Klaus Raab
31.10.2012 | 09:00 1

Immer zur besten Sendezeit

Praxis Nehmen wir einmal an, TV auf Abruf gäbe es bereits für alle. Unser neues Leben in einem Fünf-Punkte-Plan

Immer zur  besten Sendezeit

Moderne Familie vor Lagerfeuer

Foto: Lambert/Getty Images

1. Es wäre das Ende der Familiensender

Fernsehsender sind Wirtschaftsunternehmen. Sie wollen ihr Produkt verkaufen. Und das Produkt sind Werbeplätze. Wie verkauft man Werbeplätze? Indem man sich Sprüche ausdenkt.

Deshalb gibt es zum Beispiel „Familiensender“. Ein solcher Sender heißt natürlich nicht so, weil er Programm für die Familie zeigen würde, sondern weil die eine interessante Zielgruppe für Werbetreibende ist. Kinder wollen ja jeden Schrott. Nur wird durch das TV-on-Demand-Zeitalter auffallen, dass das mit dem Familienfernsehen nicht stimmen kann. Lagerfeuer-Fernsehen gibt es zwar noch; darunter fallen vieldiskutierte Fernsehereignisse: „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“, „Wetten, dass..?“, „Eurovision Song Contest“, große Sportereignisse. Aber der Rest ist Special-Interest.

TV auf Abruf befördert die Spartenbildung, und so kommt der Mainstream der Minderheiten endgültig im Fernsehen an. Die Zielgruppe wird nicht mehr 14 bis 29 oder 49 Jahre alt sein, sondern sie wird unterschieden in Krimi, Comedy, Love und – die Sparte für Bildungsbeflissene – People-News. Wenn bisher also von „Familiensender“ die Rede war, war gemeint: Hier gibt es alles. In Zukunft ist „Familiensender“ das Synonym für Kinderspartenkanäle.

2. Es wäre das Ende mancher Fernsehgewissheit

Der Mensch ist gut, Fernsehsender sind schlecht. Wunderbare Logik. Wer ist also schuld daran, dass Menschen sich schlechte Filme anschauen? Natürlich die Fernsehsender, weil sie zu den Zeiten, zu denen die meisten Leute fernsehen, nichts anderes zeigen.

In Wahrheit ist die Welt natürlich komplizierter. Wer keine glattgebügelten Schnulzen sehen will, muss das ja schon jetzt nicht mehr. Es gibt Festplattenrecorder, Video-Streamingdienste und Videotheken. Bequemer aber ist es, sich am Feierabend berieseln zu lassen, ohne überlegen zu müssen. Fernsehen ist ein Feierabendritual: Man schaltet ab, wenn man einschaltet.

TV on Demand entritualisiert das Fernsehen. Wenn es sich durchgesetzt hat, werden Fernsehfilme nicht nur stumpf weggeglotzt, weil traditionell um 20.14 Uhr, zum Wetter, die Glotze eben angemacht wird. Sie müssen dann mit richtigen Filmen konkurrieren, jeden Tag. Und die gemütliche Passivität, die das Fernsehen manchmal natürlich wirklich so liebenswert macht, würde durch Aktivität ersetzt.

Kehrseite des Ganzen: Man wird dann feststellen, dass idiotische Filme trotzdem wie blöd geguckt werden. Und wer wäre schuld daran? Tja.

3. Es wäre das Ende der Mainzelmännchen. Oder?

ARD und ZDF dürfen Werbung nur an Werktagen, nur vor 20 Uhr und nur zeitlich begrenzt ausstrahlen. Außerdem muss Werbung vom Restprogramm klar erkennbar getrennt werden. Seit 1963 setzt das Zweite Deutsche Fernsehen dafür die Mainzelmännchen ein.

Manche Regelung, die für die Öffentlich-Rechtlichen getroffen wurde, ist aber hinfällig, wenn TV on Demand das lineare Programm ablöst. Wenn man sein gewünschtes Programm gezielt zu nicht vorgegebenen Zeiten abrufen kann, gäbe es keine 20-Uhr-Regelung mehr – es gäbe ja keine Zeitbindung für das Programm. Und überhaupt, wer würde sich wohl von allen möglichen verfügbaren Sendungen eine Werbesendung anschauen? Womöglich müssen die Mainzelmännchen also dran glauben.

