Kevin Junk
15.07.2013 | 10:25 43

Manifest: Wider die homosexuelle Impotenz

Queere Idenitäten Sind wir jetzt eigentlich angekommen, oder nicht? Die lange Reise in der Mitte der Gesellschaft, nach der sich viele gesehnt haben, ist zumindest zum Teil zu Ende

Manifest: Wider die homosexuelle Impotenz

Foto: fototastisch / Flickr (CC)

Die Reisegruppe beginnt sich aufzulösen. Das „Wir“ gibt es nicht mehr. Die Bewegung ist am Ende. Homophobie scheint nur noch eine (von Zweidritteln der Gesellschaft vertretene) Randerscheinung zu sein, die man – mit Respekt für die große Toleranz – doch bitte auszuhalten hat.

Sollen „wir“ überhaupt ankommen wollen? Der Preis, den wir dafür zahlen, ist hoch.

Das politische Immunsystem, das radikale Potential, das wir durch das sexuelle Segeln jenseits der Normvereinbarungen der heteronormativen Praxen, eigentlich haben müssten, wird schwächer und schwächer je sicherer wir uns fühlen. Im glückseligen Hafen der Lebenspartnerschaft eingeschifft, werden wir immer müder, uns solidarisch zu zeigen. Weder miteinander, noch zu anderen Randgruppen. Stattdessen wird heftig ausgeteilt. Der Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg wird mit ausgefahrenen Ellbogen auf Kosten anderer angetreten (wie die Ablehnung des Zivilcourage-Preises des CSD durch Judith Butler 2010 zeigte.) Es gibt noch immer ein weitverbreitetes Unbehagen über das homosexuellen Begehren. Es zeigt sich nicht nur in offener Ablehnung („widernatürlich“), auf die man zumindest mit Wut reagieren könnte, sondern durch eine neue Taktik: die Anästhesierung unserer Radikalität. Jedes kleinbürgerliche Plappermaul hat gelernt: wir kommen nicht umhin, dass Sex funkioniert wie Lego-Steine (alles passt auf alles), aber wir können wenigstens versuchen sie zum Schweigen zu bringen. Seit doch bitte nicht so ostentativ schwul, lesbisch, effeminiert, butschig,…. es könnte unsere Kinder verdereben.

Die subversiven Taktikten, die dem heterofaschistischen Verhaltenscodex zeigten, wie eng er gestrickt ist, werden mehr und mehr erstickt. Die Verspieltheit der Motorik, Gestik und Ausdrucksweise wird mehr und mehr getilgt. So lange es aber Heterosexualität eine Norm ist, wird auch die Normierung der Homosexualität immer die Ausnahme bleiben. Die Regel, die als Ausnahme, die Regel bestätigt. Und Regeln können sich schnell wieder ändern.
Wir werden zu assimilierten, kolonisierten, politisch impotenten Sodomisten, denen man nie als Person, aber stets als Klischee begegnet. Egal wie süß, schön, gut angezogen und stilvoll wir sind: wir werden immer eins sein mit unserer sexuellen Orientierung, denn sie wird uns als identitäre Bürde auferlegt.

Um politisch wieder Potent zu werden, muss sich etwas in unserer Selbstwahrnehmung ändern. Das ästhetische, politische, soziale Potenzial unserer Art zu Ficken und zu Lieben darf nicht verkommen. Indem wir uns anpassen, biedern wir uns einer scheinheiligen Tolerierungstaktik an, die jederzeit dazu bereit ist, uns wieder aus dem Normkatalog zu streichen. Wir sind solange das Andere, wie es das Normale geben wird. Je normaler wir werden, desto weniger sehen wir, wann wir diskriminert werden, wann uns klischierte Kommentare eigentlich verletzen müssten – und wann wir ihnen mit Wut entgegentreten sollten.

Wir müssen uns weder anpassen, noch sind wir born this way. Wir wurden so sozialisiert, mussten uns gegen Normen durchsetzen und hätten eigentlich dabei lernen sollen, wie man sich gegen die gesamtgesellschaftliche Bevormundung individueller Lebensentwürfe wehrt.
Mit wem wir schlafen ist politisch, weil es Normen untergräbt, die wir so nicht gesetzt haben. Wenn wir uns selbst impotent machen, verschenken wir das radikale Potenzial, das uns die Ausschreibung aus der sexuellen Ordnung der Dinge in die Hände spielt.

Stattdessen lassen wir uns als potentieller Absatzmarkt, als Zielgruppe, als Lobby, als Stilberater und beste Freunde ausbeuten. Wir werden zu niedlichen kleinen derivaten Haustieren, die man gut vermarkten kann. Unsere subkulturellen Errungenschaften werden vom Mainstream aufgefressen, ohne das wir es wahrhaben wollen.

