Klaus Raab
17.04.2013 | 11:54 21

Warum auch seriöse Medien falsch informieren

Boston-Attentat Jede Information bringt mehr Follower und Reichweite. Ökonomisch mag das Update-Dauerfeuer sinnvoll erscheinen, journalistisch entspricht es der Verteilung von Junkfood

Warum auch seriöse Medien falsch informieren

Foto: dpa

Die Radiomoderatorin Kerri Miller aus Minnesota twitterte am Montag, sie habe 1995 über den Bombenanschlag in Oklahoma berichtet. Erst, schrieb sie, habe es sich dabei um eine Gasexplosion gehandelt, dann um einen Anschlag ausländischer Terroristen. „Sie wissen, wie die Geschichte ausging“ – der Attentäter war US-Bürger.

Es gab eine Reihe von Journalisten, die solche sachten Warnungen verbreiteten, nachdem in Boston während des Marathons Bomben explodiert waren; als Twitter heiß lief, um binnen 13 Stunden knapp zehn Millionen Tweets mit den Hashtags #boston und #bostonmarathon auszuspucken. „Das meiste, was Sie jetzt hören, wird sich als falsch herausstellen“, twitterte etwa ein Korrespondent von The Atlantic. Denn so schnell sich auch Informationen zusammentragen und Notrufnummern verbreiten lassen, so groß sind die Defizite jedes sozialen Netzdienstes: So unmittelbar wie gute werden auch schlechte Quellen gleichwertig in den Nachrichtenstrom eingespeist.

Man konnte daher bei allen live berichtenden Medien ein Spekulationsspektakel beobachten. Der Boston Globe korrigierte die Zahl der Verletzten am Montag in 24 Minuten von 46 auf 100 auf mindestens 90 auf 64, um am Ende des Tages bei etwa 130 zu landen. Und man kann den Globe guten Gewissens zu den wichtigen journalistischen Quellen zählen.

Warum das Rechercherohmaterial fortwährend veröffentlicht wird, liegt auf der Hand: weil es veröffentlicht werden kann, weil es gelesen wird und weil das Update-Dauerfeuer ökonomisch sinnvoll scheint. Nicht jede richtige, sondern jede Information bringt kurzfristig mehr Follower und Reichweite. Nicht nur die Vorzüge, auch die Mängel der sozialen Netzwerke – die Fehlschlüsse, der unsortierte Informationsmüll – werden zur Grundlage des Geschäfts. Twitter zeigt, wie News entstehen. Aber Twitter ökonomisiert den Newsprozess auch weiter. „Wir hatten eine Information zuerst, und morgen haben wir dann andere“ ist wichtiger als „Wir haben Informationen, die auch morgen noch stimmen“.

Andererseits ließ sich am Fall der Boston-Berichterstattung beobachten, dass es „die Medien“ nicht gibt. Womöglich hat sich seit dem Amoklauf in Newtown im Dezember etwas verändert: Damals stand der Bruder des Täters bereits weltweit als Täter fest, bevor man merkte, dass man da den Falschen mit Namen und Foto gezeigt hatte. Eine kollektive Fehlleistung, die auf der Wahl der falschen Form basierte: Wer einen Liveticker im Programm hat, muss ihn auch füllen, und dann schreibt man notfalls, was alle schreiben. Wenn man von Newtown eines lernen konnte, dann, dass Echtzeitberichterstattung über abgeschlossene Ereignisse und ihre Vorgeschichte – Bombenanschläge gehören dazu – journalistisch bestenfalls der Verteilung von Junkfood entspricht.

Im Bostoner Fall nun gab es neben jenen Medien, die in Echtzeit berichteten, auch Onlinemedien, die sich zurückhielten, obwohl sie damit Reichweite verschenkt haben dürften. Es lässt sich erahnen, dass sich die Medienlandschaft nach und nach so aufsplittet, wie es die Verteidiger der gedruckten Zeitung seit Jahren prophezeien: Es gibt abwägende, einordnende und es gibt emotionsheischende Medien. Nur sind sie eben nicht in Print und Online zu trennen. Sondern in Vorsicht und Vollgas.

