Katharina Finke
05.01.2013 | 09:00 12

"Angst ist unser Motor"

Im Gespräch Der Psychotherapeut Borwin Bandelow erklärt, warum gute Vorsätze fürs neue Jahr vor allem aus unserer Furcht vor dem Exzess entstehen – und Angst auch ihr Gutes hat

"Angst  ist  unser  Motor"

Zu viel Angst kann lähmen. Ein mittleres Angstniveau macht aber produktiv

Foto: Duncan1890/Istockphoto

Der Freitag: Herr Bandelow, warum machen wir uns eigentlich gute Vorsätze für das neue Jahr?

Borwin Bandelow: Weil die Menschen über die Festtage nachdenklich werden, aber auch, weil man ein Datum braucht, und da bietet sich der Neujahrstag an. Es geht bei den guten Vorsätzen immer um den Widerstreit zwischen dem Angst- und dem Belohnungssystem. Letzteres will hemmungslos essen, trinken, Sex haben. Das Vernunftgehirn warnt uns aber vor den Folgen – wie Übergewicht, Leberschäden oder Alimentezahlungen. Es sorgt über das Angstsystem dafür, dass wir uns Sorgen über unseren Lebenswandel machen.

Neujahrsvorsätze zielen meist drauf ab, ein als schädlich angesehenes Verhalten zu ändern. Also werden diese Vorsätze von unseren Ängsten angetrieben?

Ja, sie sind in der Regel ihr Motor. Ein klassischer Vorsatz zum neuen Jahr ist es, mit dem Rauchen aufzuhören, weil man Angst vor Lungenkrebs hat. Dabei warnt das Angstsystem vor den Folgen, die durch das unkontrollierte Ausleben des Belohnungssystems entstehen. Dass ein bestimmter Lebensstil die Existenz bedroht, ist das häufigste Motiv für Vorsätze. Neben den Süchten ist es oft auch der Hang zur Bequemlichkeit, der Anlass zu Selbstkritik gibt. Man hat Angst, dass man wegen seines Faulenzens den Job verliert und nimmt sich dann vor, mehr zu arbeiten.

Aber warum scheitern wir so oft an unseren Vorsätzen?

Weil die von der Vernunft motivierte Angst nicht immer gewinnt. Das liegt am übermächtigen Belohnungssystem. Die Vernunft ist im Gehirn der schwächste Part. Auch Faulsein wird über dieses System gesteuert. Wenn man sich nach einem langen Arbeitstag in einen Sessel fallen lässt, werden Glückshormone ausgeschüttet. Das ist eine natürliche Funktion, die dafür sorgt, dass der Organismus sich nicht überlastet und auch mal Pause macht. Wenn man aber diese Endomorphinausschüttung zu oft betreibt, wird man bequem. Faule Leute haben oft keine Angst.

Nützt ihnen das?

In jedem Betrieb gibt es einige Mitarbeiter, die überhaupt keine Angst zu haben scheinen, entlassen zu werden, obwohl sie fast nichts tun. Bei betriebsbedingten Kündigungen werden aber oft vor allem diejenigen Mitarbeiter entlassen, die zu wenig Angst haben. Bedenkenträger sind fleißiger, deshalb behalten sie häufiger ihren Job.

Das bedeutet Angst hat auch positive Effekte?

Ja, sie treibt die Menschen an. Ein mittleres Angstniveau steigert die Leistung ungemein. Viele Errungenschaften der Menschen in Wissenschaft, Technik oder Kunst gehen auf Menschen zurück, die unter der Angst litten, nicht perfekt zu sein.

Angst kann aber doch oft auch hemmend wirken.

Sie kann sich auch verselbständigen und wird dann zur krankhaften Angststörung. Zum Beispiel, wenn man sich vor einer ungefährlichen Hausspinne über alle Maßen fürchtet. Das ist eine sogenannte einfache Phobie, weil man sich vor einer bestimmten Sache fürchtet. Einfache Phobien gehören zu den häufigsten Ängsten. Gefolgt von sozialen Ängsten, Panikattacken und generalisierter Angst.

Haben sich unsere Ängste über die Jahre verändert?

