liz weidinger
09.01.2013 | 12:03 19

Jahrescharts reviewed

Genderkolumne Die Saison der Best-Album-Listen geht gerade zu Ende. Eine perfekte Gelegenheit, mal wieder einen kritischen Blick auf Geschlechterverhältnisse im Musikbusiness zu werfen

Jahrescharts reviewed

Die einzige Frau auf Platz eins: Laurel Halo mit ihrem Album Quarantine und "Harakiri Schoolgirls" auf dem Cover.

Foto: Presse

Das Ding mit den Jahreslisten ist keine einfache Sache, sondern ein fieser Mainstreaming-Prozess der Musikpresse. Hier findet sich eher Konsens statt wildem Grenzgängertum. Trotzdem mag ich sie. Abschlusscharts komprimieren das musikalische Jahr zu einer praktischen Übersicht und lassen den wilden Sound-Dschungel in hübscher Ordnung erscheinen. Je nach Medium lässt sich ablesen, welche Platte vielleicht zu Unrecht noch nicht gehört wurde – weil das Cover komisch war oder der Zeitpunkt des ersten Hörens keine guten Umstände bot.

Die nachrichtenarme Feiertagszeit habe ich also für eine intensive Listenanalyse genutzt. In dieser Kolumne folgt deshalb zweierlei: ein reichhaltiger Überblick an Musikerinnen, die immer wieder in den Jahrescharts auftauchen, und ein kritischer Blick auf die Geschlechterverteilung der in den Top 25 gelisteten Künstler_innen. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Männlich dominiert ist – Überraschung – auch die Popmusik. Deswegen ist es wichtig, aktiv aufmerksam zu machen auf Künstlerinnen und Musikerinnen, über die Geschlechterverhältnisse in der Popkultur nachzudenken und strukturelle Ungleichheit der Geschlechter nicht wegzureden sondern zu bekämpfen.

Zahlenspiele

Für die Auswertung der Top-25-Alben von Intro, Pitchfork, The Wire und Resident Advisor habe ich die Musiker_innen in das gesellschaftliche System der Zweigeschlechtlichkeit eingeordnet, zum Beispiel über Namen oder die verwendeten Pronomen in Labelinfos. Ich kann also nicht sagen, ob sie sich selbst so identifizieren würden. Außerdem tauchen in den Ergebnissen nur die vereinheitlichten Gruppen von Frauen und Männern auf – Differenzen innerhalb der Gruppen sowie jegliche Personen, die nicht dazu gehören, werden unsichtbar gemacht. Alles Probleme mit denen sich die Geschlechterforschung schon lange beschäftigt und woher die wichtige Wissenschaftskritik an quantifizierender Forschung kommt.

Hier die Anzahl von rein weiblichen Acts, gemischtgeschlechtlichen Musikprojekten und männlichen Solo-Künstlern und Bands im Vergleich:

  • Kategorien:   weiblich – gemischt – männlich
  • Intro:                2 – 7 – 16
  • Pitchfork:       4 – 6 – 15
  • The Wire:        4 – 3 – 18
  • RA (Top 20):   2 – 1 – 17

Unter den rein weiblichen Acts finden sich nur Solokünstler_innen, keine einzige nur weiblich besetzte Band. Und während bei den gemischtgeschlechtlichen Acts schon eine Quotenfrau an der stereotyp weiblichen Geige reicht, um in diese Kategorie zu fallen, überwiegen in allen vier Jahrescharts Musikprojekte von Männern. Am ausgeprägtesten in der elektronischen Musikliste des Resident Advisor, dicht gefolgt vom gern gelobten, avantgardistischen Wire. Aber auch die gitarrenlastigeren Magazine haben nur einen kleinen Vorsprung.

