Katrin Rönicke
11.07.2012 | 14:30 8

Unter Verdacht

Genderkolumne Privat vertrauen viele Frauen ihren Männern – in der Gesellschaft gilt das Männliche noch immer als Bedrohung. Dabei sollten wir versuchen, das "Andere" zu verstehen

Manchmal beobachte ich einfach die Welt um mich herum. Sie hat sich in viele unterschiedliche Pole aufgeladen. Wir haben reiche Menschen, arme Menschen, gut gebildete und solche, die wir in den Medien als „bildungsfern“ bezeichnen. Wir haben Menschen, die hier geboren wurden, Menschen, die hier her kamen, Menschen die weiß sind, schwarze, Menschen, die asiatisch aussehen.

Doch eine Kategorie, die all die Pole noch ein letztes Mal, dafür aber auch am gründlichsten dividiert ist: das Geschlecht. Meist schon auf den ersten Blick unterscheiden wir in Männer und Frauen. Was dazwischen liegt, das beginnen wir gerade jetzt erst zu benennen und sichtbar zu machen. Intersexuelle, Transmenschen, queere Menschen. Wir erkennen so jeden Tag aufs Neue und ziemlich schnell, dass um uns herum viele anders sind. Und seien wir ehrlich: Wir haben auch den Überblick verloren. Wir interessieren uns oft für „das Andere“ nicht und wir verstehen es auch nicht.

Je homogener hingegen eine Gruppe ist, desto besser verstehen wir die anderen. Und werden selbst verstanden. Diese größeren Chancen, zu verstehen und verstanden zu werden, geben uns ein Gefühl der Sicherheit, der Geborgenheit. Wir können uns eher fallen lassen, können einfach besser die sein, die wir sind. Auch und vor allem entlang unseres Geschlechts. Es gibt Frauenräume und Männergruppen, es gibt in Toronto eigene Bathhouses für Frauen und Transmenschen; Queere und Intersexuelle Menschen haben sich Räume geschaffen, wo sie unter sich sind, wo sie verstanden werden, auch im Netz. Dabei wollen wir, ich unterstelle das zumindest, eine Gesellschaft, in der das biologische Geschlecht keine Auswirkungen mehr auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten, unser ökonomisches Fortkommen und unsere soziale Teilhabe mehr hat.

Zum Mann erst gemacht

Dass wir auf dem Weg zur Vision getrennte Räume schaffen, ist dabei kein Widerspruch. Die Realität ist nämlich eine knallhart andere. Nach wie vor haben Frauen signifikant weniger Einfluss in der Politik; signifikant weniger Teil am Vermögen der Welt, signifikant höhere Verantwortung für die sozialen Aufgaben der Gesellschaft. Lesben, Schwule, Transmenschen und Intersexuelle stehen viel zu oft noch am Rand der Gesellschaft, werden einfach nicht mitgedacht. Gelten immer noch nicht als „normal“. 

Eine Frau stellt tagtäglich fest: Männer sind anders. Das ist aber keine Gegebenheit qua Biologie. Nein. Das „Anderssein“ der Männer ist gemacht – so wie es Simone de Beauvoir einmal über die Frauen schrieb, werden sie nicht als solche geboren. Es ist mein Sohn, der mir diese Tatsache immer wieder vor Augen führt. Er ist zwar ein Junge, aber ich verstehe ihn, sehe ihn, empfinde ihn überhaupt nicht als so signifikant anders, als ich selbst es mit fünf Jahren war.

Mehr und mehr Frauen meiner Generation finden dieses gegenseitige Verständnis auch in Männern. Doch es bleibt immer so ein kleines Quäntchen Unsicherheit und Misstrauen. Denn die Dinge liegen, wie sie liegen und ich erspare es mir, alle Statistik zum Stand der Emanzipation 2012 herauszuholen. Der Gleichstellungsbericht, der 2011 von der Bundesregierung herausgegeben wurde, hält bis ins Detail fest, wie lang der Weg noch ist, der vor uns liegt. Wenngleich wir also im Privaten vielleicht Männer gefunden haben, denen wir zutrauen, gemeinsam mit uns diese Emanzipation zu machen – gesamtgesellschaftlich sehen wir nach wie vor die „verbale Aufgeschlossenheit bei weitgehender Verhaltensstarre“, wie sie Ulrich Beck schon vor über 20 Jahren deutschen Vätern bescheinigte.

