Romy Straßenburg
30.09.2012 | 09:00 1

Das Spiel ihres Lebens

Fußball Dubiose Spielerberater versprechen afrikanischen Talenten, sie in Europa groß rauszubringen. Zerplatzt der Traum, stranden viele in Paris auf einem Bolzplatz. Ein Besuch

Zwei auseinandergebogene Eisenstangen formen das Eingangstor zum Fußballplatz. Nach und nach trotten mehrere Grüppchen junger Schwarzer aufs Spielfeld. Es ist nasskalt, der heruntergekommene Kunstrasen ist rutschig, einige Jungs tragen Baseballmützen. Damit sehen sie so aus, wie man sie sich vorstellt – die „Jungs von Saint-Denis“.

Der Vorort im Norden von Paris ist nicht nur berühmt für seine historische Kathedrale, er ist auch berüchtigt: für Spannungen zwischen Polizei und Jugendbanden, für Gewalt und Kleinkriminalität. Saint-Denis ist in Frankreich der Inbegriff einer Banlieue, eine No-Go-Area.

Die rund 50 Jungs, die jeden Tag zum Fußballtraining hierherkommen, sind nicht in Saint-Denis aufgewachsen, nicht einmal in Frankreich. Sie sind Gestrandete. Der unscheinbare Sportplatz in der Banlieue ist für sie aber ein Ort voller Hoffnungen. Sie spielen hier nicht einfach Fußball – sie denken an ihre Zukunft und träumen von dem Leben als Profi, das ihnen versprochen wurde.

So wie Ibrahim, 21 Jahre alt, von der Elfenbeinküste. Er kam nach Europa, als ein Agent seinen Klub in Abidjan besuchte und ihm ein Probespiel bei einem belgischen Erstligaverein in Aussicht stellte. Bis zu 5.000 Euro zahlen afrikanische Familien an solche Agenten, um ihre Söhne übers Mittelmeer zu schicken – in der Hoffnung, sie eines Tages als Fußballhelden im Fernsehen zu bejubeln. So wie den großen Didier Drogba, Nationalheld der Elfenbeinküste, der den FC Chelsea im Mai zum Champions-League-Sieg über Bayern München schoss und den das Time Magazine 2010 wegen seines sozialen Engagements in Afrika unter die 1oo einflussreichsten Personen des Planeten wählte.

Als Hoffnungsträger wurden "Ballack" und all die anderen Spieler auf dem Platz von Saint-Denis von ihren Familien in Afrika losgeschickt. Nun leben sie in Frankreich ohne Geld, ohne Papiere und ohne festen Wohnsitz (Alle Fotos: Andreas B. Krüger)

Die großen Träume der Jungs zerplatzen aber fast immer direkt nach der Ankunft. „Der Klub hatte gar keinen freien Platz. Der Agent hat sich in Belgien auf und davon gemacht“, erzählt Ibrahim. Viele der gestrandeten Talente kommen dann über Kontakte ihrer afrikanischen „Brüder“ oder übers Hörensagen nach Saint-Denis. „Jeder erzählte dir von Campos.“

Campos trägt ein schreiend blaues Sportdress und eine Pfeife um den Hals, er ist Ende 30. Jeden Schritt, jeden Passversuch auf dem Platz beobachtet er genau. Er ist hier Trainer, Vaterersatz und Sozialarbeiter. Am Spielfeldrand hält ihm „Ballack“, der immer freundlich lächelt und nicht seinen richtigen Namen nennen will, ein amtliches Schreiben entgegen: eine Vorladung wegen Schwarzfahrens. Campos wirft einen kurzen Blick darauf. Dann stopft er den Brief in seine riesige Sporttasche: „Ich kümmere mich später darum.“ Er ruft die Spieler zusammen, teilt sie in Gruppen ein, stellt Plastikzylinder auf, verteilt Bälle.