Kommentare (21)

Columbus 17.04.2013 | 12:28

Dieser Artikel spricht mein Hirn an und das sagt mit er spricht wahr.

Was die Form des Mediums angeht, so treffen sie den Nagel auf den Kopf: "Es gibt abwägende, einordnende und es gibt emotionsheischende Medien. Nur sind sie eben nicht in Print und Online zu trennen. Sondern in Vorsicht und Vollgas."

Allerdings, so könnte man die Geschichte weiter schreiben, was werden die Leser, in Zukunft viel mehr noch, die Echtzeitseher, bevorzugen? Auf Twitter speed gesetzt, manche kontrollieren den Durchsatz fortlaufend, egal was sie sonst noch so tun, das Vollgas oder die abwägende Vorsicht?

Schätzen sie die täglich eingesülzte eigene Meinung, die sie für würzig halten, zu allem und jedem, die Betroffenheitslyrik und die mehr oder minder offen geäußerten Todeswünsche für andere Personen, denen zumeist eine uneingestandene und ersatzweise Bestrafungssehnsucht zugrunde liegt, wie sie nun zur Beisetzung der ehemaligen britischen Premierministerin vertwittert und boulevardisiert wurde oder die Vorsicht und das gerechte Abwägen?

Beste Grüße, Herr Raab

Christoph Leusch

PS: Es gibt manches Mal Trost, auch in der Zeitung mit viel Meinung. Germaine Greer versuchte sich daran, meinend mehr Gerechtigkeit walten zu lassen. Gut, diesen Artikel des Partners Guardian in den dF gebracht zu haben.

thinktankgirl 17.04.2013 | 12:51

Gestern habe ich zufällig nach 1-2 Jahren mal wieder das Heute-Journal gesehen. Das hat fast zum Ende einer Freundschaft geführt.

Gefühlte 10 min Bilder und Aufnahmen rund um den Boston Marathon - bis hin zur Slow Motion eines älteren gestürzten Herrns, der sich dann gleich wieder aufrappelte - emotionale Statements durch Korrespondenten vor Ort über den emotionalen Zustand der Läufer, der Bostoner, der USA. Dann erfuhr ich, da? auch in Hamburg und London Marathone stattfinden - zur Anregung von Trittbrettfahrern?

Aber keine einzige Analyse über die Täter! Warum es rechtsextreme Amerikanier hätten sein können, was nicht auf die Al Quaida hindeutet. Welche rechtsextreme Gruppen oder Weltanschauungen gibt es in den USA, was wollen sie etc.

Auf mein Gemecker hin, versuchten meine Freunde, mich zu beruhigen, es sei doch gesagt worden, es gebe keine Hinweise auf die Täter, deshalb können auch keine Hintergrundberichte gebracht werden. Grrr!

Ich kann mich nicht erinnern, jemals so ein seichtes Infotainment gesehen zu haben.

Meyko 17.04.2013 | 18:49

Ist es nicht im Grunde noch immer so, dass in den Medien die journalistische Sicht auf die Welt schlechterdings so häufig wiederholt wird, bis sie eine Mehrheitsmeinung darstellt, also Mainstream wird oder bleibt? Egal ob die Meldungen so ganz richtig sind, ob halbwahr oder nicht? (Naja, manches "versendet sich" ja gottseidank auch irgendwann.)

Und sollte man als aufmerksamer Leser und Kommentator unter jeden ähnlichen Zeitungsartikel einfach jedesmal den darauf angepassten, im Kern jedoch ähnlichen "Richtigstellungs-Kommentar" vom Vortag kopieren? Und, darf man das überhaupt? Oder wird so ein immer wieder erscheinender Kommentar dann irgendwann „auf Null gekürzt“?

