Kathrin Zinkant
14.08.2013 | 14:47 12

Kann ein Google-Burger die Welt retten?

Alltagskommentar Retortenfleisch statt echtem Beef? Das soll die Tiere retten und auch die Ökobilanz, dabei kommt man bei der Herstellung auch nicht ohne das Töten von Kühen aus

Unter Internetmilliardären reift der Wunsch, die Welt zu verbessern. Einer, er wurde mit Amazon reich, hat sich gerade eine Zeitung gekauft. Ein anderer, der Google auf den Weg brachte, hat eine 300.000-Dollar-Bulette finanziert. In einem Sechs-Minuten-Video erklärt Sergej Brin der Welt, warum: Sein in Holland gezüchteter Fladen aus Muskelstammzellen soll die einzig vernünftige Alternative zu echtem Fleisch sein. Vor einigen Tagen wurde das Ding öffentlich in die Pfanne gehauen und verspeist. Und obwohl dieser Burger ekliger als jeder Gelschinken erscheint, bleibt der #aufschrei aus. Denn die Arktis schmilzt, die Weltbevölkerung will essen, die Tierquälerei quält die Gemüter – es muss etwas passieren. Etwas, das jeder auf diesem Planeten versteht. Also: ein Hamburger.

Warum auch nicht? Eine winzige Gewebeprobe aus dem Muskel einer Kuh wird Stammzellen für 20.000 Tonnen der Retortendelikatesse liefern, das heißt 440.000 Schlachtrindern ein erbärmliches Leben ersparen und die Emissionen verhindern. Klingt super. Ist aber naiv. Die Stammzellen müssen nämlich erst mal vermehrt werden, bis sie die kritische Masse eines Bissens erreicht haben. In einer Nährlösung, der fötales Kälberserum zugesetzt wird – zellfreies Blut ungeborener Rinder, für das die Mutterkühe samt Föten abgeschlachtet werden. Wie viele Opfer dieser Art für das Experiment nötig waren, ist unbekannt. Getötet wurde allemal.

Kein Fortschritt

Und ob die Alternativen auf „Algen“-Basis, die man irgendwann einsetzen will, funktioniert, ist fraglich. Aber okay, angenommen: Algen lösen das Problem. Lösen sie es auch für andere Fleischsorten? Für Fleisch muss kein Tier mehr geschlachtet werden.

Was Stammzellen dann immer noch nicht können, ist Milch geben. Erstaunlich, dass intelligente Menschen wie Brin glauben, Milch spiele im Massentierhaltungshorror keine Rolle. Die Milchwirtschaft ist ein Megasektor der Weltagrarproduktion, der weiter wächst, pro Jahr Millionen Kühe quält und verschleißt.

Lieber nicht drüber nachdenken. Die bessere Frage ist ohnehin, wer von so einem pseudoethischen Kunsthamburger wirklich profitiert. Das Kind in Afrika, das keine Hirse kriegt, weil auf dem Acker statt Viehfutter jetzt Biosprit wächst? Der Ökobauer, der seine Tiere gut behandelt? Der Verbraucher, der seinen Fleischkonsum gerne einschränkt? Oder doch das Unternehmen mit dem M im Logo, das auf Fleisch angewiesen ist? Nein, Mr. Brin. Don’t be evil. Eine Frikadelle ist kein Fortschritt.

Kommentare (12)

Columbus 14.08.2013 | 15:28

Schön, wieder von Ihnen lesen zu dürfen, digitalisiert und gedruckt, Frau Zinkant.

Ich bin ganz sicher, die Stammzell-Retorten können in der Billionärsfantasie gar nicht groß genug sein, für diese Art "Soylent" oder "Spice". 

