liz weidinger
30.01.2013 | 16:43 3

Schwärmereien

Musikkolumne Das Indie-Rock-Duo Tegan and Sara liefert mit ihrem siebten Album „Heartthrob“ den Soundtrack für den Discoabend auf der Eislaufbahn. Meinen sie das ernst?

Schwärmereien

Foto: Warner Music

Meine erste Reaktion auf die neue Single inklusive Happy-Party-Ballons-Video war, um es mit Liz Lemon zu sagen: What the What? Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Einen glattpolierten, mit Zuckerguss versehenen „Make-out-Song“, der gerade genauso aus den Lautsprechern im Supermarkt dröhnen oder als Untermalung zur kitschigen Filmszene auf der Eislaufbahn im bunten Scheinwerferlicht laufen könnte – kurz bevor sich die beiden Hauptpersonen das erste Mal küssen. Ein deutlicher Schritt Richtung Power-Pop-Hit!

Es handelt sich hier nicht um eine Ausnahme-Single, sondern „Closer“ gibt den Ton für die Veränderung des einst gitarrenlastigen Indie-Rock-Sounds mit Hang zur Depression von Vorgängerplatten wie „The Con“ oder „Sainthood“ wieder. Wie konnten es die kanadischen Zwillinge Tegan und Sara Quin dazu kommen lassen? Nach 13 Jahren als selbständige Musikerinnen, einer großen und treuen Fanbase – besonders unter queeren und lesbischen Teenagern – und sechs vorherigen Alben? Lady Gaga oder Britney Spears habe ich als die künstlichen und erfolgsverwöhnten Popfiguren kennengelernt, die sie heute sind – und freue mich immer noch, wenn ich „Pokerface“ oder „Toxic“ höre. Aber Tegan and Sara hielten bisher klar einen angenehmen Abstand zum Formatradiosound.  

Ich begab mich auf die Suche nach Antworten. Und fand sie stolz ausbuchstabiert in der Presseinfo: „Ich habe mich immer wieder gefragt: Passen diese Songs in eine riesige Arena? Können sie auf den iPods der Teenager im Schulbus laufen?“, so Tegan Quin. Und im großen Spin-Artikel zum neuen Album steht, dass „Heartthrob“ sich gegen das Image der in Selbsthass und Selbstironie erfüllten Mitzwanzigerinnen wendet. Die Quin-Schwestern wüssten mit ihren nun schon 32-Jahren ziemlich genau, wie erfolgreich, talentiert und selbstbewusst sie seien. Statt gefeiertem Loosertum jetzt also mit Empowerment, Stolz und Selbstbewusstsein Richtung Charterfolg.

Und auch wenn es mich etwas Überwindung kostet, diese Entscheidung zu akzeptieren, und ich erst nach dem dritten Hören der Platte mitsinge, bedeutet ein größerer Erfolg auch für mehr Fans tolle Vorbilder. Ihre Starrolle zum Anfassen füllen die Quins dabei sehr kompetent aus. Es finden sich während den Autofahrten zum Aufnahmestudio gedrehte Videos, grandiose Anekdoten, die die beiden Schwestern in eingeübter Stand-up-Comedy-Manier bei Konzerten erzählen oder ausführliche Erklärungen zu den Inhalten ihrer Songs.

It's all about Love

Dabei spielt der Fakt, dass die beiden schon seit Beginn ihrer Karriere offen lesbisch sind, keine unwichtige Rolle – und, dass sie sich politisch für die Rechte von LGBT-Personen einsetzen. Der Titel des Albums „Heartthrob“, was so viel bedeutet wie Schwarm, passt also auch wunderbar für sie selbst. Und das nehmen sie ernst. Weil es ihrer Meinung nach  noch viel zu wenige öffentliche Bezugspersonen für queere Jugendliche gebe und Leute wie Ani DiFranco oder Kathleen Hanna auch in ihrer Jugend wichtig waren.

