Lukasz Szopa
02.03.2013 | 15:58 68

Peanuts gegen die Banken

Bankenreformen Trennbankensystem, Finanztransaktionssteuer & Boni-Beschränkungen werden nicht viel nützen. Um die Finanzwelt auf ein reales Maß zu stutzen, muß man radikaler vorgehen.

Peanuts gegen die Banken

Foto: Henrik Chulu / Flickr (cc)

Während sich u.a. ATTAC freut, dass ihr Name vielleicht endlich Realität wird, müssen es derzeit schreckliche Wochen für die Banken- und Finanzwelt sein. Kaum eine Woche vergeht, ohne daß seitens der nationalen wie der EU-Regierungen weitere längst angedachte Reformvorschläge zur Bankenregulierung und Beschränkung deren „Exzesse“ Gesetzesformen annehmen und sich so der Verwirklichung nähern. Trennung des („guten“) Privatkunden- und („bösen“) Investmentgeschäfts („Trennbankensystem“), Einführung einer länderübergreifenden Finanztransaktionssteuer („Tobin-Steuer“), und zuletzt diese Tage Ideen zur Deckelung der Banker-Boni. Alles nicht nur um die Macht und die Exzesse der Banken zu beschränken, sondern auch um  das Risiko, die Verflechtung und schlußendlich die Folgen der „Bankenrettung“ durch den Steuerzahler möglichst klein zu halten. Deren Fehlinvestitionen, Bankrotte und Schulden sollen nie wieder wie in den letzten Jahren von der Allgemeinheit „sozialisiert“ werden.
Schön wär´s.
Denn die Bankenlobby schreit zwar bei jedem dieser Reformvorschläge laut auf, und es werden zahlreiche mehr oder weniger realitätsnahe Gegenargumente präsentiert und wiederholt: Die Finanztransaktionssteuer schadet dem „kleinen Sparer“ und Beeinträchtigt Marktgleichgewichte, oder führt zur „Abwanderung“ der Banken wie des Problems (ach ja, und natürlich „der Arbeitsplätze“). Ein Trennbankensystem sei organisatorisch sehr aufwendig, bürokratisch, oder gar unmöglich durchzuführen - und „für den Mittelstand“ schädlich, da dieser dafür schlussendlich bezahlen müsse. Und die Beschränkung der Boni ist nicht nur eine Freiheitsbeschränkung, sondern wird ohnehin kreativ umgegangen werden. Die Bankenlobby schreit in der Öffentlichkeit laut, doch im Stillen weiß nicht nur Joe Ackermann, daß all diese Vorschläge bestenfalls „Peanuts“ sind. Daß sie nicht wirklich den Aktionsradius der Banken, deren maßlosen und risikoreichen Geschäfte und Spekulationen, die Profitgier aber auch das Risiko für die Allgemeinheit so wirklich begrenzen werden. Schlimmstenfalls ein bisschen verringern.
Es stimmt zwar, daß jede dieser Maßnahmen den Finanzmarkt etwas regulieren könnte: Die Boni-Grenze soll die Risikobereitschaft senken, und das Trennbankensystem die „normalen Sparer und Anleger“ nicht gefährden, die Finanztransaktionssteuer soll den automatisierten Aktien- und Devisenhandel einschränken – und auch noch den Staatskassen Milliardeneinnahmen gewähren. Es sind jedoch bloß kleine Korrekturmechanismen, die das Finanzsystem an sich nicht in Frage stellen und kaum gefährden. Ein Finanzsystem, welches eine wachsende, einsturzgefährdete, umgedrehte Pyramide ist – und bei so einem „Bauwerk“ sollen ein paar wackelige, dünne Stützgerüste und Plastikhelme für die Arbeiter helfen? In einem System, welches durch eine wachsende ungestillte Gier und Risikobereitschaft wächst und „gedeiht“? Der Finanzsektor, seine Akteure und Geschäftspraktiken, seine ganze „Philosophie“ und Verhalten ist nicht einmal mit einer Sucht wie Alkoholismus zu vergleichen, denn sogar dieser kennt Grenzen. Und auch da halfen in etlichen Ländern Pseudomaßnahmen wie höhere Steuern, Einschränkung der Verkaufszeiten oder der Konsumverbot in der Öffentlichkeit kaum.
Aus meiner Sicht gibt es nur zwei – und zwar zusammengenommen – Maßnahmen, die die Exzesse, die Lust am Risiko, die Verflechtung, die exorbitant und fern der „Realwirtschaft“ steigenden Umsätze, die Gefahr für die Allgemeinheit beschränken können. Hier meine Vorschläge an die Finanz- und Realwelt:
Erstens.
Das Risiko bleibt Risiko. Dass heißt, die Banken können ihre Geschäfte voll ausüben – ob man es nun „Investment“, „Mittelstandskredite“ oder „Kursspekulationen“ nennt – und wären auch frei darin, sich neue „Geschäftskonstrukte“ auszudenken. Allerdings: Im Fall großer Verluste oder eines (drohenden oder nicht mehr abwendbaren) Bankrotts bleibt das Risiko – und somit die damit eindeutig verknüpfte 100%ige Haftung allein bei der Bank. Dass heißt bei deren Eigentümern (Aktionäre und andere) und bei deren Anlegern (ob „kleiner Sparer“, Girokonto eines Mittelstandsunternehmens, oder ein Großinvestor wie Warren Buffett oder die Quandt-Familie). Damit wären die Geschäftspraktiken am direktesten und am besten kontrolliert: durch jene, die der Bank ihr Geld anvertraut haben, damit diese – gegen Zins und somit Gewinn des Anlegers (aber auch dessen Risiko!) - diese sinnvoll als Kredite oder sonstige Geschäfte investiert. Dadurch wird sich jeder Eigentümer als Aktionär viel mehr um das Geschehen und das Gebaren seiner Bank kümmern – nicht nur kurz vor der Hauptversammlung. Und erst recht werden sich die potenziellen Geldgeber (siehe oben) gründlich die Geschäftsphilosophie und die Bilanzen einer Bank ansehen und mehrfach überlegen, ob sie (weiterhin) bereit sind, einer solchen Bank ihr Geld anzuvertrauen – im vollen Bewußtsein dessen, dass jedes Risiko eines Bankgeschäfts logischerweise auch deren eigenes Risiko und Haftung bedeutet. Der Staat, die Allgemeinheit würde – wie bei „normalen“ Unternehmen oder Privatpersonen, deren Bankrott droht – nichts tun. Keine „alternativlose“ Hilfe für „systemimmanente“ Banken (wobei noch kein Politiker oder Banker plausibel erklären konnte, dass es diese „Systemimmanenz“ auch gibt!). Für Sparer oder Girokonten der Menschen, die keine Lust & Zeit auf eine „möglicherweise risikobehaftete“ Bank haben, oder auch kein Wissen und Zeit aufbringen die Geschäftspraktiken einer Bank zu analysieren, sollten die Notenbanken (Bundesbank etc.) gebührengünstige Standardmodelle eines Giro- und eines Sparkontos anbieten. Mit Null- bzw. Minizinsen – übrigens entsprechend der niedrigen Zinsen, die die Nottenbanken den Privatbanken gewähren. Das Eröffnen solcher „Volkskonten“ ginge auch ohne viele Filialen – per Internet oder per einmalige Provision angeboten in jeder Privatbank.
Zweitens.
Es gibt nur soviel Geld, wie viel Geld es gibt. Klingt plausibel oder gar logisch? Gar nicht! Denn derzeit können Banken bis zu der 15-fachen Summe dessen investieren, verleihen, damit spekulieren, wie viel Kapital sie als „Garantie“ vorweisen können – also die Summe aus Eigenkapital und Spareinlagen. Der mehrfacher „Rest“ kommt „gedruckt“ („gepumpt“) von der Notenbank. Zwar nicht als Geschenk sondern ebenfalls als ein extrem niedrig verzinster Kredit – wobei bei Ausfall erneut die Notenbank, also die Allgemeinheit, haftet. Nach der „Logik des Banksystems“ kann man also mit einem Bruchteil an Geld – mithilfe der s.g. „Hebelwirkung“ (leverage) – riesige Geschäfte machen. Welcher Privatmensch, welches Unternehmen kann ebenso mit so wenig an Eigenbeitrag mit so großen Summen hantieren?
Die Lösung hier ist ganz einfach: Die Banken und sonstige Finanzfirmen sollen – vor allem unter Beibehaltung des ersten Punktes (volles Risiko, volle Haftung) – nur so viel in ihre Geschäfte investieren dürfen, nur mit so viel Geld hantieren, wie viel ihnen auch anvertraut wurden, also wie viel sie auch haben. Beispiel Deutsche Bank: die Bilanzsumme 2011 lag bei 2109 Mrd. EUR, während das Eigenkapital bloß 53 Mrd. und die Summe der Einlagen bei 601 Mrd. EUR lagen. Bei der tausendfach kleineren Umweltbank sieht das Verhältnis schon anders aus: Bilanzsumme 2011 knapp 2 Mrd. EUR, Eigenkapital 139 Mio. EUR, Einlagen 1,3 Mrd. EUR. Ist so gesehen zwar auch nicht 100% „nachhaltig“, dennoch viel näher an dem Ziel „man gibt so viel Geld aus wie viel man hat“.
Der schwerwiegendste Einwand zu dieser radikalen Beschränkung der Bankbilanzen und des Geschäftsvolumens der Banken heißt hier: Wenn man den Banken den Geldhahn zudreht, bekommt „die Wirtschaft“ (oder auch „der Staat“) kein Geld – also keine Kredite für Investitionen, für Deckung des Budgetdefizits, und auch der „Häuslbauer“ kein Geld und „alles bricht zusammen.“ Mitnichten. Denn volkswirtschaftlich betrachtet liegt z.B. in Deutschland die Sparquote, also der Anteil des BIP, welcher gespart und somit bei den Banken eingelegt wird, bei ca. 20% - und ähnlich hoch ist die Investitionsquote hierzulande – also der Anteil des BIP, welcher investiert wird – ob durch Unternehmen, den Staat, oder in private Eigenheim-Projekte. Man kann also sagen, dass durchschnittlich das, was die einen sparen, die anderen als Kredit zur Verfügung gestellt wird. Klar, in manchen Ländern mag es hier ein Ungleichgewicht geben (raten Sie mal in welche Richtung...). Doch langfristig kann es sich keine Volkswirtschaft leisten, mehr auszugeben und investieren, als eingenommen/produziert und gespart wurde. Die Frage wäre nun: Was passiert mit dem „Rest des ganzen Geldes“, den die Banken in der Hand haben, und welches nicht als „normale Kredite“ verwendet wird? Genau dieses Kapital ist das „Spielkapital“, welches die Banken in Milisekundengeschwindigkeit spekulativ in Derivate oder Nahrungsmitteloptionen „investieren“ um das Geld – mit Gewinn oder Verlust – gleich wieder zu sich zu holen. Wie gesagt: nicht eigenes Geld, sondern das zur Verfügung gestellte Schöpfgeld der Notenbank. Das ist übrigens auch der Grund, entgegen der Beteuerungen vieler Notenbankchefs in den USA, Japan oder Europa, warum dieses „Gelddrucken“ nicht wirklich die Realwirtschaft beflügelt – es kommt dort gar nicht an. Es ist notwendig, dass für die Banken folgende Soll-Haben-Identität, oder auch "Banken-Vollgeld" gilt: Du darfst nicht mehr investieren, als dir zur vollen Haftung durch Einlagen und Eigenkapital gegeben wurde.