Vertrauen? Wozu?

Männern als der Hälfte der Gesellschaft zu vertrauen, fällt angesichts der Lage gerade vielen bewegten Frauen irre schwer. Feministinnen haben einen Begriff für ihr Misstrauen geprägt: Das Patriarchat. Eine Herrschafts-Diagnose. Unterdrückung von Frauen und auch Gewalt – das seien die allgegenwärtigen Symptome. Sexuelle Gewalt und auch häusliche Gewalt gehen zu einem großen Teil von Männern aus. Ein weiterer Begriff: „Rape Culture“, der aussagt, unsere Gesellschaft sei tendenziell dabei, Vergewaltigungen als Problem zu verharmlosen, oder gar den Opfern die Schuld zuzuschreiben. Drittens: Hegemoniale Männlichkeit – sie ist für Frauen eine permanente potenzielle Bedrohung.

Wer einmal die Geschlechterbrille aufgesetzt hat und mit offenen Augen die Welt betrachtet - ein bisschen wie im Film Matrix: Wer einmal die rote Pille geschluckt hat - kann die Welt nicht mehr mit anderen Augen sehen. Wie soll man da „einfach vertrauen“?? Das ist häufig schlichtweg nicht möglich. Vorauseilender Ungehorsam – damit fahren viele Frauen gefühlt sicherer. Das Problem ist: Die eben genannten Begriffe haben mit Sicherheit ihre Legitimation, sie beschreiben reale Probleme. Aber sie beinhalten einen Generalverdacht gegen Männer.

Warum vertrauen? Wozu? Weil wir nur, wenn wir wenigstens ein bisschen vertrauen, auch die Verantwortung aus der Hand geben können. Natürlich müssen die Parameter dafür stimmen. Wir können nur denjenigen Menschen vertrauen, die auch Verantwortung übernehmen. Auf der Mikroebene bedeutet das, dass wir die stereotype Rollenaufteilung qua Geschlecht absichtlich thematisieren und gemeinsam anders handeln müssen.

Dazu müssen wir es schaffen, uns davon zu lösen, einander weiterhin als „die anderen“ zu sehen. Wir müssen beginnen, einander zu vertrauen. Nur wenn auch Männer anfangen, die Verantwortung für die Entwicklung der Geschlechterdemokratie zu übernehmen, wird sie wirklich gelingen. JedeR muss sie selbst leben. Wir Frauen können es den Männern nicht abnehmen, es selbst zu tun. Und wir müssen sie es selbst tun lassen. Das Gemeine daran: Sie müssen es auf ihre Weise tun. Und wir müssen irgendwoher das Vertrauen nehmen, dass ihre Weise auch okay ist. Dass es irgendwo einen gemeinsamen Weg gibt. Dass wir am Ende an einem Strang ziehen.

Das Problem ist deutlich: Je „mächtiger“ eine Gruppe ist oder wird, desto schwerer ist es, ihr zu vertrauen. Weil es so schwer ist, in einer durch und durch gegenderten Gesellschaft noch Vertrauen zu haben, ist es ratsam, klein anzufangen: Legt die Verantwortung auf den Tisch. Da, lieber Mann, liebe Frau, da liegt sie. Nimm sie, ich lass sie dir auch. Ich hol sie mir nicht mehr zurück. Denn ich weiß: Du wirst jetzt mitmachen und wir teilen uns diese Welt jetzt friedlicher, auf Augenhöhe, respektvoll. Dass alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht, diese Verantwortung tragen, das ist die Mindestvoraussetzung, das muss default sein. Das impliziert natürlich auch, dass wir all jene, die sie nicht wahrnehmen, zur Rechenschaft ziehen.