Bevor es losgeht, versammeln sich die jungen Männer noch zum gemeinsamen Gebet am Spielfeldrand. Einige murmeln das Vaterunser, andere Koranverse – egal welcher Konfession sie angehören, Religiosität spielt für alle eine wichtige Rolle. In ihren Erzählungen taucht immer wieder „mit Gottes Hilfe“ auf. „Diese Kinder fühlen sich betrogen“, sagt Campos. „Das sind keine Kriminellen, es sind zivilisierte Jungs. Sie machen hier nichts kaputt.“

Der Platz verwandelt sie

Gestartet als Hoffnungsträger ihrer Familien, gelandet in einem fremden Land ohne Geld, ohne Papiere, ohne festen Wohnsitz, gibt ihnen der Fußballplatz in Saint-Denis Halt. Abseits des Feldes wirken sie oft misstrauisch und unsicher, sobald sie aber auf dem Platz stehen, verwandelt sie die Leidenschaft für den Ball. Die Jungs, die eben noch lustlos die Straße entlanggeschlichen sind, rennen und kämpfen, als ginge es um ihr Leben.

„Beim Spielen können sie alles vergessen“, sagt Campos. „Der Fußball ist für sie immer noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.“ Der Schweiß rinnt über die grauen und orangen Überziehtrikots, die der Trainer verteilt hat. Er ruft Kommandos über den Platz: „Allez, on joue, les gars!“ Dann unterbricht er das Spiel, ermahnt, erläutert, ermuntert, weiter geht’s.

Der Fußballtrainer Campos im leuchtend blauen Sportdress ist für die Jungs zugleichVaterersatz und Sozialarbeiter. Er ermöglicht ihnen, weiter vom Durchbruch als Fußball-Profi zu träumen - aber an seiner Arbeit gibt es auch Kritik

Am Feldrand schaut ein Dutzend Jungs dem Spielgeschehen zu. Wer keinen Platz in einer Mannschaft ergattert hat, macht hinter der Torlinie Sit-ups und Liegestütze. Auch der 18-jährige Roland pumpt hier. Er stammt ebenfalls von der Elfenbeinküste. Wegen einer Knieverletzung hat ihn Campos an diesem Nachmittag an den Rand kommandiert. „Wenn du Geld brauchst oder in Schwierigkeiten steckst, rufst du Campos an“, sagt Roland. „Wenn du einen Arzt oder einen Platz zum Schlafen suchst, findet er eine Lösung. Aber während des Trainings zählt allein der Fußball.“

Nach dem Abpfiff kommen noch einmal alle zusammen. Ein orangenes Trikot fehlt, Campos ordnet eine Suchaktion an. Weil es keine finanzielle Unterstützung seitens der Gemeinde für sein Projekt gibt, achtet er peinlich genau auf jedes T-Shirt, jeden Ball, jede Pfeife. „Begonnen hat alles vor vier Jahren. Damals baten mich ein paar Jungs um Hilfe, um in Form zu bleiben“, erzählt Campos. „Dann kamen immer mehr, die von uns gehört hatten. Aber nicht jeder kann am Ende bei uns mitspielen. Ein gewisses Niveau ist Voraussetzung, denn wir wollen ein anspruchsvolles Training von hoher technischer Qualität.“

Auf einer Steinmauer am Spielfeldrand suchen die Jungs ihre Sachen zusammen. Sie ziehen die verschwitzten T-Shirts aus, lassen ein wenig Regen auf die erhitzte Haut prasseln. Zwischen 12 und 14 Uhr, wenn Schulen und Vereine Mittagspause machen, erlaubt ihnen die Gemeinde, hier zu trainieren. Umkleiden und Duschen dürfen sie aber nicht benutzen. Meistens duschen sie im Laufe des Nachmittags irgendwo bei Freunden, erzählen sie. Nachts schlafen sie in überfüllten, illegal vermieteten Zimmern – oft über zehn Leute in einem Raum.