Wenn also diese zwei Regeln – volle Risikohaftung und die Banken-Vollgeld – gelten, könnte man die bisherigen Reform- und Regulierungsvorschläge gerne weglassen. Dann könnten die Banken und die Banker die von mir aus zocken oder auch mit Bedacht das Geld investieren. Dann braucht man auch keine Finanztransaktionssteuer, um die Umsätze und deren Geschwindigkeit zu begrenzen. Dann kann jede Bank jedem Banker beliebig hohe Boni auszahlen – die Aktionäre und die Anleger werden selbst dafür sorgen, da sie allein dafür haften, dass diese Kosten nicht zu sehr zur Senkung des Bank-Gewinns beitragen. Und schließlich kann sich jeder Privatmensch wie jedes Unternehmen aussuchen, und selbst entscheiden, ob man das eigene Geld einer großen „Universalbank“ (Privatkunden- und Investmentgeschäft), oder aber einer reinen Privatbank anvertraut. Alle Seiten – Banken, deren Eigentümer, Sparer und Anleger, Kreditnehmer – können dann sowohl die süßen Früchte des freien Marktes auskosten – wie auch immer wieder alleine die bitteren Pillen schlucken müssen. Diese zwei Maßnahmen wären keine „Peanuts“, sondern zwei richtig dicke und harte Nüsse, die die Finanzwelt schlucken müsste, und sie auf den Boden der wirtschaftlichen Realität zurückbringen würde.

Kommentare (68)

fahrwax 02.03.2013 | 16:31

Zwar wird es nun bald, aber nur als Wahlkampf, sicherlich einige ansprechende Vorzeige-Vorhaben aus allen Parteilichkeiten in die Wohnzimmer schneien, jedoch ohne der "Systemrelevanz" zu nahe zu treten.

Die absehbare Sintflut dieses Schneeballsystems soll sich weiterhin in den bewährten Niederungen des Inkassos abspielen. Der deutsche funktioniert traditionell bis zum "Land unter".

 Die Fresserei der harten Nüsse wird da bleiben, wo sie jetzt auch ist.

rose 03.03.2013 | 00:29

Lieber Radikaler,

ich gebe freimütig zu, dass ich deinen Beitrag, den du sicherlich mit viel Sachverstand verfasst hast, nicht gelesen habe, das Thema ist zu deprimierend. Ich hoffe, du hast vorgeschlagen, den Kapitalismus zu beseitigen, oder, wenn dies schwieriger scheint, als den Heiligen Stuhl unbesetzt zu lassen, wenigstens die Banken zu verstaatlichen. Im Widerspruch zu den Heilslehren des Kapitalismus finden ja vereinzelt und allerdings nur vorübergehend sündige Einschränkungen der Bankenmacht statt. Interessant könnte es sein, dir die Argumente gegen eine Verstaatlichung  aus Sicht der Befürworter des Kapitalismus anzuhören. Halte mich auf dem laufenden.

Schreibe mal was über das Verhältnis von Lech Walesa zu den Menschenrechten in Bezug auf den Kapitalismus, dann  über seine Gewissheit, dass keines seiner Kinder schwul ist.

 

gweberbv 03.03.2013 | 10:30

Mitnichten. Denn volkswirtschaftlich betrachtet liegt z.B. in Deutschland die Sparquote, also der Anteil des BIP, welcher gespart und somit bei den Banken eingelegt wird, bei ca. 20% - und ähnlich hoch ist die Investitionsquote hierzulande – also der Anteil des BIP, welcher investiert wird – ob durch Unternehmen, den Staat, oder in private Eigenheim-Projekte.

Was ist mit Konsumkrediten und Zwischenfinanzierungen (die wenigsten Unternehmen finanzieren ihren Aufwand mittels eigener Liquidität vor)? Unter "Investitionen" wird beides wohl nicht verbucht, aber ist diese Art von Krediten deswegen unnötig?

Im Fall großer Verluste oder eines (drohenden oder nicht mehr abwendbaren) Bankrotts bleibt das Risiko – und somit die damit eindeutig verknüpfte 100%ige Haftung allein bei der Bank.

Sehe ich auch skeptisch. Man hat ja seinerzeit nicht aus Liebe zu den Banken diverse Sicherungssysteme installiert, sondern aufgrund der Einsicht dass zussamenbrechende Finanzinstitute (auch Versicherungen) aufgrund von Dominoeffekten wie "ökonomische Atombomben" wirken. Wenn solche Einrichtungen in Schieflage geraten, sind die indirekten Schäden in aller Regel viel, viel höher als die direkten Vermögensschäden für die Bank/Versicherung selbst.

Was mit weniger radikal, dafür ebenfalls zielführend erscheint: Die Grundzutaten für die meisten Krisen - komplexer Finanzprodukte auf der einen, "stupid money" auf der anderen Seite - einschränken. Damit Märkte halbwegs so funktionieren können, wie es in der idealisierenden ökonomischen Theorie vorgesehen ist, muss Transparenz bezüglich der gehandelten Waren herrschen.