Offen und wachsam

Persönlich fahre ich seit langem in allen möglichen Bereichen diese „Politik“: Größtmögliche Offenheit gegenüber anderen, trotzdem wachsam bleibend.

Momentan liegt die Verantwortung für die Emanzipation vor allem bei den Frauen – und daran sind nicht nur die Männer schuld. Wir Frauen wollen gerne die Kontrolle darüber haben, dass es auch wirklich „richtig“ läuft. Mit dem Argument, dass Männer privilegiert sind, grenzen wir sie tendenziell davon aus, aktiv mitzugestalten, wie die Sache laufen könnte. Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der man Frauen und Männer nicht nur biologisch, sondern auch an ihrem Handeln unterscheiden kann. Sie alle tun ihr Geschlecht. Permanent. Sie unterscheiden sich in diesem tun massiv. Das Paradoxe ist, dass wir diese Differenz erst thematisieren, dann auch „aushalten“ können müssen, um in der Inklusion des „Anders-Tuns“ in die Reihe legitimer Handlungen einander mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen zu können.

Dies ist ein Drahtseilakt, angesichts der Tatsache, dass diese Gesellschaft entlang von Geschlechtergrenzen hierarchisiert ist.

Kommentare (8)

Meyko 11.07.2012 | 14:45

"Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der man Frauen und Männer nicht nur biologisch, sondern auch an ihrem Handeln unterscheiden kann. Sie alle tun ihr Geschlecht. Permanent. Sie unterscheiden sich in diesem tun massiv."

Hier die unterschiedliche Teilhabe der Geschlechter in einigen Bereichen der Gesellschaft grafisch dargestellt:

http://meykosoft.jimdo.com/anderes/

ed2murrow 11.07.2012 | 15:46

Liebe Frau Rönicke,

"dass diese Gesellschaft entlang von Geschlechtergrenzen hierarchisiert ist" ist nicht die einzige Bedingung dafür, dass Vertrauen nicht bestehen kann. Sondern erst Recht dort, wo die Erziehung zu Misstrauen entgegen eines Urvertrauens oder auch nur der Neutralität zum Prinzip erkoren ist. Mir ist klar, dass ich damit die stets ungelöste Frage nach "Was war zuerst da: Huhn oder Ei" stelle. Ich werde allerdings auch keine Antwort darin finden, dass ich beide als im deutschen Sprachgebrauch sächlich eingeordnet betrachte ;)

Gerne gelesen, e2m

Lethe 12.07.2012 | 11:58

Der Kampf der Interpretationen gelangt nie an ein Ende. Im Falle Ihrer Thematik, Frau Rönicke, beginnt er bei den Zielvereinbarungen. Manche Menschen haben ähnliche Ziele, kaum zwei Menschen haben identische Ziele. Ein Mann kann noch so willens sein, einer Frau jeden Spielraum zu lassen, den diese benötigt, er braucht dennoch nicht die Ziele dieser Frau zu teilen. Natürlich können Sie argumentieren, dass diese Frage im Rahmen von Ehen oder Partner-Beziehungen geklärt sein sollten. Sind sie aber oft genug nicht. Es beginnt das Taktieren um die "best practice" oder auch um überhaupt nur irgendeine practice, und dabei bleiben die theoretischen Ansprüche an Lebenswirklichkeit und Lebensqualität innerhalb der Partnerschaft oft genug auf der Strecke - übrigens nicht nur für Frauen, auch für viele Männer.

