Lukasz Szopa
22.08.2012 | 12:09 25

Ich gehöre zur Bionade-Bourgeoisie

Gentrifizierung Die Schuld der Wohnungsbaupolitik und Immobilienhaie hin oder her – auch ich bin ein Gentrifizierer

Ich gehöre zur Bionade-Bourgeoisie

Foto: Oh-Berlin.com / flickr

Vor zwei bis drei Jahren wurde in meiner unmittelbaren (Berliner) Nachbarschaft viel um ein neues Bauprojekt gestritten. Es sollte dort auf einem Grundstück, wo früher ein paar hässliche Garagen aus den 70er Jahren standen sowie ca. 15 zugegebenermaßen schöne Pappeln wuchsen, ein neues Mehrfamilienhaus entstehen. Recht schnell, noch bevor die Bäume gefällt und die Garagen platt gemacht wurden, begann im Kiez die Diskussion um Gentrifizierung, dieses Bauprojekt diente als Paradebeispiel und zugleich eine ideale Zielscheibe für alle Gentrifizierungs-Gegner. Eines Tages erblickte ich auf der Wand der noch stehenden Garagenreihe ein neues Graffiti, dessen Humor ich mir nicht entziehen konnte: „HIER BAUT DIE BIONADE-BOURGEOISIE“.

Bauherren aus dem "ökolinken Milieu"

Meine Reaktion beinhaltete nicht nur ein mittelleises Schmunzeln verbunden mit der ehrlichen Bewunderung, daß hier das letzte Wort so fehlerfrei aufgemalt wurde – ich hätte es ohne Wörterbuch nicht geschafft. Besonderes Interesse erweckte in mir allerdings der Zusatz „Bionade-“. Der Hintergrund dieser Anspielung war, dass hinter diesem Bauprojekt nicht irgendein „böser Finanzinvestor“ stand, sondern eine Gruppe von Privatmenschen, ca. 15 Familien, die sich zu einem „Hausprojekt“ zusammengefunden hatten. Daher war der Zorn der Bau-Gegner und Kiez-Verteidiger umso bitterer: Die Bauherren definierten sich – und sind es auch – als (gut-)bürgerliches, doch eher „ökolinkes“ Milieu – welches dennoch Geld genug hat, sich eine Wohnung mit Kosten bis zu 2.000 € pro Quadratmeter zu leisten. Und dann erlauben sich diese „Verräter“ und „Scheinlinke“ auch noch, einen Begriff der linksautonomen Szene zu mißbrauchen – denn viele Hausbesatzungen der 80er und 90er Jahre wurden inzwischen in „Hausprojekte“ umbenannt, auch wenn die Einwohnerstruktur und Hausorganisation der ehemals besetzten Häuser weiterhin als „linksautonom“ erhalten blieb.

Die geistreich kombinierten Wörter „Bionade“ und „Bourgeoisie“ machten mir aber bald klar, dass – egal wie man zu diesem neuen Bauprojekt und dessen Bezeichnung stand – ich ebenfalls dazugehöre. Daß ich ebenfalls „Bionade-Bourgeoisie“ bin, und ein Gentrifizierer.

Zwar sind meine Einkommensverhältnisse und mein Vermögen wahrscheinlich mit dem der neuen Bauherren-Familien nicht zu vergleichen, und auch kann mir keiner vorwerfen in meinen früheren Jahren sich – in der Theorie und Selbstdarstellung – als „links“, „alternativ“, „sozial“, „engagiert“ oder „grün“ definiert zu haben. Dennoch.

Auch meine Rolle heißt: Gentrifizierer

Auch ich bin hierher, in diesen Kiez, vor einigen Jahren gezogen. Und bestimmt hat dieser Schritt das Mietniveau in diesem Kiez nicht gesenkt – ich war bereit die Kosten für eine Wohnung zu zahlen, die wahrscheinlich jemand anderer nicht mehr zahlen konnte. Auch ich bin nicht aus Berlin, sondern ein Hinzugezogener. Zwar könnte man dasselbe von der Mehrheit der Gentrifizierungsgegner aus meinem Kiez auch sagen, mit dem Unterschied, dass sie eher anfangs und Mitte der 90er hierherkamen, während ich mindestens 10 Jahre „Verspätung“ hatte. Doch das ändert nichts an meiner Rolle.