Hit-Musik

Die einzige Frau auf Platz eins ist Laurel Halo mit ihrem Album Quarantine in der Wire-Liste. Ihr herausfordernder Musikentwurf überzeugt die Kritiker_innen und taucht immer wieder als wichtiges Album des vergangenen Jahres auf. Weitere Musiker_innen aus den Listen, die schon in dieser Kolumne auftauchten, sind Grimes mit ihrem im März erschienenen Album Visions genauso wie Bat for Lashes‘  The Haunted Man und das gemischtgeschlechtliche Duo Purity Ring mit ihrem Debüt Shrines.

Auf Platz drei bei Pitchfork findet sich dann das vierte Studioalbum der in den USA kultisch verehrten Singer-Songwriterin Fiona Apple, die sich für ihr obenstehendes Video zur ersten Singleauskopplung schon mal einen Tintenfisch auf den Kopf setzt oder auch 23 Wörter für den Albumtitel wählt. Das einnehmende, wütende, verzweifelte The Idler Wheel… führt dabei die Arbeit einer außergewöhnlichen Musikerin auf konsequente Weise fort.

Die in Los Angeles wohnende Julia Holter hat im März 2012 das  Album Ekstasis veröffentlicht, das viel Material ihrer schon gelobten Vorgängerplatte Tragedy enthielt und das mich durch den Sommer begleitet hat. Die pointiertere, eingängigere und auch etwas poppigere Form der Platte findet sich zu Recht in den Top 25 der Musikmagazine.

Zwei weitere Damen bestimmten 2012 mit charttauglicheren Sounds. Da ist zum einen die britische Soul-Pop-Hoffnung Jessie Ware, die mit ihrem Debütalbum Devotion auf Platz drei der Guardian-Charts gelandet ist. Und natürlich, nicht zu vergessen, die Königin der nicht nur wegen Simon Reynolds jahresprägenden Retromanie Lana Del Ray mit Born to Die. War ich lange Zeit vor dem Sound der Barbiepuppenverkörperung gefeit, schlich sich doch glatt entgegen der Vorgabe der Jahreszeiten ihr Hit Summertime Sadness noch im Winter in mein Ohrwurm-Gedächtnis.

Unter den gemischtgeschlechtlichen Bands finden sich in den Listen zum Beispiel der Art-Rock der Brooklyner Band Dirty Projectors mit ihrer Platte Swing to Magellan, genauso wie die gleich nach dem zweiten Album von The xx zu reihende Konsensplatte Kill for Love von den Chromatics, deren Sound durch Italo-Disco, langsame Synths und Post-Punk-Gitarren geprägt ist. Oder der deutlich dichter gewordene Dreampop von Beach House mit Bloom.

Und wer jetzt gar nicht mehr weiß, wo er als erstes Hinhören soll den möchte ich wahlweise in die Arme von Cat Power entlassen, die Meisterin der Krise, die mit Sun mal wieder gezeigt hat, welch tolle Musikerin sie ist. Oder in die Arme des schwulen Pornostars Arpad Miklos im wie immer tollen Video von Perfume Genius.

Kommentare (19)

hunter 09.01.2013 | 14:30

Wie wäre es einmal mit einer Auflistung der grünäugigen Linkshänder unter den Popstars?

Mal ehrlich, sagt nicht eine Vorliebe für braune oder schwarze Schuhe oft viel mehr über einen Menschen als -wie trivial!- sein Geschlecht?

Wo bleibt die Liste der Kaffee- gegen die Teetrinkenden Popstsar?

Und wann wird endlich einmal der Unterschied zwischen Menschen aus Bier- und denen aus Wein konsumierenden Ländern herausgearbeitet?

Was interessiert mich, wieviele weibliche oder männliche Popstars Chartplätze erreicht haben, wenn ich nicht ersehen kann, wieviele davon potentielle SPD und wieviele CDU- Wähler sind!

Wer liest T.S Eliot und wer liest gar nicht unter den Hardrockern?

Wer hat die meisten Pickel unter den Teeny-Bands?

Und wo bleibt die Liste über die bevorzugten Drogen unserer Megastars?

Du meine Güte, es muss sehr trostlos sein, sich immer bloß um das eigene Geschelcht zu drehen!