Es lässt sich auch trefflich drüber streiten, ob Emanzipation eher nach individuellen oder eher nach sozialen Lösungen verlangt. Ich kenne sehr viele Frauen, die ich als "wirklich emanzipiert" einstufe. Die meisten dieser Frauen interessieren sich gar nicht für soziale Lösungen des Emanzipationsproblems, weil ihre eigene Emanzipation eine Selbstverständlichkeit ist, ganz analog wie bei einem Mann abgerungen der sozialen Wirklichkeit unserer Gesellschaft - vergessen Sie bitte nicht, dass auch Männer sich emanzipieren müssen, Macht ist immer nur Privileg einiger weniger.

s0cialliberalism 12.07.2012 | 19:32

a)

"dass diese Gesellschaft entlang von Geschlechtergrenzen hierarchisiert ist" => Eine Hierarchie deutet ein Machtverhältnis an. Das unterstellte scheint mir zu sein, dass Männer herrschen. Willkommen in den 60ern! Heute sieht die Realität ein wenig anders aus...

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b)"Dabei wollen wir, ich unterstelle das zumindest, eine Gesellschaft, in der das biologische Geschlecht keine Auswirkungen mehr auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten, unser ökonomisches Fortkommen und unsere soziale Teilhabe mehr hat." => HIER STIMME ICH ZU. Aber auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten hat das Geschlecht keinerlei Auswirkungen in der BRD. Die Wahlmöglichkeiten sind für Männer wie Frauen gleich (und gleichermaßen gleich 0, da unsere "Repräsentanten ja fast durchweg Industrie-Gekaufte sind). Das ökonomische Fortkommen ist möglicherweise etwas eingeschränkt für Frauen, aber dafür sieht es am unteren Ende besser für sie aus, da sie auf unteren Ebenen im Zweifel aufgrund ihres Geschlechts bevorzugt werden (siehe Grafik die oben jemand verlinkt hat.. die hübsche Bürokauffrau wird nicht so schnell gefeuert wie der Bürokaufmann). Die soziale Teilhabe indessen, hier haben Frauen eindeutig einen Vorteil. Ich versuche seit einem halben Jahr eine Wohnung in einer Studentenstadt am Neckar anzumieten. JEDES Mal bevorzugen die Vermieter Frauen (dabei bin ich kein Sozialfall, sondern studiert & gut-verdienend!). Neulich stellte ich mich in einer "gemanagten WG" vor (wo vom Vermieter/dem Agenten die WG-Teilnehmer ausgewählt werden). Als ich sagte, ich würde sie nehmen, hieß es "es geht frühstens in drei Monaten, weil eine WG-Bewohnerin noch so lange dort wohnen wolle. Man habe ihr versprochen, dass solange sie da ist kein Mann einzieht". Ich fragte nach "Ähm, also es geht auch in zwei Monaten nicht?" (weil ich möglichst bald einziehen wollte). Man sagte mir "Nein, nein, ich habe der momentanen Bewohnerin versprochen, dass kein Mann einzieht solange sie dort wohnt! Sie werden das sicher verstehen, als Frau hat man da auch Angst."

!??!?!? Also das war jawohl der Generelverdacht für Männer hoch 10! Sowas habe ich noch nie in meinem Leben erlebt. Ich habe bereits 2-3x mit Frauen in einer Wohnung gewohnt und fand diesen Generalverdacht geradezu beschämend und hatte das Gefühl, man unterstellt mir indirekt ich wäre ein Vergewaltiger oder dergleichen. Ich fand das ganz ehrlich eine Frechheit. Die Darstellung von Männern in den Medien, als gefühllose, dumpfe Triebtäter geht meiner Meinung nach gar nicht. Das ist als wären alle Araber Terroristen.____________________________________

c)

"Dabei wollen wir, ich unterstelle das zumindest, eine Gesellschaft, in der das biologische Geschlecht keine Auswirkungen mehr auf unsere politischen Einflussmöglichkeiten, unser ökonomisches Fortkommen und unsere soziale Teilhabe mehr hat." => nochmal das hier! ICH STIMME DEM ZU!