Der Hamburger ist allerdings ein gutes Objekt für die Medien. Den kennt fast jeder amerikanische und europäische Journalist aus eigener Erfahrung. Stellen Sie sich nur einmal vor, der Prim hätte Squamous Muscle (R) als Zukunftsproteinat vorgestellt? - Das hätte doch höchstens Freunde aus der Muckibude aufhorchen lassen, die noch an Proteine glauben.

Wenn es dereinst wie Hamburger schmecken sollte, werden zumindest die dann verbliebenen Presseleute zufrieden sein und Brin Muscle Ltd. wird eine ganzseitge Anzeige schalten.

Sie sind ja einschlägig studiert und wissen daher, dass Masse und Energie zwar ineinander überführbar sind, sich aber in einem System ohne weitere Zufuhr nicht vermehren. Das haben Sie schön beschrieben.

Was kommt als Nächstes von den Milliardären, die immer so maßlos übertreiben müsssen. HIV-Medikamente finden, das auch mir 10 Studien à 10 Mio. Euro in ersnthafter Konkurrenz, statt mit 10 Mrd. Dollar global verteilt, möglich. Besserer und sparsamer Transport, geht auch ohne Menschen in Turboröhren, zu günstigeren Preisen und ohne Ausfall der Fahrdienstleiter.

US-Zeitung geht aber offensichtlich nur noch mit dem Geld von Leuten, von denen nicht so genau bekannt ist, ob sie überhaupt wussten, dass sie die Zeitung, unter Umständen und bei günstiger Gelegenheit, mit einem Kaufprogramm auf ihrem Rechner und der entsprechenden Anwaltskanzlei, die das Vertragliche regelt, erworben haben. 

Weiter, weiter

Christoph Leusch

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Ehemaliger Nutzer 14.08.2013 | 16:17

Perverser geht’s nimmer oder doch? Warum nicht die sprechende Politikerfrikadelle aus Stammzellen? Nimmt nicht so viel Platz weg und das Parlament könnte in  einer größeren Kiste untergebracht  und  schneller entsorgt werden!!

Ich halte diese Methode vom christlichen Standpunkt her für fragwürdig da Stammzellen nur aus Föten gewonnen werden können und dazu müssen Tiere genauso getötet werden wie bei der  Massentierhaltung. Im Grunde wie eine Massenabtreibung um Kottelets herzustellen. Aus meiner Sicht eine grenzüberschreitende Missachtung des Lebens  die ethische und christliche Fragen aufwirft im Hinblick auf die  Möglichkeit einer grenzüberschreitenden Anwendung die später auch bei Menschen Anwendung finden könnte. Zum Beispiel der Arbeiter mit programmierbarem Gehirn und einem Nutzarm. Schöne neue Welt? Ich weise darauf hin, dass  im Christentum vor einer solchen  Entwicklung  gewarnt wird sowie vor der übertriebenen technokratischen Entwicklung die als Triebfeder nur die Gier nach mehr Macht und Besitz hat mit der Folge das die Menschen immer stärker ihren Lebensursprüngen entfremdet werden und  daher psychisch krank werden was zur Selbstüberschätzung und Missachtung des Lebens führt. Der Kapitalismus ist nach meiner Meinung ein Symptom dieser  Geisteskrankheit die auf Selbstüberschätzung beruht da Menschen die nicht mehr wert sind wie jeder andere mithilfe von Geld leben können wie die Götter. Sie verlieren dadurch die Achtung vor dem Leben und wer die Achtung vor dem Leben verloren hat kann keine Entscheidungen mehr für das Leben objektiv fällen auch nicht für sich selbst da der Mensch ein Teil des Lebens und der Natur ist. Im Christentum gibt es dazu einige Warnungen Turm Bau zu Babel, Das goldene Kalb, uvm!!!