Daher:

- Handel mit Finanzprodukten nur noch über öffentliche, regulierte Marktplätze (=Börsen).

- Die Finanzprodukte wiederum müssen standardisiert sein und vor Neueinführung zunächst durch eine Art "TÜV" laufen.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 10:34

Guten Morgen,

@"ich gebe freimütig zu, dass ich deinen Beitrag, den du sicherlich mit viel Sachverstand verfasst hast, nicht gelesen habe, das Thema ist zu deprimierend". Wie kann ich da helfen? Hätte ich nur etwas an graphischer Begabung , würde ich extra für Sie Blogs zu finanzwirtschaftlichen Themen mit Piktogramen, Pfeilen und Tortendiagrammen bereichern, oder gar die ganze Geschichte als Comic-Story verfassen.

Zum Thema: Ja, wahrscheinlich zielen meine Vorschläge, zumindest Punkt 2, zur Abschaffung des Kapitalismus, also des "Geld mit dem Geld wirtschaftens" und der unendlichen "Geldschöpfung". Andererseits ist Pkt 1., also volle Haftung für eingegangene Risiken seitens des Akteurs eher eine Rückkehr in die ursprünglichen Prinzipien eines freien Marktes, anstatt der "staatlichen Fürsorge" (für die Banken und deren Anleger) - wenn die Staaten die Haftungen mitübernehmen. Denn einen freien Markt ohne Kapitalismus kann es genauso gut geben wie ein kapitalistische Planwirtschaft oder Feudalismus.

Die Idee, Banken zu verstaatlichen, halte ich für falsch. Erstens, weil wie gesagt nur der Eigentümer dann wechselt, nicht das System, das schlechte Management, die Gier, die Menge an ("geschöpften") Geld, die Risiken. Ein Staat wirtschaftet in Prinzip weder besser noch schlechter als ein privater Unternehmer. Doch die Risiken würden auch dann beim Staat bleiben - also bei uns. Vor allem wenn Pkt.2, also die radikalen Beschränkung der Geldmenge, ausbleibt. Wobei ich zumindest eine staatliche Alternative zu den Privatbanken vorschlage - s.g. zinsfreie "Bundesbank-Konten".

Was Banken-Verstaatlichung angeht gebe ich Ihnen insofern Recht, dass wenn - 2007, 2008, heutzutage Staaten wie Irland, USA, GB, oder Deutschland Banken mit eigenem (der Allgemeinheit) Geld "retten", ohne diese zu verstaatlichen (wie in Island z.B.), ist das der falsche Weg. Deutschland hat bei der "Rettung" der Commerzbank etwa 10 Mrd. EUR der Bank als "stille Einlage" zur Verfügung gestellt - ohne jegliches Stimmrecht! Dagegen wäre als letzter Ausweg die Verstaatlichung einer Großbank ein "Peanuts" gegen die Summen, man hätte dann die volle Kontrolle und könnte die Bank verändern. Würde man heute z.B. die Deutsche Bank übernehmen wollen, müsste man für 100% der Aktien nur 30 Mrd EUR hinblättern (31.12.2012), bei der Commerzbank wären es nur 9  Mrd! (Ende 2012). Ende 2008 / Anfang 2009 waren die Summen noch niedriger.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 10:47

@"Was ist mit Konsumkrediten und Zwischenfinanzierungen (die wenigsten Unternehmen finanzieren ihren Aufwand mittels eigener Liquidität vor)? Unter "Investitionen" wird beides wohl nicht verbucht, aber ist diese Art von Krediten deswegen unnötig?" Bei Zwischenfinanzierungen stimmt es nicht, da diese "sofort" wieder getilgt werden, mit Erträgen, wie wiederum dann nicht in die Sparquote einfliessen.

Im Falle von Konsumkrediten haben Sie Recht. Doch auch hier sehe ich grundsätzlich einen radikalen volkswirtschaftlichen Verändeurng notwendig (muss nicht mit dem 1.1.2014 100% umgesetzt werden): Es dürfen nur so viel Kredite (ob Investition oder Konsum) gegeben werden, wieviel Kapital aus Erspartem & Eigenkapital vorher vorhanden war. Oder, falls in Vorjahren die Spraquoten die Kreditquoten überstiegen, auch mehr - man hat ja dann im wahren Sinne angespart. Und investieren auf Pump sollte man nur dann, wenn es sich auszahlt, konsumieren auf Pump am besten gar nicht.

Zu "Sicherungssystemen": Die beste Absicherung ist eben - viel weniger Kapital im Umlauf! Dann sind auch die Banken-Verflechtungen geringer, und die Folgen von Verlusten kleiner. Und wie man gesehen hat, hat kein Sicherungssystem uns davor bewahrt, dass die Verluste der Banken doch nicht "sozialisiert" wurden. Ich stimme zu, HEUTE würde es Domino-Effekte geben - aber eben deswegen will ich diese "Atombomben" entschärfen, indem man sie zu kleinen Knallerbsen macht.

Ihr Vorschlag mit "stupid money" ähnelt etwas dem meinen mit den Bundesbank-Konten. Wer auf der sicheren Seite sein will - hat sein zinsfreies Bundesbank-Konto. Wer etwas riskieren will - gibt sein Geld einer Privatbank.

rose 03.03.2013 | 11:00

"Denn einen freien Markt ohne Kapitalismus kann es genauso gut geben wie ein kapitalistische Planwirtschaft oder Feudalismus."

Bravo, dies wird von den Gegenern des Sozialismus und leider auch von der "Linken" neuerdings ebenfalls geleugnet.

Danke für die weiteren Informationen.

Als mit den Verhältnissen in Polen Vertrauten habe ich dich ernsthaft um eine klärendes Wort zu dieser Meldung gebeten, ich wiederhole sie:

SPIEGEL ONLINE - Politik - 01.03.2013Homosexuelle sollen nach Ansicht des früheren polnischen Arbeiterführers Lech Walesa im Parlament in der letzten Reihe sitzen - oder gleich hinter einer Mauer. Der Friedensnobelpreisträger will nicht, dass seine "Kinder und Enkel von dieser Minderheit verwirrt werden"

Bleibe gesund

gweberbv 03.03.2013 | 11:00

Bei der Commerzbank bestand das Problem ja nicht darin, dass die Bundesregierung diese übernehmen wollte bzw. mit der Übernahme irgendein Problem gelöst hätte.

Stattdessen brauchte die Commerzabnk 2008/09 dringend zusätzliches Kapital. Insgesamt wurden von staatlicher Seite gut 18 Mrd € in die Bank gesteckt, davon grade mal 2 Mrd € (!!!) für den Kauf von 25% (Sperrminorität) der Aktienanteile. Der Rest in Form von zwei "stillen Einlagen", die auch irgendwann zurückgezahlt werden müssen (im Gegensatz zu Aktien). Laut Wiki sind davon auch bereits 14 Mrd € zurückgezahlt worden.

Hätte der Staat stattdessen die ganzen 18 Mrd € in eine Kapitalerhöhung der Bank gesteckt, würde ihm heute zwar die Mehrheit der Bank gehören, dieses Eigentum wäre aber am Markt deutlich weniger Wert als ursprünglich dafür bezahlt wurden.

Aktuell sieht es dagegen so aus, dass nur ein kleiner Teil der staatlichen Hilfen verloren ging.

gweberbv 03.03.2013 | 11:09

Ihr Vorschlag mit "stupid money" ähnelt etwas dem meinen mit den Bundesbank-Konten. Wer auf der sicheren Seite sein will - hat sein zinsfreies Bundesbank-Konto. Wer etwas riskieren will - gibt sein Geld einer Privatbank.

Müsste die BuBa dann nicht auch zwingend ein Kreditgeschäft aufbauen? Bei den Privatbanken gäbe es ja nur noch spekulative Einlagen, die entsprechend des Risikos verzinst sein wollen. Ohne Sicherungssystem ist das Risko vergleichsweise hoch, also muss das von den Banken getätigt Geschäft hohe Renditen bringen.