Als Randgruppe, Minderheit und Abweichung der Norm leben wir in einer Zone der Möglichkeiten, der Utopien und des kreativen Freiraums. Wir können Abenteuer mit-, durch- und ineinander Erleben. Anstatt am Rand der Gesellschaft zu stehen uns und selbst zu bemitleiden, sollten wir über den Tellerrand hinausblicken und unser politisches Potenzial entdecken. In Zeiten der Krise sollten wir uns nicht politisch kastrieren lassen, denn gegen heteronormative Gewalt sind wir derzeit nicht gewappnet. Es ist an der Zeit nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell Muskeln aufzubauen.

Wir müssen wieder lernen, dass uns mehr verbindet, als die Möglichkeit miteinander zu schlafen. Wir teilen potentielle Erfahrungen, Meinungen und Ansichten. Anstatt uns durch konservatives Anbiedern einfach auszumerzen, müssen wir zurück zu einem Selbstbewusstsein, das die gesellschaftlich aufgedrückte Identität als Homosexuelle annimmt, übertreibt, ins Absurde führt und im besten Sinne „camp“ ist.

Da wir ohnehin jenseits der gesellschaftlich akzeptierten, medial repräsentierten und politisch tatsächlich gewünscht Normen leben, werden wir werden nie ankommen. Und wir wollen es auch nicht. Lasst uns widernatürliche Hedonisten sein, die das Individuum mit camper Eleganz befeiern! So funktioniert Selbstermächtigung im Kapitalismus. So werden wir von der Masse zur Gruppe. So werden wir solidarisch und potent.

Kommentare (43)

KalleWirsch 15.07.2013 | 11:41

"Anstatt uns durch konservatives Anbiedern einfach auszumerzen, müssen wir zurück zu einem Selbstbewusstsein, das die gesellschaftlich aufgedrückte Identität als Homosexuelle annimmt, übertreibt, ins Absurde führt und im besten Sinne „camp“ ist."

Ich war die ganze Zeit hin und her gerissen und wusste nicht wieso. Einerseits gefällt mir Aufruf sich wieder zu politisieren und sich nicht mit den aktuellen Sonderregelungen, die Hpomosexuelle immer noch pathologisieren zufrieden zu geben. Aber irgendetwas störte mich und das wurde mir in dieser Passage klar. Queer bedeute auch Diversity. und Vielfalt beeinhaltet eben auch spießige und konservative Homosexuelle. Vielfalt ist nicht automatisch camp. Camp ist lediglich ein Teil. Mich stört die momentane Meinungshoheit derer die im recht zu heiraten den homosexuellen Himmel sehen ebenfalls, aber ist es der Weg dem einfach nur Camp entgegenzusetzen. Eine Meinungshoheit durch eine andere zu ersetzen?

ich glaube es ist an der Zeit sich gegen den Stempel des besonderen zu wehren. Und as kann und muss auch camp sein. Aber dafür kann und muss sich die homosexuelle Bewegung Verbündete holen, die, obwohl nicht homosexuell, auch keine Lust mehr auf eine patriarchale, heteronormative Gesellschaft haben. und da gibt es einige. Nur auf Camp zu setzen führt höchstens in eine Art Märtyrertum. Es ist Zeit klar zu stellen, dass die schrille Tunte ebenso normal ist, wie ein unauffälliger, konservativer Homosexueller für den Heiraten das Größte ist. 

Magda 15.07.2013 | 14:13

Es ist an der Zeit nicht nur körperlich, sondern auch intellektuell Muskeln aufzubauen.

Rrrrrrrrrrrrrummmmmmmmmmmsssssssssssss

"Lasst uns widernatürliche Hedonisten sein, die das Individuum mit camper Eleganz befeiern! So funktioniert Selbstermächtigung im Kapitalismus. So werden wir von der Masse zur Gruppe. So werden wir solidarisch und potent."

Rrrrrrrrrummmmmmmmmmmsssssssssssssssss II


Es geht offensichtlich nicht um Homosexuelle,sondern um homosexuelle Männer. Das Wort "lesbisch" kommt irgendwo mal vor, aber sonst ist das ein männliches Potenzgerede.

Schon geraume Zeit frage ich mich, wo in diesem ganzen öffentlichen Diskurs eigentlich die Lesben sind. Die sind zwar - wie im heterosexuellen Leben - offensichtlich mitgemeint oder vereinnahmt, aber die große Spucke kommt von den Kerlen. Kürzlich habe ich mich mal mit einer Frau, die in einer Lesbeninitiative zugange ist, unterhalten. Und die hat mir bestätigt, dass die schwulen Männer meist das große Wort führen. Die Öffentlichkeit reagiert auch meistens nur auf sie. Und die Lesben haben sich da offensichtlich wenig gegen gesträubt.