Die Individuellen nicht, da stehen immer solche, wie ein Pflegefall im Alter zu werden, Angehörige zu verlieren oder Finanzprobleme zu bekommen, ganz vorne. Bei den gesellschaftlichen Ängsten sieht das etwas anders aus. Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, gab es da schon andere Ängste als heute.

An was denken Sie?

Im Vordergrund stand die Furcht vor dem Atomkrieg, die wir ja heute nicht mehr haben. Stattdessen existieren heute Ängste vor Terrorismus, was es zu meiner Kindheit praktisch nicht gab. Daneben prägen uns auch immer Modeerscheinungen. Wenn zum Beispiel ein bisher unbekannter Krankheitserreger gefunden wird, fürchten sich die Menschen extrem davor. Solche ereignisbedingten Ängste vergehen aber schnell wieder, meist binnen weniger Wochen.

Gibt es heute insgesamt mehr Ängste als früher?

Nein, das wird zwar in den Medien oft beschworen, weil Journalisten solche Immer-Mehr-Texte lieben. Das beginnt dann mit: „Immer mehr Menschen leiden unter …“ Nur ist das gar nicht so. Weder bei den alltäglichen noch bei den medizinischen Ängsten. 18 Prozent der Menschen haben Angststörungen, das hat aber über die Jahrhunderte weder ab noch zugenommen.

Woraus speisen sich diese Ängste genau?

Man geht davon aus, dass ungefähr 50 Prozent der Angst genetisch bedingt ist und über Generationen vererbt wurde. Beispielsweise die Angst vor wilden Tieren. Sie war früher zum Überleben sinnvoll und wurde deswegen weitergegeben.

Und die andere Hälfte?

Sie stammt von traumatischen Erfahrungen im Umfeld, wenn man zum Beispiel in der Kindheit von den Eltern getrennt wurde oder wenn man sexuell missbraucht worden ist. Jeder Mensch wird mit einem gewissen Set von Ängsten geboren und eignet sich im Laufe des Lebens auch neue an. Dazu gehören soziale Ängste, wie sich zu blamieren oder andere Leute zu übervorteilen.

Gibt es bei Ängsten auch kulturelle Unterschiede?

Nein. Leute, die in sehr gefährlichen Gegenden leben wie Bagdad sind nicht ängstlicher als Leute, die in Stockholm leben. Eigentlich gab es früher sogar noch mehr Grund zur Angst, weil man beispielsweise manche Krankheiten gar nicht behandeln konnte. Heute haben wir eine so hohe Lebenserwartung, und auch auf andere Lebensfelder kann man viel mehr Einfluss nehmen, was die Angst eher geschmälert hat.

Erich Kästner hat einmal gesagt: „Wer keine Angst hat, hat auch keine Fantasie.“ Sehen Sie das auch so?

Das stimmt. Erich Kästner hat seine Angst zwar gern mit Alkohol bekämpft, aber er war natürlich auch ein großer Autor. Und sehr viele fantasievolle Künstler leiden unter Ängsten, weil sie immer denken: ‚Ich werde von allen verlassen, wenn ich nicht der Beste bin.‘ Wenn man immer unter dem Druck steht, dass man sich von anderen Leuten kritisch beurteilt fühlt, entstehen die besten Ideen. Dann wird man fantasievoller. Jemand, der unter Angst steht, der denkt die meiste Zeit darüber nach, wie er seine Performance verbessern kann. Angst macht ehrgeizig.

Und wovor haben Sie als Angstforscher selbst Angst?

Davor, dass sich mein schönes Leben, was ich gerade habe, ändern könnte.

Das Gespräch führte Katharina Finke

Kommentare (12)

Meyko 05.01.2013 | 11:04

Zitat: "...weil sie immer denken: ‚Ich werde von allen verlassen, wenn ich nicht der Beste bin.‘ Wenn man immer unter dem Druck steht, dass man sich von anderen Leuten kritisch beurteilt fühlt, entstehen die besten Ideen."

Naja, manchmal mögen auch (imaginäre) Ängste helfen...