"Normale" Kredite an Unternehmen oder Personen bringen das eher nicht. Und selbst wenn, wäre ja nicht genung Kapital in den Banken vorhanden, denn alle nicht-spekulativen Einlagen gammeln ja ohnehin bei der BuBa vor sich hin.

Idefix 03.03.2013 | 11:20

Ein interessanter Beitrag. Mein Eindruck der bisherigen Bankenregulierung ist, dass hier die Politik bemüht ist ihre Macht zu stabilisieren. Dort wo die Banken Regierungen in Gefahr bringen steuert die Politik nach. Wenn es den Bürgerinnen und Bürgern nebenbei nutzt, umso besser. Bei aller Nähe zwischen Banken und Politik darf man ja nicht vergessen, dass die Bankenkrise in den letzten Jahren vielen Regierungen die Macht und Politikerinnen und Politikern die Karriere gekostet hat. Das wird sich die Politik nicht ewig tatenlos ansehen. Die Bankenreformen sind weniger zur Regulierung der Banken, als vielmehr zu Gunsten der politischen Stabilität gedacht – meine ich.

Im Grunde könnten wir im übrigen als Privatmenschen schon heute einige deiner Vorschläge umsetzen. Es ist ja bekannt, welche Banken moralisch vertretbar agiert haben und agieren. Jede und jeder ist frei sein Konto dort zu eröffnen. Nur gibt's da nicht immer die besten Zinsen und Kontoführungsgebühren...  Im Prinzip ist man frei in seiner Entscheidung, ob man auch ein ganz bisschen profitieren möchte vom System (mit ein paar mehr Prozenten bzw. ein paar weniger Gebühren) oder ob man zu einer alternativen Bank wechselt. Ich bin kein gutes Vorbild und lebe bisher noch mehr nach ersterem Prinzip mit einem Konto bei der DKB statt bei der GLS...

gweberbv 03.03.2013 | 11:23

Zu "Sicherungssystemen": Die beste Absicherung ist eben - viel weniger Kapital im Umlauf! Dann sind auch die Banken-Verflechtungen geringer, und die Folgen von Verlusten kleiner. Und wie man gesehen hat, hat kein Sicherungssystem uns davor bewahrt, dass die Verluste der Banken doch nicht "sozialisiert" wurden.

Was schützt am brsten vor Verkehrsunfällen? Weniger Autos im Umlauf! Also lasst uns die Haftpflichtversicherung abschaffen und nur noch derjenige darf hinters Steuer, der nachweisen kann, dass er die 10 Mio €, die er bei einem Unfall schlimmstenfalls als Schaden versursacht, aus eigener Tasche zahlen kann.

Gegen eine Bankenkrise hilft freilich kein Sicherungssystem der Banken. Gegen die Schieflage einzelner Banken aber sehr wohl.

Sönke Paulsen 03.03.2013 | 11:33

Die Sache mit dem Risiko schreckt mich, obwohl sie eigentlich richtig ist. Das Problem ist nur, dass Banken keine Personen sind, die Angst davor haben, Pleite zu gehen. Es sind riesige Apparate, in denen Personen ihren Karriereinteressen nachgehen und zwar mit dem GELD von anderen.

Persönlichr Haftung wäre ein Ausweg, nur, wie setzt man das durch, so dass es auch wirklich eine Haftung ist und nicht eine kleine Geldstrafe, die man einkalkulieren kann?

snow_in_june 03.03.2013 | 11:44

Bei deinem ersten Vorschlag fehlt mir ein wenig der gesellschaftsrechtliche Hintergrund:

Es ist ja grundsätzlich sehr wohl so, dass die Eigentümer eines Unternehmens auch für dessen Verbindlichkeiten haften. Das ist nur dann anders, wenn das Unternehmen eine Gesellschaftsform wählt, bei der die Haftung beschränkt ist. Das ist vor allem die GmbH und die AG.

Die Forderung, dass die Eigentümer haften müssen, ist also letztlich die Forderung danach, dass Banken diese Gesellschaftsformen nicht mehr wählen dürfen.

Dann würde sich die Frage stellen: Wollen wir diese Gesellschaftsformen ganz abschaffen, oder wollen wir sie nur für Banken verbieten? Was ist mit Versicherungen und anderen Finanzakteuren?

Ich bin nicht von vorneherein gegen deinen Punkt 1. Ich will aber anmerken, dass man sich die Dimension dieser Forderung klar macht.

gelse 03.03.2013 | 11:47

>>Würde man heute z.B. die Deutsche Bank übernehmen wollen, müsste man für 100% der Aktien nur 30 Mrd EUR hinblättern (31.12.2012), bei der Commerzbank wären es nur 9  Mrd!<<

Nicht mal das, wenn man ausnahmsweise mal das GG ernst nehmen wollte:

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Artikel 14

  (1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.

(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.

(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.

 

Artikel 15

Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel können zum Zwecke der Vergesellschaftung durch ein Gesetz, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt, in Gemeineigentum oder in andere Formen der Gemeinwirtschaft überführt werden. Für die Entschädigung gilt Artikel 14 Absatz 3 Satz 3 und 4 entsprechend.

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„Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen“ bedeutet:

Die durch den Privatbesitz an Produktionsmitteln und Kapital angerichteten volkswirtschaftlichen Schäden übersteigen die Summe des Aktienmarktwertes bei Weitem. Aktionäre müssten also dankbar sein, wenn sie von einer GG-konformen Regierung 10 ct pro Aktie bekämen.

Trotzdem bin ich bei einfachen Verstaatlichungsforderungen skeptisch: Der Staat müsste zuvor demokratisiert werden, wenn das was bringen soll.

 

 

 

 

Kai Rüsen 03.03.2013 | 12:13

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann dürfen Banken laut ihrem Vorschlag Geld nur insoweit an Privatpersonen und Unternehmen verleihen, wie sie an Einlagen und Eigenkapital zur Verfügung haben. Und wenn Eigenkapital und Einlagen das Kreditgeschäft der Banken übersteigen, dann können die Kreditinstitute mit diesen Summen Eigenhandel an den Kapitalmärkten betreiben. Damit würden nicht nur die Anteilseigner der Banken in Haftung für Verluste genommen, sondern auch jene Kunden, die Sparkonten eingerichtet haben.

Doch damit würde sich das Risiko für Kleinsparer zum Beispiel deutlich erhöhen. Entweder würden Kleinsparer andere Anlageformen suchen wie festverzinsliche Wertpapiere. Oder sie würden höhere Sparzinsen für das gestiegene Risiko verlangen. Aufgrund dessen würden sich die Kosten der Banken erhöhen. Denn das ihnen zur Verfügung gestellte Kapital würde aus zwei Gründen teurer: steigende Knappheit und höheres Risiko für die Kapitalgeber.

Dies hätte Folgen für viele Unternehmen. Denn die Banken müssten die gestiegenen Zinsen auf der Einlagenseite durch höhere Zinsen bei der Kreditvergabe kompensieren.  Durch höhere Zinsen allerdings würden Neugründungen von Unternehmen behindert und die Finanzierung von Investitionen bei bestehenden Unternehmen erschwert. Ich fürchte erhebliche negative Auswirkungen vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen.

Deshalb plädiere ich persönlich dafür, ein großes Paket an Einzelmaßnahmen zu schnüren, um die Bankenwelt angemessen zu regulieren. Denn einfache Lösungen könnten erhebliche Risiken bei der Kreditvergabe in sich bergen.

Zu dem Maßnahmenbündel zählt neben einem Trennbankensystem, einer restriktiveren Geldpolitik der Notenbanken sowie einer Begrenzung der Boni auch eine Finanztransaktionssteuer. Denn eine solche Steuer begrenzt den Handel mit Wertpapieren an den Börsen -  einen Handel, an dem Banken oft gar nicht beteiligt sind. Man kann zum Beispiel einen Börsenmakler einschalten, der diese Geschäfte abwickelt. Und selbst wenn die Banken die Finanztransaktion an den Börsen abwickeln, dann zumeist im Namen der Kunden und nicht auf eigene Rechnung. Wir haben es hier also mit einem ganz anderen Geschäftszweig zu tun, dessen Auswüchse durch eine Finanztransaktionssteuer deutlich begrenzt werden könnten.

silvio spottiswoode 03.03.2013 | 12:26

Danke für den guten Beitrag zu diesem doch alles dominierenden Thema. Die Ironie ist doch, selbst eine Mehrzahl der Mitarbeiter von Banken würde den zwei Punkten inzwischen weitestgehend zustimmen. Punkt 1 sowieso.