Ich denke, die sexuelle Orientierung hebt die ganze  Geschlechterhierarchie nicht auf. Dieser Beitrag macht das ziemlich deutlich. Deshalb gibt es im Grunde auch wenig Gemeinsamkeiten zwischen Schwulen und Lesben. 

Nebenher habe ich erstmal nach "Camp" gegoogelt und bin bei Susan Sontag gelandet. Von daher verzeichne ich einen gewissen Erkenntnisgewinn. 

 

KalleWirsch 15.07.2013 | 14:50

"Ich denke, die sexuelle Orientierung hebt die ganze  Geschlechterhierarchie nicht auf. Dieser Beitrag macht das ziemlich deutlich. Deshalb gibt es im Grunde auch wenig Gemeinsamkeiten zwischen Schwulen und Lesben. "

Es gibt diese Gemeinsamkeiten schon. Ebenso zwischen Homosexuellen und Heterosexuellen. Nämlich dass sie alle durch eine heteronormative und patriarchale Gesellschaft eingeschränkt werden. man muss diese Gemeinsamkeiten nur sehen.

Die Diskriminierungvon Schwulen und Lesben gestaltet sich allerdings unterschiedlich und eben geschlechterhierarchisch. Da wo Schwule verteufelt werden und als Perverse gebrandmarkt, da werden Lesben schlicht nicht ernst genommen. Dazu kommt bei einigen Schwulen eine  Diskriminierung von Tunten und Transexuellen und bei einigen Lesben eine grundsätzliche Ablehnung von Männern. es ist ein kreuz mit der sogannnten Community und es wird nicht besser durch Abschottung.

Es ist  naiv zu glauben, dass die sexuelle Orientierung die Geschlechterhierarchie aufhebt. Homosexualität ist eben ur ein Merkmal eines Menschen unter vielen. Und Diskriminierung macht noch keinen besseren oder solidarischeren oder aufgeklärteren Menschen. manchmal bewirkt sie sogar das Gegenteil

Ernstchen 15.07.2013 | 15:59

Ich sage das sehr ungern, aber mein Eindruck ist, dass schwule Partnerschaften von der Heterogesellschaft weniger akzeptiert werden als lesbische und zwar weil in der Heterogesellschaft ebenfalls die Männer diejenigen sind die immer das Maul aufreißen. Und lesbische Liebe oder zumindest lesbischer Sex ist seit jeher eine dieser Männerfantasien. Wozu gäbe es sonst so viele lesbische Szenen in Pornos? Es ist ein Trauerspiel.

Im übrigen würde ich mir wünschen dass nicht unbedingt die Frauen mehr das Maul aufreißen sondern dass Männer mehr das Maul halten. Rrrrrrrrrrruuuuummmmmmmmmmsssss III. ;)

Magda 15.07.2013 | 17:28

Ich sage das sehr ungern, aber mein Eindruck ist, dass schwule Partnerschaften von der Heterogesellschaft weniger akzeptiert werden als lesbische 

Das ist absolut so, was ja auch Kalle Wirsch oben angedeutet hat. Lesbische Frauen sind für Männer nicht so furchtbesetzt. Die Furcht der Männer vor dem Schwulsein ist in dieser heterosexuellen Männergesellschaft das dominierende Thema. Aber, auch Frauen, die ihr Lesbisch sein öffentlich thematisieren sind diskriminiert oder werden - sicherlich in anderer Weise als Männer - Objekte von Beschimpfung und Ausgrenzung. Und wenn sie dann am Ende wieder - wie in diesem Manifest vereinnahmt werden, dann gefällt mir das einfach nicht.

Das macht mich jedes Jahr ganz wuschig, dass bestimmte "schräge" Lebensweisen als homosexuell generalisiert werden. Das ist einfach nicht so, das hat ja Kalle Wirsch auch erklärt. Diese "Überschrillen" dominieren den ganzen Laden und schaffen auch ein öffentliches Bild. Es gibt unter Heteros genau so viele "verrückte Hühner", aber all das Bizarre und Abweichende wird an den Schwulen - weniger an den Lesben abgehandelt. Ob das gut ist, weiß ich nicht, aber es ist so und schafft für die anderen wenig Spielraum. 

Magda 15.07.2013 | 17:32

Nämlich dass sie alle durch eine heteronormative und patriarchale Gesellschaft eingeschränkt werden. man muss diese Gemeinsamkeiten nur sehen.

Ja, sicherlich, aber für den alltäglichen Kram ist das ein ziemlich großes Rad. 

Dazu kommt bei einigen Schwulen eine  Diskriminierung von Tunten und Transexuellen und bei einigen Lesben eine grundsätzliche Ablehnung von Männern.

