Katrin Rönicke
04.04.2012 | 12:55 2

Nicht nur passiv

Teilhabe Wenn junge Menschen mitgestalten dürfen, macht sie das stark. Aber nicht alle: Jugendliche aus sozial schwachen Milieus sind schwieriger für Ehrenamtliches zu gewinnen

Die Kinderkommission (KiKo) des deutschen Bundestages lud sich zum Thema „Jugendliche gestalten Freizeit“ zwei Jugendparlamentarier und zwei ExpertInnen zum Thema „Jugendbeteiligung“ ein. Wie sieht es beim Nachwuchs aus mit dem Engagement? Sehr gut – so die Feststellung einer Studie der Bertelsmann-Stiftung: Mehr als 42 Prozent aller Jugendlichen seien in ihrer Freizeit in verschiedensten Vereinen und Projekten aktiv, 35 Prozent dieser Engagierten übernähmen verantwortungsvolle Aufgaben. Auch die beiden anwesenden Jugendparlamentarier berichten von der Erfahrung der Selbstwirksamkeit, die sie machten und die sie sehr stark darin bestärke, diese Aufgabe weiterhin zu verfolgen (die Idee des Jugendparlaments existiert schon seit den späten achtziger Jahren. Es soll Jugendlichen Einflussmöglichkeiten in ihren Gemeinden geben). So sagt Cédric "Ich musste mir viel selbst beibringen, aber es macht Spaß" und Yassim findet es schön, dass seine Ideen anerkannt werden.

Das Konzept der Selbstwirksamkeit ist relativ jung: Entwickelt im Rahmen einer recht umfassenden sozial-kognitiven Theorie von Albert Bandura, hält es langsam auch Einfluss in die Pädagogik. Der wichtigste Bestandteil, um diesen „Spezialfall von Optimismus“ (wie ihn Schwarzer und Jerusalem nennen) erleben zu können, ist die selbst gemachte Erfahrung. Kein Überreden, keine Nachahmung, keine gefühlsmäßige Erregung kann die Erfahrung eines selbst verantworteten Erfolges mindern. Im Grunde ist das, was hier als neues Konzept gefeiert wird, am Ende vielleicht nichts anderes als der oberste Grundsatz der Montessori-Pädagogik: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Der Trick an der Sache ist, dass ein einmal hergestelltes Selbstwirksamkeitsgefühl durch Niederlagen nicht so schnell zerstört werden kann, im Gegenteil: Menschen, die es entwickeln konnten schaffen es, mit Problemen und Fehler konstruktiv umzugehen. Es ist eben ein „Spezialfall von Optimismus“. Das ist toll – für jene, die solche Erfahrungen machen können.


Der Auftrag: Aussieben

Im Bericht von der KiKo existiert nur eine Randnotiz über diejenigen, die nicht aktiv sind. So heißt es: „Es gelinge nur schlecht, sozial benachteiligte Schichten für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen sowie zu binden und es fehle oft an Angeboten“. Außerdem hätten junge Menschen wegen den Belastungen durch Schule, Ausbildung und Studium kaum mehr Freizeit, ergänzt Sigrid Meinhold-Henschel von der Bertelsmann-Stiftung. Das Potential für Engagement wird zwischen den Mühlsteinen ökonomisierter Schulsysteme, deren klarer Auftrag das Aussieben ist, zermahlen. Es geht in der Dynamisierung des Leistungsstresses in der Schule (etwa durch Maßnahmen wie der Verkürzung des Gymnasialweges um ein Jahr, bei Beibehaltung des Umfangs des Schulstoffes), der laut Umfragen kaum mehr ohne Nachhilfe machbar ist, einfach verloren. Engagement muss man sich leisten können.

So wirkt sich die soziale Herkunft auf vielfache Weise darauf aus, wie selbstwirksam sich ein junger Mensch empfindet. Leistungsmessungen in unterschiedlichen Schulformen legen diese These ebenso nahe: Sie beobachten eine vielfach geringere Motivation und recht pessimistische Einstellung der SchülerInnen in den getesteten Hauptschulen. Bildung ist wie ein Netz, durch dessen Löcher in erster Linie auf allen Ebenen jene fallen, deren soziale Herkunft nicht dem Bilderbuch-Zuhause mit meterlangen Bücherregalen entspricht und deren Bildungsweg nicht in einem reformpädagogischen Privatkindergarten beginnt. Es gibt daher eine Fülle an ehrenamtlich organisierten Projekten, die sich auf die Fahne geschrieben haben, Selbstwirksamkeit für alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft zu ermöglichen.


Meist nur GymnasiastInnen

Am besten funktionieren die, wenn sie sich nicht an eine bestimmte soziale Gruppe, sondern an alle jungen Menschen richten. In Berlin-Friedrichshain zum Beispiel organisiert der Spielwagen 1035 e.V. auf verschiedenen öffentlichen Plätzen an jedem Wochentag eine Erlebnis-Welt, die durch das eigene Tun der Kinder aller Alter erst richtig erblüht. Eine andere wichtige Quelle für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit sind Abenteuer- und Erlebnisspielplätze oder Zirkus-Schulen, wie der Bauspielplatz „Kuhfuß“ oder der „Zirkus Cabuwazi“, die jüngst von der Schließung mangels öffentlicher Finanzierung betroffen sind, wie Maike von Wegen berichtet.

