Klaus Raab
18.03.2013 | 10:32 16

Noch kurz die Mails checken

Arbeitswelt Ist es überhaupt möglich, die Vorzüge des Home-Office auszukosten, ohne in unproduktive Zeitverschwendung abzugleiten? Unser Autor erklärt die wichtigsten Grundregeln

Noch kurz die Mails checken

Foto: C Jill Reed / Flickr (CC)

Man soll die Dinge ja nicht überbewerten, aber Home-Office ist wirklich eine der besten Ideen, die jemals jemand hatte. Home-Office heißt, dass Arbeitnehmer ihre Arbeit mit nach Hause nehmen dürfen, statt ständig von irgendeinem inkompetenten Nachfrager beim Lesen wichtiger Intranet-Nachrichten abgelenkt zu werden. Hauptsache, am Ende ist die Arbeit erledigt. Wo ist egal. Wenn sich der Arbeitnehmer besser fühlt, wenn er seinen eigenen Schreibtisch vollkrümelt – umso besser, wird er noch kreativer. Man kann jeden Unternehmensberater fragen, der sich darauf spezialisiert hat, Home-Office als Lösung für alles zu verkaufen: Das Modell hat nur Vorzüge.

Home-Office ist die Erfüllung eines Menschheitstraums. Urlaub im Selbst. Die Reduktion der Arbeit auf ihre guten Seiten. Home-Office ist die Chance, Organisationsarbeit auf ein Minimum zu reduzieren, den Menschen Mensch sein und auch nach 8 Uhr 30 noch labbrige T-Shirts tragen zu lassen. Home-Office führt direkt zum innerlich ausbalancierten Ich. Zur besseren innerfamiliären Verteilung von Erziehungsaufgaben. Zum Ende betriebstinterner Querelen.

Erkenntnisse auf dem Flur

Soweit die Meinung der einen. Das Ärgerliche ist, so die nicht ganz von der Hand zu weisende Meinung der anderen, dass dieses dahergelaufene Work-Life-Balance-Geschwätz hinten und vorne nicht zutrifft.

Diese anderen sind häufig die, an denen am Ende die Arbeit hängen bleibt. Marissa Mayer etwa, die Chefin des Internetunternehmens Yahoo, hat kürzlich verfügt, dass ihre Angestellten, die von zu Hause aus arbeiten, wieder in die Konzernbüros einrücken müssen. Ein Grund: „Geschwindigkeit und Qualität leiden oft, wenn wir von zu Hause aus arbeiten.“ Noch ein Grund: „Einige der besten Entscheidungen und Erkenntnisse erwachsen aus Gesprächen auf dem Flur oder in der Cafeteria.“

Klingt, als hätte die Stechuhr der Siebziger die Digitalwirtschaft geschlagen. Und Mayers Argumente treffen ja auch gute Punkte: Alleine diskutiert es sich wirklich schlecht. Man schmort im eigenen verbrauchten Hirnsaft. Ein Kollege bleibt zu Hause, um eine Aufgabe zu erledigen, für die er Ruhe braucht? Recht so, aber warum hört man im Hintergrund die Durchsage eines Bademeisters, wenn man ihn – ganz aus Versehen natürlich – mal kontrollhalber anruft?

Nur sind Mayers Argumente auch nicht die ganze Wahrheit übers Home-Officing. Die Wahrheit lautet: Es funktioniert schon. Aber nur, wenn man begreift: Es ist einfach Arbeit. Als gesellschaftliche Großvision ist das Konzept unbrauchbar. Wie sollte diese auch lauten? Ein junger Architekt baut sein neuestes Modell einfach aus Lego, das Kind auf dem Schoß? Eine junge Social-Media-Redakteurin beschwichtigt aufgebrachte Kommentatoren während des Windelwechselns? Familie und Arbeit, das geht gleichzeitig? Ha. Haha. Hahahahaha. Ein Arbeitspensum abarbeiten zu wollen, während Kinder herumkreiseln, führt nur dazu, dass man die Arbeit nachts macht. Und das führt auf direktem Weg zu irgendeinem Erschöpfungssyndrom.

Maximal drei Facebook-Logins

Das Modell Home-Office – das ist zwar visionsarm, aber empirisch dafür absolut wasserdicht – funktioniert nur, wenn man zu Hause auch wirklich zu arbeiten bereit ist, und zwar während einer Zeit, die man sich als Arbeitszeit vornimmt, und in einem Umfeld, das man als Arbeitsumfeld verstehen kann. Betreut man zu Hause vier Stunden lang ein Kind, kann man sich dorthin Arbeit mitnehmen, aber nur die für einen halben Arbeitstag: Acht Stunden Arbeitstag minus vier Stunden Kind ist gleich vier Stunden Arbeit.

