Katrin Schuster
03.11.2012 | 09:00 30

Eine TV-Studie wird ignoriert

Medientagebuch Der Journalist Bernd Gäbler hat untersucht, welche Werte die populärsten deutschen Fernsehsendungen vermitteln. Seine Ergebnisse hätten mehr Aufmerksamkeit verdient

Eine TV-Studie wird ignoriert

Stell Dir vor einer spielt Diktatur, und alle wollen dabeisein. Dieter Bohlen hat das geschafft

Foto: Peter Wafzig/Getty Images

Schon merkwürdig, dass Medienkritiker oft am lautesten aufschreien, wenn eine Studie einen Zusammenhang zwischen Medienkonsum und Verhalten – Ego-Shooter und Amokläufe, Internet und Allgemeinbildung – aufzuzeigen sucht. Das Wissen über oder wenigstens der entschiedene Glaube an diesen Zusammenhang finanziert schließlich die meisten Zeitungen und Fernsehsender: Kein Unternehmen würde fünfstellige Summen für Inserate, Werbespots oder Product Placement ausgeben, wenn diese keinen Einfluss auf das Verhalten des Publikums nähmen.

Die Wirkung von Medieninhalten steht in Bernd Gäblers Studie Hohle Idole (verfasst im Auftrag der Otto-Brenner-Stiftung) am Anfang aller Überlegungen. Fernsehen sei, schreibt der Autor, eine „Schule des sozialen Lernens“ – also sollte man sich besser genau ansehen, welche Werte die populärsten Unterhaltungssendungen vermittelten. Es geht um Deutschland sucht den Superstar, Germany’s Next Topmodel und Natürlich blond, genauer gesagt darum, so Gäblers Untertitel: „Was Bohlen, Klum und Katzenberger so erfolgreich macht“.

Der Autor hat nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Post-Production im Blick, wenn er auf Schnitt und sonstige Nachbearbeitungen von einzelnen Szenen, kurz: auf die Gemachtheit ihrer Realität eingeht. Ein wenig stärker hätte er jedoch die ästhetische Analyse gegenüber der ethisch-moralischen gewichten können – „Kooperation, Solidarität und Gerechtigkeit“ stellt er als „wichtige Werte“ vor; Anpassung, Kommerzialisierung und Reduktion aufs Körperliche goutiert er erwartungsgemäß wenig; er wäre zu ähnlichen, aber womöglich handfesteren Ergebnissen gelangt.

Ob die berufliche Unsicherheit der heutigen Jugend zuerst da war und dann die Sendungen entstanden, die sich ihrer annahmen, oder vice versa – das will und kann Gäbler selbstredend nicht beantworten. Er kann nur auf den Geldwert dieser Aufmerksamkeitsökonomie hinweisen und die Modelle analysieren, denen Bohlen, Klum und Katzenberger als Werbegesichter dienen. Auch da bleibt er sich vorsichtig: Die undurchsichtigen Regeln der Castingshows und deren Anpassungsdruck erinnerten an einen „Staat der absolutistischen Willkür“, schreibt er. Ach, wenn es nur das wäre! Denn nimmt man die permanente Überwachung, die fehlende Gewaltenteilung (die Legislative von GNTM ist die Judikative ist die Exekutive ist Heidi Klum), das Spitzeltum, die Demontage der bürgerlichen Freiheiten, die quasi-militaristischen Übungen und die Verunortung (auf den Malediven oder in der „Modelvilla“) hinzu, dann wären damit die Merkmale eines totalitären Regimes verblüffend exakt benannt. Klum und Bohlen spielen nicht Monarchie. Sie spielen Diktatur. Der Totalitarismus feiert im Fernsehen fröhlich Urständ, und eine ganze Generation will unbedingt dabei sein. Mit Zukunftsangst allein dürfte sich das kaum mehr erklären lassen.