Und man empfände ja sogar ein wenig Mitleid mit den arg Phanstasielosen - wenn sie nur nicht so furchtbar penetrant wären! 

Hans Müller 09.01.2013 | 14:34

Ja bitte.
Es ist unbedingt notwendig, eine Frauenquote für Konsument_innen von Kunst einzuführen.

Das Personal an der Musikmarkt-Kasse könnte diese dann direkt durchsetzen, indem es Kaufende ermahnt und sexistisches Kaufverhalten unterbindet.

 

Oder man geht an die Quelle und sorgt dafür, dass schon bei der Verteilung von Talent Quoten eingeführt werden.

pw6 09.01.2013 | 22:14

Aus der Sicht eines Hammers besteht die Welt nur aus Nägeln.... Offenbar gibt es nichts auf der Welt, was nicht auf die Frage reduziert werden kann, ob dort ausreichend viele Frauen mitmischen.
Ich dachte immer, Musik wäre vor allem zum Hören gedacht und über den Erfolg würde vor allem die Musik entscheiden und weniger, wie die Künstler aussehen.

Im Sommer fand ich übrigens das Lied "One Day" mit dieser sehr speziellen Frauenstimme wirklich gut - auch jetzt noch, nachdem sich der/die/das Interpret nur ein Mann (Asaf Avidan) herausstellt.
Wundere mich trotzdem, wie ein Mann so eine Stimme haben kann. Womit ich aber um Himmels willen keine Diskussion lostreten wollte, ob es statthaft ist, daß Männer sich stimmlich als Frau verkleiden und Hitparadenplätze abräumen, die eigentlich für Frauen reserviert sind und ob hier eine bis dato unterschätzte Trans-XY-Problematik vorliegt.

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Ehemaliger Nutzer 09.01.2013 | 22:21

Das ist nun die neue Genderkolumne vom "girlmonster"? Und da muß man sich in erster Linie music von music-Portalen reinziehen, die ja alles anderes als "girlmonstermäßig" sondern hinsichtlich genderzeug überaus stereotyp sind?

Infantil würde ich sagen, mag sein, daß das gendermäßig korrekt ist, aber Erwachsene prüfen, ob hier die Aussage mit der genitalen Identität übereinstimmt. Das ist hier nicht der Fall.
Egal wie der Sound sich anhört.

Popkontext 10.01.2013 | 13:13

Danke, dass du nochmal die Künstlerinnen für dieses Jahr festgehalten hast! Ich bin ja immer nicht konsequent genug beim notieren über's Jahr, und vergesse immer wieder was. Also habe ich in den letzten zwei Jahren keine Listen geschrieben und dieses Jahr auch keine anderen durchgeschaut. Die Frauenzahl hat sich entgegen dem "Gefühlten" in den letzten Jahren leider kaum gesteigert.

liz weidinger 10.01.2013 | 21:49

@popkontext: Danke für den netten Kommentar. Vielleicht klappts im nächsten Jahr ja mal mit einer Liste von dir, die wäre sicher reichlicher mit tollen Künstlerinnen bestückt...

@allesanders: Die Auswahl der Medien, die ich betrachtet habe, kann auf jeden Fall hinterfragt werden. Ich wollte unterschiedliche Musikrichtungen haben und Medien auswählen, die eventuell für einen Popkultur-Mainstream stehen könnten. Welche hättest du dir gewünscht?

Allgemein: Die Kolumne zu Gender und Popkultur gibt es bei Freitag schon ein Weilchen, sie ist immer abwechselnd zu Katrin Rönickes Texten erschienen. Ich habe sie im Juni von Verena Reygers übernommen.

blauhai 11.01.2013 | 14:18

Hallo! Eine sehr sachliche Zusammenfassung, die, soweit ich das gelesen habe, nirgendwo irgendetwas fordert. Vielen Dank.