Der wichtige Part ist aber ERSTENS EinflussMÖGLICHKEITEN. Wer die nicht nutzt, ist selbst Schuld. Wer in einer Demokratie nicht wählt, dem kann ich nicht helfen.ZWEITENS: Auch wenn jeder die gleichen Chancen hat, sollte man die Unterschiede zwischen den Geschlechtern nicht zurecht-gendern wie das allzugern gemacht wird. Männer haben 10x soviel Testosteron wie Frauen (ungefähr) und verhalten sich daher anders. So zu tun, als wäre das nicht der Fall, ist Wahnsinn. Männer und Frauen sind unterschiedlich und jeder sollte die Unterschiede kennen, respektieren und LIEBEN! Nur wer sich kennt, respektiert sich, nur mit Respekt ist Liebe möglich! In diesem Sinne, viel Erfolg den Frauen mit dem Pay-Gap und viel Erfolg den Männern bei dem Versuch, in der Schule (hier werden z.B. Frauen bevorzugt) und an anderen Orten auch gleiche Chancen zu erreichen.

Maxi Scharfenberg 14.07.2012 | 09:07

Vielleicht machen Sie sich uns und sich selbst etwas vor, wenn Sie die Geschlechterthematik für so ausserordentlich relevant, für was auch immer, halten. ich bin sehr auch für " Wachsamkeit", orientiere mich dabei aber nicht auf den Unterleib meiner Mitmenschen, sondern darauf, ob sie nach meiner Erfahrung fleißig oder faul, dumm oder schlau, offen oder hinterhältig sind. Sie vergessen völlig, dass es Menschen wie mich gibt, für die Sexualität völlig nebensächlch bis bedeutungslos ist. Hat der sexuelle Eifer, dabei dafür oder dagegen zu sein, ein Eigenleben entfaltet, denken sich manche Menschen mehr hinein, als es das tierische Verklangen hergibt. Ein Besuch im Zoo verhilft durchaus zu Einsichten, wenn am richtigen Käfig beobachtet wird. Dann nehmen Sie den " Sexquatsch" auch nicht mehr so wichtig. Selten habe ich so etwas tendenziell " Sexistisches" gelesen wie in Ihrem Beitrag. " Vertrauen" wird da zum Fremdwort.

pw6 17.07.2012 | 23:38

Etwas tendenziell "Sexistisches" aus dem Beitrag zu herauszulesen - wie der vorstehende Kommentar - ist sehr naheliegend, wenn man Sexismus wie üblich definiert als stereotype Zuschreibung negativer Charaktermerkmale zu einem Geschlecht. Wobei die Autorin die Charakterdefizite "der Männer" nicht näher präzisiert, es reicht ihr vage Verweise auf Das Patriarchat oder die Hegemoniale Männlichkeit, um ein generelles, nachhaltiges Mißtrauen dem Manne als solchem gegenüber zu rechtfertigen. Die Charakterdefizite des Mannes kennt man einfach auch so. Die Griechen hinterziehen alle Steuern, die Asylanten sind alle kriminelle Schmarotzer, und die Männer sind bekanntlich gefährlich, übergriffig, verschlagen, machtbesessen usw.

Nun wissen wir ja erst seit kurzem durch die Forschungen von Christoph Kucklick, daß die Dämonisierung der Männer eine rund 200 Jahr alte Tradition hat und bisher zu unrecht als böswillige Erfindung des Feminismus angesehen wurde. Wenn diese spezielle Form von Sexismus derartig alte - sozusagen GEMA-freie - Folklore ist, kann man der Autorin wiederum keinen Vorwurf machen, auf den guten alten Stereotypen herumzureiten.

Womit wir bei der Frage wären, wozu der Artikel dienen soll und wem er welche Neuigkeit mitteilen will. Bei mir kommt das so an, als ob sich die Autorin vor allem an ihre feministischen Kolleginnen wendet und zur Diskussion stellt, ob "die Frauen" nicht doch freiwillig etwas von ihrer Macht abgeben sollten, die sie heute haben. Feministische Standpunkte sind heute Gesetz, dank Quoten oder Reißverschlußregeln sind Frauen in den Parteiämtern massiv überrepräsentiert und können diese Gesetze weiter ausbauen, es gibt seit langem ein Heer von Frauenbeauftragten, koordinierenden Stabsstellen in Ministerien, eine unübersehbaren Menge von Förderprogrammen usw.usw., man sich daran gewöhnt.