Wäre Bernd Gäbler etwas deutlicher geworden, würde seiner Studie vielleicht die Aufmerksamkeit zuteil, die sie verdient. So aber findet man aktuell nur ein paar Interviews mit ihm und Vermeldungen der zentralen Thesen. Statt diese zu diskutieren, scheinen sie vielen Online-Medien jedoch allererst dazu zu dienen, den eigenen banalen Bohlen- oder Klum-Content per Verlinkung zu bewerben. Um dem zu entkommen und tatsächlich eine Debatte in Gang zu setzen, muss man offensichtlich härtere Geschütze als den Vorwurf einer absolutistischen Willkürherrschaft auffahren.

Kommentare (30)

Nil 03.11.2012 | 09:34

Ein Wunder ? Es ist Jemand auf die Idee gekommen, einen Auftrag zu erteilen, um zu ermitteln welcherart  Inhalte/Werte im Fernsehen vermittelt werden ? Herzlichen Glückwunsch!  Das in einem Land, dass Menschen wie, Freud, Jung, Habermas, Leibniz u. a. hervorgebracht hat, sollte man eigentlich meinen, dass solcherlei Unterhaltungschrott schon vor Jahren Gegenstand der Diskussion zur Kritik an der vierten Gewalt im Lande geworden sein sollte ?

Aber vielen Dank Frau Schuster, wenn Sie dranbleiben und nicht locker lassen, könnte vielleicht wirklich (besser zu spät als nie) eine ernsthaft anhaltende und lösungsorientierte Diskussion in Gang gebracht werden. LG und viel Erfolg dabei...

LazyVisionary 03.11.2012 | 10:48

Die Werte, bzw. Unwerte wie sie solche Formate propagieren halte ich auch für problematisch. Im Grunde wird ja ein hemmungsloser Voyeurismus bedient, der Menschen geradezu aufstachelt, sich am Schicksal Dritter zu ergötzen. Man kann oder muss sich dann schon fragen, wie das z.B. mit der Aufforderung, nicht mit dem Finger auf andere zu zeigen, zusammen passt. Eigentlich eben gar nicht.

Ob der Studie mit einer deutlicheren Aussage mehr Aufmerksamkeit zugekommen wäre, wage ich mal zu bezweifeln. Die Dinge sind ja bekannt und wurden bereits zum Auftakt der ersten „Big Brother“-Staffel vor 10+X Jahren thematisiert. Wenn ich mich recht erinnere, stand damals sogar das Verbot der Sendung durch den Rundfunk-/Fernsehrat zur Diskussion, aus eben den genannten Gründen. Der Rest ist bekannt, das Karussell begann sich trotzdem zu drehen und die Entwicklung fand mMn im „Dschungel Camp“ seinen Höhepunkt. Obgleich so mancher bei Dirk Bach einen derartig bitterbösen Zynismus witterte, dass die Sendung beinahe als Satire hätte durchgehen können. Ob der durchschnittliche Zuschauer so weit abstrahiert? Wohl eher nicht. But then again, was ist der/die durchschnittliche ZuschauerIn.

Mitunter wird versucht die Kritik an diesen Formaten mit dem Argument zu entkräften, dass vieles aus dem Realtity-TV eben „gestaged“ und gar nicht „real“ sei. Das läuft für mich aber insofern ins Leere, als das der wesentliche Faktor im bloßen Eindruck von Authentizität seitens des Rezipienten liegt. Der Anstrich des „Echten“ reicht also schon, egal was hinter den Kulissen oder beim Schnitt passiert.

Ich habe die Gefahr persönlich immer in der Werteerosion gesehen, finde aber den Aspekt, wie wenig demokratische Struktur/Kultur sich dort wiederfindet, auch sehr interessant. Obwohl man das zusammenfassen könnte, das eine ist ohne das andere ja schlecht denkbar. Welche Ästhetik und welches Körperbild kommuniziert wird wäre natürlich auch wichtig zu diskutieren. Also die Semiotik des Bohlen-TV sozusagen.... hö hö.

Na ja, ich finde den Schmarn jedenfalls grauenhaft und glaube auch an das destruktive Potential dieser Clowns à la Bohlen. Aber gezeigt wird eben was Kohle bringt und Kohle bringt was Quote bringt. Welches Wertebild da verbreitet wird ist allenfalls nachrangig. Die Öffentlich-Rechtlichen sind auch schon dabei in diesen Kanon einzustimmen.

