Kulturwissenschaft
12.02.2013 | 18:58

Berlinale Dienstag: "Werther" in der Tram

Der goldene Bär muß definitiv nach Osteuropa! Der russische oder doch der polnische Beitrag? Wenn man als Kriterium die emotionale Spannung nimmt, die einen Zuschauer auch Stunden

nach der Vorführung nicht losläßt, dann geht er an den rumänischen Wettbewerbsbeitrag "Pozitia Copilului".

Montag morgen in der Straßenbahn:

neben mir erledigt ein Sprachstudent seine Hausaufgaben. Gemeinsam suchen wird das Präteritum zu "Lotte empfindet Sympathie für Werther, liebt aber..." und so fahren wir in trauter Gemeinsamkeit, die Weltliteratur, der junge Spanier und ich bis zum Hackeschen Markt. Monbijouplatz steigt ein kleiner Cowboy ein- es gibt tatsächlich noch Kinder, die als Cowboy zum Fasching gehen (vielleicht doch ein Verdienst dieses Tarantino?) Mir gegenüber sitzen jetzt die "Grundlagen des Existenzialismus"- na dann auf ins Kino!

"Pozitia Copilului", meine Kontakte mit dem rumänischen Kino , so überlege  ich kurz vor Beginn des Films, belaufen sich wohl auf Null-

und dann dieses erste Rendezvous!

Die Hauptfigur dieses Films ist ein Albtraum an Mensch, Cornelia. Egozentrisch, als Mutter übergriffig, kalt ohne einen Funken Empathie, aber zur Sentimentalität neigend, wenn ihr die Zügel zu entgleiten drohen. und dennoch...

Wir lernen sie an ihrem Geburtstag kennen  und ihren größten Kummer erfahren wir auch gleich in der ersten Einstellung- der Sohn wird nicht kommen! Wir hören ihre Einstellung dazu- habe sie denn nicht ein Recht darauf, den eigenen Sohn an ihrem Geburtstag zu sehen und sie verrät auch sofort, wer schuld ist- die Schwiegertochter!

Der Geburtstag entpuppt sich dann als eine riesige Party,  bei der viele reiche und einfußreiche Freunde  geladen sind, die  ihr gebührend huldigen und bei der der Sohn ein  wichtiges Assecoire gewesen wäre.

Einige  Tage später überfährt der Sohn ein Kind und braucht ihre Hilfe.  Als Cornelia die Nachricht hört, erscheint sie für einen Moment bestürzt, doch das gilt nicht dem toten Kind- sie kontrolliert lediglich enttäuscht, warum der Sohn nicht sie sondern seine Tante angerufen hat. Auch als sie zum Polizeirevier an den Unfallort fahren, gibt es nicht einmal einen Moment des Mitgefühls, weder mit der Familie des toten Kindes, der sie  auf dem Polizeirevier gegenüber sitzt, noch mit dem eigenen Sohn, der gerade ein Mörder geworden ist. Sofort macht sie sich an die "Arbeit", ihn da rauszuholen.  Telefonate, werden pausenlos geführt, alle Kontakte genutzt, mit Geld versucht zu regeln.  Und doch ist das kein "Abrechnungsfilm" mit einem korrupten System ( Das wird so beiläufig erzählt, daß man manchmal würgen möchte vor Ekel). 

Denn jetzt kann sich das Familiendrama erst so richtig entfalten- der Sohn dankt seiner Mutter nicht! Im Gegenteil, er sperrt sie aus seiner Wohnung aus und verbietet ihr den Kontakt, jetzt im Angesicht eines von ihm getöteten Kindes versucht er tatsächlich, seine Nabelschnur zu trennen. An seiner Seite eine Frau, die in ihrer emotionalen Unbeschadetheit etwas vorschlägt, was allen anderen lediglich als taktisch kluges Manöver erschien, die Bezahlung der Beerdigung. 

Daß das Ganze nicht im Klischee versinkt, verdankt der Film den hervorragenden Schauspielern, allen voran Luminita Gheorghiu als Cornelia, die es tatsächlich immer wieder schafft, daß der Zuschauer  Mitleid mit ihr hat, weil sie mit der ganzen unerträglichen Egomanie dieser Frau auch gleichzeitig deren große Einsamkeit spürbar macht (und es teilweise bis zum Unerträglichen treibt, weil sie  konsequent spielt, daß sich diese Frau niemals ändern wird)

und weil er schöne und auch ironische Bilder für den Konflikt findet, der bei aller Tragik, lachen läßt (so zum Beispiel wenn Cornelia mit Ihrem Mann zetert, weil der dem erwachsenen Sohn Pizza und Cola zum Abendbrot gegeben hat, sie aber frisch gepreßten Saft im Kühlschrank hatte) 

Das Ende wird dann sehr tränenreich (ich glaube auch für Leute ohne Kinder) und fast nicht zu ertragen, Cornelia sitzt bei der Familie des toten Kindes und spricht nur von sich, was sie für ihren Sohn getan hat, was sie ihn ihm gesehen hat, was sie für ihn noch vor hat...

und dennoch: Das Wunder geschieht, der Junge- ihr Junge  ist wirklich ein guter Junge  und, so hofft zumindest der Zuschauer, vielleicht irgendwann einmal frei.

 

Das schönste Bild:  am Ende des Films, der Sohn auf der Rückbank des Autos will aussteigen:  "Locked me out, Mama"