Kulturwissenschaft
15.02.2013 | 16:06

Berlinale: Gebt ihm den Bären!

Der bosnische Film: Epizoda u Zivotu Beraca Zeljeza/ An Episode in the Life of an Iron Picker begeistert vor allem durch seine Erzählweise

Die Lakonie des Titel ist auch Ausdrucksweise des Films. Es spricht durchaus für ihn, daß es mir sehr schwer fällt, ihn zu beschreiben.

Ein winterliches Dorf in Osteuropa.  Eine Familie: der Mann holt das Holz aus dem Wald, die Frau backt mit den Kindern das Brot. Arbeit für die  Männer gibt es vor allem beim Schrottplatz,  Autos werden auseinandergenommen. Von dem verdienten Geld gönnt man sich einen Schnaps, scherzt, was die Frau dazu wohl sagen wird. Der Schnee fällt sanft auf die Bäume.

Die Frau heißt Senada, ihr Mann Nazif. Die Kamera begleitet sie und ihre zwei entzückenden Kinder voller Respekt, fast zärtlich durch diese, ihre Geschichte.  Denn Senada und Nazif  spielen sich selbst, durchleben für uns, den Zuschauer, noch einmal die Tage, in denen Senada lebensgefährlich  krank wurde und im Krankenhaus nicht behandelt wurde, weil sie keine Krankenversicherung hat und die Operation nicht bezahlen kann.

Der Film bleibt auch da leise, keine Tränenausbrüche, keine  dramatische  Musik bietet uns ein Drama im klassischen Sinne. Und gerade dadurch berührt er auf fast unheimliche Weise.

Denn der Zuschauer erlebt den Konflikt quasi zweimal, einmal durch das im Film Gezeigte und noch einmal durch das immer stärker fühlbar werdende Erstaunen Senadas und Nazifs in ihrem Spiel. Noch einmal werden sie sich der unglaublichen Demütigung, der sie ausgesetzt sind ( wenn zum Beispiel der Doktor vor ihnen einfach die Tür zum Operationssaal schließt, aber auch wenn die "Guten" vom Romahilfsverein kommen, um zu helfen) bewußt. Und der Zuschauer mit ihnen.

Die Szene, in der Nazif versucht, das Geld für die Operation auf einer Müllkippe zusammenzusammeln, gehört zu den eindringlichsten des Wettbewerbs.      (Und obwohl man sich ja sagen kann, daß es gut ausgegangen sein muß, Senada spielt ja schließlich sich selbst, ergreift den Zuschauer ebenso die Mutlosigkeit und die Verzweiflung. )

Das Leben mit der Armut ist hier normal (so sind die "Jungs" vom Stromanbieter gute Bekannte, da sie öfter mal an und abstellen). Der Konflikt;  die Ökonomisierung unserer Körper ist kein bosnisches und auch kein Roma Problem. Vorgeführt zu bekommen, was die logische Konsequenz unserer kapitalistischen Gesundheitswesen ist, ist auch nach dem guten Ende noch deprimierend.  Deshalb: den Bären!

Für die grausame Wahrheit und für diesen liebevollen Film über eine Familie. Schönste Szene: Die Operation ist überstanden, auch der Strom ist wieder da, die Familie sitzt gemeinsam vor dem Fernseher, da legt Nazif für einen kurzen Moment seinen Kopf auf Senadas Schulter