Zwar wurde auch ich, seit ich 2001 nach Berlin gekommen war, innerhalb der Stadt mehr als einmal „verdrängt“: Indem eine bisherige Wohnung zu teuer / zu schlecht / zu klein wurde, und ich nicht in der unmittelbaren Nachbarschaft eine Alternative fand. So – wenn ich mir die Einwohnerstruktur unseres ganzen Hauses hier ansehe – ging es der Mehrheit der „Neuzugänge“. Nach dem Muster: irgendwann als junger Single nach Berlin, danach Beziehung (ergo: man sucht sich was Größeres, muss umziehen), danach Kinder (man muss erneut umziehen). Viele meiner Nachbarn hätten auch gerne (weiterhin) im nahen Kreuzberg gewohnt – doch als die Familie größer wurde, fand man dort keine bezahlbare und geeignete Wohnung. Auch wenn sich die Einkommensverhältnisse dieser Menschen nicht verschlechtert hatten. Und so wurde man in bisher „unentdeckte“, weniger bekannte und „hippe“ Bezirke und Kieze „verdrängt“ – wie in unser Alt-Treptow. Gleichzeitig hat man zum Teil die hiesigen „Ureinwohner“ nolens volens „verdrängt“. Man war immer bereit, eine höhere Miete zu zahlen als sie.

Klar, man kann die Schuld der verfehlten Wohnungsbaupolitik der Stadt und/oder den Immobilienhaien wie den Finanzinvestoren in die Schuhe schieben. Aber ich lasse nun das „wir“ und das „man“, ich möchte von mir reden. Ich kam in eine Stadt, in der ich – mit oder ohne mein Wissen über den Wohnungbau und den Immobilienmarkt – bereit war, jedes Mal die (höhere) Miete zu bezahlen. Und es liegt klar auf der Hand, dass bei einer Angebot-und-Nachfrage-Situation, wenn das Angebot (der Wohnungen) konstant bleibt oder kaum wächst, dagegen die Nachfrage (also Neu-Berliner wie ich) jedes Jahr steigt – die Preise in die Höhe gehen. Und ich machte jedesmal mit. Auch wenn ich nichts gegen die „alte Ossi-Oma am Fenster“ hatte und es sogar nett fand, sie in der Nachbarschaft zu haben („Kiez-Kolorit“, „so schön authentisch“?...) – ich trug dazu bei, dass auch sie bald wegziehen musste.

Die Schuld der anderen (Wohnungsbaupolitik, Immobilieninvestoren, „echt Reichere“) mindert meine Verantwortung und meine Schuld nicht. Die Tatsache, dass ich gleichzeitig immer wieder auch Ziel und Opfer desselben Phänomens (der steigenden Mietpreise) war – ebenfalls nicht.

Ich bin ein Gentrifizierer.

(Und der Spruch „Bionade-Bourgeoisie“ ziert als Aufdruck eines meiner Lieblings-T-Shirts).

Kommentare (25)

goedzak 22.08.2012 | 11:00

Klar, Du bist auch eine Umwelt-Sau, weil Du Kohlendioxid ausatmest, tote Tiere isst oder an den Füßen trägst, Du bist ein Neo-Kolonialist, weil Du jede Menge in der sog. dritten Welt gefertigte Produkte kaufst und benutzt, Du bist ein Kultur-Imperialist, weil Du amerikanische Popmusik hörst, Du bist ein Sexist, weil Du Dich der normativen patriarchalen Sprache bedienst usw. usf.

Ist das Dein Ernst?

Was den Bourgeois angeht, die ersten richtigen Bionade-Bourgeois' heißen Dieter Leipold, Egon Schindel und Stephan und Peter Kowalsky. Inzwischen gehören noch eine ganze Reihe Gesellschafter oder sonstige Profiteure der Dr-August-Oetker-KG dazu. Metaphorisch kann man natürlich auch Bourgois' so bezeichnen, die gern Bionade trinken und so'n bisschen mit dem Hipster-Lebensstil kokettieren. Marx hätte Verständnis für die lebensstiligen Kompensationsstrategien der Bionade-Bourgeoisie gehabt. Er wusste und hat das öfter betont, dass die auch nur Menschen sind.