Fazit warum nicht auf Fleisch fast verzichten? Als Alternative Sojafleisch essen, schmeckt prima und hat fast genauso viel Eiweiß wie ein tierisches Produkt. Im Bioladen gibt es Sojafleisch das nicht gentechnisch verändert ist daraus kann man Bolognese oder allerlei andere leckere Speisen zubereiten mithilfe von Gewürzen und Kräutern.  Ich finde es schmeckt sogar besser als das Fleisch aus der Massentierhaltung. Ich persönlich bin sowieso der Meinung es esse nur der Fleisch der sein Tier auch selbst töten und zerlegen kann.

MopperKopp 14.08.2013 | 17:01

Der Mann heißt Sergey Brin und dient momentan als rotes Tuch, damit Verlage sich bei der Krise nicht an die eigene Nase packen müssen. Diese Einstellung durchzieht leider auch Ihren Beitrag, sehr schade, handelt es sich doch um ein spannendes und nicht neues Thema. 

Schon die

"britische Künstlerin Cathrine Kramer geht in ihrem Projekt "Community Meat Lab" von wissenschaftlichen Versuchen aus, Fleisch, das auf tierischen Zellen basiert, aber ohne Tiere auskommt, im Labor zu züchten."

Die

"Nährlösung, der fötales Kälberserum zugesetzt wird – zellfreies Blut ungeborener Rinder, für das die Mutterkühe samt Föten abgeschlachtet werden." 

soll ersetzt werden. Das ist logisch, wird das fötale Kälberserum doch von Schlachtkühen gewonnen (es werden dafür keine Kühe extra geschlachtet) die durch den künstlichen Burger nicht mehr geschlachtet werden müssten, hier beißt sich der Burger in den Schwanz. Das Thema "fötales Kälberserum" ist unabhängig davon wichtig, steigt doch der Bedarf in der Biotechnologie-Industrie stetig an.

Innovationen, die dem Kind in Afrika höherwertig Nahrung auf den leeren Teller bringen als Hirse, ohne ihm gleichzeitig das Gewonnene wieder aus den Rippen zu schneiden, die kann man kontrovers aber konstruktiv diskutiern.

Rupert Rauch 14.08.2013 | 21:59

So ein Gemaule. Wenn man so Fleisch züchten kann, kann man irgendwann auch Euterzellen für Milch so halten. Eier stelle ich mir schwieriger vor.

Es ist eine Utopie und es ist gut, dass sie endlich jemand finanziert. Sie löst ein moralisches Dilemma, nämlich die Tatsache, dass wir Tiere töten, deren Intelligenz und Gefühlsleben wir nicht wirkich einschätzen können.

Milchkühe dürften auf dem Fleischmarkt übrigens eher eine untergeordnete Rolle spielen, bestenfalls werden sie verwurstet, da ist es ähnlich wie mit eierlegenden Hennen, die werden auch nur als minderwertige Suppenhühner verkauft. Wer schonmal eines gegessen hat, weiß warum.

Ich würde das Kunst-Zeug essen, wenn es richtig ausgereift ist, und ekliger als ein Tier töten und ausnehmen ist es mitnichten. Ob Kinder in Afrika (was für ein Klischee) was davon haben, wird davon abhängen, wie teuer das letztlich wird, es hat zumindest das Potential sehr günstig werden zu können.

Weder wird es alle Probleme mit Massentierhaltung lösen, noch Umverteilungsprobleme (nichts anderes steckt hinter Hunger, immerhin sind wir ja eher zu fett). Aber es ist zweifelsohne ein Schritt in die Zukunft, der einem technisch orientierten Internetmilliardär würdig ist.

 

wvs 15.08.2013 | 16:42

Bei NinoSchneider ist zu lesen:
" .. Ich halte diese Methode vom christlichen Standpunkt her für fragwürdig .. " - das mag er halten wie er will, allerdings ist es keine Begründung für einen Verzicht. "Vom christlichen Standpunkt her" ist mehr als schwammig und kann Alles oder Nichts bedeuten.