Na, dann gibts reichlich Debattenstoff. 

janto ban 16.07.2013 | 06:13

Ich will mal sicherheitshalber vorwegschicken, dass ich mit Kevin Junk inhaltlich über Kreuz liege. Aber jetzt.

"Potenzgerede" ist garantiert keine rein männliche Angelegenheit, das weißt du auch. Gerade in der manchmal, aber nicht immer, im Habitus verdrehten "Welt der Homosexuellen", die es als solche nicht gibt, was der Autor (oder die Autorin) von mir aus sehr gern bedauern mag. Homosexuelle sind keine spezielle Sorte Mensch und ich danke meinem Schöpfer, dass dem so ist.

Ich sehe zwar nicht, woran du erkennst, dass der Text allein für männliche Homosexuelle geschrieben wurde, aber "die Lesben" gibt es garantiert nicht. Das weiß ich zufällig. Einige hauen auf die Kacke und wollen auf den ersten Blick in ihrer sexuellen Orientierung (oder Identität, wie das ja neuerdings heißt) erkannt werden. Andere ziehen es vor, unter dem Radar des Offensichtlichen zu fliegen. So wie ich. Meine Identität ist Mensch.

Du spulst doch wieder Thema No. 1, das laut eigenen Aussagen nicht deines ist, ab - und ordnest Menschen fein säuberlich nach Geschlecht getrennt in genau zwei Kategorien, schwarz und weiß, aus denen du sie - voll des bedauernswerten Bedauerns - nachher nicht wieder heraus bekommst. Warum eigentlich..?

|| Ich denke, die sexuelle Orientierung hebt die ganze Geschlechterhierarchie nicht auf. ||

Überraschung! Die sexuelle Orientierung hebt gar nichts auf. Und sie fügt auch nichts hinzu. Mensch = Mensch = Mensch. Immernoch.

|| Deshalb gibt es im Grunde auch wenig Gemeinsamkeiten zwischen Schwulen und Lesben. ||

Jaja. So wie zwischen Männern und Frauen wahrscheinlich. Eine Gemeinsamkeit (oder vielleicht zwei) gibt es dann aber doch: Alles Menschen. Alles Individuen. Über 7 Milliarden Schubladen. Ist das Leben nicht großartig..??

P.S.: Auf die Gefahr hin, dass mich das den Kommentar oder sonstwas kostet, muss ich mal sagen, dass Kevin Junk für mich eher nach zu viel KokaKola als zu viel Testosteron klingt. Nicht die feine, englische Art, ich weiß. Würde ich auch nicht wollen. Aber ich war nie radikal. Das ist mindestens genauso grundfalsch, wie's fälscher kaum möglich wäre. Von "unserer Art zu Ficken und zu Lieben" mal ganz zu schweigen. Selten (bis nie) einen derart anmaßenden Mann getroffen. Muss also eine Frau sein. Bäh!

janto ban 16.07.2013 | 06:31

So sehe ich das nämlich auch.

|| wir werden nie ankommen. Und wir wollen es auch nicht. Lasst uns widernatürliche Hedonisten sein ||

Was ist das denn auch für eine blödsinnige Vereinnahmung? Wer ist "wir"? Ich hoffentlich nicht. Die Menschwerdung durch Entmenschlichung wird ohne mich stattfinden müssen. Sorry. Und wenn sie einestages kommen, mich zu holen, werde ich das tun, was letztenendes alle tun werden, die heute nach 100% Prophylaxe durch Remmidemmi schreien: Meinen Kopf einziehen, mich möglichst unsichtbar machen und die Klappe halten. War immer so, wird immer so sein..

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 12:15

Das politische Immunsystem, das radikale Potential, das wir durch das sexuelle Segeln jenseits der Normvereinbarungen der heteronormativen Praxen, eigentlich haben müssten, wird schwächer und schwächer je sicherer wir uns fühlen.

 

Nur, damit ich den Satz richtig verstehe: Willst du damit tatsächlich sagen, es würde durch "das sexuelle Segeln jenseits der Normvereinbarungen" "radikales (politisches) Potential" in einem Menschen aufgeladen werden? Und falls ich den Satz richtig verstanden haben: Wie funktioniert der Mechanismus hinter der Behauptung? Wird einer durch Schwulsein radikaler? Oder will einer radikal sein und entschließt sich deshalb, schwul zu sein? Wird einer schwul oder heterosexuell, so wie man Anhänger vom FC Bayern oder vom TSV 1860 München wird?

 

Wir werden zu assimilierten, kolonisierten, politisch impotenten Sodomisten, denen man nie als Person, aber stets als Klischee begegnet. Egal wie süß, schön, gut angezogen und stilvoll wir sind: wir werden immer eins sein mit unserer sexuellen Orientierung, denn sie wird uns als identitäre Bürde auferlegt.