"Je mächtiger eine Gruppe ist oder wird, desto schwerer ist es, ihr zu vertrauen. Weil es so schwer ist, in einer durch und durch gegenderten Gesellschaft noch Vertrauen zu haben, ..."

Stimmt! Besser hätte man die Stimmung vieler Männer, die den Eindruck haben, Bürger zweiter Klasse und Opfer des Feminismus zu sein, kaum ausdrücken können. Sätze wie die folgenden

"Momentan liegt die Verantwortung für die Emanzipation vor allem bei den Frauen - ... Wir Frauen wollen gerne die Kontrolle darüber haben, dass es auch wirklich "richtig" läuft."

verstärken diesen Eindruck. Vielen erscheint letzteres sogar als die typische Arroganz der Macht. Oder auch das: "... um in der Inklusion des "Anders-Tuns" [von Männern] in die Reihe legitimer Handlungen einander mehr und mehr auf Augenhöhe begegnen zu können." - vulgo, die feministische Ideologie bestimmt den Rahmen, in den sich männliches "Anders-Tun" einfügen (inkludieren) darf.

Aus dieser Machtposition heraus "den Männern" die "Verantwortung auf den Tisch [zu legen]. Da, lieber Mann, liebe Frau, da liegt sie. Nimm sie, ich lass sie dir auch" wird die Männer im ersten Moment sicherlich erfreuen - der Mensch strebt bekanntlich nach Selbstbestimmung. Allerdings holt einen der Alltag schnell ein, und sobald man wieder die üblichen Berichte schreiben muß, was man alles zur Förderung von Frauen unternommen hat, und nach Entschuldigungen sucht, warum die Frauenquote immer noch nicht den Vorgaben entspricht, dominiert doch wieder der alte Frust. Die normative Kraft des Faktischen ist stärker bewußtseinsbildend als einzelne Sonntagsreden.

Der Glaube der Autorin erscheint mir weltfremd, man könne "die Männer" durch Gewähren von Mitspracherechten dazu bewegen, "Verantwortung [bei der Realisierung feministischer Ideale zu] tragen," natürlich mit den Zusatz, daß "wir all jene, die sie nicht wahrnehmen, zur Rechenschaft ziehen".

Der größte Fehler in dem Artikel ist allerdings die Annahme, es gäbe so etwas wie "die Männer", die man versuchsweise mal machen läßt und sie dann als Kollektiv zur Rechenschaft zieht. Manche Männer sind kriminell, manche grundehrlich, manche dumm, manche durchtrieben, viele desinteressiert, manche alt, manche jung, usw. "Die jungen Männer" zwischen 20 und 35 haben rein gar nichts am Hut mit "den alten" zwischen 50 und 65. Selbst innerhalb einer Generation sehen sich die meisten Männer als Konkurrenten, nicht als Mitglieder einer Männergewerkschaft.

Es wird daher stets ziemlich viele Männer geben, die die ihnen zugewiesene Verantwortung beim ideologischen Komplettumbau unserer Gesellschaft nicht in der gewünschten Weise wahrnehmen. Deswegen wird man auch immer genügend Männer finden, die beweisen, daß "die Männer" unbelehrbar sind und kein Vertrauen verdienen.

Warum die Suche nach solchen unbelehrbaren Männer garantiert Erfolg haben wird, gibt die Autorin erstaunlich offen selber an: "Wer einmal die Geschlechterbrille aufgesetzt hat und mit offenen Augen die Welt betrachtet ... kann die Welt nicht mehr mit anderen Augen sehen". Man kann dies auch als Konditionierung bezeichnen, wie ein Polizeispürhund permanent Unrat zu wittern und täglich nach etwas zu suchen, das die eigenen Gender-Vorurteile bestätigt.

