Klaus Raab
25.01.2013 | 08:00 7

The Winner is

Medientagebuch Erhöhte Umfragewerte oder ab wann ist das Wahlvolk gedopt: Über die Wahlberichterstattung in Form des Sportberichts und die demokratische Frage nach Beeinflussung

The Winner is

Foto: Alan Crowhurst / Getty

Wer ist in Führung? Wer foult wen? Wann springt Steinbrück unter der Steinmeier-Latte durch? Ist das Weltrekord? Und wenn nein, kann man das Personal auswechseln? Das sind doch so die Fragen im Wahlkampf. Politik wird, speziell im Jahr einer Bundestagswahl, vermittelt, als handle es sich um einen Wettkampf. Man kann auch prima auf den Ausgang von Wahlen wetten (die Wirtschaftswoche etwa richtete vor der Landtagswahl in Niedersachsen für ihre Leser ein Tippspiel auf den Ausgang aus), und so sprechen Wissenschaftler von Horse-Race-Journalismus, Berichterstattung, die einem Pferderennen gleicht. Sie wird, je näher das Ziel kommt, lauter und schneller.

Umfragen, jedenfalls einige, befördern die Behandlung von Wahlkämpfen als Pferderennen. Das Institut Forsa etwa, beauftragt von Stern und RTL, sah die SPD kürzlich bei 23 und die Union bei 43 Prozent; kein Konkurrent kam auf einen auch nur annähernd so großen Unterschied. Im Grunde erstellt Forsa jede Woche für seine Auftraggeber eine Hammerschlagzeile, die sich als empirische Sozialforschung verkleidet hat.

Es läge also nahe, ARD und ZDF für ihre lange durchgehaltene und den Verlockungen des Pferderennens widerstehende Praxis zu loben, in der Woche vor einer Wahl keine Umfragen mehr zu veröffentlichen. Die Sender sind da tatsächlich konsequent. Andreas Cichowicz, der Fernsehchefredakteur des NDR, twitterte noch am Tag vor der Niedersachsen-Wahl, als er aus einem Briefing mit dem von der ARD beauftragten Umfrageinstitut Infratest Dimap kam: „I guess I know where it’s going“ – er nehme also an, er kenne schon die Wahlentwicklung –, behielt seine intimen Kenntnisse aber, als einige Follower Rückfragen stellten, für sich: „Wir veröffentlichen alles am Sonntag, 18 Uhr. Bis dahin verpflichten wir uns, den Wahlkampf nicht zu beeinflussen.“

Zu viel Information?

Keine Beeinflussung. In der Tat wünscht man sich genau das von der Demoskopie und den Massenmedien – sofern man ein 1970 emeritierter Politikwissenschaftler ist, der von der Sorge um das Gedeihen des zarten Pflänzleins namens Demokratie getrieben ist.

2013 fragt man sich allerdings, was das sein soll: eine Beeinflussung durch zu viele Informationen. Mehr als ein Drittel der Wähler trifft seine Entscheidung regelmäßig kurz vor der Wahl; die Grenzen zwischen Parteien sind durchlässiger als in der alten Bundesrepublik, als jedes Kirchenchormitglied immer CDU und jeder Gewerkschafter immer SPD wählte. Manchmal ereignet sich im Wahlkampf ein Atomunglück, wie in der Fernsehserie The West Wing, oder eine Elbflut, wie 2002, was manche Wähler dazu veranlasst, kurzfristig die Stellschrauben im Kopf nach-zujustieren.

Auch wenn manche Umfrage also wie eine zu viel wirkt und manch andere wie der pure Trash: Wenn bei dieser Ausgangslage etwas einen verzerrenden Effekt hat, dann zu wenige Informationen.

Taktische Wähler – wie jene vielen Unions-Anhänger, die in Niedersachsen wohl mit der Zweitstimme FDP wählten, um den gefährdet scheinenden Wunsch-Koalitionspartner über die Fünf-Prozent-Hürde zu hieven – machen ihre Kreuze, nachdem sie Umfragen-Exegese betrieben haben. Sie verändern ihr Verhalten, nachdem sie den ARD-Deutschlandtrend oder das ZDF-Politbarometer gesehen haben. Dass man ihnen in der entscheidenden Woche vor der Wahl neue Zahlen vorenthält, obwohl es sie gibt, ist ein Anachronismus.

