Katrin Rönicke
12.12.2012 | 18:13 1

Und das soll komisch sein?

Genderkolumne Trigger – Auslöser von (negativen) Reizen: In ihrem Video hilft Laura Lejeune beim Umgang damit. Und findet wie unsere Kolumnistin: Lachen ist eine gute Medizin

Und das soll komisch sein?

Es ist ein Spiel mit Stereotypen, das hier getrieben wird. In diesem Lied von Laura Lejeune wird überspitzt, es ist Satire und es wird ins Groteske gezogen

Screenshot: YouTube.com

Laura Lejeune ist eine tolle junge Frau. Sie macht seit einiger Zeit anderen Mut, die wie sie, an verschiedenen Problemen zu knabbern haben. Bei Laura sind das Selbstverletzung, Depression, Ängste und Essstörungen. Einiges davon hat sie wohl mehr oder weniger im Griff (so klingt es zumindest in ihren Videos auf Youtube), andere Dinge machen ihr zu schaffen. So macht sie zur Zeit eine Youtube-Pause, vermutlich, um ihr momentanes Tief ein wenig besser in den Griff zu bekommen. Denn das Internet kann sehr verletzend sein. Abstand ist deswegen manchmal der einzige Weg, sich zu beruhigen, sich zu entspannen - aus einem Teufelskreis wieder herauszufinden.

Bevor sie diese Pause eingelegt hat, nahm sie Anfang November ein Video zum Umgang mit Triggern auf, das Tipps dazu gab, wie man sich zu Triggern – Reizauslösern – verhalten könnte, die unerwartet (und unerwünscht!) einer vorbelasteten Person (z.B. im Internet) begegnen können:

Letztendlich bleibt nur ein Umgang: Beende die Situation; verlasse die Situation. Geh aus dem Raum. Beruhige dich.

Was ein Trigger ist (und was nicht) kann niemand für andere entscheiden. Es gibt einige klare Linien, die einfach zu einem Übereinkommen führen können: Themen und Geschichten, die mit Missbrauch, Gewalt, aber auch mit Selbstverletzung zu tun haben, können triggern. Je nach der Vorerfahrung eines Menschen, kann aber auch etwas völlig anderes den Trigger auslösen: Ein Lied von Shakira, ein bestimmter Geruch oder ein Bild, auf dem etwas für die meisten Menschen komplett Untriggerndes zu sehen ist - das aber einen bestimmten Menschen an einen Ort oder eine Situation der Gewalterfahrung erinnern kann.

Wo hört der Spaß auf?

Laura Lejeune spielt in ihrem Video ein Lied ab, das von einem Emo handelt, der bei Starbuck's arbeitet, sich selbst verletzt und auf ein Panini blutet. Ist Laura, als Mensch mit Selbstverletzungs-Vergangenheit (oder auch -Gegenwart) komplett gefühllos oder leidet sie unter kognitiver Dissonanz, wenn sie über so ein Lied lachen kann? Das Bild eines Menschen, der sich selbst verletzt, kann in anderen das Verlangen auslösen, sich selbst zu verletzen. Und so ein Bild kann durch ein Foto, ein Video, aber eben auch durch ein Lied oder eine Geschichte erzeugt werden. So weit, so richtig.

Ist das Lied also zu verurteilen, weil es stereotype Bilder von Emos zeichnet, Emos als generell selbstverletzend abstempelt und sich dann auch noch darüber lustig macht, dass jemand sich selbst verletzt? Hört hier der Spaß auf? Nein. Im Gegenteil: Manchmal ist Humor der letzte und einzige bleibende Umgang mit all den Dingen, die weh tun. Auf die wir keine Antwort haben. Galgenhumor, schwarzer Humor, britischer Humor ... Für viele Menschen ist das manchmal alles, was bleibt.