Die Bilanzsummen und Eigenkapitalquoten der Banken mal so nebeneinander in Relation zu sehen ist ernüchternd. Jedoch dürften die Zahlen auch nur die Spitze des Eisbergs darstellen, da Kreditgeschäfte eben oft auch durch kurzfristige Conduits, Private Equity Fonds oder Kreditgesellschaften in die Wege geleitet werden, für die eben gerade alle Bankenregulierung nicht greift.

Es ist allein schon schwer an offizielle Zahlen zu kommen, weil diese Geschäfte so  kurzfristig und fließend verlaufen. Aber das Volumen für Finanztransaktionen außerhalb des Bankensektors soll sich allein von 2002 bis 2007  von ca. 30 Bio. auf 60 Billionen Dollar mehr als verdoppelt haben! Und genau da steckt die Bombe, die keiner mehr kontrollieren kann. Wie will man da dran kommen?

Robert Zapf 03.03.2013 | 12:38

Das Geld arbeiten muß, ist doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit in diesem System.
Irgendjemand muß es doch tun, wenn die produktive Arbeit immer weniger wird.
Also, wenn ich selbst schon keine Arbeit habe, bin ich doch froh, daß wenigstens mein Geld noch arbeiten kann.
Wollen Sie mir dies auch noch verbieten, werter Gelse?
Diese Idee hat ja noch nicht mal die FDP gehabt!
Ich weiß nur nicht, wie ich mein Geld dazu bringe, so zu arbeiten, daß ich davon leben kann.

Kai Rüsen 03.03.2013 | 13:05

Um das Ausmaß der Finanztransaktionen zu begrenzen, wäre eine Finanzsteuer m.E. genau der richtige Ansatz. Wie Sie richtig feststellen, würde eine strengere Bankenregulierung hier ins Leere laufen.

Und was die Eigenkapitalquoten betrifft: Es ist geplant, dass die Banken ihr "hartes Kernkapital" ( Eigenkapital und thesaurierte Gewinne)  bis 2019 von 2% auf 7% erhöhen sollen. Für sytemrelevante Banken sollen noch höhere Quoten gelten. Entscheidend ist, dass die Vorschläge seitens der Unterhändler von EU-Kommission und Ministerrat tatsächlich umgesetzt werden.

gelse 03.03.2013 | 13:06

>>Während Spekulationskapital wohl "arbeitet"?<<
Das war ja eine Frage an gweberv und keine Antwort, lieber Robert Zapf.

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Da wo ich zur Zeit mich ausbeuten lasse, werden Überstunden geschoben noch & nöcher. An Arbeit fehlt es nicht, nur an Einkommen pro Arbeutsstunde: Es gibt, falls ein bestimmter Umsatz erreicht wird, 50 % Zuschlag auf die Überstunden. Das finden die Jungs klasse, denn so kommen sie auf ein Einkommen, das sie im Metalltarif auch hätten, (dort ohne Übelstunden) und können sich mit Fahrmaschinen und elektronischem Schnickschnack aufrüsten...

Wer seine Arbeit "verliert" hat ja nichts, das auf einem Konto "gammeln" oder spekulativ "arbeiten" könnte: Für Bankster uninteressant.

balsamico 03.03.2013 | 14:23

Auch eine Verstaatlichung von Banken beseitigt nicht das "Übel" sondern kuriert an seinen Auswirkungen herum.

So ist es. Was soll es schon bringen, private Gier durch staatlichen Murks zu ersetzen? Abgesehen davon ist es freilich so, dass die Banken immer genug Geld haben, um sich zur Wahrnehmung ihrer Interessen überall die besten Leute und einflussreichsten Leute zu kaufen, sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder allgemein in der Gesellschaft. Selbst in der Kunst bestimmen sie, wer etwas gilt und wer nicht. Die ordinäre Macht des Geldes konterkariert alle Überlegungen, die irgendwie zum Ziel haben, den beklagenswerten Zustand der Welt zu verbessern. Das liegt, sozusagen, in der Natur der Sache.

balsamico 03.03.2013 | 14:23

Auch eine Verstaatlichung von Banken beseitigt nicht das "Übel" sondern kuriert an seinen Auswirkungen herum.

So ist es. Was soll es schon bringen, private Gier durch staatlichen Murks zu ersetzen? Abgesehen davon ist es freilich so, dass die Banken immer genug Geld haben, um sich zur Wahrnehmung ihrer Interessen überall die besten Leute und einflussreichsten Leute zu kaufen, sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder allgemein in der Gesellschaft. Selbst in der Kunst bestimmen sie, wer etwas gilt und wer nicht. Die ordinäre Macht des Geldes konterkariert alle Überlegungen, die irgendwie zum Ziel haben, den beklagenswerten Zustand der Welt zu verbessern. Das liegt, sozusagen, in der Natur der Sache.

fahrwax 03.03.2013 | 14:37

Das Suchtmittel Geld gerät aber gerade an seine Grenzen.

In dem Link unten ist ein video mit portugiesischen Gesängen die mir wohlige Schauer über den Rücken treiben. Irgendwo ist da die Grenze de Käuflichen erreicht:

http://www.tagesschau.de/wirtschaft/portugalprotest100.html Protest gegen Sparpolitik Wütende Portugiesen schicken Troika "zum Teufel"

Hunderttausende Menschen sind in Portugal gegen die Sparpolitik der Regierung auf die Straße gegangen. "Troika und Regierung raus", "Portugal an die Wahlurnen" und "Wahlen jetzt" gehörten zu den Parolen auf den Spruchbändern. Bei einem Protestmarsch in der Hauptstadt Lissabon sangen die Demonstranten die Hymne der Nelkenrevolution von 1974, die Portugal den Weg zur Demokratie ebnete."

silvio spottiswoode 03.03.2013 | 15:17

Noch zu Punkt 2: Der "Geldhahn," meine Lieblingsthema. Das Finanzsystem ist nach wie vor so aufgebaut, dass Geld sich aus sich selbst heraus – durch Zinsen – vermehrt. Das ist der Anreiz, die Karotte. Das was alles antreibt, Schuld(en) und Zins. Deshalb entsteht geradezu gezwungenermaßen immer eine Verengung der finanziellen Ressourcen; konzentrieren sich immer größere Summen bei immer weniger Akteuren. Dieser Prozess legt dann – paradoxerweise möchte man fast sagen –  den Finanzfluß jedes Mal aufs neue lahm. Dann kommt die Katharsis, die Zäsur, das Tabula Rasa, Ablenkungsmanöver, Krieg, Tote, Untergang … und alles fängt wieder von Vorne an.

Das Problem ist doch: Es ist absolut unmöglich ist nur genauso viel Kapital zu verleihen wie Ersparnisse vorhanden sind, weil verzinste Kredite auf dem Prinzip exponentieller Steigerung beruhen. Deshalb wird ja auch das wahnsinne Wachtum gebraucht, deshalb MÜSSEN Unternehmen und Bevölkerung sich verschulden. Der Sinn unseres Lebens im Kapitalismus ist es Schuld(en) zu machen. Das geht gar nicht anders. Deshalb brauchen wir ein komplett neues Geldsystem, ohne Zinsen!

 

______________________________________________________

Weil hier schon von anschaulichen Zahlenmodellen die Rede war: Anbei meine kleine Skizze der Vermögensverhältnisse in Deutschland.

 

Vermögensverteilung_in_D

 


Niedrigste und höchste Einkommen in Deutschland gehen seit den 1990er Jahren wieder gravierend auseinander, Ungleichheit nimmt zu. Die Mittelschicht schrumpft. Das (Jahres-)Durchschnittseinkommen stieg bei den wohlhabenden 10 % um 6 %, den oberen 0,01 % um 17 %, den wohlhabendsten 650 Deutschen um 35 % und den 65 Reichsten um 53 % auf 48 Millionen €.