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Ehemaliger Nutzer 03.11.2012 | 11:07

natürlich fragt man sich, ob auschwitz auch so etwas wie ein "Format" gewesen sein soll: der Unterschied liegt auf der Hand: früher wurde man stillschweigend abgeholt und heute nennen wir es Medienmüll, wenn nicht gar trash of civilisations.

Früher hatte man sich geschämt mit der Eselsmütze auf der Prekariatsbirne, heute ist mal stolz darauf und nennt es "Format".

Schon spannend, wie das geht heutzutage.

LazyVisionary 03.11.2012 | 11:39

Man könnte auch sagen, dass die Gesellschaft in unzählige "Formate" zerfällt. Geschämt wird sich heute immer noch, nur ist es vielleicht nicht mehr die Eselsmütze, sondern eher das Handy.

Aber kann man den Bogen wirklich bis Auschwitz spannen? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Was im Fernsehen "Format" genannt wird ist jedenfalls (so meine ich) eine kommunikative Strategie. War Auschwitz eine kommunikative Strategie?

Wäre Bohlen-TV weniger verwerflich, wenn auf die selbe Weise Ehrenamtliche ausgezeichnet würden? Oder liegt das Problem im "Format", dieser überdrehten Massenkonditionierung mit einem wachsfigurähnlichen Chefentertainer in der Mitte.

Vaustein 03.11.2012 | 12:51

Dazu ist festzustellen: Wir haben die Wahl. 

Und nicht nur eine. Wir können den Fernseher einschalten oder nicht einschalten. Wir können die Sender und Sendungen wählen. Phoenix, arte, die Dritten, die Spartenprogramme von ARD und ZDF, ARD und ZDF.

Wir können auch Radio hören, Bücher lesen, miteinander diskutieren, Meinungen austauschen oder im Freitag lesen und schreiben. 

 

 

 

 

 

 

 

 

mcmac 03.11.2012 | 13:41

Klum und Bohlen spielen nicht Monarchie. Sie spielen Diktatur. Der Totalitarismus feiert im Fernsehen fröhlich Urständ, und eine ganze Generation will unbedingt dabei sein. Mit Zukunftsangst allein dürfte sich das kaum mehr erklären lassen.

Vielleicht lässt es sich u.a. auch mit unterschwelligen Allmachtfantasien der de facto Ohnmächtigen erkären... Die sehr treffend beschriebene Totalitarismus-Spielanordnung hat ja auch etwas von diesen Märchen, in denen die Freier der Prinzessinnen bei Hofe drei Aufgaben erfüllen müssen - und die ratz-fatz kopf - los sind, wenn ihnen dies nicht gelingt. Ganz oder gar nicht. Megastar oder Looser. Leben oder Tod. Sich als Held erweisen und des Königs bester Freund werden, seine Tochter 'erwerben' (und sein Reich vielleicht sogar erben...).

Diese Art von TV-Shows vermitteln ziemlich unverhohlen die passende (sozialdarwinistisch geprägte) Ideologie zum untoten Neoliberlismus. Eine Art Bravo-Starschnitt zum Erfolg in dieser brutalsten, mörderischsten, kommerziellen Ökonomie, die es je gab. Ein Gespenst geht um in Europa (und nicht nur dort) - das Gespenst des Zombie-Kapitalismus. U. a. Dieter Bohlen gibt ihm ein Gesicht.

PapaSchlumpf 03.11.2012 | 15:44
Wir haben zwar die Wahl nicht Fernsehen zu schauen, raus zu gehen, ein Buch zu lesen...doch entkommen können wir nicht. Über die Medien werden wir zwangsbespaßt, man möchte weglaufen so schnell und weit wie es geht. Doch wie weit ist weit genug? Und wenn man glaubt man hat es geschafft, steht man im Ausland vor einem Zeitungsständer und die "4 Buchstaben"-Zeitung lacht: "ich bin schon da"
Sikkimoto 03.11.2012 | 16:01

