kenua
06.03.2012 | 18:27 14

ADHS Die Hirnstörung ist eine Kulturstörung

 

Das Hirn ist plastisch, oder formbar. Das ist ein Oberbegriff zu lernfähig: jedes Gelernte ist eine neue Plastik. Aber es ist auch verformbar, so daß es "lernt", neues Lernen zu beeinträchtigen, zu behindern.

Im TV-Programm wird durch dauernde Szenenwechsel Aufmerksamkeit gebunden. Die Fernsehsendungen berücksichtigen das Zappen, es geht nicht mehr darum, den Zuschauer auf längere Zeit zu binden, sondern nur noch genügend Höhepunkte, durch Vorschauen angekündigt, um ihn bald wieder zurück zu haben. Der geringste Spannungsabfall wird durch umschalten bestraft.

Durch die von Psychologen erarbeiteten Erkenntnisse, die von Werbeagenturen und Effektivitätsberatern eingesetzt werden, ist unsere Umwelt eine einzige Aufmerksamkeitshascherei: "Der Bildschock ist zum Brennpunkt eines globalen Aufmerksamkeitsregimes geworden, das die menschliche Aufmerksamkeit durch Überforderung abstumpft."

Zurück zum Fernsehen. Die dauernden Szenenwechsel erzeugen ähnliche Wirkungen wie Stress: es wird Dopamin ausgeschüttet, das die Hirntätigkeit anregt. Neue Verbindungen werden geknüpft. Durch die zu schnellen Wechsel wird jedoch eine gründliche Aufarbeitung des Gesehenen verhindert, es wird zu schnell abgebrochen und auf das neue Szenario umgestellt, das gleich wieder unfertig verlassen wird. Wenn Kinder, heute schon von klein auf, viel und lange fernsehen, wird ihre Entwicklung behindert: es kommt zu den sogenannten Aufmerksamkeitsdefiziten, ADS bzw ADHS. Bezeichnenderweise wurden diese Begriffe in den USA geprägt, wo diese Symptome bereits in den 70ern auftraten.

Die Kinder können sich nicht mehr konzentrieren, bei etwas verweilen, Freundschaften aufbauen, ein Spiel gemeinsam spielen.

-dieser Schluß kommt in dem kurzem Buchauszug nicht, vielleicht anderswo: Sie können den Spannungsabfall nicht nur beim Fernsehen, sondern auch bei ihrem Tun nicht aushalten, sie müssen dauernd für Sensation sorgen, daher nerven sie rum.

Schwache Gaben von Dopamin, Ritalin der Name der Droge, oder manchmal auch Kokain, bewirkten Abhilfe. Daraus zog man den Schluß einer leichten organischen Hirnschädigung, die Unfähigkeit, genügend dieses Botenstoffes zu erzeugen. Ein Fehlschluß, denn diese Dopamingaben bewirken im Gegenteil eine Verminderung der hirneigenen Produktion.

Diese Steuerungsschwäche wurde allmächlich die Norm: vergleicht man Tageszeitungen vor zwanzig Jahren mit den heutigen erkennt man die Illustrierung: der Anteil der Bilder hat deutlich zugenommen, es ist "ansprechender" geworden. In Lehrbüchern werden immer mehr Bilder eingefügt, den Menschen fällt es schwer, längere Zeit nur zu lesen. Ein Professor holte nach der ersten Vorlesung "Einführung in die Sozialpsychologie" in Fragebögen die Meinung der neuen Studenten ein: 90 Minuten seien zu lange, um sich zu konzentrieren, ein, besser zwei Pausen müßten es schon sein.

Es handelt sich nicht um einen organische, sondern um eine kulturelle Hirnschädigung.

Hervorgerufen durch die unkontrollierte wirtschaftliche Anwendung psychologischer Forschungsergebnisse, im Namen der Gewerbefreiheit. Ein Phänomen, das sich durch die wettbewerbsorientierte Wirtschaft zieht: solange es erlaubt ist, müssen es alle machen, dadurch bringt es keinen Vorteil mehr, also könnte man es ohne negative Auswirkung für die dazu Gezwungenen verbieten. Etwa die gezielt auf die Psyche der (Klein)Kinder konzipierten Sendungen.

Dagegen wehren sich die, die daran verdienen, auf Kosten vieler Geschädigter. Im Namen von Arbeitsplätzen. Für Abhilfe muß erst ein absolut sicherer Nachweis geführt werden, der Geld kostet und den sich der Staat nicht leisten kann. Eine der vielen Höchstleistungen des freien Marktes, zu unser aller Bestem. Jeder kann ja auswählen, wieviel und welches Fernsehen er konsumiert, und das Angebot muß zur Wahlfreiheit erhalten bleiben: damit jeder selber entscheiden kann, wie weit er verblöden will. Womit nicht nur Kinder im allgemeinen überfordert sind.

 

Dieser Blog ist eine Kurzfassung des Artikels "Aufmerksamkeit bitte" aus der SZ vom 5.3.2012. Dort ist ein Auszug aus Christoph Türckes "Hyperaktive Gesellschaft. Philosophie der Sensation" abgedruckt. Ich habe nicht auf Genauigkeit geachtet, kleinere Interpretationen meinerseits sind dabei. Der Abschluß über die wirtschaftlichen Aspekte ist nur von mir.