Die Zahlen (laut DIW) für Vermögen sind noch viel krasser: Insgesamt besitzen ca. 30% aller Erwachsenen 90 % des Vermögens (4,86 Billionen €). 70% aller Erwachsenen besitzen nur 10 %  (0,54 Billionen €). 1 %  besitzt etwa ein Viertel des gesamten Vermögens in Deutschland - also mehr als die unteren 80 % und sogar mehr als DOPPELT soviel wie die unteren 70 %.

Man kann bei der Vermögensverteilung in Deutschland also inzwischen wieder von einer kleinen Oberschicht (circa 10 %), einer kleinen Mittelschicht (circa 20 %) und von einer großen Unterschicht (circa 70 %) sprechen.

Um das zu ändern braucht es mehr als eine Bankenreform. Wir brauchen eine komplette Sanierung der Steuergesetzgebung.

silvio spottiswoode 03.03.2013 | 15:38

2. Abs. 1. Z.: unmöglich ist nur, ist RAUS
2. Abs. 4. Z.: Wachstum;  (... tut mir leid mit den Fehlern; bei diesem Thema brennen bei mir immer die Sicherungen durch.)

 

Jedenfalls worauf ich damit hinaus wollte: Diese zwei Punkte sind schön und gut, wenn man davon ausgeht, dass die Krise behoben werden sollte.

Genau das aber glaube ich inzwischen immer weniger. Wir sehen doch was passiert. Das genaue Gegenteil von dem was lauthals immer angekündigt wird: Absolut jede Maßnahme, inkl. der Finanztransaktionssteuer, hat bisher zu einer VERSCHÄRFUNG der Umverteilung von unten nach oben geführt. Die Milliarden werden weiter verdient. Nein, diese Krise entpuppt sich als eine riesige gesellschaftliche Umstrukturierung, eine Refeudalisierung auf Kosten öffentlicher Infrastruktur und der Bevölkerung, ihrer Kinder und Enkelkinder, für Generationen. Wir werden versklavt.

balsamico 03.03.2013 | 15:47

Hunderttausende Menschen sind in Portugal gegen die Sparpolitik der Regierung auf die Straße gegangen. "Troika und Regierung raus", "Portugal an die Wahlurnen" und "Wahlen jetzt" gehörten zu den Parolen auf den Spruchbändern. Bei einem Protestmarsch in der Hauptstadt Lissabon sangen die Demonstranten die Hymne der Nelkenrevolution von 1974, die Portugal den Weg zur Demokratie ebnete."

Bleibt zu hoffen, dass es was nützt. Klar ist mir allerdings: Wenn Verbesserungen der Verhältnisse erstritten werden, dann nicht in Deutschland. Ein Volk, das sich HartzIV nicht nur gefallen lässt sondern auch noch verteidigt, ist zum Erstreiten von Verbesserungen nicht fähig.

balsamico 03.03.2013 | 16:16

Deshalb wird ja auch das wahnsinnige Wachstum gebraucht, deshalb MÜSSEN Unternehmen und Bevölkerung sich verschulden.

Unternehmen müssen sich verschulden, weil Einnahmen und Ausgaben nicht zeitgleich erzielt bzw. getätigt werden. Private müssen sich dagegen nur dann verschulden, wenn es auch beim besten Willen nicht möglich ist, mit seinen Einnahmen, bzw. Löhnen und Gehältern über die Runden zu kommen. Wer über seine Verhältnisse lebt, ohne dass es bei seinen Lebensumständen unerlässlich lebt, verhält sich zwar systemkonform aber meistens falsch.

Der Sinn unseres Lebens im Kapitalismus ist es Schuld(en) zu machen. Das geht gar nicht anders.

Das ist gewiss nicht der Sinn unseres Lebens. Aber es geschieht. Im privaten Bereich ginge es in den meisten Fällen auch anders.

Deshalb brauchen wir ein komplett neues Geldsystem, ohne Zinsen!

Das wird nicht zu haben sein. Im Islam z.B. gibt es ein Zinsverbot, was freilich zu allerlei Umgehungen führt. S. hier:

http://de.wikipedia.org/wiki/Zinsverbot

 

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 16:47

Die BuBa tätigt bereits jetzt Kreditgeschäfte - indem sie Geld niedrigverzinst an die Privatbanken leiht. Aber ich wäre eher dagegen, dass die BuBa ins Kreditgeschäft einsteigt. Die Nullzinsenkonten (Giro, Spar) wären eine 100% sichere Alternative, man würde sein eigenes Geld dort einfach "parken".

Was hochspekulative Geschäfte angeht, oder auch normale: Das soll Sache der Privatbanken sein. Und warum soll eine Privatbank nicht plausibel ein "normales" Geschäftsmodell aufbauen: Sparen mit kleinem Zins (1-2% - aber gewissen Risiko, normale Kredite an Unternehmen oder andere ebenso (2-3%), der Zinsunterschied als Gewinn gehört der Bank.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:00

@"Im Grunde könnten wir im übrigen als Privatmenschen schon heute einige deiner Vorschläge umsetzen. Es ist ja bekannt, welche Banken moralisch vertretbar agiert haben und agieren."

Nicht nur Privatmenschen. Wer hindert einen Selbständigen, ein Kleinunternehmen oder gar einen Mittelständler, und erst recht die vielen Behörden und auch NGOs, nachhaltigen Banken ihr Geld zu geben?

Und ja, wir können viel tun. Vor ein paar Jahren hatte der Ex-Fussballer Eric Cantona eine Initiative in Frankreich: Geld von den Konten rausnehmen, damit möglichst viele Banken & das System zusammenbrechen. Leider haben da nicht mehr als 10000 Leute mitgemacht...

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:03

Wenn den Bank-Aktionären und Anlegern gesagt wird: Wenn deine Bank Miese macht oder Bankrott - ist dein Kapital weg, also tue etwas dagegen im Eigeninteresse. Da wäre schon viel geholfen. Die "Bankenrettung" bedeutet hingegen: Rettung der Anleger (und am Kapital gemessen sind es nicht die Millionen Kleinsparer, sondern die oberen 5% der Vermögenden) und Rettung der Aktionäre.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:12

Sie warnen vor volkswirtschaftlichen Folgen (im neg. Sinne). Aber genau volkswirtschaftliche Folgen hätte ich gerne. Man muss meine Punkte nicht morgen umsetzen, sondern über 10-20 Jahre von mir aus. Und ein richtig volkswirtschaftlicher Schaden ist eben dieses jahrzehntelange Ungleichgewicht Kredite > Erspartes. Denn das bedeutet Schulden - die jemand früher oder später bedienen muss. Sehen Sie sich den Staat Japan an: 200% des BIP verschuldet, und über 25% des Haushalts gehen für ZINSEN (ohne Tilgung!) alleine drauf! Damit wird jeder Staat, jede Gesellschaft im Wirkungsradius mehr und mehr begrenzt. Und jeder Unternehmer oder jede Familie, die Schulden aufbaut, und dafür auch Zinsen oder nur die Tilgung leisten muss, gräbt sich auch sein eigenes Grab - oder das der Folgegenerationen. Ist es nicht absurd, daß trotz des Wirtschaftswachstums der letzten 60 Jahre der Anteil der Verschuldung noch mehr gewachsen ist?? Und damit meine ich nicht einmal die absoluten Zahlen, sondern Prozente. Was ist es für ein System, dass zwar wächst, aber dessen Schulden noch mehr wachsen?

@"Doch damit würde sich das Risiko für Kleinsparer zum Beispiel deutlich erhöhen." Daher biete ich die Bundesbank-Konten als Alternative. Wer Angst hat, und kein Risiko tragen möchte, kriegt da auch keine Zinsen.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:17

Ja, ich verstehe Ihren Einwand. Vor allem da bei AGs und GmbHs die Eigentümer nur mit dem eingezahlten Eigenkapital haften. Und nicht nur bei Banken kann es oft vorkommen, dass ein Unternehmen einen Schaden anrichtet, welcher die Summe für die man haftet um ein vielfaches übersteigt. Aus meiner "Bauchlogik" heraus würde ich sagen, es soll nur Gesellschaftsformen geben mit voller Haftung. Das würde auch zu mehr Verantwrotung führen (ja ja, und zu weniger Wachstum...). Ein Selbständiger haftet ja auch voll, wenn er/sie beim Programmieren oder als Taxifahrer einen Riesenschaden anrichtet. Außer - er versichert sich eben.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:26

@"Das Problem ist doch: Es ist absolut unmöglich ist nur genauso viel Kapital zu verleihen wie Ersparnisse vorhanden sind, weil verzinste Kredite auf dem Prinzip exponentieller Steigerung beruhen. Deshalb wird ja auch das wahnsinne Wachtum gebraucht, deshalb MÜSSEN Unternehmen und Bevölkerung sich verschulden."