Diese selektive Wahrnehmung ist die eigentliche Ursache für das notorische Mißtrauen der Autorin und der meisten Feministinnen. Es fehlt noch der Schritt zur Erkenntnis, daß das Mißtrauen nicht verschwinden kann, solange die Wahrnehmung dermaßen selektiv bleibt und daß eine Änderung der Wahrnehmung ein persönliches Problem von Feministen (übrigens noch mehr von Maskulisten!!) und kein Problem "der Männer" ist.

Mit einer Änderung der Wahrnehmung ist allerdings so schnell nicht zu rechnen. Um die Aufrechterhaltung der feministischen Konditionierung kümmert sich eine riesige feministische Infrastruktur, bestehend aus gefühlten 500 feministischen Blogs, Zeitschriftenkolumnen, unzähligen Frauenbeauftragen, Genderlehrstühlen usw. Diese Infrastruktur liefert täglich frei Haus neue Skandalberichte über männliche Verfehlungen und andere sexistische Ka...., in allen Geschmacksrichtungen, von Bild- bis FAZ-Niveau, Dieser Nachrichtenstrom wirkt wie eine Erhaltungsimpfung und holt das Gefühl der Bedrohtheit immer wieder in die oberen Schichten des Bewußtseins ("Drittens: Hegemoniale Männlichkeit - sie ist für Frauen eine permanente potenzielle Bedrohung".).

Wie alle wirklich großen Bürokratien ist auch die feministische Infrastruktur kaum noch auflösbar und liefert laufend Beweise für die eigene Existenzberechtigung. Schätzungen zufolge finanziert diese Infrastruktur dauerhaft zwischen 2000 und 5000 Vollarbeitsplätze. Der Erhalt dieser Arbeitsplätze ist für die Inhaberinnen von existenziellem Interesse, die Dämonisierung der Männer als Patriarchat bzw. hegemoniale Männlichkeit ist schlicht lebensnotwendig. Es hat Jahrzehnte gebraucht, diese Infrastruktur aufzubauen und zu verfestigen, es wird ähnlich lange dauern, sie wieder abzubauen, wenn überhaupt. Der aktuelle Fall Welskop-Deffaa zeigt exemplisch, was einem blüht, wenn man sich mit der feministischen Infrastruktur anlegt - ich bin gespannt, ob Frau Schröder das politisch überlebt.

Der Autorin ist positiv anzurechnen, daß sie versucht, Auswege aus der festgefahrenen Situation anzuregen. Sie unterschätzt aber völlig die Macht und Eigendynamik des institutionalisierten Feminismus, verortet die Ursachen für ihr Mißtrauen gegenüber Männern falsch und macht den beliebten Denkfehler, "die Männer" als Kollektiv anzusehen.

Und wo schon laufend von Verdacht und Gefühl der Bedrohung die Rede ist: das ist keineswegs auf die Frauen beschränkt. Ein großer Anteil "der Männer" ist fest überzeugt, in einem Matriarchat zu leben und vom hegemonialen Feminismus permanent bedroht zu sein. Es bleibt noch viel zu tun in Sachen Deeskalation!

Hfftl 19.08.2012 | 16:37

Die Autorin kann sich eigentlich mit Frau Merkel und Frau von der Leyen die Hände reichen, denn alle drei haben die Millionen Frauen völlig aus dem Blick verloren, die sich tagtäglich gemeinsam mit ihren Männern abstrampeln, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten, und die sich angesichts so eines Artikels zu Recht fragen können: "Was geht mich das an? Was hat das mit mir zu tun?"

Gar nichts hat es mit ihnen zu tun, diese Menschen kommen in dem Wolkenkuckucksheim (dem "Gesellschaftsbild") solcher Damen überhaupt nicht mehr vor und interessieren sie deshalb auch nicht die Bohne.

Dass immerhin die Kinder dieser Familien noch eine Chance haben, einfach Jungen und Mädchen sein zu dürfen, ohne gnadenlose Umerziehung nach den Richtlinien feministischer Ideologie, mag dabei ein Trost sein, allerdings nur ein schwacher.