Spielen wir einen Home-Office-Tag durch: Er beginnt mit dem Wecker. Sobald er läutet, heißt es, aufzustehen. Dann Kaffee und Marmeladenbrot. Der in einem Arbeitszimmer und nicht auf dem Küchentisch stehende Computer sollte nach dem Frühstück hochgefahren werden. Wichtig auch: Der Schreibtischstuhl muss was taugen. Dann los. Mails checken, Internet, Startseite durchscrollen. Einloggen in Social-Media-Accounts und nach Gebrauch wieder ausloggen. Maximal dreimal pro Tag wieder einloggen. Installieren Sie am besten einen Dienst, der Ihnen bei der vierten Facebook-Anmeldung am Tag einen Stromstoß verpasst.

Dann über den Arbeitsauftrag für den Tag nachdenken. Lautet er: Fensterputzen? Lego spielen? DVD gucken? Nein, er lautet zum Beispiel: „6000 Zeichen übers Home-Office. Wie bekommt man zu Hause was Vernünftiges auf die Reihe, wie strukturiert man seinen Tag?“

Es stecken mehrere Vorannahmen in dieser Auftragsbeschreibung: etwa, dass man sich am Ende tatsächlich disziplinieren kann. Und dass man den Tag nicht einfach so vor sich hinvergeuden will. Beide Grundannahmen sind wichtig. Legt man um 11 Uhr eine DVD ein („och, nur eine Episode“), sind die Folgen gravierend: der Feierabend fällt aus und das führt zu: Schlafmangel, Verspanntheit, Übermüdung, Hass auf die Arbeit. Merke also: Keine Filme zwischendurch. Auch nichts andübeln.

Zwischen 12 und 13 Uhr, nach einem konzentriert verbrachten Vormittag, braucht man eine Pause. Keine Schnell-ein-paar-Kartoffelchips-und-dann-weiter-Pause. Sondern eine Stunde. Füße hoch. Spazieren gehen. Essen. Dann frischer Kaffee. Über die nächsten Arbeitsschritte nachdenken und sie anschließend konzentriert verrichten. Um 16 Uhr überrascht feststellen, dass man gut vorankommt. 15-minütige Pause. Kaffee? Gern. Dann weiter bis 18 Uhr. Sich vornehmen, um 19 Uhr fertig zu sein. Um 18 Uhr 35 das Ergebnis noch einmal begutachten. Feststellen, dass man schon mal Einfallsreicheres abgeliefert hat. Mit den Schultern zucken. Den Computer ausmachen. Feierabend. Work-Life-Feelgood mit Family.

Anders gesagt: Die Wahrheit übers Home-Office ist, dass man auch ins Büro gehen könnte, wenn man dort nur nicht so oft abgelenkt würde.

Kommentare (16)

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2013 | 11:57

Mache seit Jahren Home-Office. Habe dort ein Arbeitszimmer, wo ich auch nicht von meiner Familie gestört werden. Mittags essen wir zusammen, ab ca. 18.30 Uhr mache ich Feierabend. Wo ist das Problem? Einziger Punkt, der tatächlich stimmt: die Flurgespräche. Aber das lässt sich größtenteils auch via Skype lösen. Kann nirgends besser, konzentrierter und vor allem effizienter arbeiten als von zuhause.  Bei mir heißt es übrigens Life-Work-Balance ... zuerst das Leben, dann die Arbeit!

voodoente 18.03.2013 | 12:52

Ich spare mir an Home-Office Tagen schon mal mindestens zwei Stunden pendeln und kann andere Dinge wie Arzttermine integrieren. Das ist unschlagbar. Weitere Vorteile: Es stehen nicht ständig Kollegen neben dem Schreibtisch, die "nur mal schnell" was fragen wollen und ich telefoniere nur, wenn ich mir vorher genau überlegt habe, was ich sagen will.  Das ruhige Arbeitszimmer und der gute! Stuhl sind bei mir aber vorhanden. Ja, das "Pausenproblem" kenne ich auch. Am besten raus aus der Bude und ein Butterbrot mitnehmen. Auf keinen Fall weiter am Rechner sitzen.