@Hunter: Wenn Sie nicht an Genderfragen interessiert sind, warum lesen Sie dann eine Genderkolumne?

 

@Hans Mueller: Es hat niemand eine Frauenquote fuer Konsument_innen gefordert. Im Uebrigen geht es bei den diskutierten Listen nicht um Kaufverhalten, sondern um Bewertung von Kuenstlern/Kuenstlerinnen durch ein Gremium. Und da draengt sich einem glatt der Eindruck auf, Frauen kaemen nicht gleich gut weg wie Maenner.

 

@PW6: Wieso reduziert?  Ich wuerde sagen, im Hinblick auf die Genderfrage untersucht.  Sie scheinen der Meinung zu sein, man sollte bestimmte gesellschaftliche Bereiche - etwa Musik - von Genderfragen ausschliessen. Warum? 

hunter 11.01.2013 | 18:48

@Hunter: Wenn Sie nicht an Genderfragen interessiert sind, warum lesen Sie dann eine Genderkolumne?

 Aber nicht doch, selbstverständlich bin ich an Genderfragen (=Fragen, die in irgendeiner Form etwas mit dem Geschlecht zu tun haben) interessiert. Ja, ich bin sogar sehr interessiert daran. Nur eben vielleicht auf einem - darf ich das sagen? - etwas höheren Niveau.

Es muss ja nicht gleich Anna Karenina, Tosca, die Callas oder Gretchen sein - vielleicht würde mich auch interessieren, was das typisch Weibliche an Gedichten von Edna St. Vincent Millay denn ist - so aus der Sicht einer echten Expertin für Gender.

Eine Frage hätte ich noch: Warum sind landauf landab alle Gleichstellungsbeauftragten und alle Geschlechtsexperten (sorry, alle Genderexperten) Frauen? Ist diese ganze Gender-Geschichte am Ende ein Form der Integration eines bestimmten Typus Frau in die Berufswelt?

(trotzig) Ich frag ja nur, wen das nicht interessiert, der braucht es ja nicht zu lesen.

wahr 11.01.2013 | 19:31

Im WIRE steht übrigens auch eine Frau auf Platz 1 der "Archive releases of the year: Laurie Spiegel, Elektronik-Komponistin, mit dem Rerelease von "Expanding Universe". In den Top 10 sind zwei weitere Alben von Frauen zu finden: Pauline Oliveros mit "Reverberations: Tape And Electronic Music 1961-1970" und Eliane Radigue mit "Feedback Works 1969-1970". Beide arbeiten ebenfalls mit Synthesizern. Nimmt man noch die 3 Arbeiten von Frauen aus den WIRE Top 10 aktueller Musik von 2012 hinzu - Laurel Halo, CC Hennix, Julia Holter - die ebenfalls mit elektronischen Mitteln arbeiten, dann würde mich schon interessieren, wie diese Elektronik-Affinität zustande kommt. Mir fällt in diesem Zusammenhang auch das 2011/2012-Reissue von Annette Peacocks fantastischer Moog-Experimental-Platte "I'm The One" (1972) ein. Über diese Koinzidenzen würde ich sehr gerne einmal etwas in der Gender-Kolumne lesen. Gibt es dafür eine Erklärung, ist es Zufall?

pw6 12.01.2013 | 00:16

@blauhai "Sie scheinen der Meinung zu sein, man sollte bestimmte gesellschaftliche Bereiche - etwa Musik - von Genderfragen ausschliessen."

Insofern ja, als ich es für sinnlos und in der Summe eher schädlich halte, die "Geschlechterverhältnisse im Musikbusiness" zu einem weiteren Quotenproblem hochzustilisieren. Statistiken wie im Artikel aufgeführten (Zahl der rein weiblichen - gemischten - männlichen Bands etc.) dienen nur diesem Zweck. Der Artikel redet praktisch nicht über Musik, sondern nur über das Geschlecht der Produzenten, irgendwann ist das Geschlecht wichtiger als die Frage, ob die Musik gut oder schlecht ist.