 

Daß Homosexuelle von außen oft als auf ihre sexuelle Orientierung reduzierte Menschen wahrgenommen werden, ist selbst mir schon aufgefallen. Ich frage mich, woher das kommt, und bei der Suche nach einer Antwort stoße ich auf eine interessante Spur. Homosexuelle, die sich (öffentlich) zur (zu ihrer) Homosexualität äußern, tun dies schwerpunktmäßig, indem sie ihr eigenes Leben auf ihre Homosexualität reduzieren. Das wäre zunächst nicht weiter bemerkenswert, denn - klar - wenn ich über ein Thema (hier: Homosexualität) schreibe, dann ist dieses Thema ganz selbstverständlich im Mittelpunkt meiner Argumentation.

Was mir aber auffällt ist, daß Homosexuelle, die sich öffentlich über ihre Homosexualität äußern, gerne behaupten, es gäbe eine (in Worten: 1) homosexuelle Subkultur, was natürlich Unfug hoch drei ist. Homosexuelle sind so vielfältig wie andere Menschen auch, das geht von schrillstmöglichen Vögeln bis hin zu absolut stinknormalen Menschen, die sich von anderen absolut stinknormalen Menschen lediglich durch ihre sexuelle Orientierung unterscheiden.

Der Punkt ist aber, daß jene, die sich öffentlich zur Homosexualität äußern, in erster Linie Leute sind, die sich tatsächlich in einer (meist großstädtischen) homosexuellen Subkultur bewegen, Leute also, die ihre Identität auf ihre sexuelle Orientierung fokussieren. Die identitäre Bürde ist selbst auferlegt.

 

Wir sind solange das Andere, wie es das Normale geben wird.

 

Ach, "das Normale". Was ist schon normal? Der am einfachsten zu handhabende Begriff von Normalität ist die statistische Normalität. Zehn Prozent der Gesamtbevölkerung, so wird geschätzt (genau weiß es sowieso keiner), bevorzugen das eigene Geschlecht als Sexualpartner. So gesehen sind die 90 Prozent Heterosexuellen ganz klar der Normalfall.

Und wenn wir uns jetzt auf die normative Normalität (was immer das genau sein mag) stürzen, dann stellen wir fest, daß es wahrscheinlich nicht schlecht ist, daß die Verteilung von Homosexualität und Heterosexualität so ist, wie sie ist und nicht umgekehrt. Wäre es andersrum, die Menschheit hätte sich längst aus der Evolution gemendelt. Irgendwo müssen die Kinder ja herkommen, auf den Klapperstorch ist kein Verlaß.

In früheren Zeiten, bis in die unmittelbare Neuzeit hinein, war es das ganz große Problem der Menschen, sich selbst nicht aussterben zu lassen. Menschen starben weit vor der Zeit an Hungersnöten, Kriegen, Naturkatastrophen etc. pp. Logischerweise waren in diesen Zeiten (die, wie gesagt, so lange nicht her sind) Sexualpraktiken, die keine Nachkommen erzeugten, schwer verpönt, bzw. mit harten Sanktionen bedroht. Homosexualität oder - wie bei Onan - der Coitus Interruptus waren eine Art Sabotage gegen die eigene Art, bzw. den eigenen Stamm, verschwendete Sexualität. Die, vom heutigen Standpunkt gesehen, ausgesprochen knallharten Sanktionen gegen homosexuelle Praktiken (im übrigen auch gegen Selbstbefriedigung) sind also nachvollziehbar.

Der Punkt ist allerdings, daß sich in der Zwischenzeit die Problemlage längst umgekehrt hat. Unser Problem ist seit längerem schon nicht mehr das drohende Aussterben durch Zeugungsverweigerung, sondern vielmehr die Überbevölkerung. Pfeif also auf homosexuellen Geschlechtsverkehr, ist nunmehr die Devise, es spielt inzwischen keine Rolle mehr. In der Tat: Pfeif drauf. Homosexuelle sind inzwischen eine ausgesprochen wohltuende Entlastung vor dem Druck drohender Überbevölkerung. "Küß die Hand, wir wissen Ihre sexuelle Orientierung sehr wohl zu schätzen."

Das Kreuz ist aber, daß pragmatisch sinnvolle Ge- oder Verbote (so etwa auch das Schweinefleischverbot in heißen Ländern ohne Fleischbeschau), die religiös-ethisch begründet werden, zwar besser befolgt werden als solche mit rationaler Begründung, sie andererseits aber auch dann noch gelten, wenn die diese Gebote erzeugenden Problemlage längst nicht mehr vorhanden ist.

 

Mit wem wir schlafen ist politisch, weil es Normen untergräbt, die wir so nicht gesetzt haben.