Weiter schreibt er:
" .. Als Alternative Sojafleisch essen, schmeckt prima und hat fast genauso viel Eiweiß wie ein tierisches Produkt. Im Bioladen gibt es Sojafleisch das nicht gentechnisch verändert ist .. " - ein frommer (!) Wunsch, denn die veränderten Gene sind mittlerweile auch in den sogenannten "Bio"-Produkten angekommen [http://www.zdf.de/WISO/Gentechnik-in-Biom%C3%A4rkten-29089514.html].
Na, dann "Guten Appetit!"

Zum Beitrag selbst, ich nehme einen Aspekt heraus:

" .. In einer Nährlösung, der fötales Kälberserum zugesetzt wird – zellfreies Blut ungeborener Rinder, für das die Mutterkühe samt Föten abgeschlachtet werden .. "

Das ist kein Argument gegen solche Experimente, denn wie sich in der Vergangenheit gezeigt hat werden die Laborbedingungen ständig verfeinert und verbessert, sodaß davon ausgegangen werden kann, daß es nur in diesem frühen Stadium solcher natürlichen Ausgangsstoffe bedarf - und diese später durch künstliche Lösungen ersetzt werden können.

Viel erschreckender an diesem Experiment ist allerdings wenn man es weiterdenkt:
Die Grundsubstanzen für die Erzeugung des Kunstfleisches sind Aminosäuren - und die sind im menschlichen Organismus auch vorhanden. Sogar in einer Zusammensetzung, die als Grundlage für menschliche Ernährung optimal wären .... und damit sind wir bei "Soylent green" angelangt.

'Recycling of Humans'?

Für den 'profit' fallen jetzt schon alle ethischen und moralischen Grenzen - warum sollten sie in diesem Falle erhalten bleiben?

[Siehe hierzu noch: Auf dem Weg zu »SOYLENT green« - Ich will hier nicht die dort bereits erörterten Argumente wiederholen.]

 

 

 

goedzak 16.08.2013 | 08:04

Da ist es fast besser, die Multimilliardäre versuchen, ihren Reichtum privat zu verprassen. Was in einem einzelnen Gemüt an "vernünftigen Ideen" wächst, kann ja leider nie die Komplexität und Objektivität haben, wie das, was als Konsens in einem (natürlich nichtmanipulierten) Gemeinwesen an Problembewältigungsstrategien entwickelt werden kann/könnte. Demnächst wird sicher auch mal einer aus der Riege auf die Idee kommen, ein armes Volk damit zu beglücken, dass er eine Privatarmee ausrüstet, die das von ihm haarscharf als "autoritär" erkannte Regime plattmacht.

(Lustig, dass so manch einer ausgerechnet IT-Milliardäre zu seinen Helden macht.)

 

goedzak 16.08.2013 | 08:16

Der Ökobauer, der seine Tiere gut behandelt? Der Verbraucher, der seinen Fleischkonsum gerne einschränkt?

Hinter den beiden Fragezeichen steckt die eigentliche Lösung, vor der aber erstmal noch ein paar Fragen zu stellen wären, die auf die eigentlichen Hintergründe der Entstehung der Probleme, die jetzt mit Kunstbouletten gelöst werden sollen, hinweisen. Über die Verhältnisse, die diesen Profitzwang erzeugen, der diese Rationalisierung über alle Maßen (und natürlich auch den Ressourcenraub) verursacht, redet kaum mal ein Tierschützer - und wenn, dann eher im Gestus moralischer Erklärungen. Letzlich aber soll doch immer der einzelne gierige Fleischesser schuld sein - du und ich.

Eine kleinteiligere, regionale, moderne Fleischproduktion, gerahmt von Verbraucher- und Tierwohlschützenden konsequenten politischen, legislativen und exekutiven (!), Normsetzungen - und ein Verbraucher, der nicht durch Hartz IV, working-poor-Verhältnisse, miese Bildung (und Warenpropaganda) zur Billigernährung getrieben wird - das wäre der richtige Weg.