Kommentare (7)

Geierwally 26.01.2013 | 07:52

diese ganze umfrageinstitute mischen sich in politik ein, mehr als einen recht ist. wenn sie es nicht wollten, würden nicht wöchentlich neue umfragen veröffentlicht.

in niedersachsen hatte man fdp bei 5%, das heißt für die wähler, leute geht wählen, die können es schaffen und die cdu profitiert auch davon. dagegen linke und piraten bei 3% heißt, leute hat keinen sinn, bleibt zu hause oder wählt anders.

es wäre viel besser für die demokratie, wenn es 2 monate vor wahel keienerlei umfragen mehr geben würde, dann würde der wähler so entscheiden, wie es sein egwissen von ihm verlangt. aber so entscheidet der wähler nicht anch seinem gewissen, sondern aufgrund von zweifelhaften umfragen und lagerdenken.

Klaus Raab 26.01.2013 | 12:04

Da ist was dran, die Sache ist nur, dass man die verschiedenen möglichen Effekte – gehen die Leute erst recht wählen, wenn eine Partei bei 4 Prozent liegt oder gerade nicht – nicht eindeutig nachvollziehen kann. Deswegen kann man daraus meines Erachtens keine allgemeinen Schlüsse ziehen.

Das andere ist der Vorschlag, zwei Monate vor Wahlen keine Umfragen mehr zu veröffentlichen. Ich verstehe den Ansatz, nur ist das unmöglich, weil es (richtigerweise) nicht verboten ist, Leute nach ihrer Wahlabsicht zu fragen. Wenn man also ohnehin Umfragen hat, sollten man meines Erachtens nicht ausgerechnet in der entscheidenden Woche auf die Veröffentlichung verzichten.

Helmut Eckert 26.01.2013 | 15:23

Viele Fragen , wenig Antworten. Das Spiel der Medien.

es ist wie mit den Feststellern. die gibt es genug in diser Republik. Wo bleiben die Veränderer? Da fehlt es in den Parteien. 

Übrigens: Die DDR hatte Millionen von Feststeller.. nur bis 1989 keine Veränderer. Das sollte sich dann sehr schnell ändern. Frage: Ob diese Mal die gesamte Republik Veränderer gebiert? Die Politiker sind längst dabei als Hebammen zu mutieren! Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt das Volk auch zu dir! 

Blaublick 26.01.2013 | 22:39

Ich lese so ziemlich alles was es zu lesen gibt, und doch bin ich der Überzeugung, dass der Wähler bzw. die Menschen es satt sind täglich Prognosen lesen zu müssen, und erst recht sich desinteressiert an der Politik zeigen, wenn ständig die CDU hervor gehoben wird. Mich persönlich würde gerne interessieren woher die CDU-Partei diese unmenge an Geld her hat, um Werbung in eingener Sache täglich zu machen und Infoinstitute zu beauftragen tägliche Prognosen aufzustellen und diese wiederum über ARD und ZDF auszustrahlen. In Zeiten wo alle sparen müssen, geben Parteien Gelder für Werbung aus, obwohl keine Wahl demnächst ansteht und in Niedersachsen eh alles zuvor  schon klar war, da wo sich Merkel einbringt gehen Wahlen verloren! Wie gesagt das wäre ein Thema für Augstein gegen Blome, begleicht die EZB die Schulden der Union bei Wahlen ?

Frank R 27.01.2013 | 01:56

Ich schreibe ja fürs Kabarett, u.a. das hier:

Willkommen im Polit-Bastel-Shop!
Heute basteln wir uns eine Meinungsumfrage.
Was brauchen wir und was haben wir?
Wir haben: eine Antwort, die wir hören wollen.
Schon mal prima.
Nun brauchen wir nur noch ein Telefonbuch, eine Strichliste und eine Frage, die zur Antwort
passt.
Nehmen wir an, der Auftraggeber ist die SPD und diese wünscht, was häufiger vorkommt als man denkt, die Antwort: „SPD beliebter denn je.“
Um diese Antwort zu erhalten, muss sie das Volk richtig befragen.
In diesem Fall ganz einfach und direkt: „Was ist Ihnen lieber: drei Nächte lang chinesische Wasserfolter oder die SPD?“
Das Verblüffende: 99,9 Prozent entscheiden sich sofort für die SPD.
Kaum jemand nimmt die Wasserfolter.
Obwohl sich jeder aussuchen kann.
Die Pressemitteilung unter dem Titel „SPD beliebter denn je“ führt dazu, dass die SPD beliebter wird denn je, während die chinesische Wasserfolter weiter in der Beliebtheit abrutscht.
Demoskopie ist also ganz einfach.
Wichtig ist natürlich die eigene Glaubwürdigkeit.
Daher fragten wir: „Wer ist glaubwürdiger: der Weihnachtsmann oder unser Meinungsforschungsinstitut?“
Wir liegen da mit 34 % gar nicht so schlecht im Rennen.

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