Wenn Campos von seinem Fußballprojekt erzählt, klingt es manchmal, als sei er auf einer Mission: „Es gibt Menschen, die hat der liebe Gott auf die Welt geschickt, um anderen zu helfen. Ich glaube, ich bin einer von ihnen.“ Er versucht auch Geld zu organisieren, um seine Jungs zu unterstützen. Eines Tages, ist er sicher, wird sich alles fügen. „Wir wissen nur noch nicht wann.“

"Ballack", Ibrahim und Gui (von oben nach unten) trainieren regelmäßig auf dem unscheinbaren Sportplatz in der Banlieue

Weil sie kein Geld haben, fahren Ibrahim und einige seiner Fußballfreunde nach dem Training ohne Fahrschein mit dem Vorstadtzug zum Gare du Nord. Mit der Angst vor einer Strafe wegen Schwarzfahren im Nacken, um die sich Campos dann wieder kümmern muss – wenn es gut läuft. „Du gehst immer das Risiko ein, dass sie dich erwischen und du dich dann in Afrika wiederfindest“, sagt Ibrahim.

Treffpunkt: kleines Afrika

In Paris heißt die Gegend rund um den Gare du Nord auch „kleines Afrika“. Hier herrscht ein anderer Rhythmus als im Rest der Stadt. Viele Afrikaner hängen zusammen ab. Mit ein bisschen Glück werden sie als Tagelöhner angeheuert. Manchmal kann Ibrahim 30 Euro auf einer Baustelle oder in einem Restaurant verdienen. Oder er zieht ein paar Straßen weiter an die Metro-Station Château d’Eau, wo er zwei bis drei Euro kassiert, wenn er es schafft, einen Kunden in einen der zahlreichen afrikanischen Friseursalons zu locken. Business à l’africaine nennen sie das hier.

Ein paar Kilometer weiter westlich, am Gare Saint-Lazare, bestimmen andere Geschäftsmänner das Bild. In grauen Anzügen, das Smartphone am Ohr, rauschen sie über den Platz. Die Cafés hier sind ein beliebter Treffpunkt für Verabredungen. Jean-Claude Mbvoumin kommt ein wenig zu spät, weil sein Vorstadtzug liegengeblieben ist. Er ist 39 und ehemaliger Profifußballer aus Kamerun. Sein Handy klingelt oft. Er hat viel zu tun, und er wäre, wenn sie es denn wollten, auch eine Anlaufstelle für Roland, Ibrahim und „Ballack“. Vor elf Jahren hat Mbvoumin den Verein Footsolidaire ins Leben gerufen. Natürlich kennt er Campos und Saint-Denis. Doch der inoffizielle Fußballklub, findet er, sei der falsche Weg.

„Man darf die Kinder nicht in dem Glauben lassen, sie könnten Profispieler werden“, sagt Mbvoumin. „Die athletischen Anforderungen sind enorm hoch. Von tausend Nachwuchsfußballern gibt es womöglich einen, der das Zeug dazu hat.“

Pro Jahr bitten ihn etwa 200 Jugendliche, überwiegend aus den frankophonen Ländern Afrikas, um Hilfe. Manche sind erst 13 oder 14. In Marokko hat man sie in ein Boot gesteckt und über die Straße von Gibraltar gebracht. Dann haben sie sich bis nach Frankreich durchgeschlagen. Je jünger sie sind, als umso interessanter für das „foot-business“, den Handel mit Fußballspielern, gelten sie. Mbvoumin versucht aber, ihnen eine andere Zukunftsperspektive fernab vom Fußballplatz zu geben. „Ein geregeltes Leben beginnt mit einer Aufenthaltsgenehmigung, einem festen Wohnsitz, einer Schul- oder Berufsausbildung.“ Die verstörenden Geschichten von jungen Männern, fast noch Kindern, begleiten ihn. Zu viele hat er scheitern sehen.