Mit dem Totalitarismus Vorwurf gehe ich ganz konform, der Blick scheint mir aber zu sehr auf die auf die ausführenden Moderatoren beschränkt. Denn die Castingshow leben ganz vom Publikum. Hinter den Moderatoren, als eigentlich whare Instanz sitzt ein Showpublikum, stellvertretend für den Fernsehzuschauer und schwankt im Minutentakt zwischen schmalzigster Gefühlsduselei und blankem Hohn. Das ganze erinnert an ein attisches Scherbengericht  oder römische Gladiatorenkämpfe. Und der Diktator wird sich dabei, ganz im Sinne von Brot und Spiele, nicht gegen das Volk wenden. Denn die Arena ist das Refugium unbeschränkter Ochlokratie. Hier kann das Volk, das sich sonst gerne entmündigen lässt, ganz Pöbel sein. Mit einer Monarchie hat das nichts zu tun. Ein Monarch legitimiert sich durch höhere Gnaden, grenzt sich vom Volk ab. Hier haben wir die Diktatur des Populisten.
Natürlich kann diese nicht im Sinne des Volkes sein. Im Gegenteil: Durch eine Kultur des massentauglichen Individualismus, in der jeder gleichgeschaltet, aber keiner solidarisch ist, wird jede politische Organisation unmöglich.

Wiesengrund 04.11.2012 | 04:46

Kulturindustrie at it`s best:

Reality-Shows werden zum Nulltarif produziert - Alle Betroffenen auf der Bühne machen sich für ein bisschen Ruhmesillusion selbst zum Hanswurst und auf den Rängen bezahlt man dafür Eintritt oder gibt sich mit einem Kantinenbesuch zufrieden.

Das Publikum vor den TV-Geräten starren auf die gleiche Monotonie, die bei ihnen im Wohnzimmer nicht mehr passiert. Das Gros der Privatfernsehinhalte ist Stellvertretung leblosen Leerlaufs - künstliche Verdopplung prekärer Existenzformen. Es ist zu erwarten, dass das Glotzbedürnis in gewissen TV-Benutzergruppen sich so weit entqualifiziert, dass in Bälde selbst Wiederholungen oder Testbilder genügen.

Nach Superstar, Star Search, Dschungelkönig, Popstars, ESC, Let`s Dance, Topmodel oder Supertalent kennt der Casting-Wahn kein Ende mehr - solange "Einer von uns gewinnt", läuft Konkurrenzpädagogik auf allen Kanälen.

Und wer wird Millionär? Günther Jauch natürlich!

lebowski 04.11.2012 | 13:04

Offensichtlich ist Gäbler jemand, der gerne offene Türen einrennt. Bevor er sich den Katzenbergers dieser Republik gewidmet hat, ging er auf die politischen Talkshows los. Auch so ein wohlfeiles Thema, wo man mit seiner Kritik nur Zustimmung ernten kann. Das alles findet man  bei Walter von Rossum besser geschrieben.

Gäbler ist als Journalist ja auch nur Teil jener Medienmaschine, die er kritisiert, weil sie Leute wie Bohlen hervorbringt. Und so können sich Leute wie Bohlen bequem zurücklegen, die natürlich wissen, dass Leute, die sich DSDS anschauen keine Essays von Bernd Gäbler lesen. Und Gäbler ist mit seiner Medienkritik den gleichen ökonomischen Zwängen unterworfen wie ein Dieter Bohlen. Bloß letzterer macht keinen Hehl daraus, dass es ihm nur ums Geld geht.

Martin Gebauer 05.11.2012 | 08:59

Tom Hanks schockiert über "Wetten, dass..?"

Der Hollywoodstar hat ein vernichtendes Fazit der Show gezogen. In den USA wäre jeder Verantwortliche "am nächsten Tag gefeuert" worden.

Hollywood-Schauspieler Halle Berry und Tom Hanks zeigten sich von der ZDF-Show "Wetten, dass..?", deren Gäste sie waren, verwirrt. Die 46-jährige Berry sagte der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung": "Ich war völlig durcheinander". Die Übersetzung sei nicht die allerbeste gewesen, außerdem habe ihr Kopfhörer nicht richtig im Ohr gesteckt. "Ich habe überhaupt nicht alles verstanden", klagte sie.