Was die wirtschaftliche Gegenwart angeht, stimme ich zu. Doch wenn Kapital und Zinsen (als Risikoprämie) nicht 100% sicher ist - wird es Gleichgewicht geben. Wenn ich Ihnen 100 EUR zu 5% leihe, klar, dann müssen Sie um 5% mehr arbeiten/verkaufen (5% Wachstum), um mindestens den Zins zu bezahlen. Wenn Sie es aber nicht schaffen (also nur 100 EUR zurückgeben, 5 EUR nicht), und wenn ich was meine Zinserwartung LEER ausgehe (war ja mein Risiko, Ihnen das Geld zu leihen) - erhöht sich die Geldmenge nicht. Das Geld ist weg - für uns beide. (Angenommen Sie setzen sich ab und ich finde Sie nie wieder um die 5 EUR zu holen...). In einem Vollgeld-System bei vollem Risiko würde Ihnen auch kein zweiter Mensch die fehlenden 5 EUR leihen, damit Sie mir diese doch zurückbezahlen etc etc.

gweberbv 03.03.2013 | 17:31

Und warum soll eine Privatbank nicht plausibel ein "normales" Geschäftsmodell aufbauen: Sparen mit kleinem Zins (1-2% - aber gewissen Risiko, normale Kredite an Unternehmen oder andere ebenso (2-3%), der Zinsunterschied als Gewinn gehört der Bank.

Also bitte schön: Welches Risiko wäre der Normalbürger (auch Unternehmer) denn bereit für einen Zins von 1% oder 2% einzugehen? Und welche begüterte Großmutter mag denn die Geschäftslage ihrer Bank studieren, um das Verlustrisiko ihrers Sparbuchs einzuschätzen? Die Folge: Die ganze Liquidität würde sich bei der BuBa ansammeln und stünde folglich dem Wirtschaftssystem nicht zur Verfügung (sofern die BuBa ihrerseits kein Kreditgeschäft tätigt).

Im Grunde ist das ein Trennbankensystem: Auf der einen Seite die sichere BuBa, auf der anderen Seite Banken, die nicht für "Sparer" sondern nur für "Investoren" geeignet sind. Und die bei ihren Aktivitäten dann auch entsprechende Redniten einfahren müssen, um ihre Investoren für das Verlustrisiko zu entschädigen.

Was du wohl verkennst: Es gibt einen riesigen Bedarf für (weitgehend) risikolose Sparformen bzw. Hortung von Liquidität. Für die Wirtschaft hätte es dramtische Folgen, wenn diese Gelder nicht mehr für Kredite zur Verfügung stünden, sondern "unter dem Kopfkissen" bzw. bei der BuBa lägen.

Kai Rüsen 03.03.2013 | 17:33

Kaum ein Unternehmen kommt ohne Fremdkapital aus - vor allem nicht bei Neugründungen. Und wenn Ihr Vorschlag Realität würde, dann sehe ich deutlich steigende Zinsen - aus den von mir bereits genannten Gründung: Verknappung des Kreditvolumens, steigendes Risiko für Sparer. Damit würden mittelständische Unternehmen, die kaum Zugang zu den Kapitalmärkten haben, in erhebliche Schwierigkeiten geraten.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:38

Gut, anderer Vorschlag: Privatbanken, die "normal" funktionieren wollen, bekommen nach Studie durch die BuBa jedes Jahr ein Rating und ein Zertifikat ("Ziemlich sichere Bank"). Dann kann der kleine Sparer dort mit seinem Geld die Zinsen - wie jetzt - zu x % erhalten, die Bank darf mit dem Geld aber auch nur niedrigrisiko- Geschäftsfelder betreten (Klein- und Mittelstandskredite, Staatsanleihen, Immobilienkredite). Also, ja, doch ein Trennbankensystem - in dem die Liquidität durchaus vom Sparer zur Unternehmensinvestition fließt. Doch auch da würde ich an meinen 2 Punkten festhalten: das niedrige Risiko bleibt auch da beim Sparer hängen (der hofft, die BuBa-Analyse & Rating sind stichfester als Werbeprospekte von Lehmann Bros.), und es wird auch da nur so viel Geld geliehen, wieviel als Einlagen vorhanden ist. Ich finde, dass JEDER, auch die ärmste Spar-Oma, wissen wollte, dass ein ZINS automatisch ein RISIKO bedeutet.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 17:44

Was ist gegen steigende Zinsen einzuwenden - diese entsprächen dann der frei-marktwirtschaftlichen Angebot-Nachfrage-Situation (mit Erkennung des Risikos)! Warum sollen gerade im Bereich des Kreditwesens diese marktwirtschaftlichen Regeln nicht gelten? Sowohl Groß- oder Kleinunternehmen werden an Kapital kommen - wenn sie bereit sind, über die Banken, einen dem Investitions- und Geschäftsrisiko entsprechenden Zins zu zahlen. Ihr Argument mit "Kredite für die Wirtschaft" kling für mich wie "man muss mir mehr/billigeres Benzin zur Verfügung stellen, weil ich ja so weit fahren will! Ohne Zwischenstopps noch dazu!". Und wird gefragt, ob es sinnvoll ist, "so weit (so schnell, in einem) zu fahren"? Ich verkenne nicht die derzeitgen wirtschaftlichen und finanzwirtschaftlichen Realitäten, doch frage ich, ob die nicht absurd sind - und vom Sinn des Lebens sich immer weiter entfernen.

gweberbv 03.03.2013 | 19:15

Gut, anderer Vorschlag: Privatbanken, die "normal" funktionieren wollen, bekommen nach Studie durch die BuBa jedes Jahr ein Rating und ein Zertifikat ("Ziemlich sichere Bank"). Dann kann der kleine Sparer dort mit seinem Geld die Zinsen - wie jetzt - zu x % erhalten, die Bank darf mit dem Geld aber auch nur niedrigrisiko- Geschäftsfelder betreten (Klein- und Mittelstandskredite, Staatsanleihen, Immobilienkredite). Also, ja, doch ein Trennbankensystem - in dem die Liquidität durchaus vom Sparer zur Unternehmensinvestition fließt.

Finde ich gut. Wobei man von solchen Ratings leider nicht allzuviel erwarten kann. Bei der BuBa oder Bafin sitzen ja leider keine "Outsider", sondern mehr oder weniger die gleichen Heerdentiere wie in den anderen Finanzinstituten. Ob die vor 2008 erkannt hätten, dass ein mit AAA-geratetes und zusätzlich von einem AAA-Unternehmen versichertes Produkt in einem Dominaprozess ganz schnell auf Ramschstatus fallen kann?

Hier wiederum erhoffe ich mir am meisten von einer weitgehend Transpararenz auf den Finanzmärkten. Wäre für den durchschnittlichen Experten einsehbar gewesen, dass AIG praktisch jedes Produkt versicherte, ohne dafür auch nur ansatzweise ausreichende Rückstellungen zu bilden, hätten vielleicht ein paar Alarmglocken früher geklingelt. Aber möglicherweise ist das auch von mir Wunschdenken.

Kai Rüsen 03.03.2013 | 19:25

Eine Stärkung mittelständischer Unternehmen finde ich durchaus angebracht. Und die Zahl an Neugründungen sollte gerade in Deutschland erhöht werden, weil hier die Zahl der Selbstständigen relativ gering ist. Doch dafür braucht man zinsgünstige Kredite. Auf der anderen Seite sollte man das Wirtschaftswachstum nicht durch künstlich niedrige Zinsen anheizen, wie es die keynesianisch geprägte Politik derzeit macht. Insofern sollte man m.E. einen Mittelweg einschlagen: Eine Kreditklemme, die ich bei Ihrem Vorschlag befürchte, sollte ebenso verhindert werden wie eine durch eine Niedrigzinspolitik überhitzte Konjunktur.