 

Bei seinen regelmäßigen Reisen nach Afrika versucht Mbvoumin mit den Institutionen vor Ort gegen diese „moderne Art von Sklavenhandel“ zu kämpfen. „Die Kids sind in eine zerstörerische Maschine geraten, leben hier unter widrigsten sanitären Bedingungen und riskieren in ihrem klandestinen Klub ihre Gesundheit.“ Er weiß aber auch, dass er sie nicht einfach wieder nach Afrika schicken kann, wo die Eltern auf frohe Botschaften von ihnen warten. „Als ich im Januar vier Jungs zurück in den Senegal brachte, musste ich erst sichergehen, dass die Familien ihre Söhne nicht aus Schamgefühl verstoßen. Erfolglos in die Heimat zurückzukehren, gilt in ihrer Kultur als würdelos, als eine große Schande.“

Davor haben die Jungs in Saint-Denis große Angst – und klammern sich deswegen an jede noch so kleine Hoffnung. In einer zugigen Bar neben dem Fußballplatz versucht „Ballack“ mit seinem entwaffnenden Lächeln, seine Freunde, seine Teamkollegen, seine „Familie“ nach dem Training zu motivieren: „Es gibt tausende Ballacks auf Frankreichs Straßen. Man muss uns bloß entdecken“, sagt er. Das Träumen beherrscht er mindestens so gut wie die Doppelpässe und Dribblings.

Auch Ibrahim glaubt weiter an seinen Durchbruch: „Ich will meiner Mutter das zurückgeben, was sie für mich getan hat. Dieser Wunsch gibt mir die Kraft, weiter an mir zu arbeiten.“

Langsam wird es still in der Bar. Campos schaut auf seine knallgrüne Armbanduhr. Dann brechen sie auf, die großen Sporttaschen über der Schulter. Jetzt, abseits des Platzes, sind sie nicht mehr Stürmer oder Außenverteidiger. Jetzt sind sie wieder „die Jungs von Saint-Denis“.

Kommentare (1)

Oberham 01.10.2012 | 10:05

Die Fußballsklaven stehen doch stellvertretend für Millionen Afrikaner, die das Kleptokratensystem eines ganzen Kontinents in die Hände von Schleppern treibt.

Manche laufen buchstäblich um Ihr Leben - einige davon - erhalten sich damit sogar ihre Würde - doch Würde, ist auf unserer Erde den Gewinnern vorbehalten - der Rest darf nur hoffen - meistens bis zum Tod.

Gefällt das Gesicht von einem dieser Jungen einem zufällig vorübergehenden Passanten, der zufällig eine Modellargentur besitzt, könnte zufällig aus einem ein kleiner Prinz werden - die Familie wird stolz sein.

Ein anderer wir vielleicht tatsächlich Fußballprofi - verdient dann 10 Mio. im Jahr - die Familie wird stolz sein.

Prinzip ist jedoch - wer es schafft, der hat zwar Glück gehabt, doch vor allem hat er es sich - für sich und nur für sich alleine - verdient.

Die anderen - Verlierer - hatten Pech und haben sich nicht genügend angestrengt.

Im Grunde ist das Beispiel dieser Kicker-Figuren das Spiegelbild unserer ganzen menschlichen Existenz - letztlich basiert alles auf den Launen des Schicksals - wem es nicht hold ist, der darf nicht auf die Solidarität der Gewinner hoffen - nur wenn er viel Glück hat - bekommt er vielleicht als Verlierer tatsächlich irgendwo nochmal eine Chance - und wieder - das Wort Glück.

Wäre das Leben wirklich so öde, langweilig und dunkel, würden die Gewinner eines Tages ihre Arroganz des Sieges vergessen, den Verlierern die Hand reichen und nach einem gemeinsamen Spiel streben - kein Gegeneinander - sondern das immer gepriesene nur in der größten Not praktizierte Miteinander im Alltag praktizieren?

Gebetsmühlenhaft wiederholte Utopie seit Jahrtausenden....