Hanks gestand dem Blatt: "Ich war vor ein paar Jahren schon mal in dieser Show, damals mit Leonardo DiCaprio. Ich habe die Show damals nicht verstanden, und ich verstehe sie heute noch weniger." Im rbb-Sender Radio 88,8 lästerte der 56-Jährige, er habe "mit einer Katzenmütze auf dem Kopf" dagestanden und "zugeguckt, wie der Moderator in einem Sack um mich rumhüpft." "Wenn das nicht Hochqualitätsfernsehen ist", fügte er ironisch hinzu. In den USA wäre jeder Verantwortliche einer solchen vierstündigen Fernsehshow "am nächsten Tag gefeuert" worden, zeigte sich Hanks überzeugt.

http://www.morgenpost.de/vermischtes/article110617602/Tom-Hanks-schockiert-ueber-Wetten-dass.html

Martin Gebauer 05.11.2012 | 09:15

Eine infantile Gesellschaft

Comedy-Schwemme und Girlie-Mania, Erlebniswahn und Fernseh-Irrsinn - nicht nur in Deutschland verstärkt sich der Trend zum Kindischen, der Unwille, erwachsen zu werden. Immer mehr Mittdreißiger verlängern ihre Jugend bis hart an den Vorruhestand. Körperkult, Narzißmus und egoistische Selbstverwirklichung bilden ein neues Massenphänomen die "Kindliche Gesellschaft", so der Titel eines gerade erscheinenden Buches des US-Autors Robert Bly. In einem Beitrag für den SPIEGEL diagnostiziert der Hamburger Professor Dietrich Schwanitz die "infantile Nation". 

Die Tynannei des Kindischen  -  Die Wonnen des Klagens

Martin Gebauer 05.11.2012 | 09:28

Männer - die Avantgarde der Infantilisierung

Männer bilden logischerweise die Avantgarde der Infantilisierung, denn sie sind in der biologischen Evolution ohnehin quasi ein Atavismus gegenüber den weiter entwickelten Frauen. Doch die Verdachtsmomente mehren sich auch bei den Damen: Zwar ist der Girlie-Trend, der sogar Vierzigjährige dazu brachte, mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfen ins Büro zu marschieren, wieder abgeebbt. Aber seine Puschel- und Blümchenaccessoires bestimmen weiter das Bild. Die Mode orientiert sich vorrangig an den Pups-Prinzessinnen des Kindergartenpop. Große Ketten wie "Camera" oder "Kookai", bei denen sich bis vor kurzem auch erwachsene Frauen einkleiden konnten, stellen sich jetzt offenbar darauf ein, daß alle ihre Kundinnen aussehen wollen wie Christina Aguilera. ...

Auch überall sonst reagiert die Industrie auf die grassierende Infantilisierung. Ob Fast food, Finger food, Sushi oder Suppi - alle neueren Ernährungstrends versprechen insgeheim die Befreiung vom Terror der Erwachsenen-Eßkultur mit ihren komplizierten Werkzeugen Messer und Gabel, mit ihrem kategorischen Imperativ des "Kau richtig!" und dem Zwangsregime der Tischmanieren. In der Nutella-Reklame wird schon lange nicht mehr so getan, als ob die süße Nußpampe für Kinder wäre. Statt dessen läßt man äußerlich Erwachsene wie Boris Becker oder Anni Friesinger von den Glückskicks schwärmen, die ihnen der braune Stoff verschafft. Sie verkünden, wie fröhlich es macht, ins Breiesser-Stadium der Kindheit zu regredieren, und all diejenigen, die schon seit Jahren Nutella als Bürodroge nutzen, verstecken das Glas nun nicht mehr in der Schublade wie ein Alkoholiker seine Flasche, sondern lassen es selbstbewußt offen herumstehen. ...