Es gibt also Angebote, die dem viel gelobten Engagement unter Jugendlichen eine wichtige sozialsensible Anschub-Dynamik geben können – doch sie werden von staatlicher Seite stiefelterlich behandelt: Das zeigt auch die Auswahl der beiden Jugendlichen, die zu der Sitzung der KiKo im Bundestag als Sachverständige eingeladen waren. Nichts gegen das Jugendparlament – es ist eine klasse Idee zur Einbindung Jugendlicher in kommunale Politik. Aber es besteht zu einem Großteil aus GymnasiastInnen.

Kommentare (2)

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Ehemaliger Nutzer 08.04.2012 | 22:44

Hallo Katrin,

„Es gelinge nur schlecht, sozial benachteiligte Schichten für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen sowie zu binden und es fehle oft an Angeboten“.

Eine solche Feststellung würde ich nicht unterschreiben. Es wurde und wird in vielen Städten und Kommunen einiges an Projekten versucht, um diese Gruppierungen zu erreichen und zu aktivieren.

Das ist oftmals schon im Ansatz gescheitert, weil diese Angebote zwar gut gemeint und inhaltlich manchmal auch ganz interessant für die Zielgruppen, aber dennoch mäßig bis kaum genutzt wurden. Deshalb wurden diese Programme zurückgefahren bis auf die Alibi-Ebene "wir tun doch was" - aber "die wollen einfach nicht"...

Vielleicht sollte man sich einfach mal mit der Lebenswirklichkeit dieser sich abgehängt sehenden Jugend befassen und deren Alltag im Quartier mal ins Auge fassen.
Was machen die sozial benachteiligten jungen Leute den ganzen Tag?
Die Mehrheit hängt - je nach Wetterlage - nach der Schule vor der Glotze, PC, Konsole u.a. ab und rafft sich gegen Abend zum Streunen durchs Viertel auf, viele schlagen die Zeit auf irgendeine Weise tot, holen sich Bier o.a. vom Discounter oder suchen zur Abwechslung Streit oder schnelles Geld.
So gehen die Tage dahin und die Traumwelten von fetten Einkommen und Bigdeals, von Pop,Sport - oder Pornostar bleiben und werden von den einschlägigen TV-Sendern genährt.

Diese Jugend dämmert wie betäubt dahin und rastet punktuell mal aus, wenn die tägliche Dröhnung nachlässt...

Ich mein´ es ist eben leichter sich im Status des/der sozial Benachteiligten einzurichten, als sich aus dem Milieu heraus zu arbeiten.

Hinzu kommt, daß nicht nur diese Anstrengung abschreckt, sondern auch die Folgen der chronischen Unterforderung in diesen Umgebungen unterschätzt werden:
während die Mittelschichtskinder vom burnout bedroht sind, leiden die Unterschichtskids massenweise am sog. bore-out-Syndrom.

Das ist ähnlich den Phänomen die sich bei Langzeitarbeitslosen einstellen - Antriebs - und Initiativlosigkeit.
Ein soziokulturelles Angebot für Jugendliche wird von den sog. sozial benachteiligten Gruppierungen schon deshalb nicht genutzt, weil sich aus deren Sicht der Aufwand nicht lohnt. Es geht vielen doch nur darum, daß sie für die nächsten Tage das nötige Kleingeld zusammen bekommen, um in der Szenerie noch mithalten zu können.

Über ehrenamtliches Engagement können diese Jugendlichen nur lachen. Die wollen mit kleinem Aufwand ein bißchen Geld machen und so weiterleben wie gewohnt. Sie glauben eh nicht, daß in der Mittelstandsgesellschaft Platz für sie ist und bleiben lieber in der Deckung ihrer Straßenzüge.

Übersehen wird: die Sozialghettos erscheinen elend und dumpf. Aber genau dieses Leben auf Sparflamme und engstem Raum bietet etwas, das unsere Gesellschaft diesen Jugendlichen sonst nirgendwo bietet: Sicherheit, Schutz, Respekt und vor allem Identität.

Man muß an diesen Strukturen und Lebensbedingungen etwas ändern, d.h. reale Perspektiven für diese Jugendlichen schaffen, denn die wenigsten schaffen es da raus zu kommen - viele wollen auch gar nicht.

Wer das nicht versteht, hat auch nicht verstanden, daß angebotsorientierte soziale Arbeit bei benachteiligten Jugendlichen so aussichtslos ist wie deren Optionen am Arbeitsmarkt. Aufsuchende und subjektorientierte Jugendarbeit ist da wesentlich wirkungsvoller - verpufft aber, wenn keine realisierbare gesellschaftliche Teilhabe in Aussicht steht.

Sozialpädagogische Konzepte müssen scheitern, wenn sie nicht mit sozialpolitischem Veränderungswillen verschränkt sind.

Siehe Jugendbewegungen in den 70ern und deren Abebben in den entpolitisierten 90ern.

Grüße vom
Ideefix