Ich kann mir vorstellen, aus einer Genderperspektive über Musik in der Form zu reden, ob z.B. Frauen und Männer eine andere Musik machen oder andere Musikkonsumenten ansprechen usw. Auch das wäre nicht einfach, wenn man nicht nur über einzelne Spitzenleute reden will, wie sowieso Unikate sind, muß man dazu hinreichend große Gruppen ähnlicher Künstlerinnen bzw. Künstler haben. Manche Instrumente sind sehr einseitig männlich bzw. weiblich besetzt, da ist die Minderheit u.U. zu klein für sinnvolle Vergleiche. Bei manchen Instrumenten wie Klavier u.a. findet man genug männliche und weibliche Interpreten, ich habe aber den starken Verdacht, daß die Musikstile weitaus größere Unterschiede ausmachen als das Geschlecht der Interpreten. Analog gilt das gleiche für Komposition und anderes drumherum.

Wenn man Musik auf das Geschlecht, die Hautfarbe oder die Nationalität der Interpreten, Komponisten, Produzenten usw. reduziert, macht man sie kaputt.

Nebenbei: mich interessieren auch keine Statistiken über die Frauenquote bei den Romanautoren. Daß die Dominanz der Frauen auf diesen Gebiet neuerdings immer wieder thematisiert wird, ist genauso überflüssig.

hunter 12.01.2013 | 12:42

"Frauen gelten als die klassischen Konsumentinnen", "von den 9 meistverkauften Autor/innen der letzen Jahre sind 4 Frauen."

Sind das wirklich ernst gemeinte Statements (von der Logik des ersten Satzes einmal ganz abgesehen)?

Ist euch bei Büchern, Platten, Kunst etc. wirklich das Geschlecht im Zusammenhang mit dem  -doch wohl eher zweifelhaften- Erfolg durch Verkaufszahlen das wichtigste - ja am Ende sogar das einzige, was euch interessiert?

Sollte das so sein, so verzeiht mir, dass ich mich da eingemischt habe. Ich sehe ein, es ist es wohl besser, ich melde mich aus der Diskussion ab, bevor sie noch tiefer sinkt...

hunter 12.01.2013 | 16:52

Liebes POPKONTEXT, wenn das so ist, dann wünsche ich noch viel Freude beim Erbsenzählen!

Für den kleinen Snack zwischendurch habe ich einen Link für euch Gendergirls. Stellt euch vor, es gibt solche Exemplare wie euch auch auf Männerseite! Das glaubt ihr nicht? Na, dann schaut doch mal rein!

Viel Spaß:

http://www.youtube.com/watch?v=GihLCPVAXd4

pw6 12.01.2013 | 22:55

@Popkontext 12.01.2013 | 00:23 "Ist es wirklich so, dass unter den meistverkauftesten Romanen die Autorinnen dominieren?" Weiß ich nicht. Es ist aber durchaus plausibel, alleine die gigantischen Verkäufe von Rowling und letztens E. L. James / Erika Leonard dürften dazu führen, daß die Mehrzahl der verkaufte Buchexemplare von Frauen geschrieben worden sind (und auch von Frauen gekauft worden sind).

Die Aussage wird jedenfalls in irgendeinem Sinne korrekt sein, ich habe sie in letzter Zeit in paar Mal in irgenwelchen Diskussionen / Autoreninterviews gehört, und diese Erwähnungen gehen mir auf den Nerv. Wie schon gesagt ist mir das völlig egal, ich will das gar nicht wissen, ich sehe keinen Sinn darin, darauf herumzureiten und u.U. eine Diskrminierung von Männern zu konstruieren. Es wird hier niemand gehindert, gute Bücher zu schreiben, die den Leuten gefallen, und solange das der Fall ist, ist für mich die Welt in Ordnung und ich gönne den Leuten, die Erfolg haben, ihren Erfolg. Wenn das bei Romanen überwiegend Frauen sind, so what?