Fragen über Fragen.  ;-)

Herwig Sladek 20.04.2013 | 14:19

Ein Slogan wie: ONLY BAD NEWS - IS GOOD NEWS  soll doch offensichtlich jegliche  "Gaffer - Mentalität" ansprechen ... Und die Gaffer konsumieren ja nicht nur die Medieninhalte zwischen  CNN  und  Fox. News,  sondern auch die zwischengeschalteten Werbesendungen, sodass die div. Zahlen von Opfern und dgl. nicht oft genug in jeglicher Richtung korrigiert werden können... und sollen...      Nun  waren übrigens Tschetschenen immer nur die "Guten" solange sie  in Russland die Unschuldigen bombardierten und mordeten ... aber jetzt, in den  USA ???  Kein Problem, denn da zieht man eben flugs die Islamistenkarte, die (gegebenenfalls auch vorauseilend) schon bereit liegt;  Das leuchtet auch dem Gaffer ein, egal, wie seriös auch immer...

Oddo Wolf 23.04.2013 | 03:25

Zitat: "Es gibt abwägende, einordnende und es gibt emotionsheischende Medien".

Wir halten nicht viel von der Presse, aber wir halten sehr viel von der Pressefreiheit.
Ist es der Presse Freiheit, ob eine Zeitung von ihren Lesern oder anderen Geldgebern "gekauft" wird?

Die großen Massenmedien -so scheint es- genießen die Freiheit dieser Wahl nicht. Die Berichterstattung ist in vielen Bereichen enorm eingeschränkt. Speziell in der EU-Aussenpolitik und alles was die "Supranationalen", den Supra-Euro und den Supra-Staat betrifft, werden Redakteure nur allzu oft bevormundet.

In Zeiten der Rezession der Wirtschaft und -doch oder gerade deshalb- der Hoch-Konjunktur der Weltbemächtiger, scheint die Unabhängigkeit der Presse ein seltenes Gut geworden zu sein.

Informationen, die kurzfristig mehr Follower und Reichweite bringen sind sekundär, wenn es den Interessen der "Governors and Company" wiederspricht. Dann tippen 30 Medien synchron, buchstabengetreu auf Punkt und Komma, was in großen Think-Tanks ausgetüftelt und von den Inhabern der Presse und der Freiheit (zu lügen, wie gedruckt), gewünscht wird.

silvio spottiswoode 23.04.2013 | 13:16

>> "Nicht nur die Vorzüge, auch die Mängel der sozialen Netzwerke – die Fehlschlüsse, der unsortierte Informationsmüll – werden zur Grundlage des Geschäfts. Twitter zeigt, wie News entstehen. Aber Twitter ökonomisiert den Newsprozess auch weiter. „Wir hatten eine Information zuerst, und morgen haben wir dann andere“ ist wichtiger als „Wir haben Informationen, die auch morgen noch stimmen“.<<

Damit ist das Drama moderner Medienökonomie ganz wunderbar zusammengefasst. Die spannende Frage ist: Wie gehen wir damit um?

Spätestens seit Filmen wie "Wag the Dog" ist doch inzwischen aber kritisches Verhalten der Rezipienten im Mainstream angelangt. Eine ganze Generation von uns ist mit digitaler Bild- und Fakten-Manipulation aufgewachsen. In Print, Film und Werbung begegnen einem täglich spektakuläre Bilder, die, obwohl sie faktischen Bezug suggerieren, mit der Realität nicht das Geringste zu tun haben. Immer mehr Menschen sind ja auch aktiv daran beteiligt. Wir verdienen unser Geld mit Manipulation von Bildern und ihrer gewinnbringend kalkulierten Wirkung. Sicher auch ein Grund dafür, dass uns Wahrhaftigkeit und Authentizität – was immer das genau sein mag – inzwischen so brennend interessieren.