IngoKognito 22.08.2012 | 11:34

Sich als "Schuldigen" zu bezeichnen, wenn der Autor nebenbei die Mechanismen der Gentrifizierung erläutert hat doch etwas sympathisches. Er sieht sich selbst in einem Strom, den er nicht umkehren kann ohne jegliche Schuld von sich zu weisen, wobei "Schuld" hier natürlich eine andere, mindere Qualität hat. Das ist ein ehrliches Stück Selbstdarstellung, das kann einem gefallen.

Lukasz Szopa 22.08.2012 | 11:42

Ich meine es (vorwiegend) ernst, und Dein ironisch gemeinter erster Absatz trifft genau den Punkt den ich am Beispiel "Gentrifizierung" meine: Dass man unabhängig von negativen Verhalten und dessen Ausmaß anderer, unabhängig von deren Schuld auch eine eigene Verantwortung trägt. Vor allem, wenn man - wie ich meinem Beispiel - gar nicht unter Zwang steht. Keiner zwang mich in eine Stadt zu ziehen, keiner zwingt mich Popmusik zu hören oder eine sexistische Sprache zu benutzen. Bei Ernährung und Konsum wird es zwar differenzierter - denn unabh. vom Einkommen kommt man an manchen Produkten nicht herum (Verpackung, Lieferwege) wenn Alternativen fehlen. Bei Kohendioxid komme ich als atmender Homo Sapiens leider nicht an einem Ausstoß vorbei.

h.yuren 22.08.2012 | 12:55

lieber lukasz,

wenn ich an henry david thoreau denke, der keine steuern mehr zahlte, weil er keinen beitrag zur amerikanischen kriegspolitik liefern wollte, sind wir alle gefangene - auf die eine oder andere art, aber gefangene. deine miete ist thoreaus steuern vergleichbar. der sprit, den fast jede/r verbrennt.

es ist nicht jedermanns sache, sich aus den städten herauszuhalten wie thoreau, seinerzeit noch leichter als heute, keine miete zu zahlen und den strom selbst zu produzieren.

letztendlich zieht dieser gedankenstrudel hinunter auf die entzweiung des willens zum leben, wie schopenhauer das nannte. jedes lebewesen nimmt einem konkurrierenden lebewesen die lebensmöglichkeiten oder schränkt sie mehr oder minder ein. darum können dschainas getrost sterben. sie wissen, dass sie als tote endlich gewaltfrei sein werden.

Magda 22.08.2012 | 17:29

Kennen Sie die Bachkantate. "Ich, ich ich - ich hatte viel Bekümmernis".

Die hat Wolf Biermann mal als eine Predigtvorlage genommen und kundgetan, sie sei ihm so nahe, weil so viel "Ich" darin vorkommt. Und damit kann man prima rumkokettieren. Sie wirtschaften so ähnlich hier rum. Ob Sie singen können, weiß ich allerdings nicht. 

Ein guter Rat. Nicht immer alles auf sich beziehen. Selbstverliebte Selbstbezichtigungen sind nervig. 

Das ist der Unterschied zum Sich Mitteilen, wogegen es nichts zu sagen gibt. Sie aber gehen einem nur auf den Wecker mit dieser Kokettiererei. 

Auch die Protestschrift-Ersteller haben sich anderswo bedient. 

Vor einigen Jahren erschien mal in der Zeit ein ganz hervorragender Beitrag über den Prenzl-Berg: "Bionade-Biedermeier". 

Mir übrigens wird schon bei Wendungen wie "Mittelleises Schmunzeln" ganz schlecht. 

Lukasz Szopa 22.08.2012 | 18:33

Die Entscheidung, lieber ein "ich" als ein "wir" oder "man" zu verwenden, liegt daran, daß ich ungerne - vor allem wenn nicht darum gebeten - im Namen anderer spreche. Vor allem wenn es um Schuldzuweisungen geht, sollte man immer bei sich selbst anfangen - und oft auch bleiben. Mag sein, daß sie Recht haben, und darin Selbstverliebtheit oder Kokettiererei steckt. Hätte ich den Text in der "Wir" oder "Man"-Form geschrieben, käme vielleicht der Einwand, daß ich hier so frech sei, im Namen von anderen Menschen zu sprechen, andere zu beschuldigen, etc. Ein "Ich" ist mir vom Stil her einfach lieber und authentischer - auch wenn Sie als authentisch nur eine "Kokettierei" darin entdecken.

miauxx 22.08.2012 | 22:17

Die Frage darum, ob "Ich" (i.d.F. "Sie") es bin, der an Gentrifizierung oder Verteuerungen überhaupt schuld ist, weist immerhin in eine richtige Richtung. Einerseits kann dadurch ein Bewußtsein darüber entstehen, dass diese Welt ungerecht ist. Warum sind Einkommensunterschiede so groß, so dass für die einen aufgrunddessen grundlegende Lebensbedürfnisse in Gefahr sind?

