liz weidinger
17.01.2013 | 14:42

Aus der Rolle gefallen, Girls

Genderkolumne Die neuen amerikanischen Serien sind weiblich und spielen mit Sexualität. Bei den Golden Globes standen Macherinnen wie Tina Fey oder Lena Dunham im Rampenlicht

Aus der Rolle gefallen, Girls

Foto: Paul Drinkwater/ NBCUniversal via AFP/ Getty Images

Was gibt es besseres als viele Folgen der aktuellen Lieblingsserie hintereinander zu schauen, ohne dazwischen das Bett zu verlassen – außer vielleicht, um Alkohol oder eine Packung Chips zu holen? Nicht sehr viel. So gut lässt sich damit die Zeit verschwenden und eine fiktionale Welt inklusive spannender Wendungen betreten, die im besten Fall mit jeder Folge heimeliger und komplexer wird.  

Bei den letzten beiden Serien, die mich durch den Alltag begleiteten, wollte sich das Gefühl des Angekommen-Seins in einer Parallelwelt jedoch nicht so recht einstellen. Sei es, weil zu Beginn keine wichtigen weiblichen Charaktere zu sehen oder die männlichen Protagonisten von Dominanz- und Gewaltverherrlichung bestimmt waren. Das war bei Boardwalk Empire der Fall, was vielleicht auch daran liegt, dass das teure und vielgelobte HBO-Drama im Amerika des Alkoholverbots spielt. Oder in der seit 2009 laufenden US-Sitcom Community, die sich um die Erlebnisse einer Community-College-Lerngruppe dreht und ihre Fans hauptsächlich durch die äußerst geschickten Film- und Popkulturreferenzen für sich gewinnt, als durch die stereotyp gewählten sieben Hauptcharaktere: Schönling, Nerd, Sportler, Rentner, Streberin, Mutter, Feministin. Sie pendeln konstant zwischen herrlich Over-the-Top und schrecklich vorhersehbar hin und her. Bei dieser Serie bin ich mir immer noch nicht sicher, ob es sich bei all dem feministischen Lob für Britta nicht doch um die Repräsentation eines Straw-Feminist-Tropes handelt. Das heißt, um eine übertrieben feministische Figur, die mit ihren Vereinfachungen und Klischees nur dazu dient, feministischen Aktivismus als unnötig und lächerlich darzustellen.

Goldene Alternativen

Da hat es mich gefreut, bei der Verleihung der Golden-Globe-Awards am vergangenen Sonntag viele coole Frauen des amerikanischen Film- und Fernsehbusiness zu sehen. Allen voran selbstverständlich die beiden Comedystars Tina Fey und Amy Poehler, die den Abend moderierten und beide selbst als beste Hauptdarstellerinnen in einer TV-Comedy-Serie nominiert waren – Fey mit 30 Rock, Poehler mit Parks and Recreation. Die Verleihung wurde damit von zwei Frauen moderiert, die – wie schon aus ihren Serien gewohnt – gekonnt bewiesen, wie gut Weiblichkeit und Humor zusammengehen. Das gängige Vorurteil der witzlosen Frau gilt also schon lange nicht mehr. Spätestens aber seit dem Kinoerfolg von Brautalarm 2011 wurde diese Kombi zu einem gern diskutierten Thema und kann seit dem Serienliebling Girls von Lena Dunham nicht mehr angezweifelt werden.

So wurde Girls auch passend zum Beginn der zweiten Staffel in Amerika am vergangenen Wochenende gleich zweimal mit einem Golden Globe ausgezeichnet. Produzentin, Regisseurin, Drehbuchautorin und Hauptdarstellerin Dunham schnappte also Fey und Poehler nicht nur ihre Auszeichnung für die beste Hauptdarstellerin weg, sondern Girls wurde auch als beste Comedy-Serie geehrt. Der Buzz um die Geschichten einer Brooklyner Mädchenclique in ihren Zwanzigern zwischen beruflicher und persönlicher Selbstverwirklichung vom vergangenen Jahr setzt sich also auch in den Auszeichnungen fort, nachdem Girls zwar 2012 für vier Emmys nominiert war, jedoch nur einen für das Casting gewann.

Damit ist Dunham in einen Kreis erfolgreicher Kulturproduzentinnen aufgestiegen, die mit ihrer Arbeit eine wichtige Erweiterung der auf dem Bildschirm sichtbaren Charaktere schafft. Klar, dass da Kritik nicht weit ist. Aber wichtige Kritik. Zum Beispiel berücksichtigte Dunham angeblich die Diskussion um das Weißsein der Serienpersonen, die in keinster Weise ein aktuelles New York als vielmehr rassistische Strukturen abbilden, schon in der ersten Folge der zweiten Staffel. Die von Dunham gespielte Hannah hat eine neue Affäre, mit dem afroamerikanischen Sandy, und auch die Gäste ihrer Einweihungsparty sind diverser geworden. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass sich die Protagonistinnen für ihre ökonomische Situation selbst bemitleiden, jedoch weit entfernt sind von realer Armut oder Diskriminierung aufgrund ihres sozialen Status. Sorgen um ein (selbstgewähltes) prekäres Überleben in der Kulturwirtschaft, das Dunham so wundervoll in Girls abbildet, muss sie sich inzwischen bestimmt nicht mehr machen. Das kann jedoch nur Grund zur Freude sein, schließlich produziert das 26-jährige Multitalent bestimmt noch einiges an Unterhaltungsmaterial.

Oh, Jodie

Girls hat außerdem mit der komischen und unperfekten Darstellung von Sex für Diskussionen gesorgt und damit humoristisch abgebildet, was in Studierendenzimmern passiert statt geträumt wird - meist aber nur heterosexuelles Begehren. Auf den Golden Globes hingegen sorgte Jodie Foster, die für ihr Lebenswerk geehrt wurde, mit einer rührenden Rede für Tränchen im Publikum und Begeisterung in der homosexuellen Community.

Denn obwohl Fosters Homosexualität schon vor Jahren bekannt wurde, war sie nicht "out and proud". So wirklich war sie das auch in ihrer Dankesrede nicht. Trotzdem hat sie auf einer so öffentlichen Bühne explizit den medialen Umgang mit sexuellem Begehren von Promis thematisiert, unter anderem ihrer jahrelangen Ex-Partnerin gedankt und erklärt, sie sei stolz auf ihre moderne Familie. Viel mehr Wert als auf die Öffentlichmachung ihrs Begehrens legte sie auf Privatsphäre. Das erinnert an die Diskussion um Altmaiers-Zwangsouting in der taz und noch einmal daran, dass es eben doch nicht um Öffentlichkeit vs. Privatheit geht, sondern um die Diskriminierung und Herausstellung von Homosexualität als etwas Besonderes in einer skandalträchtigen Berichterstattung im Gegensatz zur Omnipräsenz heterosexueller Paarbeziehungen.