 

Ob das nicht vielleicht eine größenwahnsinnige Phantasie ist? Hat ein Mann mit einem anderen Mann Geschlechtsverkehr, weil er Normen untergraben will oder tut er es nicht vielmehr, weil er sich eher von Männern angezogen fühlt als von Frauen?

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 12:18

@Magda

Schon geraume Zeit frage ich mich, wo in diesem ganzen öffentlichen Diskurs eigentlich die Lesben sind. Die sind zwar - wie im heterosexuellen Leben - offensichtlich mitgemeint oder vereinnahmt, aber die große Spucke kommt von den Kerlen.

 

Der Mann als solcher hat halt im Schnitt eine breitere Brust, da kann er sich dann drauftrommeln, wie einst King Kong. Bei einem schmalen Lesblein käm das nicht so eindrucksvoll rüber. Männer, ach.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 12:19

@KalleWirsch

Die Diskriminierung von Schwulen und Lesben gestaltet sich allerdings unterschiedlich und eben geschlechterhierarchisch. Da wo Schwule verteufelt werden und als Perverse gebrandmarkt, da werden Lesben schlicht nicht ernst genommen.

 

Ich darf bei der Gelegenheit dran erinnern, daß homosexuelle Männer bis in die Siebziger Jahre mit Zuchthaus bedroht waren, während homosexuelle Frauen niemals einen Paragraphen im Strafgesetzbuch wert waren.

 

Ciao

Wolfram

KalleWirsch 16.07.2013 | 12:41

Eben. Im Dritten Reich traf die Verfolgung auch hauptsächlich Schwule. Diejenigen Lesben, die dann doch ins KZ kamen, wurden als Asoziale eingestuft. Wobei es dabei hauptsächlich um die Verweigerung der Mutterschaft ging.

In den Zeiten der Verfolgung ist Lesben die Tatsache, dass sie weder als Frau noch in ihrer Sexualität ernst genommen wurden zu Gute gekommen. Es gibt zur Verfolgung von lesben im Dritten Reich eine interessante Arbeit im Netz. ich weiß nur nicht mehr wo. Aber wenn ich sie wiederfinde, setzt ich hier nen Link.

Und da du eines meiner liebsten Themen aufwirfst. Die homosexuellen Männer waren nicht nur bedroht, sie wurden auch inhaftiert. Zahlenmäßig in ähnlichem Umfang wie im Dritten Reich. Nur dass sie nicht ermordet wurden. Oder zumindest nur indirekt, wenn man die Suizide mitdenkt. Nicht wenige inhaftierte Männer hatten das KZ überlebt, oder waren während der Nazidiktatur  inhaftiert gewesen. Einige wurden dann von denselben Richtern aus der Nazizeit verknackt. Bis heute gibt es kein Eingeständnis des Staates, dass er hier Unrecht begangen hat. Man wartet bis auch der letzte Betroffene verstorben ist, um keine Entschädigungen bezahlen zu müssen. Auf den deutschen CSD´s habe ich noch nie ein Plakat gesehen, dass fordert dieses Unrecht zu beenden. Ehegattensplitting scheint da wichtiger. Aber wenn ich ehrlich bin, ich schau auch nicht mehr so genau hin. 

Es winkt Kalle Wirsch

tlacuache 16.07.2013 | 13:16

Hallo Kalle, nur dazu:

..."Anders als homosexuelle Männer wurden lesbische Frauen vom NS-Staat aufgrund ihrer Homosexualität nicht systematisch verfolgt. Auch nach der Verschärfung des § 175 (Kriminalisierung sexueller Handlungen zwischen Männern) blieben auf dem Staatsgebiet des heutigen Deutschland sexuelle Kontakte zwischen Frauen straffrei.

Nur ganz selten wurden Frauen ausschließlich wegen ihrer Homosexualität in ein Konzentrationslager deportiert und dort ermordet. Lesbische Frauen trugen in diesen Lagern nicht den „Rosa Winkel“; dieses Kennzeichen auf der Häftlingskleidung war ausschließlich Männern vorbehalten. Lesbische Frauen wurden auch nicht systematisch unter dem Vorwand der „Asozialität“ verfolgt und daher auch nur in Ausnahmefällen mit dem „Schwarzen Winkel“ der „Asozialen“ gekennzeichnet. Auf der Basis ihrer Archivforschungen hat die Berliner Historikerin Claudia Schoppmann bislang einige wenige Fälle wegen ihrer Homosexualität verfolgter lesbischer Frauen nachgewiesen.