Und andererseits, obwohl unmittelbar damit zusammenhängend: Warum gibt es keinen wirklichen politischen Willen zur Regulierung, sondern gilt auch im Wohnbereich fast nur noch das reine Marktprinzip? Von Integration wird viel erzählt, doch man schert sich nicht darum, im Zweifel auch durchzusetzen, dass eben Nettoeinkommen von sagen wir € 3000 auch neben € 800 wohnen können. Und zwar in einem durchaus nicht unattraktiven Umfeld.

Klar, du fühlst dich vielleicht nicht unmittelbar schuldig, wenn du dir eben eine Wohnung nimmst, die du gut bezahlen kannst. Hättest andererseits vielleicht auch nichts dagegen, wenn dein Nachbar nur halb so viel Kohle auf Tasche hat und nach Abzug der fixen Kosten dir eben mehr übrig bleibt. Aber das Marktprinzip macht halt, dass der Vermieter den Teufel tun wird, als die Wohnung unter dem Möglichen zu vermieten. Was daraus folgt ist ja erst die Gentrifizierung.

Letztlich sind wir Menschen doch (fast) alle recht egoistische Säcke. Aus purem Solidaritätsgefühl sagt doch keiner zu seinem Chef, dass der ihm doch eigentlich viel zu viel zahlen wolle oder zieht nach Marzahn, wenn er sich den Helmholtzplatz leisten kann. Und wenn man nicht schon gleich die Systemfrage stellen will, so bräuchte es wenigstens eine regulierende Politik, die sich klar um eine integrierende Gesellschaft bemüht.

Aber, was rede ich da - das wäre am Ende ja doch schon wieder Sozialismus ... 

miauxx 22.08.2012 | 22:34

"Er sieht sich selbst in einem Strom, den er nicht umkehren kann ohne jegliche Schuld von sich zu weisen, wobei "Schuld" hier natürlich eine andere, mindere Qualität hat."

Das "witzige" daran ist, dass es nun gerade die Profiteure des Systems sind, welche meinen, Ströme umkehren zu können. Durch Bioladen, Ökostrom-Einkauf und eben auch passende Lifestyle-Accessiores. Gerade letztgenanntes trifft dabei aber den Nagel auf den Kopf: Es ist zuvorderst Lifestyle. Eben nur Style. Das ist ja, glaube ich, eine relativ neue Dimension: Obwohl materiell gut ausgestattet sich des Alternativen zu besinnen. Nur wird es am Ende ja doch nur eingekauft. Solange progressive Ansätze wie Bio und Öko nicht konsequent mit der sozialen Frage gekoppelt werden, bleibt das eben leider nur Style und bewegt rein gar nichts.

Lukasz Szopa 23.08.2012 | 09:15

Richtig, ich habe kein Problem damit, wenn mein Nachbar nur halb so viel Kohle hat wie ich. Aber genausowenig, wenn der andere Nachbar das doppelte von meinem hat. Wobei man auch hier argumentieren kann, durch meine Existenz und Einkommen an einem Ort, an dem es mich vorher nicht gab, nehme ich jemanden einen Teil des Einkommens weg - solange Arbeitsplätze / Gehälter in Summe - wie Zahl der Wohmnungen - nicht wachsen.

Lukasz Szopa 23.08.2012 | 09:46

Wir streifen vielleicht vom Haupthema ab, aber ökologische und bio-Lebensmittel müssen nicht mit der sozialen Frage gekoppelt sein. Es würde reichen, die Öko- und Biostandards zu Mindeststandards bundesweit / EU-weit zu machen. Es gibt ja auch aus Sicherheitsgründen mindeststandards im Verkehrswesen, Arbeitsschutz etc. Der EU-Markt ist groß genug, daß damit weder die Bauern zugrunde gehen, noch die Konsumenten zu viel zahlen müssten. Somit wäre "Biolebensmittel" eben ein normale Lebensmittel - sagen wir wie vor 50-70 Jahren, also vorindustriell hergestellt. Wäre auch gesünder und umweltfreundlicher, wenn z.B. Fleisch das fünffache wie heute kosten würde. Und dann würde es aufhören "Lifestyle" zu sein (denn an sich finde ich solche Lebensmittel schon besser als bei Aldi. Noch besser ist natürlich beim Bauern vor Ort).

