lucubro
05.12.2011 | 09:05

Eine Ausstiegsklausel namens Lili

 

Der erst zweite Fall „Das Dorf“ des neuen Wiesbadener Tatort-Kommissars Felix Murot führt ihn nicht nur in den Hintertaunus, sondern gleich aufs Sterbebett. Das beweist eindrücklich-bedrückend, wie länglich 90 Minuten sein können.

Einem Selbstmörder wird sein Abschiedsbrief diktiert. Als der Diktator des Abschiedsbriefs eine Spritze aufzieht und dem Selbstmörder befiehlt, seinen Arm frei zu machen, denkt man für eine Sekunde an einen richtig fiesen Krimi. Aber die Szene verspricht zu viel. Kommissar Murot wird in einer Mordsache um Hilfe gebeten. Murot, der sich in Ermangelung eines Ermittlungspartners mit einem Gehirntumor names Lili bescheiden muss, nimmt die Offerte, sich kollegial zu geben, an. Es stellt sich heraus, dass der Mörder Selbstmord begangen und einen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Murot will abreisen, schaffts aber nicht. Bald torkelt er, gepiesakt von der herrischen Lili, in die erstbeste Spelunke. Lili hübscht die Szene auf, es kommt zu Gesangs-, Special-Effects- und Tanzeinlagen sowie Halluzinationen, die uns den Krimi (sonntags! Viertel nach acht! Ein Krimi!) vergessen machen.

Es dauert nicht lange, bis Murot dem Dorfpaten, der nach Gutsherrenart Audienzen gibt, begegnet. Als erstes fällt die vor Selbstzufriedenheit nur so gleissende Visage des Gutsherrn auf, dicht gefolgt von der vor Selbstzufriedenheit nur so gleissenden Visage des Kommissars; schon erkennt man die vor Selbstzufriedenheit nur so gleissende Visage des Mörder des Selbstmörders, der damals, ewig ist das her, den Brief diktierte und die Spritze aufzog. Die vor Selbstzufriedenheit nur so gleissende Visage einer dubiosen Transplantations-Landärztin macht klar: Humanistisch verbrämter Organhandel, darum geht es hier.

Was muss der Tatort letztens nicht alles sein: Vorruhestandsvehikel für nuschelnde Fitnessstudio-Jahreskartenbesitzer! Schneller Reibach für schwedische Krimiautoren! Selbstmorde, die keine Selbstmorde, sondern Morde sind, und Morde, die keine Morde, sondern Entführungen sind – immer mehr Tatorte gefallen sich vor wie hinter der Kamera in Komplikationsspiralen. Neu ist der hier gepflegte Einsatz von Variete, Musical und Computer-Spezial-Effekten. Es hat schon seine Bewandtnis, dass in 40 Jahren Tatort noch keiner das versucht hat.

Tatorte sind ein gnadenloses Pflaster. Millionen Sofaexperten wähnen sich im Vollbesitz der Durchsicht. Zwischen ein und vier Tatorte liefert jedes normalsterbliche Tatort-Team pro Jahr. Wenn die Sender zu sehr um Starschauspieler balzen, sinkt die Quote gerne auf einen pro Jahr, wie beim Wiesbadener oder in Zukunft beim Hamburger. Mehr kann man sich nicht leisten; die Gage geht zu Lasten der Geschichte. Und selbst diesen einen Tatort liefert ein Grossschauspieler nicht bedingungslos ab, sondern lässt sich vertraglich Gebrechen zusichern, die es erleichtern, bei schwächelnden Quoten oder anderweitigen Interessen rasch und diskret zu verschwinden.

Der Kommentatort findet, dass jeder grosse Schauspieler, der sich für einen Tatort-Kommissar hergibt, mit einer vorzeitigen Ausstiegsoption operieren soll. Warum mit jungen, hungrigen Schauspielern Risiken eingehen, wenn man altgedienten Kämpen ein bedingungsloses Grundeinkommen zuschanzen kann? Aber solche Ausstiegsklauseln müssen überlegt sein. Mit Tumoren, epileptischen Spasmen, einem hartnäckigen Schnupfen oder Babyölallergie kann man sich nicht mehr in der Schwebe halten zwischen Tatort und Hollywood. „Too big to fail“ gilt nicht im Tatort-Land, wer als Super-Supidupi-Star-Schauspieler surreale Erwartungen schürt und hinterher frustriert von bescheidenen Quoten nuschelt, muss schon eine verdammt gute Ausrede haben, um sich vorzeitig aus dem Staub zu machen. Wie wärs also mit der Marotte des neuen Hamburgers, feierabends jeweils sturzbesoffen aus der Bar zu torkeln, das Mädchen im Arm, und dann mit dem Audi, ach was: mit dem Ferrari, über Landstrassen zu rasen? Stehen da nicht Bäume, links und rechts der Strasse?