Dummerweise hat ausgerechnet die Infantilisierung Deutschlands dazu beigetragen, daß es immer weniger echte Kinder gibt. Gewiß sind gesellschaftliche Kinderfeindlichkeit, das finanzielle Risiko oder persönliche Bequemlichkeit auch Ursachen für den Fortpflanzungsunwillen der Deutschen. Doch die Großstadt-Singles jenseits der Vierzig, die Hauptverdächtigen im Falle des Bevölkerungsknicks, sind meist eher Menschen, die unter dem Einfluß hedonistischer Propagandaverheißungen so lange vor dem Erwachsenwerden geflohen sind, bis sie irgendwann mit Grausen feststellen mußten, daß sie nunmehr alt waren - zumindest körperlich. Kinder hätten in diesen Verblendungszusammenhängen nur gestört. Schlimm genug wäre schon der Realitätsschock durch das Auftreten eines Fürsorge verlangenden Kleinkindes. Aber noch entlarvender spiegelt sich der Erwachsene im Auge des älteren Kindes: Nichts könnte für den Jungbleibenwoller ernüchternder sein als der verächtliche Blick eines echten Teenagers auf die vermeintlich coolen Klamotten von Papa und Mama oder die achtlose Verwerfung einer CD-Sammlung, die gestern noch hip war. ...

Quelle:

 http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/mode-design/lifestyle-die-deutschen-werden-immer-infantiler-1133277.html

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Ehemaliger Nutzer 05.11.2012 | 12:00

Auschwitz war die Konsequenz einer "kommunikativen Strategie".

Wie der "Meidenmüll" eines D. Bohlen schließlich ja auch Konsequenz einer kommunikativen Strategie ist.

Man mag einwenden, dass das heutzutage freiwillig geschieht.

So ganz sicher möchte man sich in einer Society of Masters of the Universe (Adam Smith) darüber allerdings nicht ganz empfinden mögen wollen.

julienne 05.11.2012 | 16:45

Ich kenne dank meiner Kinder sowohl DSDS als auch die "Tribute von Panem", ein Jugendroman der eine Art Gladiatorenkämpfe in der ZUkunft schildert, die staatlicherseits erzwungen werden. Lesenswert; mich hat darin allerdings nicht die Brutalität der Kämpfe erschreckt, sondern die Parallelität zur heutigen Medienwelt. Will sagen: das öffentliche Vorführen und Lächerlichmachen von Menschen, die MAximierung von EMotionen    zum Spass und für den Gewinn (sei er finanziell oder politisch) und die emotionale Kälte und Gleichgültigkeit der Macher.HOffe dass es noch genügend Menschen gibt denen die Gefühllosigkeit auffällt.

Martin Gebauer 05.11.2012 | 19:02

Man sagt Schweigen ist Gold. Das ist wahr, ohne Zweifel, aber nicht nur im Sinne des Sprichwortes. Es ist besonders wertvoll als Instrument der Manipulation der öffentlichen Meinung: Wenn in der Zeitung, in den TV-Nachrichten, und in den Talkshows keine Rede von Krieg ist, existiert er auch nicht in den Köpfen derer, die überzeugt sind, dass es nur jene Sachen gibt, von denen die Medien berichten.

Zum Beispiel, wie viele Menschen wissen, dass die Hauptstadt von Sudan, Khartum, vor einer Woche bombardiert wurde? Der Angriff erfolgte durch Jagd-Bomber, die des Nachts eine Munitionsfabrik beschossen haben. Jene Fabrik, wie Tel Aviv behauptet, welche die Palästinenser in Gaza beliefert. Israel ist das einzige Land, das Flugzeuge besitzt, die fähig sind, 1 900 km entfernte Ziele zu erreichen, den Radars zu entkommen und den Stromausfall für Telekommunikation zu bewirken, und in der Lage sind, Raketen und präzisionsgelenkte Bomben zig Kilometer vor dem Ziel abzuschießen. Im Umkreis von 700 m vom Epizentrum zeigen Satellitenfotos sechs riesige Krater von sehr mächtigen Explosivkörpern, die Todesfälle und Verletzungen verursachten. Die israelische Regierung schweigt offiziell, begnügt sich aber mit der Aussage, dass Sudan "ein gefährlicher, vom Iran unterstützter Terroristen-Staat sei“. Strategische Spezialisten halten jedoch die Matrix des Angriffs für einen möglichen Testangriff der iranischen nuklearen Standorte. Die sudanesische Forderung bei den Vereinten Nationen, den israelischen Angriff zu verurteilen und die Erklärung des arabischen Parlaments, welche Israel einer Verletzung der sudanesischen Souveränität und des Völkerrechts beschuldigt, wurden von den Leitmedien ignoriert.