Um zum Thema zurückzukehren: Bei der Wohnungspolitik wäre es ebenso wichtig, gewisse Mindeststandards einzuführen: Längere Mindestlaufzeiten von Mietverträgen (und Mieten! - bis auf Inflationsanpassung), keine Verdrängung durch Hartz4-Regeln ("ihre Wohnung ist zu gross..."), Mietpreisspiegel nicht als Grundlage für bestehende Mieten nehmen. Und den Wohnungsmarkt nicht regulieren, sondern durch Bau von Sozialwohnungen (zu kostendeckenden Mieten) beeinflussen. (Geht einfacher als einen Großflughafen...). Doch das würde die Probleme der Verdrängung nie abschaffen, nur mildern.

Ich möchte keinen Sozialismus einführen, ich möchte nur darauf hinweisen, daß jeder der in einem System lebt, wo Konkurrenz, Angebot&Nachfrage, freie Marktwirtschaft und auch Oligopole vorherrschend sind - auch wenn er GERNE in einem solchen System lebt - sich dieser Situationen ethisch bewußt machen sollte: dass man selbst Konkurrenzsituationen oder eine steigende Nachfrage miterzeugt - und mitschuld an den Konsequenzen für andere ist.

goedzak 23.08.2012 | 15:31

Keiner zwang mich...

Natürlich nicht, übrigens zwingt Dich auch niemand zum Konsumieren von Waren. Die Beispiele von irgendwelchen Sonderlingen, die jahrelang unentdeckt im Wald gelebt haben, oder das von dem hier, zeigen das. - Aber mal im Ernst: Würdest Du mir zustimmen, dass es sowas wie einen allgemeinen Standart von Lebensqualität in einer Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt gibt, also einen Durchschnitt, zu dem ihr Leben zu fristen jede(r) das Menschenrecht hat, Unterschreitungen Armut und Leid, Überschreitungen Luxus, Macht und Ausbeutung bedeuten? Dieser Standart, hat, wie angedeutet, jeweils eine historisch konkrete Qualität, heißt, ist in der Wandlung begriffen.

Allgemein gesagt, handelt es sich um die jeweilige Form der Befriedigung aller elementaren menschlichen Bedürfnisse. Als da sind: physische Lebenserhaltung (Nahrung, Gesundheit usw.), Sozialität (Gemeinschaft, Anerkennung, Familie, Geliebtwerden, Liebendürfen usw.), Entwicklung, Betätigung u. Bestätigung der körperlichen und geistigen Kräfte (Erfahrung, Bildung, Kreativität, Produktivität, körperlicher und geistiger Genuss usw.). Ich vermute mal, dass Du und Deine Familie im großen und ganzen auf dem hier und heute üblichen Level der Befriedigung dieser Bedürfnisse liegen. Das ist schön und kein Grund, irgendwelche Schuldgefühle zu haben! Der Umstand, dass es immer mehr Menschen gibt, denen es versagt ist, diesen gesellschaftlich angemessenen Standard an Lebensqualität zu erreichen, und auf der anderen Seite immer mehr, die ihn weit überschreiten, ist es, der als Ausgangspunkt für das Fragen nach Ursachen und nach Verhaltenskriterien genommen werden muss!

Und, bevor Du Einwände in diese Richtung vorbringst, noch ein zweiter Ausgangspunkt: Zu den Strategien derjenigen Kräfte, denen es gelungen ist, diesen exorbitant großen Haufen an (materieller) "Lebensqualität" auf ihre Seite zu bringen, gehört nicht nur, es denen auf der anderen Seite vorzuenthalten, sondern vor allem uns allen einzureden (als Beispiel), wir bräuchten zur Befriedigung o.g. Bedürfnisse nicht nur eine ausreichend große Wohnung in freundlicher Lage, sondern müssten immer wieder in die jeweils angesagten Gegenden umziehen, und dabei womöglich wissentlich Miete an Vermieter zahlen, die die Vormieter gezielt vertrieben haben. Dann z.B. wärst Du tatsächlich auf die Seite für die Gentrifizierung (Mit-)Verantwortlichen gewechselt.