Nun ist es aber so, dass Werbung eine Einnahmequelle ist. Und um so etwas kämpft man ja. ARD und ZDF werden auf eine medienpolitische Neuregelung drängen: Werbung an Werktagen bleibt erlaubt, die 20-Uhr-Regelung fällt.

Bliebe die Frage, wie man Zuschauer gezielt für eine Werbesendung interessiert. Idee: mit „Mainzelmännchen – die Soap“. Sechs gröhlende Männer in einer WG. Das wäre echtes Zielgruppenfernsehen und auch gut geeignet für Product Placement (Autos, Bier, Busenmagazine).

4. Man könnte die neue „Breaking Bad“-Staffel sofort sehen. Vielleicht

Dass man Fernsehen abrufen statt einschalten kann, hat sich noch nicht überall herumgesprochen – aber schon heute schauen viele nur noch sehr ausgewählt und zeitungebunden fern. Die Fans bekannter US-Serien wie Breaking Bad oder Homeland etwa. Bisher stehen sie aber oft vor dem Problem, dass um sie herum das Gerede über die neueste Staffel zunimmt, sie diese Staffel aber auf legalem Weg nicht bekommen.

Ist der Fernsehmarkt ein On-Demand-Markt, wird es zahlreiche neue Player geben. Die Google-Tochter Youtube etwa. Schon jetzt laufen dort Spielfilme in voller Länge; und bald gibt es dort deutsche Sport-, Gesundheits- und Auto-Spartenkanäle.

Das Angebot und die Konkurrenz werden also größer, und das führt zu gewaltigen Verschiebungen. Nicht zwangsläufig zum Guten für deutsche Medienunternehmen, aber auch nicht zwangsläufig zum Schlechten für die Zuschauer. Denn dass auch internationale Player Serien wie Mad Men erst schlecht werden lassen, bevor sie sie auch auf den deutschen Markt bringen, ist nicht ausgemacht: Wenn man ganz gezielt Spartenkanäle bespielt, wird ja auch irgendjemand eine Sparte für Leute einrichten, die seit Jahren mitteilen, was sie wirklich unbedingt sehen wollen.

5. Es wäre das Ende der Dritten Programme. Jedenfalls wie wir sie kannten

Theorie: Die Dritten Programme der ARD sind regional ausgerichtet. Praxis: Sie sind es nicht. Langsame Reportagen über den letzten Schmied von St. Engelberg gibt es, klar. Aber in weiten Teilen der Dritten werden Bilder von Leuten gezeigt, die ein Weinglas heben und auf undefinierbaren Wanderwegen gesamtdeutsches Volks-gut singen. Es gibt Ratgebersendungen zu Hämorrhoiden und Heilpflanzen, man unterhält sich über Blumen und über Jackeninnenfutter. Die Dritten sind weniger Regional- als Seniorensender. Und für ältere Leute muss es auch Programme geben, klar. Aber man braucht nicht alle Dritten dafür.

Es hat zwar Vorteile, dass die vielen Anstalten der ARD weitgehend autonom arbeiten. Stichwort: Vielfalt. Aber man kann das Programm des Norddeutschen Rundfunks heute, anders als früher, auch störungsfrei in Bayern empfangen. Und die theoretische Vielfalt, die die Dritten herstellen, ist praktisch keine. Ein gemeinsamer Liedgut- und ein gemeinsamer Jackeninnenfutter-Spartenkanal würden personelle und finanzielle Ressourcen schaffen, die – Veränderungsbereitschaft vorausgesetzt – besser genutzt werden könnten. Für diverse echte Regionalspartenkanäle, zum Beispiel.

Kommentare (1)

tux 01.11.2012 | 20:45

Robert Lembke prägte bereits vor über 30 Jahren den - m. E. bis heute stimmigen - Aphorismus: "Hörfunk geht ins Ohr, Fernsehen geht ins Auge".

Ich selbst bin "bekennender Radiohörer" (Deutschlandfunk, Deutschlandradio Kultur, MDR Figaro, NDR Info, WDR 5, Stimme Russlands, China Radio International), der allenfalls die "Glotze" anwirft, wenn Fußball oder Eishockey läuft. Und dafür bräuchte es eigentlich nur zweier Spartenprogramme.