 

Andere sagen:

"Menschen sind kreativ, wenn sie sich entspannen:

Pausen, Ruhetage und Nichtstun: Das sind einfache Methoden, die von einem Problem wegführen und so zu neuen Erkenntnissen führen können. Während der Arbeitszeit kann das schon ein Spaziergang in der Mittagspause oder ein Blick aus dem Fenster sein. Wer seine Gedanken schweifen lässt, aktiviert das kreative Potenzial, und das ist für schöpferische Phasen unverzichtbar. Das Gehirn ist nämlich auch dann aktiv, wenn der Mensch nichts tut beziehungsweise ein bestimmtes Problem nicht mehr fokussiert. Im Gegensatz dazu belegen viele Untersuchungen, dass Stress und Zeitdruck kreatives Denken lähmen.

"

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Ehemaliger Nutzer 05.01.2013 | 21:20

Was mir so "Angst" bereitet, ist nicht eine direkte Ursache, sondern der Wechsel der Interpretationen über das menschliche Bewusstsein. In der Spätaufklärung hatte sich so in etwas folgendes als gültig ergeben: Jedes Ich hat ein Denkvermögen, das es befähigt, sich selbst und andere zu beobachten, sich der Tatsache, dass es dunkles gibt zu stellen, dass die Sinne die Anreger sind und die Vernunft die Sinneseindrücke als Material nimmt, sich zu orientieren, die Gefühle und das Begehren nach Zwecken zu ordnen. Dann kam die Romantik und dann Freud: Und seither sind wir (the Germans) ängstlich. Und es gehen Bekannte von mir, die in ihrem Verstandesgebrauch im Beruf völlig sachgerecht vorgehen, zu einem Angstmacher und legen viel Geld hin. Man könnte rasen, aber lachen ist wohl die bessere Variante.

Phineas Freek 06.01.2013 | 15:58

Da hat dieser moderne Pfaffe einige aber ganz schön bange gemacht.

Und das ganz in der theologischen Tradition aller vorgängigen Kanzelwanzen - und ebenso erfolgreich.

Wer einen Schimmer davon hat, wie erfolgreiche Affirmation Herrschender Interessen mittels gläubigen Unfugs geht, müsste eher darüber Angst und Bange werden, dass diese plumpe Nummer zwecks Herstellung erwünschter Alltagsmoral, überhaupt immer noch genauso zieht wie Anno dazumal…

Wenn nämlich die ehemals göttlichen Moralgebote und ihre widerstreitenden teuflischen Versuchungen, mittels „Seelenapparat“ und seinen sich ständig behakelnden „Belohnungs(!)- und „Angstsystemen“  fröhliche Widerauferstehung feiern (bisher allerdings nur in der Phantasie seiner Erfinder).

Gott(?) sei Dank gibt es da ja noch das - aus diesem Streit der widerstrebenden „inneren Wirkkräfte“ resultierende - „Vernunft(!)Gehirn“.

Und das setzt sich demnach grundsätzlich immer dann erfolgreich durch, wenn das arme Sünderlein, pardon, der aufgeklärt mündige Bürger gefälligst tut, was die durchgesetzten und nun Herrschenden Interessen von ihm verlangen!

Und was die verlangen ist des Öfteren sehr wohl und begründet Angst einflößend, steht aber außerhalb jeglicher Kritik und ist Alternativlos –  aber darauf passt ja auch schon das „Vernunftgehirn“ ganz genau auf, keine Bange und wenn nicht, dann liegt selbstredend eine „Angststörung“ vor.

Und wer dann trotzdem noch die störenden und begründet furchteinflößenden Verhältnisse für die Angst verantwortlich macht, der kann nur ein Psychopath sein und gehört eigentlich schleunigst in (Dauer)Behandlung…

 

PS

Wo dann der angebliche Beleg für diese primitive Einforderung strunzdummer Kindergartenmoral mit dem Satz „…man geht davon aus, dass…“ eingeleitet wird -  ist so etwas wirklich, außer Hohn und Spott, überhaupt einen Kommentar wert?

tlacuache 07.01.2013 | 10:27

Schliesse mich Zeitleser an, mein lieber Phineas,

heute brüllen Sie aus der Kanzler(in), ähh, Kanzel, "der Euro" ist in Gefahr, dabei geht es, auch in Deutschland, nur darum, den 90% die nix haben weisszumachen, dass sie gefaelligst den 10% nix abnehmen, man nutzt die Dauerangst der Leute ("meine Euro sind in Gefahr") um davon abzulenken, dass die Gesellschaft in einer gewaltigen Schieflage ist, alles Nebelkerzen, diese neumodische Angstmacherei.