 

Kommentare (14)

kenua 06.03.2012 | 23:05

Okay: ich bin kein Fachmann.
Mir kamen die Argumente, die Herleitung schlüssig vor.
Soweit ich weiß, sind die Definitionen sehr schwammig, jeder Arzt diagnostiziert irgendwas, und es gibt keine so genauen Beschreibungen der Zustände.
Wie auch immer, ich wollte diese Information zur Verfügung stellen.
Türcke hat ein ganzes Buch geschrieben, der Artikel in der SZ umfaßt vielleicht zwei Buchseiten.
Ich habe in meinen Worten umgeschriebe, der Satz in Anführungsstrichen mit "Bildschock" und "Aufmerksamkeitsregime" ist original übernommen.
Die SZ stellt nicht alle Artikel online, diesen auch nicht: Suche verwies auf einen Beitrag des gleichen Autors aus dem Jahre 2011.

Grüße kenua

Theda 06.03.2012 | 23:27

Hi kenua,

das Problem mit ADHS ist, dass sich selbst Fachleute uneinig sind, welche Art "Störung" ist. Viele ADHS-ler leiden ohne ihre Medis, andere kommen gut ohne aus. es kommt auch darauf an, wie ausgeprägt das syndrom ist.
Soweit ich informiert bin, werden die Tests anhand sehr detaillierter Fragebogen vorgenommen, bei Kindern auch durch Beobachtung.
Ich bin immer sehr vorsichtig gegenüber Haltungen, die recht "radikal" wirken. Da ich mich mit dem Thema tatsächlich recht intensiv befasst habe, wirkt der Artikel auf mich, als würde die ADHS-Problematik wieder zu sehr auf ein Gebiet, diesmal Medieneinfluss, reduziert werden. Sicher sind einige Aussagen auch richtig, z.B. dass die Konzentration/Aufmerksamkeit der Leute,also hier Studenten, nachlässt, aber es spielen ja noch mehr Faktoren mit hinein.
Bilder anstelle von (zu viel) Text können auch positiv sein, z.B. in kurzen Referatspräsis, denn dadurch erinnern die Rezipienten das Vorgetragene besser. Der Inhalt der Bilder soll sich natürlich auf den Text beziehen, ihn unterstützen.

Gruß
Theda

Theda 06.03.2012 | 23:36

Ein weiteres Problem ist auch, dass tatsächlich sehr viele Kinder fehldiagnostiziert wurden und noch immer werden, nur weil sie unruhig sind aus anderen Gründen. Es gibt anscheinend auch noch viel zu wenige Fachleute, die die Erfahrung mit ADHS haben.
Daher wird ADHS leider von vielen nicht anerkannt, und tatsächlich Betroffene u.U. nicht "erkannt" oder sie werden wie Junkies ausgegrenzt, weil MPH ihnen hilft.

kenua 06.03.2012 | 23:43

Radikalität soll vermieden werden, das ist richtig.

Aber deine Beschreibung paßt genau: früher gab es auch schon vereinzelt solche Fälle, zu Fernseh- PC- und Medienkonsum kommt vielleicht auch Bewegungsmangel hinzu, die Kinder können sich nicht mehr müde toben und haben zu viel ungesteuerte Energie. Es gibt alle möglichen ähnlichen und Übergansformen der Symptome, mal so und mal so.
Indiz für die neue Variante wäre das gehäufte Auftreten.
Vielleicht liest du den Link unten ?

Mir gefällt die ausgefeilte Diagnostik: die vielen Szenenwechsel, die dauernde Aufmerksamkeitserregung von außen, also fremdgesteuert, anstatt selber was tun.

Einmal Unschlüssigkeit aushalten und aktiv nach Beschäftigung suchen, in die man sich selber vertieft, ohne dauernd von den von Psychos ausgeklügelten Mechanismen getriggert zu werden.

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Ehemaliger Nutzer 08.01.2013 | 18:47

Durch die von Psychologen erarbeiteten Erkenntnisse, die von Werbeagenturen und Effektivitätsberatern eingesetzt werden,

Ich bin vom neuesten Columbus Blog hierrauf aufmerksam geworden.

Also, die gleiche Kaste, die die Erkenntnisse erarbeitet die zu verabeiten sind, repariert den Geist, den sie zerstört ... Pervers

oi2503 09.01.2013 | 11:40

"Wenn Kinder, heute schon von klein auf, viel und lange fernsehen, wird ihre Entwicklung behindert: es kommt zu den sogenannten Aufmerksamkeitsdefiziten, ADS bzw ADHS."

Wir hatten bei uns keinen Fernseher. Weil es uns zu anstrengend war, das Fernsehen des Kindes zu begrenzen. Es hat also nicht zu lange sondern kaum ferngesehen. Und ADHS gehabt. Ein Beispiel für wahrscheinlich viele, bei denen deine Grundannahme fehlgeht.