So sieht es auch Cornel West – einer der kritischsten Philosophen der US-amerikanischen Gegenwart neben Judith Butler. Wests Themen sind die grassierende Armut in den USA, der systematische Rassismus und die wirtschafts-kriminellen Verflechtungen der US-amerikanischen Politik. Das sind alles andere als witzige Themen. Doch West ist nicht deswegen so weit gekommen, weil ihn sein Kampf für mehr Gerechtigkeit verbittert hat – denn die Verbitterten igeln sich ein, schotten sich ab und schlimmstenfalls gleiten sie in einen Teufelskreis ab, in dem sie nur noch das Schlechte um sich herum wahrnehmen.

Die Macht des Komischen

West aber sagte in einem Interview mit dem Philosophie Magazin, dass es ohne Humor einfach nicht ginge. Dass Humor eine heilende Wirkung hat und manchmal der einzige Halt ist, in einer Welt, in der die Arschlöcher zu regieren scheinen. Und auch Thomas Frickel, der verschiedene Dokumentarfilme  gemacht hat (über Esoteriker, Nazis und andere Faschisten sowie Geheimagenten…) nutzt die Macht des Komischen und sagt: „Man muss seine Faschisten lächerlich machen“.

Das heißt natürlich absolut nicht, dass alles erlaubt ist, was mit dem Label "Humor" versehen wird. Zudem: Ist ein Emo etwa wie ein Faschist? Warum immer draufhauen, wenn es den Emos doch eh schon so schlecht geht? Diese Frage mag und kann ich nicht beantworten. Ich merke nur, dass ich auch lachen muss, wenn ich das Lied höre. Mögen andere darüber urteilen, ob es mich zu einem schlechten Menschen macht.

Es ist ein Spiel mit Stereotypen, das hier getrieben wird. In diesem Lied von Laura Lejeune wird überspitzt, es ist Satire und es wird ins Groteske gezogen. Ob die Emos, die das hören, nun über sich selbst lachen können, weil man ihnen dieses Lied vorspielt – ich weiß es nicht. Aber über sich selbst auch mal lachen zu können ist keine schlechte Eigenschaft und keine schlechte Idee. Es liegt in unserer Natur als Menschen, dass wir alle manchmal herrlich grotesk, wirr, irre und komisch sind. Das abzustreiten wäre absurd. Es einzugestehen und darüber zu lachen – darin liegt sehr oft die wahre Brücke zwischen Unzulänglichkeit und Stärke. Im nächsten Schritt hilft uns das letztendlich auch, über die anderen leichter lachen zu können – anstelle dass wir uns maßlos über sie aufregen. Menschen sind lustig – genauso wie sie grausam sind.

Wenn wir diese beiden Gedankenstränge zusammenführen finden wir einen ganz guten Weg, mit schwierigen Situationen, Bildern und Geschichten umzugehen – ob im real life, oder online. Erstens raus aus der Situation oder Computer ausmachen und runterkühlen. Zweitens lachen. Einfach mal lachen. Geeignete Hilfsmittel hierfür sind Filme von Monty Python, Loriot oder die Sketche von Sarah Haskins. Dazu ein Gläschen Rotwein. Prost.

Kommentare (1)

Lethe 13.12.2012 | 15:54

So recht eigentlich hat das zugrunde liegende Thema wohl nichts mit Emos zu tun; autoaggressives Verhalten ist nicht begrenzt oder begrenzbar auf bestimmte Personengruppen.

Letztlich wird jedes Mensch, das zu autoaggressivem Verhalten neigt und dieses Verhalten überwinden will, auf die eigenen innere Situation angepasste Methoden entwickeln müssen, um mit den zugrundeliegenden Traumen fertig zu werden - bei weitem nicht alles wirkt bei allen. Insofern wohnt dem hier besprochene Beispiel durchaus etwas Mutmachendes inne. Andererseits taugt es für viele Menschen nicht, weil die ursächlichen Traumen so tief liegen und so weitreichend sind, dass diese Art von Humor bei weitem zu kurz greift, selbst nur als schneller Stimmungsaufheller zwischendurch gedacht, geschweige denn als ernsthaftes Therapieelement.

Der jungen Frau bleibt nur zu wünschen, dass die "Methode Humor" für ihre Situation weit genug trägt.