Lukasz Szopa 23.08.2012 | 19:12

Ich stimme dir zu was die "Lebensstandards" angeht.

Dann fange ich aber mit deinem zweiten Punkt an: Kein einziger meiner Berliner Umzüge war durch ein "Image" eines "gerade hippen" Viertels oder durch das mir eingeredete Bedürfnis einer größeren Wohnung motiviert.

Dennoch - zum ersten Teil deiner Antwort: Ja, meine Einkommensverhältnisse sind plusminus (zumindest aus meiner Perspektive) durchschnittlich ("auf dem üblichen Level"). Ich könnte sogar sagen, daß ich an meinem früheren Lebensort (Wien) auf einem leicht höherem Level gelebt hatte. Doch der Zuzug nach Berlin geschah ohne mein Wissen (und Interesse!) über das Gentifizierungsproblem (Wohnungssituation), rein aus privaten Gründen - Weil mir die Idee kam, es wäre schöner in Berlin als in Wien zu leben. Also eine reine "Genussentscheidung" (auch wenn diese pekuniär zunächt ein Abstieg war). Mir war es damals egal, ob es Wohnungsnot gibt, ich war nicht interessiert, ob ich jd. verdränge - ich wollte einfach hierher ziehen und leben. Wäre ein Leben in Berlin (und Zuzug) eine der weniger lebensweren Alternativen für mich, dann hättest du recht, dann wäre ich nicht oder weniger schuld. Und - um einmal etwas von meinem "ich" wegzukommen - ich vermute mal, dass ich nicht der einzige bin, der aus "Lust und Laune" in diese Stadt zieht, und sich wenig darum schert, daß er/sie damit das Verdrängungsphänomen verstärkt.

carlfatal 24.08.2012 | 03:37

Mir gefällt der Artikel, er erinnert mich irgendwie ganz leise an den Spruch: "wer etwas nicht kann, findet Gründe, wer etwas will, Wege."

Vielleicht OT, vielleicht auch nicht...

In Frankfurt jammern alle über Fluglärm, aber in Urlaub fliegen wir natürlich trotzdem, und zum Glück sind Ryan-Air oder Air Berlin so "günstig", Umweltschutz ist wichtig, aber die nächste Autobahn auch, weil der neue Spar-SUV ja auch ausgefahren werden will, also wird ein wenig für Naturparks in afrikanischen Ländern gespendet, mit dem Geld werden dort Leute aus Gebieten vertrieben, die sie mal bewohnt haben, während wir selig das neue Handy in der Hand halten, für dessen Bau (oder den des Autos oder Flugzeugs) Unmengen Land auf längere Sicht zerstört und vergiftet werden als nach einem GAU in einem AKW. Dann wird im absoluten Halteverbot vor der Schule geparkt, während an dem dadurch unübersichtlich gewordenen Zebrastreifen, den man Wochen zuvor mit anderen Eltern inititiert hat, ein Kind überfahren wird. Gleichzeitig weiß man , daß man ein System unterstützt, das sämtliche Länder, die diese Konkurrenz nicht durchstehen, einfach zerstört, das nur möglich ist, weil wir alle Grenzen so verteidigen, daß allein in Nordafrika Jahr für Jahr tausende Menschen auf der Suche nach einer nur lebenswerten Alternative zu Hunger und Durst, einem Leben in Europa verrecken.

Faschismus hat viele Gesichter, deren wichtigstes immer das persönliche ist, dieses "die andern machen doch auch, ich muß aber, weil, was soll ich schon ändern - so ganz alleine" ist.

So easy, so unschuldig, so ahnungslos...

Wenn, und das wird mit der Geschwindigkeit, mit der wir in Mitteleuropa  Bedürfnisse entwickeln, sehr bald sein, Benzin nur noch für eine winzige Schicht bezahlbar sein wird, werden SChläuche für medizinische Apparate, Spritzen und andere lebenswichtige medizinische Geräte für die Kinder derer, die jetzt diesen "Lifstyle" prägen, nicht mehr bezahlbar sein, nicht mehr erreichbar.