Teilweise anders war die Situation in Österreich nach der Okkupation durch Nazi-Deutschland 1938: Der auch in den Jahren 1938 bis 1945 gültige § 129 kriminalisierte sexuelle Handlungen zwischen Männern sowie zwischen Frauen. Der Anteil wegen Verstoßes gegen diesen Paragrafen verurteilter Frauen betrug, wie in der Zeit der Ersten Republik, etwa fünf Prozent. Ob Österreicherinnen statt der Haftentlassung anschließend in ein Konzentrationslager eingewiesen wurden, ist bislang kaum erforscht und daher unbekannt.

Der nationalsozialistische Staat behandelte homosexuelle Frauen und Männer ungleich – wie generell beide Geschlechter. Der Ausschluss von Frauen aus der Öffentlichkeit, der Politik und qualifizierten Arbeitsplätzen hatte unter anderem zur Folge, dass lesbische Frauen weniger wichtig genommen wurden als Männer und, dass daher lesbische Sexualität als unbedeutend gesehen wurde. Lesbische Frauen waren aufgrund ihrer, auch wirtschaftlichen, Unabhängigkeit von Männern besonders betroffen von allen Maßnahmen, die Frauen generell ein selbstbestimmtes Leben verunmöglichten und sie zurück in die Familie verwiesen.

Das Fehlen einer systematischen strafrechtlichen Verfolgung bedeutete jedoch nicht, dass lesbische Frauen nicht aufgrund ihrer Homosexualität diskriminiert wurden. Es kann jedoch keinesfalls die Behauptung aufrechterhalten wurden, dass sie gleichermaßen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus waren wie etwa homosexuelle Männer. In allen Verfolgten- und Opfergruppen waren lesbische Frauen vertreten, aber: Lesbische Jüdinnen wurden verfolgt, weil sie Jüdinnen waren und nicht weil sie lesbisch waren. Lesbische Widerstandskämpferinnen wurden aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verfolgt und deportiert.

Dieser „lesbische Opfermythos“, wie er etwa in den Diskussionen um das Berliner Homomahnmal sichtbar wurde, hat jedoch sehr wenig mit den bislang erforschten historischen Fakten zu tun, sondern vor allem mit der Forderung nach Sichtbarkeit und bislang nur sehr unzureichender Sichtbarmachung von Lesben generell in Geschichte und Gegenwart. Bislang gestaltete sich auch die Spurensuche nach Zeugnissen lesbischen Lebens während der NS-Zeit als sehr mühsam und ist stark von zufälligen Funden abhängig"...

Gruss

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 14:06

@janto ban

Homosexuelle sind keine spezielle Sorte Mensch und ich danke meinem Schöpfer, dass dem so ist.

 

Ich bin auf diesem Gebiet unzureichend informiert, ich bitte um Entschuldigung, falls ich im Folgenden Dreck erzähle.

Meines Wissens ist die Bezeichnung "Homosexueller" eine vergleichsweise neue Erfindung (zweihundert, maximal dreihundert Jahre alt). Homosexuelle Handlungen gab es - natürlich - schon immer, vergleichsweise neu ist es, Menschen, die Geschlechtsverkehr mit dem eigenen Geschlecht betrieben, als Subspezies im Kräutergärtlein des HErrn einzuführen. Wenn sie dich früher als Mann beim Beilager eines Mannes erwischt haben, dann haben sie dir eine auf den Kopf gehaut, es hat niemanden interessiert, ob du das immer so machst oder bloß diesmal. Wir haben ihn dies eine Mal erwischt, also steinigen wir ihn.

Sigmund Freud hat geschrieben, es sei der Mensch, jeder Mensch, polymorph pervers (1) geboren. Seine sexuellen Strebungen seien also offen, ganz offen, jedes Sexualobjekt, jede Sexualpraktik sei also zunächst mal bei jedem Menschen möglich. Erst später, im Laufe der individuellen Biographie, prägten sich bestimmten Vorlieben aus. Und in der Tat hat (fast) jeder, der heute ein braver, angepaßter Heterosexueller ist, irgendwann eine homosexuelle Schwärmerei (mindestens das) gehabt. Ich hatte das nicht, und habe mich füglich darüber gewundert - bis ich mich irgendwann wieder dran erinnert habe. Sakra, meine erste Liebe war ein Bub, zwei Jahre älter als ich (noch vor der Pubertät). Das mit den Mädels kam erst später, klar, für einen Achtjährigen sind Mädchen einfach nur blöd, merkwürdig, komisch.

Jahrzehnte später habe ich beobachtet, wie meine Mädels

 

den Rüden begattet haben. Aber es hat auch keiner (na ja, fast keiner) behauptet, Sexualität wäre einfach. Gottlob.

 

Meine Identität ist Mensch.

 

"Ich habe bestimmt keine Rassen-, Standes- oder religiöse Vorurteile. Es genügt für mich, zu wissen, jemand ist ein Mensch - schlimmer kann er nicht sein." (Mark Twain)

 

Selten (bis nie) einen derart anmaßenden Mann getroffen. Muss also eine Frau sein.