Um noch einmal zum eigentlichen Thema zurückzukommen: Gefühlte 95% der Schlagzeuger sind männlich (erst recht in der Oberklasse, unter den top 500 Drummers auf drummerworld.com sind nur eine Handvoll Frauen). Das ist ebenfalls völlig in Ordnung, keine Frau wird gehindert, gut Schlagzeug zu spielen. Bei dieser männlichen Überzahl ist es sehr unwahrscheinlich, eine reine Frauenband bilden zu können, da man fast immer einen Schlagzeuger braucht. Insofern ist es alles andere als erstaunlich, daß es in den Charts, die im Artikel untersucht wurden, nur wenige rein weibliche Acts gibt. Die entsprechende Aussage im Artikel ist daher reichlich trivial. Das ganze dann noch als Überraschung zu verkaufen ("Männlich dominiert ist – Überraschung – auch die Popmusik") ist wirkt auf mich wie ein verkrampfter Versuch, einen weiteren Genderskandal herbeuzureden, wo eigentlich keiner ist.

Popkontext 13.01.2013 | 01:52

Also kurz: Sie haben keine Fakten – nach kurzer Recherche muss ich Sie aber leider enttäuschen: Wie oben schon gepostet ist hier das „Gefühlte“ wie so oft falsch. Allerdings ist es auch ein Klassiker, dass in dem Moment, wo Frauen die männliche Dominanzposition in den meisten Bereichen der Gesellschaft auch nur vage in Frage stellen könnten, weil sie auch - merklich - präsent sind, dominieren sie gefühlt schon, auch wenn sie vielleicht nur ein drittel oder gar die Hälfte der beteiligten sind, bei einer Frau als Chefin recihen manchmal schon 10% Frauen für "gefühlte" Dominanz. Bloss gut, dass Liz sich die Mühe gemacht hat, mal die Fakten in Bezug auf die Indie-Jahrescharts zu sammeln.

Es ging – würde ich mal denken – der Autorin auch nicht darum, einen „weiteren Genderskandal herbeizureden“, sondern der ist da, und sie weißt darauf hin. Sie geben hier dann wieder zu, dass es zu erwarten war, da das eben nicht nur in der Popmusik so ist, sondern das „Normale“.

Wenn unter den Top-DJs oder Top Drummern nur eine Handvoll Frauen auftauchen, stellt sich die Frage nach dem Warum? Frauen zu doof, zu uninteressiert, alle untalentiert? Oder hat das etwas mit gesellschaftlichen Rollenbildern und strukturellen Diskriminierungen zu tun, die Frauen eben vielleicht doch daran hindern, Musiker/innen zu werden und das auch so intensiv zu verfolgen wie Männer?

pw6 13.01.2013 | 15:48

Popkontext 13.01.2013 | 01:52 "Also kurz: Sie haben keine Fakten" -- zu kurz und ziemlich daneben, Ihre Aussage. Erstens können Sie die Umsätze der von mir genannten Spitzenleute bei Wikipedia und anderen öffentlichen Quellen leicht nachlesen, das sind sehr viele Fakten. Wenn Sie den von Ihnen selber zitierten Artikel in der Zeit ganz lesen, lernen Sie auch, daß die ersten Plätze die Hauptumsatzträger sind und das Mittelfeld immer mehr ausdünnt. Zweitens sind das weitaus belastbarere Fakten als Ihre eigenes "Faktum", von den 9 meistverkauften Autoren der letzten Jahre seien nur 4 Frauen: wie kommen Sie darauf? Haben Sie in dem zitierten Artikel die erwähnten Namen gezählt? Wie dort betont wird, sind die Hitparadenpositionen nicht gleichwertig. Der Zeit-Artikel gibt selber keine Quellen an, scheint aber sich nur auf den deutschsprachigen / bundesdeutschen Markt zu beschränken. Also kurz: Sie haben keine Fakten für Ihre Gegenthese, daß die Männer weiterhin den Markt dominieren und daß Frauen "die männliche Dominanzposition in den [diesem] Bereich der Gesellschaft .. nur vage in Frage stellen".
Immerhin scheinen wir uns dahingehend einig zu sein, daß es nervt, wenn die sehr starke Position der Frauen im Literaturgeschäft als solche thematisiert wird.