Vielleicht schon, wenn das Kind sich gut genug in der Schule durchschlägt und im großen, darwinistsichen Konkurrenzkampf oben schwimmt.

Also sollten wir den Drill unserer Kleinen im Auge behalten, sonst gehen sie drauf, HartzIV und keine Zähne mehr im Maul mit Ende dreißig oder früher. 

Es ist halt ALTERNATIVLOS. :)

denkii 26.08.2012 | 17:22

Wohnen ist nur bedingt eine "freie" Entscheidung. Sicher, wenn es einem nicht mehr gefällt, kann man umziehen. Aber zieht man auch gleich in eine andere Stadt, wenn die Mieten höher werden?

Uns verbindet mehr mit unserer Stadt als nur der Mietpreis. Wir haben hier unser sozialen Ökosystem, unser Kultur und unser professionelles Leben. Demnach sind wir gezwungen, Mietpreise soweit mitzugehen, wie es möglich ist. Damit laden wir uns keine Schuld auf.

Wenn die Mietpreise steigen, können Wohneigentumsbesitzer investieren. In notwendige Renovierungen zum Beispiel. Sie können ihren Wohneigentum aber auch aufwerten und damit ihre Rendite maximieren. Letzteres wollen die wenigsten von uns. Sicher hätte auch der Autor nichts gegen altes Parkett, Holzfenster oder einen Ofen. Wir sind keine Schuldigen, wir sind Bewohner, die Bewohner bleiben wollen.

Diejenigen die aufwerten, die machen sich schuldig. Denn sie kümmern sich nicht um Wohnraum für Bewohner, sondern um ihre Rendite. Damit gentrifizieren sie.

Lukasz Szopa 27.08.2012 | 09:08

"Uns verbindet mehr mit unserer Stadt als nur der Mietpreis. Wir haben hier unser sozialen Ökosystem, unser Kultur und unser professionelles Leben."

Ja, stimmt. Doch - siehe meine Antwort an Goedzak oben - ich bin in dieser Stadt weder geboren noch unter Zwang gebracht worden - ich bin freiwillig in diese Stadt gezogen, so gesehen habe ich mich in das "berliner Ökosystem" erst reingedrängt. Und, ok, seit ich Teil des Systems geworden bin, neige ich dennoch dazu, eher größere/besser Wohnungen zu nehmen als kelinere. Meine "Schuldzuweisung" bezieht sich ja auf zwei Fälle: derer, die im Ökosystem drin sind, um mehr wollen, und derer, die erst in dieses Ökosystem eindringen (bei konst. Ressourcen).

Lethe 31.08.2012 | 15:21

Ist Gentrifizierung überhaupt ein schuldfähiges Vergehen? Oder impliziert sie schuldfähige Verhaltensweisen? Wenn ich es richtig verstanden habe, läuft es doch einfach nur darauf hinaus, dass Städte weiterentwickelt werden und sich dadurch verändern, was einigen passt und anderen nicht passt? Gentrifizierungskritik wirkt ein bisschen wie Kritik daran, dass Sprache sich nicht auf dem Stand vor 100 Jahren einfrieren lässt.

Lena 10.09.2012 | 17:22

Ich finde Deine Selbstreflektion durchaus lobenswert und es zeigt, dass es Personen gibt  die sich ihrer Verantwortung bewusst sind. Allerdings sollte man das ganz nicht verteufeln. Ja, Mieten wachsen stetig und irgendwann kann sich eine Familie die Wohnung in Kreuzberg nicht mehr leisten, das ist bedauerlich. Aber es gibt überall schöne Nischen in die auch diese Familie ziehen kann und ein neues Zuhause findet. Da muss man nur dem Wandel gegenüber offen sein. Auch wenn ich mir auf Grund hoher Mieten überlege vom Prenzlberg nach Neukölln zu ziehen. Genauso checke ich jetzt schon just for fun den Immobilienmarkt (www.hauskaufmarkt.de) um zu sehen in welchen Bezirken in Berlin oder um Berlin herum welche Preise vorherrschen. Dann fahre ich aus Spaß mal in die Ecken und schaue es mir an. Öffnet man sich für die neuen Möglichkeiten die sich ergeben wird man etwas schönes Neues entdecken.