 

Sowieso. Frauen sind die Wurzel allen Übels. Wenn's keine Frauen nicht gäb, gäb's auch keine Kriege, mangels Krieger. Übrigens sind auch Freimaurer, Bolschewiken und Templer, Juden sowieso, die Wurzel allen Übels.

 

Ciao

Wolfram

(1) Das Wort "pervers" ist in Freuds Sprachgebrauch bei weitem nicht so abwertend gemeint, wie das in heutigen Ohren klingen mag.

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 14:13

@KalleWirsch

Eine komische Spezies ist das, dieses Mensch.

 

Obacht mit die Grammatik. "Das Mensch" (Mehrzahl "die Menscher") ist im bairischen Sprachraum (der bis hinter Bozen geht) die (aussterbende) Bezeichnung für weibliche Dienstboten. Auf Bauernhöfen gab es die Menscherkammern. Gelegentlich wurde "das Mensch" auch als Bezeichnung für eine liederliche Weibsperson niederen Standes verwendet, war also ein Schimpfwort.

 

Ciao

Wolfram

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 14:28

@tlacuache

Tom der Lehrer, der hat hier noch gefehlt...

 

Ein Thread ohne Tom Lehrer ist unvollständig.

 

Ausgefertigt und erlassen zu Aldersbach, am 16. Julei, anno Domini 2013.

 

Und da kippe ich vom Stuhl, Jg. '68:

..."Den Zölibat abzulehnen, weil er widernatürlich ist, ist genauso unsinnig, wie Wiener Schnitzel abzulehnen", sagt Berger. "Oder Homosexualität"...

 

Die ganze Kultur ist widernatürlich, sagt mir mein Hund auf Befragen.

 

Ciao

Wolfram

tlacuache 16.07.2013 | 15:04

Und da wir schon beim Thema sind, es gabe einmal

Hochkulturen, die meinten, Alk sollte man sich hinten

reinschieben, um den Effekt zu erhöhen, man kann sich

den Magen und den Dünndarm ja ersparen.

Witzigerweise kamen jetzt 2013 geschulte 16 jährige Mädchen

auf den gleichen Gedanken, man kann sich ja vodkagetränkte Tampon's irgendwohin schieben, damit die Eltern nicht den

Alkhohol aus dem Mund riechen, so schlau ist dein Hemul auch

wieder nicht...

Gruss

 

janto ban 16.07.2013 | 15:30

|| Ich bin auf diesem Gebiet unzureichend informiert, ich bitte um Entschuldigung, falls ich im Folgenden Dreck erzähle. ||

Oh. Was das Historisch-Theoretische betrifft, bin ich auch kein Fachmann. Hört sich aber nicht nach Dreck an. Bloß jetzt keine Angst vor mir bekommen, weil ich oben wieder so rumgebrüllt habe. Das war ja nur, weil ich das Gefühl hatte, hier etwas Starkes entgegensetzen zu müssen. Und das wiederum war, weil ich bis dahin nur Magdas Kommentar gelesen hatte. Und nicht zum Beispiel Ernstchens Rrrrrrrrrrruuuuummmmmmmmmmsssss III :o)

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 20:48

@KalleWirsch

Und da du eines meiner liebsten Themen aufwirfst. Die homosexuellen Männer waren nicht nur bedroht, sie wurden auch inhaftiert.

 

Sag ich doch, sie kamen ins Zuchthaus, das gab's damals auch noch. Erst Anfang der siebziger Jahre wurde Sex unter erwachsenen Männern straffrei, bis dann auch die Regelungen für Sex mit Minderjährigen denen bei heterosexuellem Verkehr gleichgestellt wurden, hat bis in die Mitte der neunziger Jahre gedauert.

 

Aber wenn ich ehrlich bin, ich schau auch nicht mehr so genau hin.

 

Der Franze hat gsagt, wer schaut, der sieht was. Er, sagt er, sagt sich manchmal, hätt er bloß nicht geschaut.

 

Es winkt Kalle Wirsch

 

Es winkt zurück

Da Franze

Wolfram Heinrich 16.07.2013 | 21:29

@tlacuache

Witzigerweise kamen jetzt 2013 geschulte 16 jährige Mädchen auf den gleichen Gedanken, man kann sich ja vodkagetränkte Tampon's irgendwohin schieben, damit die Eltern nicht den Alkohol aus dem Mund riechen...

 

Was ich immer sag: Bildung ist eine Schnapsidee. Kursteilnehmer haben mir erzählt, reiner Wodka hinterließe keine riechbare Fahne. Ich hab's aber noch nie ausprobiert.

 

Ciao

Wolfram