Die israelische Bombardierung von Khartum ist durch die Nebelwerfer der Medien unsichtbar geworden. Wie das Massaker von Bani Walid, der libyschen Stadt, die von den „Regierungs-Milizen“ von Misurata angegriffen wurde. Beeindruckende Bilder des Massakers an Zivilisten, darunter auch Kinder laufen in Videos und Fotos über das Internet. In einem dramatischen Video Zeugnis aus dem belagerten Krankenhaus in Bani Walid spricht Dr. Meleshe Shandoly über die Symptome der Verwundeten, die für die Auswirkungen von weißem Phosphor und erstickenden Gasen charakteristisch sind. Unmittelbar nachdem man dem Arzt die Kehle durchgeschnitten hatte, hat man dies erfahren. Es gibt jedoch auch andere Zeugenaussagen, wie z. B. die von dem Anwalt Afaf Jusef, wonach viele Menschen ohne von Kugeln oder Explosionen getroffen, gestorben sind.

Intakte Körper, wie mumifiziert, ähnlich denen in Falludscha, der irakischen Stadt unter US-Beschuss mit Projektilen von weißem Phosphor und neuen Uranwaffen im Jahr 2004. Andere Zeugen sprechen von einem Schiffstransport von Waffen und Munition, die kurz vor dem Angriff auf Bani Walid in Misurata ankamen. Andere sprechen noch von Bomben-Luftangriffen, Morden und Vergewaltigungen, von durch Bulldozer zerstörten Häusern. Aber ihre Stimmen wurden auch durch das Medienschweigen erstickt. Ebenso wie die Information, dass die Vereinigten Staaten während des Kampfes gegen Bani Walid den russischen Vorschlag zur Lösung des Konflikts mit friedlichen Mitteln im UN-Sicherheitsrat blockiert haben.

Informationen, die nicht ankommen, und die weniger und weniger in unsere Häuser kommen. Das weltweite INTELSAT Satelliten-Netzwerk, mit Sitz in Washington, schnitt gerade die iranischen Sendungen in Europa ab, und das europäische EUTELSAT Satelliten-Netzwerk tat das gleiche. Zum Zeitpunkt der "globalen Information" sollte man nur auf die Stimme seines Meisters hören.

Manlio Dinucci

 

Martin Gebauer 05.11.2012 | 19:08

Kälte und Degeneration der Gefühle die frei im Raum schwebend und nicht mehr körpergebunden als leiblich sympathisch mitfühlend empfunden, sondern makellos rein objektiv auf das Gebilde Mensch bezogen. Das Körperliche atmet fremdbestimmt.

Der sympathisch leiblich mitfühlende Mensch verschwindet nach und nach und überlässt das Feld seinem designierten Nachfolger und Erben, dem einzig wirklich 'Modernen Menschen, nämlich dem objektiven gefühlskalten Menschen.

Dem menschlich abgestumpften und geistig umnachteten postmodernen Menschen ist das alles egal, weshalb er - gemessen an seinen tatsächlichen Erfahrungs- und Erkenntnismöglichkeiten - mit Fug und Recht als absoluter Idiot der Menschheitsgeschichte bezeichnet werden darf.

Die unvermindert anhaltende Attraktivität jener Lebensform, die sich in den postmodernen Zentren etabliert hat, v.a. auch deren mediale (auch: Selbst-)Präsentation. Angesichts der oft menschlich unerträglichen, tlw. katastrophalen und ausweglos erscheinenden Verhältnisse der postmodernen Peripherie fungiert die Lebensform der postmodernen Zentren tatsächlich i.d.R. als das eindeutig Kleinere Übel, das dem Außenstehenden zudem als geradezu paradiesische Alternative erscheinen mag. Von daher kann der Anstoß zu einer radikalen Umorientierung wohl kaum aus der Umfassungslinie kommen.