Frueher haben sie den Leuten halt was vom Fegefeuer erzaehlt damit sie fleissigst ihrem Fürst und dem Pfaffen die Kohle abliefern, heute erzaehlen sie, "wenn der Euro den Keller runtergeht kann ich nicht mehr das Sixpack im Aldi kaufen, und den Privatfernsehanschluss erst recht nicht", oder, "Wie soll ich meinen Neuwagen abstottern wenn der Chinees schon Audis kauft".

Ach, da fällt mir noch der ein:

Das ist so wie bei dem Beispiel:

"Dawkins: Ich empfehle einen Besuch im sogenannten Höllenhaus in Colorado. Dort stellen Schauspieler verschiedene Sünden auf möglichst schaurige Weise dar: Abtreibung zum Beispiel oder Homosexualität. Ein Teufel in Rot tänzelt umher und macht "Whoaaaa", und am Ende landet man in der Hölle selbst, komplett mit dem Geruch brennenden Schwefels. Der einzige Zweck dieses Etablissements ist es, Kinder in Schrecken zu versetzen."

Schoenes neues, mein lieber Phineas Freek

Phineas Freek 07.01.2013 | 14:32

Es ist ja noch viel unverschämter.

Die psychologische Weltanschauung bringt es ja sogar fertig, die hiesigen ungemütlichen bis unzumutbaren (Herrschafts)Verhältnisse als äquivalente Dienstleistung menschlicher Naturbedürfnisse zu behaupten. Weswegen diese freche Produktion von Herrschaftsapologien den  staatlichen und kapitalen Machern auch eine ganze, von ihnen betreute und eingerichtete „Wissenschaft“ wert ist.

 

 Dankbar soll man schließlich sein, in einer „freien Gesellschaft“ leben zu dürfen, die den „Gesellschaftsmitgliedern“ so viel von dem nicht genug zu bekommenden Stoff (Angst) eines angeblichen Bedürfnisses frei Haus liefert, dass sich mittlerweile Heerscharen von Seelenklempnern der verschiedensten Schulen und Ausprägungen zusätzlich eine goldene Nase verdienen können.

 

Wer „den Menschen“ halt keine Beine und nicht Bange macht, versündigt sich an der Menschennatur, die das braucht, wie der altmodische Sklave die Peitsche, aber alles in vernünftigen Maßen bitte. Denn wie die Peitsche auch allzu überschwänglich und destruktiv den angeblich naturbedingt fehlenden Arbeitswillen einprügeln konnte, so kann auch die gute, moderne und selbstverständlich ebenso natürliche Peitsche „Angst“,  in (!) uns allen zu Übertreibungen und demzufolge funktionellen Störungen führen…

wünsch Dir auch alles Gute

 

 

Phineas Freek 07.01.2013 | 18:35

Damit kein Missverständnis aufkommt: der letzte Absatz zeigt die Grundfigur aller Lügen  bürgerlicher Psychologie auf – also das genaue Gegenteil von dem, auf was diese ideellen Liqudatoren (und Bestreiter) des freien Willens scharf sind: die allgemeine Kapitulation vor den frei erfundenen „Verhaltensspezifischen Determinationen des Menschen“, der demzufolge dann ja gar nicht anderes tun kann, was sein Hirni ihm befiehlt…

 

Vertragen sich  diese angeblich in jeden Menschen bestimmenden und antagonistischen  „Wirk- und Triebkräfte“ (wer kennt sie nicht, die heilige und ewig streitende freudsche Dreieinfältigkeit aus Über-Ich, Es und dem guten alten Kontroletti Ich)  gut miteinander, ist ja auch alles supi – der Mensch tut was von ihm verlangt wird und führt sich ordentlich auf. Tut er das nicht, ist natürlich Ende im Gelände, Megastau im Triebgesteuerten Hirni und er ist „gestört“  und wird selbstverständlich ohne entsprechende Psychobehandlung verrückt…wie z. B. dieser Massenmörder A. Breivik aus Norwegen…oder ein x-beliebiger Elitesoldat auf staatlich befohlenen Kriegspfad…äähm, halt Stopp, dass ist natürlich wieder was ganz anderes, nicht zu vergleichen und ganz normal usw,etc.pp…