schreibt die offizielle Nachrichtenagentur Xinhua heute in einem Bulletin. Über 150 automatische Messstationen lieferten Tag und Nacht Werte in Echtzeit. Auch mobile Messungen würden durchgeführt.

Anwandlungen von Panik scheint es nicht zu geben. Ein - allerdings recht ungenauer - Messwert dafür wäre die Nachfrage nach Salz. Die hält sich aber in China zur Zeit entweder in den üblichen Grenzen, oder es wird aus politischen Gründen bzw. aufgrund der Tatsache, dass die Statistiker im Frühlingsfesturlaub sind, nicht darüber berichtet. Oder der Salzverkauf ruht.


U-Bahn-Baustelle, Polizeidienststelle, Reinigungsdienst... eine Salzfabrik stand nicht auf Xi Jinpings Besuchsprogramm bei den Arbeitern, die während der Feiertage Dienst tun.

Nach den Explosionen in der Fukushima-Atomanlage im März 2011 wurde aus der südlichen Provinz Guangdong über Beschwerden aus der Bevölkerung an das Guangdonger Preisbüro berichtet. Vom 16. bis zum 18. März 2011 hatten viele Einwohner der Provinz Salz zu überhöhten Preisen gekauft und gehortet. Der Verkauf von bis zu 600 Tonnen wäre normal gewesen; statt dessen waren es in den drei Tagen rund tausend Tonnen. Nachdem die Welle abgeebbt war, wollten die mittlerweile Beruhigten das Salz an die Verkaufsstellen zurückgeben, und verlangten von den Verkäufern vergeblich ihr Geld zurück.1)

Die Propaganda hatte verstanden. Nicht zuletzt angesichts vermehrt verfügbarer Berichterstattung reagierte die Öffentlichkeit mittlerweile nervöser auf mögliche Gefahren als früher. Als Beruhigungsversuch wurden Berichte über die Sicherheit chinesischer Kernkraftwerke veröffentlicht, aber  Demonstrationen gegen Industrieprojekte aller Art, die von der örtlichen Nachbarschaft als gefährlich oder schädlich eingeschätzt werden, gehören inzwischen eher zu den Routine-Herausforderungen für die Behörden, als dass man sie noch als sensationell einschätzen würde.

Zur Routine gehört in den Zeiten des Mikro-Bloggings in China eben auch der öffentliche Zweifel am Urteilsvermögen staatlicher Stellen. Die Massenmedien können diese Zweifel nicht völlig ignorieren. Mao Zedongs Aussage aus den 1950er Jahren, der Mensch werde die Natur beherrschen (oder besiegen), gilt zwar in China immer noch viel mehr als ein entsprechender Technologieglaube zum Beispiel in Deutschland, hat aber zum Teil auch wieder klassischeren oder "harmonischeren" chinesischen Glaubenssätzen Platz gemacht.

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Politischer Fallout

Und Chinas politische Reaktionen? "Die  Welt" wählte am Donnerstag eine dramatische Artikelüberschrift: Chinas Geduld mit Nordkorea ist am Ende. Der China-Korrespondent der "Welt" hob hervor, Chinas Außenministerium habe zwar wie üblich in solchen Fällen dazu aufgerufen, alle Staaten sollten einen kühlen Kopf bewahren und auf dem Verhandlungsweg nach Lösungen suchen. Entgegen seiner Gewohnheit in bisherigen Reaktionen auf frühere Atom- und Raketentests Nordkoreas habe das Außenministerium aber diesmal nicht hinzugefügt, Peking werde sich dafür einsetzen.

Das kann man durchaus als Indiz dafür werten, dass die chinesische Führung sich damit - sei es bei den Sechsparteiengesprächen, sei es im Weltsicherheitsrat - ganz andere Handlungsspielräume gegenüber seinem komplizerten Bündnispartner offenhalten will als zuvor. Ob man allerdings die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungsstörungen auf eine Eskalationsspirale zusteuern sieht, oder ob es sich doch eher um eine zähe, kaum auflösbare Beziehung handelt, in der Nähe und Distanz sich in einem Zickzackkurs abwechseln, hängt auch von der Zeitstrecke ab, über die man auf diese Beziehungen zurückblickt.

Nathan Beauchamp-Mustafaga, der zur Zeit am Center for International and Strategic Studies an der Peking University arbeitet, weist zum Beispiel darauf hin, dass China 2003, nach Nordkoreas erstem Atomtest, vergleichsweise harsch mit seinem Bündnispartner umging, indem es zum einen Öllieferungen nach Nordkorea stoppte2) und zum anderen die Sechsparteiengespräche startete. Hu Jintao, damals Parteichef (und bis März dieses Jahres noch Staatschef) bezeichnete den Atomtest seinerzeit als "unverschämt" - eine Bezeichnung, die sich Peking normalerweise für seine Feinde vorbehalte, so Beauchamp-Mustafaga.

Nach dem zweiten Atomtest Nordkoreas hingegen stand China seinem Verbündeten wieder näher.

Noch ist das halboffizielle, akademische chinesische Kommentariat im Frühlingsfest-Urlaub. Wenn es sich zurückmelde, sei mit weiteren Indizien hinsichtlich der chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen zu rechnen, so Beauchamp-Mustafaga.

Noch aussagefähiger aber dürften - etwaige - neue Trends im Weltsicherheitsrat sein.

Dass die chinesisch-nordkoreanischen Beziehungen voraussichtlich stabil bleiben, sollte allerdings nicht zu der Vermutung führen, es handle sich um einen besonders glückliche Verbindung. Viele Chinesen erinnern sich aus eigenem Erleben daran, was Hunger bedeutet - schon das gibt dem Bündnis mit Pyongyang in der chinesischen Öffentlichkeit - soweit wahrnehmbar - ein schlechtes Ansehen. Und Shen Dingli, Direktor des Center for American Studies an der Fudan-Universität in Shanghai, leistete sich am 13. Februar einen schriftlichen Wutausbruch: in der amerikanischen Zeitschrift "Foreign Policy" erklärte er, China habe einen Punkt erreicht, an dem es Zeit sei, den Schaden zu begrenzen und sich von Nordkorea abzuwenden.

Aber gleichzeitig enthält sein Artikel Gründe dafür, warum das nicht gehe: zur Zeit sei die koreanische ethnische Minderheit in China eine der stabilsten (im Gegensatz zu Tibetern oder Uighuren), und das könne sich mit einem vereinigten Korea ändern. Und mit einem vereinigten Korea stünden womöglich Zehntausende amerikanischer und koreanischer Truppen direkt an Chinas Grenze.

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Fußnoten

1) Wer mag, kann darüber lachen. Allerdings scheint mir ein hohes Maß an Nervosität eine chinesisch-deutsche Gemeinsamkeit zu sein. Während der Operation Desert Storm zur Befreiung Kuwaits von irakischer Besatzung Anfang 1991 waren in Deutschland lt. "Der Spiegel" die Gasmasken ausverkauft, und die Hersteller von Konserven meldeten Rekordumsätze.

2) Nordkorea ist zum weitaus größeren Teil auf Öllieferungen aus China abhängig. Insofern gab es zwar offenbar spürbare Stopps oder Reduzierungen der Lieferungen, aber keine, welche die politische "Stabilität" Nordkoreas ernsthaft gefährdet hätten. Am 1. April 2003 berichtete der Japan-Korrespondent des "Guardian", China habe im März für mindestens drei Tage die Lieferungen gestoppt.