Kulturwissenschaft
14.02.2013 | 15:11 3

Berlinale: Krugovi

"Krugovie"/ Circles Und noch einmal alle 10 Punkte nach Osteuropa! Die exjugoslawische Koproduktion zeigt einmal mehr die bildgewaltige Stärke des osteuropäischen Kinos

und durch seine Platzierung im Forum die Halbwertzeit, der Konflikte und ihre Verarbeitungen unterliegen- der Balkankrieg ist "Schnee von gestern" (die Berliner Zeitung sprach genervt von "Filmen wie diesen").

Wer sich dennoch auf den Film des Regisseurs Srdan Golubovic´einläßt, erlebt ein hochemotionales, bildgewaltiges Drama um Schuld und Vergebung. Interessanterweise ist er von den osteuropäischen Filmen trotz (oder gerade?) wegen der Schwere seines Themas am Ende der hoffnungsvollste.

Die Geschichte nimmt sich eine wahre Begebenheit zum Anlaß. Während des Krieges 1993 versucht in Trebinje (Bosnien) ein junger serbischer Soldat  einen muslimischen Zivilisten zu schützen.  Diese Tat ist der Stein, der ins Wasser geworfen wird und jetzt Kreise (so der Titel) wirft.  Wir sehen einige der Beteiligten 12 Jahre später. Da ist die Freundin des jungen Soldaten, die mit ihrem Sohn (wir wissen noch nicht  wovor) flieht.  Der muslimische Kioskbesitzer, dem damals die Hilfe galt, versucht jetzt die Frau und das Kind zu beschützen. Er lebt mittlerweile mit zwei reizenden Töchtern und seiner deutschen Frau in Halle/Neustadt, die Intervention des serbischen Soldaten war für ihn die Chance zum Überleben. Dennoch wirkt er oft wie eine Hülle.

In Trebinje restauriert der gramgebeugte Vater des Soldaten eine kleine Kirche. Dieses Bild der Kirchenruine in der weiten hügeligen Landschaft wird eine zentrale Metapher in dem Film:  in dem Maße wie diese kleine Kirche wieder hergestellt wird, wächst auch die Möglichkeit der Vergebung.

Eines Tages steht ihm ein junger Mann gegenüber, der bei ihm arbeiten will. Doch als er seinen Namen nennt, wird er abgewiesen. In ein Belgrader Krankenhaus wird währenddessen ein Unfallopfer eingeliefert. Der Arzt, wir erkennen ihn wieder als den Freund des Soldaten, kennt auch das Unfallopfer gut- es ist einer der Soldaten, die den Muslim massakrierten, der Schlimmste von den dreien. Er  soll ihn operieren und ihm so das Leben retten.

Das alles erzählt der Film in langen Einstellungen und  großartigen Bildern von hoher Erzählkraft.   So sind diese Geschichten die kleinen Kreise und Wellen, die der Stein ausgelöst hat, bilden wieder neue Kreise und streben doch alle  gemeinsam einer Art  Erlösung zu.

Es ist wieder einmal das große Verdienst der Schauspieler, das sie diese, eher metaphorisch angelegten Figuren mit Leben füllen, ihre ganze Verzweiflung, ihr Ringen mit der Schuld, mit der Suche nach Erlösung so glaubhaft gestalten, daß ein großes emotionaler Sog entsteht, der mit der ikonographierten Metaebene  korrespondiert. Durch diese Korrespondenz kommt es zu einer  Distanz, die  die Vergebung nicht als kitschige Peplik (wie z.B. in amerikanischen Filmen) sondern als Wunsch beziehungsweise Möglichkeit sichtbar macht-

Am Ende:

Es leuchtet ein klein wenig Hoffnung - und doch bringt das  Schlußbild des ermordeten serbischen Soldaten die Gewißheit noch einmal zurück, daß es  ein sehr schwaches Leuchten ist.

 

Kommentare (3)

mymind 14.02.2013 | 21:17

Der Film hat mich auch berührt, auch wenn er nicht ganz an die Qualität von ´Klopka´,  dem Vorgängerfilm von Srdjan Golubovic, heranreicht. Dennoch ist es ein guter, ein wichtiger Film, der u.a. sehr anschaulich auch die Kreise aufzeigt, die in Kriegen auch neben den Kampfschauplätzen stattfinden: die enthemmte Aggression unter Menschen, die bei Kleinigkeiten zu unberechenbarer Gewalt führt.  Sich dem zu widersetzen, erfordert Mut oder Zivilcourage, was viele selbst in friedlichen Zeiten nicht haben & die, die sie haben, riskieren unter Umständen ihr eigenes Leben.

Der Film wirft auch die Frage auf, ob sich dieses ´Heldentum´ lohnt. Der Regisseur hat seine Antwort darauf gefunden: Haris, dem Marko sein Leben rettete indem er seines verlor, ist im Grunde ein sehr liebenswürdiger, aber auch devoter Charakter. Doch in einem entscheidenden Moment ist er aufgrund seines Erlebnisses bereit, auch sein Leben zu riskieren, um ein anderes nicht zu verraten. Auch das ist ein Teil der kreisförmigen Wellen, die entstehen, wenn ein Stein ins Wasser geworfen wird…

Eindrucksvoll war insbesondere die schauspielerische Leistung. Es fällt immer wieder auf, wie hoch das Potential an guten Schauspielern, aber auch Filmemachern,  in dieser Region vertreten ist. Leider findet diese  Qualität hierzulande sehr wenig Beachtung, aber das ist ja nichts Ungewöhnliches im Land des Kommerztrash…

Die Verarbeitung & aufrichtige Auseinandersetzung mit den jugoslawischen Kriegen ist auf dem Balkan alles andere als Schnee von gestern. Sie findet im Grunde nicht statt. Deshalb sind Filme wie dieser zu begrüßen. Die Kritik von Bühler in der Berliner Zeitung ist einfach nur hohl. Diese Oberflächlichkeit & Unkenntnis vieler  Kulturjournalisten, & nicht nur im Kulturbereich,  ist leider auch nichts Ungewöhnliches hierzulande…

Von daher freue ich mich über ihre filminhaltlich gut umrissene Rezension! & erlaube mir eine kleine Anmerkung: Verraten Sie doch bitte das Ende nicht. Auch wenn es in der DFC schwierig ist, Interesse für Kultur abseits des Mainstream zu wecken, aber es gibt bestimmt mehr Leser als Kommentatoren & vielleicht hat ihr Blog bei dem einen oder anderen Leser den Anstoss gegeben, sich den Film noch anzuschauen...