Zusammen mit ihren liebeszentrierten Texten rund um Trennungsschmerz und Träumereien entstehen daraus andere Bilder im Kopf als gewohnt. Etwa, wenn es im tollen „Now I’m All Messed Up“ heißt: „Now I'm all messed up sick inside wondering where / Where you're leaving your makeup“. Sara sich also fragt, bei welcher anderen Frau ihre Ex-Flamme Make-up-Spuren auf der Bettdecke hinterlässt. Oder wenn sich im Video zu „Closer“ auch gleichgeschlechtliche Paare fröhlich Farbe ins Gesicht malen. Dieses Gegengewicht zur Dominanz heterosexueller Klischees, besonders was das in der Popkultur omnipräsente Thema der Liebe betrifft, sollte von so vielen Teenagern wie möglich gehört werden. Deswegen: Ab auf die Eislaufbahn mit Tegan and Sara.

Kommentare (3)

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Ehemaliger Nutzer 30.01.2013 | 20:16

die Frage ist, ob die kids auf der Eisfläche das hören möchten, was hier als Cover sich ausdrücken möchte

 

oder lieber das Original

 

was die Frage aufwirft, warum die Dominanz heterosexueller Klischees im omnipräsenten Thema der Liebe von LGBT-Personen so penetrant für die eigene Szene adaptiert wird.

Eigenständig ist nun wirklich was anderes.

Abgesehen davon ist das musikalische Arrangement von Tegan und Sara halbwegs ok - aber ihre Stimmen sind schlichtweg furchtbar.

Das sollten sie ändern und andere singen lassen, dann wird es vielleicht auch was mit dem Eis-Disco-Chartbreaker...

wahr 30.01.2013 | 23:49

Ich wähle die Coverversion, die kommt nämlich nicht so hemdsärmelig daher.

was die Frage aufwirft, warum die Dominanz heterosexueller Klischees im omnipräsenten Thema der Liebe von LGBT-Personen so penetrant für die eigene Szene adaptiert wird.

Penetrant adaptiert? Vielleicht gefällt ihnen einfach der Song. Sie haben ihm schön das männlich Gepresste genommen. Dafür gebührt ihnen mein Dank.

aber ihre Stimmen sind schlichtweg furchtbar.

nee, das sind sie schlichtweg nicht. sie pressen nicht, wo man auch singen kann. das täte springsteen auch ganz gut. ich find's sehr gelungen.

 

davidjordan 05.02.2013 | 05:03

Ich muss zugeben: Bevor ich diesen Artikel gelesen habe, kannte ich Tegan and Sara gar nicht. Ich habe mir aber dann den Song "Closer" angehört. Ich war enttäuscht. Das soll heute Indie sein? Irgend so ein 80er-Jahre-Retro-Song? Aber Tegan and Sara scheinen da kein Einzelfall zu sein. Ich war dieses Jahr auf Konzerten von Lymbyc Systym und Beach House. Beach House ist auch einfach nur 80er-Retro. Und selbst das Konzept von Lymbyc Systym ( nur Keyboard und Schlagzeug) gab es mit der niederländischen Band Pythagoras schon einmal. Aber vielleicht ist Indie auch nicht mehr Indie. Oder vielleicht kommt der Impuls heute aus einer anderen Ecke. Ich höre zurzeit sehr viel koreanischen Underground (sprich: Indie). Es gibt ja nicht nur K-Pop a la Psy oder Girls' Generation oder Wonder Girls oder Kara oder wie die W***-Vorlagen (sorry) alle heißen mögen. Es gibt in Hongdae (Gegend um die Hongik University in Seoul) eine sehr lebendige Szene mit vielen guten und sehr guten Bands, Um nur ein paar zu nennen: We Dance, 404, Mukimukimanmansu, 3rd Line Butterfly, Thorn Apple. Oder auch SmackSoft, 2story und Vidulgi OoyoO (meine absoluten Favoriten). Ja, und wenn es denn 80er Jahre sein soll, dann doch eher Kuang Program, wenn man nicht gleich mit den Originalen vorlieb nehmen möchte. Und wenn eine Band, die das Queer-Sein offen vertritt, dann doch Lesbians On Ecstasy. Nur sind die nicht aus Korea, sondern aus Kanada.