"Wenn unter den Top-DJs oder Top Drummern nur eine Handvoll Frauen auftauchen, stellt sich die Frage nach dem Warum?" -- Wie kommen Sie auf diese Idee? Nein, die Frage stellt sich definitiv nicht. Erstens weil Sie selber schon die korrekte Antwort geben: "zu uninteressiert". Gut so. Schlagzeug ist eines der unattraktivsten Instrumente, die man wählen kann: technisch sehr anspruchsvoll (viel anspruchsvoller als die meisten Laien denken), nur als Begleitinstrument einsetzbar und daher weitaus schlechter praktizierbar als Soloinstrumente, und sehr häufig nach wenigen Jahren mit Gehörschäden verbunden. Wenn es zu Ihrer Weltsicht paßt, können wir die Abstinenz von Frauen biologisch erklären, weil Mädchen nämlich intelligenter sind und diese Nachteile besser erkennen als die dummen Jungen, die nur ihre angeborene Aggressivität austoben müssen....

Die Frage stellt sich aus einem noch wichtigeren Grunde nicht. Sie benutzen den Begriff "Frage" im Sinne eines Problems, mit dem man sich beschäftigen sollte bzw. eines Zustands, den man  "nicht wegreden, sondern bekämpfen" (Weidinger) muß. Kommentar #1 hat es schon auf den Punkt gebracht, vielleicht nicht im passenden Stil, aber inhaltlich richtig. Man kann unendlich viele Fragen konstruieren, aber das Leben ist leider endlich und man hat nur Zeit für wenige Fragen. Die Auswahl hängt davon ab, was man als relevant einstuft. Fragen wie Lebensunterhalt, Kindererziehung usw. sind objektiv relevant, man kommt nicht daran vorbei. Die Frage nach den weiblichen Drummern ist vergleichsweise sehr irrelevant, wenn man nicht gerade einen Tunnelblick hat.

Genau den würde ich bei Ihnen und auch im Artikel von Weidinger diagnostizieren. Das Etikett für den Tunnelblick liefern Sie selber: "... hat das etwas mit gesellschaftlichen Rollenbildern und strukturellen Diskriminierungen zu tun...". Sie scannen die Realität auf Fragen ab, die Ihre Grundthese von der Diskriminierung von Frauen belegen könnten, und versuchen, die Relevanz dieser Fragen hochzutreiben. Nach dem gleichen Schema reden die Arbeitgeber gerne ungefragt über das Blaumachen der Arbeitnehmer und die Rechtsradikalen über die Sozialhilfezahlungen an Asylanten. Alles sehr durchsichtige Manöver aus der Agenda Setting-Mottenkiste.

"Es ging - würde ich mal denken - der Autorin auch nicht darum, einen "weiteren Genderskandal herbeizureden", sondern der ist da, und sie weißt darauf hin" -- Er ist für jemanden, der den o.g. Tunnelblick nicht hat, definitiv nicht da, wenn ich Ihnen von außerhalb des Tunnels berichten darf.

Der Artikel von Weidinger fordert zwar auf, die "... strukturelle Ungleichheit der Geschlechter nicht wegzureden sondern zu bekämpfen", versucht aber nicht, Strukturen zu identifizieren, die Ursache der unerwünschten Quoten sind, und scheitert insofern am eigenen Anspruch. Stattdessen werden nur sinnfreie Statistiken präsentiert, Statistiken sind aber keine sozialen / politischen Strukturen, sondern nur "Zahlenspiele", wie in einer Überschrift richtig vermerkt. Genau deshalb komme ich nach wie vor zur Einschätzung, daß es nur darum geht, einen weiteren Genderskandal herbeizureden.