Das totalitäre System der Postmoderne erschließt sich letztendlich nur demjenigen, der von diesem System gründlich erfasst und völlig deformiert worden ist - und, das ist entscheidend, diese tiefsitzende totalitäre Deformation, soweit möglich, wieder rückgängig gemacht, d.h. sich aus der totalitären Umklammerung im wesentlichen befreit hat. Im Verlauf dieses, wenn man so will, Selbstheilungsprozesses zeigt sich nämlich, dass die totalitäre Deformation hauptsächlich auf dem Prozess einer mit quasi-religiösem Eifer, ja Fanatismus betriebenen eigenaktiven Selbstdeformation beruht, ein Prozess, der vom Außenstehenden - der nicht schon immer im System feststeckt - nicht wirklich nachvollzogen werden kann.

Genau das macht die unheimliche Perfektion des postmodernen Totalitarismus aus, dass er nämlich den Betroffenen nicht aufgezwungen werden muss, ganz im Gegenteil: Wer in diesem System aufwächst, will dieses System und nichts anderes, und dies um jeden Preis - der totalitär deformierte Mensch in unserer Gesellschaft präsentiert sich als unbelehrbarer Fundamentalist, der sein wunderbares System am Leben erhält und vorwärts treibt, selbst wenn er und Seinesgleichen dabei Zugrundegehen sollten... Der postmoderne Mensch eliminiert sich allmählich selbst, und zwar zugunsten des Neuen Menschen, des Autisten.
(frei interpretiert nach einem Gastvortrag von J.E.M.)

Antonymus 05.11.2012 | 19:15

Gäbe es weniger Klum und Bohlens im TV und stattdessen mehr Arte und ZDF Info, meinen Sie das dies die Welt auch nur um einen Grashalm besser machen würde?

Ich brauche keine Debatte, sondern mehr von diesem Schwachsinn, denn die Hallenbäder sind dank der hohen Einschaltquoten während der Sendezeit erfreulich leer.

Meine Frau schaut den Schmarrn im Übrigen. Mag daran liegen, dass sie promoviert hat und eine Studie betreibt? Nein im Ernst, sie mag Bohlen.

Ach, noch am Rande: ich gehe davon aus, dass die Polittalks unserer Schwiegersöhne und Vorzeigefrauen die Bevölkerung weit mehr verdummen, als 20 ungeschnitte Bohlensendungen zusammen. 

Hfftl 28.11.2012 | 08:36

Was für ein grotesker Vergleich!

In welchem totalitären Staat werden nur diejenigen Staatsbürger, die sich freiwillig dazu melden? Welchen totalitären Staat darf man jederzeit verlassen, ohne um seine Freiheit oder gar sein Leben fürchten zu müssen? In welchem totalitären Staat ist eine knappe, überschaubare Dauer des Regimes von vornherein festgelegt und jedem bekannt? Welches totalitäre Regime sieht sich in ständiger Konkurrenz zu anderen Regimes, zwischen denen die Leute frei wählen können (mit der Option, sich auch für gar keins zu entscheiden)?

Ja, Heidi Klum und Dieter Bohlen spielen ein bisschen Diktatur - wie jeder Firmenchef, jeder Behördenleiter, jeder Amtsrichter, jeder Fußballtrainer, jeder Lehrer, jeder Theaterintendant, jeder Filmproduzent usw.etc. im Rahmen ihrer jeweiligen Möglichkeiten ein bisschen Diktatur spielen. Denn Demokratie funktioniert nicht durch ihre Idealisierung auf allen Ebenen, sondern durch Pluralismus, auch durch formalen, also durch Anerkennung der Tatsache, dass nicht allüberall jede und jede Entscheidung auf demokratischem Wege getroffen werden kann und dass das auch nicht nötig ist, sofern eine Demokratie gleichzeitig ein Rechtsstaat ist.