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Ehemaliger Nutzer 18.03.2013 | 14:00

Was den Tätigkeitsbereich angeht, stimmt. Ein Schlosser dürfe im Home-Office so seine Probleme kriegen ... ; ). Was das Verzetteln angeht: Ziele setzen. Für den Tag. die Woche, den Monat. Und die selbst gesteckten zeitlichen Vorgaben einhalten, dabei aber so variabel sein, dass neu gewonnene Erkenntnisse mit eingewoben werden können. Gut Ding will nun mal Weile haben. Habe fast noch kein größeres Projekt mitbegleitet, wo Timming oder Kosten irgendwie aus dem Ruder liefen. Dafür wurde es aber am Ende des Tages meistens auch sehr gute Qualität ... : )). Was mir noch einfällt: lieber wenige, aber sehr gute Mitspieler als viele, die einen dann doch nur von der Arbeit abhalten.

klabautermann 18.03.2013 | 14:18

Für mich ist beim Home-Office, dass ich mir das so einrichten kann, wie ich will und nicht so wie es dem Oberboss gefällt. Wichtig ist mir auch ein rückenschonender Bürostuhl anstatt der klapprigen Gestelle, die die meisten Arbeitgeber zur Verfügung stellen. Ich habe mich für dieses Modell entschieden: http://www.moebelshop24.de/buerostuehle/wellness-stuehle/3d-buerostuhl-sitness-70.html.

Rupert Rauch 19.03.2013 | 12:39

Hab mit HomeOffice nur schlechte Erfahrungen. Vielleicht ist das anders, wenn man tatsächlich in der glücklichen Lage ist, sich ein eigens Arbeitszimmer einrichten zu können (fehlt mir der Platz). Sobald ein anderes Familienmitglied da ist, ist Schluß mit der Ruhe. Bei Kindern sowieso, schon im Babyalter sind die extrem zeitintensiv.

Der andere Haken: man setzt sich selbst unter Druck, damit man was abliefern kann. Aber wie im Büro auch, hat man Tage an denen einfach nichts läuft. Nur: aus dem Büro, aus dem Sinn, zu Hause versucht man nicht selten solche Misserfolge und psychische Durchhänger mit unbezahlten Überstunden auszubügeln, weil man ein schlechtes Gewissen hat.

Lieber fahre ich ins Büro, schon um mal andere Leute zu sehen. Zu Hause fällt einem doch irgendwann die Decke auf den Kopf...

 

silvio spottiswoode 20.03.2013 | 13:48

Gutes Thema, gern gelesen. Also, hier jetzt der bekennende Workaholic: Home-Office – gerade für Frauen mit Familie – ist eine sehr zivilisierte Form des Broterwerbs, finde ich. Kommt natürlich drauf an was man genau arbeitet. Auch sind face-to-face Teambesprechungen auf wöchentlicher Basis  unerlässlich für ein gutes Miteinander.

Die Graphikdesigner mit denen ich arbeite machen ihre Entwurfsphasen der Projekte – das wo man Konzentrtion braucht –  inzwischen alle von zuhause aus. Nur Präsentationen, Besprechungen und hardcore Produktionsphasen laufen noch im Büro ab. Da ist man dann aber auch 10 bis 15 Stunden am Stück jeden Tag vorort. Das geht wegen den engen Produktionsplänen meist gar nicht anders. Besonders krass wird's wenn sich mehrere Produktionen zeitlich überschneiden. Da könnten wir ohne Home-Office dann das Arbeitsvolumen gar nicht bewältigen.

Mein heisser Tipp für "working from home": zwei Telefonleitungen, eine private, eine business. Auch zwei Handynummern. Gut ist es, wenn die Businessnummer die vom offiziellen Büro ist. Dann weiss keiner dass man von zuhause arbeitet, dann rufen die Pappenheimer auch zu zivilisierten Zeiten an. Denn ganz gefährlich wird es, wenn sich Arbeit und Privates mischen. Es ist unbedingt darauf zu achten, dass man sich seine Freiräume erhält. Auch sollte man keine Anrufe mehr am Abend oder nachts entgegen nehmen. Und schon gar nicht an Wochenenden! Am besten Stecker ziehen, alle Telefone ausschalten. Und Emails nienie nie sofort beantworten! Und die Wochenenden woanders verbringen. Dann kann man auch wunderbar im Urlaub arbeiten. :-))

Heinz Lambarth 22.03.2013 | 16:54

'home office' ist ideal, wenn mensch wirklich 'bock und verve' hat etwas schaffen zu wollen - dann braucht mensch sich nicht zu zwingen (keinen wecker und keine disziplin) und mensch hat seine schöpferische ruhe, ergo es kommt etwas 'sehr zufriedenstellendes' dabei heraus. Und das noch in unschlagbar kurzer zeit.

Wer allerdings nur im home office vegetiert, verkommt. Der mensch ist nun mal auf gesellschaft angewiesen, er ist ein rudelwesen, und das ist gut so.

Also, wenn's gut werden soll, ab ins home office, aber wenn's inovativ sein muss, ist die gemeinsamkeit mit den kollegen_innen unersetzlich. Daher, lasst euch nicht ins home office abschieben, aber haltet euch die option offen!