Und was die Marktwirtschaft betrifft: Gesetzliche Rahmenbedingungen haben immer Einfluss auf die Marktpreisbildung.

Lukasz Szopa 03.03.2013 | 19:38

@"Und die Zahl an Neugründungen sollte gerade in Deutschland erhöht werden, weil hier die Zahl der Selbstständigen relativ gering ist. Doch dafür braucht man zinsgünstige Kredite. "

Stimme ich zu. Wobei "zinsgünstig" das Ausfallsrisiko beinhalten sollte.

@"Auf der anderen Seite sollte man das Wirtschaftswachstum nicht durch künstlich niedrige Zinsen anheizen, wie es die keynesianisch geprägte Politik derzeit macht."

Wie ich im Blog schreibe, hilft die Geldschwemme der realen Wirtschaft kaum - das "billige" Geld kommt so zinsgünstig gar nicht bei den Unternehmen an, sondern wird für Spekulationen der Banken verwendet und erhöht noch den Anteil am Eigenhandel.

Die Befürchtung vor Kreditklemme ist nicht unbegründet. Allerdings, nochmal, ich wünsche mir egal bei welchen Krediten ein Wirtschaftssystem, welches durchaus frei markwirtschaftlich ist, jedoch nachhaltig. Also langfristig nicht mehr (auch an "guten") Krediten als man vorher erwirtschaftet hatte. Keynes hat meiner Meinung auch richtig gemeint - wobei es keiner hören will - "Geld in guten Zeiten sparen, damit man es in schlechten ausgeben kann." Das sollte nicht nur für Staatshaushalte gelten, sondern für ganze Volkswirtschaften, über Jahrzehnte.

Denn eine solche Nachhaltigkeit existiert leider nicht. Während man es u.a. bei Ressourcen inzwischen begreift, dass man nicht mehr verbrauchen kann - weil es langfristig mehr schadet als nutzt, auch rein materiell - scheint es bei Frage des Geldes / Kapitals noch nicht angekommen zu sein. Beispiel: Für einen Bauern scheint Monokultur kurzfristig ertragreicher zu sein. Langfristig bedeutet es niedrigere Erträge - weil der Boden zugrunde geht. Ähnlich ist es bei einer wachsenden Verschuldung - die zieht auch immer mehr das reale Wirtschaften in die Miese. Wobei für mich der Finanzkapitalismus wie gesagt wie Alkoholismus wirkt. "Immer mehr und nicht ans morgen denken." Und die Verteidiger einer "Kur" meinen dann etwas wie Sie: "Man kann doch dem Mann seine Tagesdosis nicht wegnehmen, dann bricht er zusammen oder randaliert!" Oder bei einem übergewichtigen Kind: "Von heute auf morgen seine 5 Schoko-Riegel & Cola verbieten!? Dann schreit das Kind und bekommt Depressionen!"

Meine Vorschläge müssten auch nicht von heute auf morgen umgesetzt werden, sondern wie ein Entzug - schrittweise, aber konsequent.

snow_in_june 04.03.2013 | 23:10

"Aus meiner "Bauchlogik" heraus würde ich sagen, es soll nur Gesellschaftsformen geben mit voller Haftung."

Ja, diese Bauchlogik kann ich nachvollziehen. Es ist ja auch eben so, dass es ohne beschränkte Haftung keine anonymen Anteilseigner geben würde. Und diese sind wirklich ein Problem. Wegen diesen Anteilseignern ist z.B. die AG von Gesetzes wegen verpflichtet, alles den Profitinteressen der Anteilseigner unterzuordnen. Wo soll das enden?

Andererseits: Die beschränkte Haftung bietet natürlich auch Innovation: Man kann munter drauflosinvestieren, gerne mit Aktionärsgeld. Das würde alles wegfallen. Aber das hast du mit deinem Verweis auf das Wachstum schon angesprochen.

Man müsste dies mal genauer untersuchen...

Lukasz Szopa 04.03.2013 | 23:21

@"Andererseits: Die beschränkte Haftung bietet natürlich auch Innovation:"

GmbH als Form eines Unternehmens gibt es erst seit 1892 - und Innovationen wohl viel länger. Bei einer haftungsbegrenzten AG sieht es wohl ähnlich aus.

Die Leute, die Thomas Edison Geld für seine Innovationen gaben (die später in seinen Weltkonzern General Electric eingingen) haben es wohl auch mit vollem Risiko getan.

blog1 05.03.2013 | 16:33

Sie weisen auf einen entscheidenden Punkt hin, der durch neoliberale Politik in Deutschland und anderswo begünstigt wurde. Ich möchte folgende Punkte ergänzen:

- Kapital ist beweglich, überall investierbar und geht immer dort hin, wo die höchsten Renditen nach Steuer erzielbar sind.

- Die Globalisierung sowie die Deregulierung des Finanzsystems und des Arbeitsmarktes haben diese Entwicklung entscheidend begünstigt.

- menschliche Arbeit dagegen wurde im Zuge dieses Prozesses wurde immer weiter benachteiligt, ja geradezu entwürdigt. Nur diejenigen, die dem System der Vermögensmaximierung optimal „dienen“ werden vernünftig „entschädigt", weil sie sich entweder systemkonform verhalten oder einem Mangelberuf zugeordnet werden.

Wir haben es insofern mit einer systemischen Krise des kapitalistischen Systems zu tun, in dem eine kleine Clique von Superreichen bestimmt, was zu passieren hat. Diese Leute sind exzellent vernetzt, versammeln die besten Berater um sich und bestimmen die Leitlinien der Politik.

Die Frage, die sich stellt, warum lassen sich 70% der Besitzlosen gefallen, dass 0,01% die Herrschaft ausüben? Dafür gibt es mehrere Gründe. Der Hauptgrund in Deutschland besteht darin, dass ca. ein Drittel der Bevölkerung dieses System schützt und am Laufen hält, ein Drittel gerade noch so über die Runden kommt und das letzte Drittel längst resigniert hat. Auch die medial betriebene Desinformation spielt eine wichtige Rolle.  

Lukasz Szopa 05.03.2013 | 17:22

@" Die Globalisierung sowie die Deregulierung des Finanzsystems und des Arbeitsmarktes haben diese Entwicklung entscheidend begünstigt."

Ja und nein. Nein, weil es schon viel früher, vor dem "Neo-Liberalismus", auch vor dem "Wirtschaftliberalismus" diese Ungleichgewichte gab: dass Banken Geld "schöpften" und Kredite höher waren als Spareinlagen. JA - weil seit der Deregulierung (UND der Mithilfe der Notenbanken!) der 90er Jahre die Ausmaße sich dramatisch verschärft haben!.

Ich habe kein Problem, wenn Kapital (wie Arbeit) frei beweglich bleibt - so lange es "echtes" Kapital ist (also von jd. vorher erarbeitetes & erspartes Geld) und diese "Bewegungen" 100% Risikohaftung bedeuten. Das Problem heutzutage ist, dass Banken & Co das hundertfache am "Kapital" hin- und herverschieben (Leverage Effekt), und wenn bei dem "Verschieben" was schief geht - zahlen wir.

blog1 05.03.2013 | 19:57

Ihre Vorschläge zu einer wirksamen Bankenregulierung gehen in die richtige Richtung. Ich will ihre Vorschläge überhaupt nicht schlecht reden.

Ich bezweifle nur, ob sie die Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung wirklich beseitigen. Die Markmacht der superreichen Familien in Deutschland und auch in anderen Staaten ist mittlerweil so groß, dass jegliche Veränderung blockiert wird.

Nur ein Beispiel: Dem Familienclan Familie Porsche/Piech gehört mittlerweile über 50% des VW-Konzerns. Durch einen legalen Steuertrick wurden zudem Steuerzahlungen in Milliardenhöhe verhindert. Da spielt die Musik. Die Banken sind doch nur die Steigbügelhalter der superreichen Familienclans.

Lukasz Szopa 05.03.2013 | 20:52

@"Ich bezweifle nur, ob sie die Ungleichgewichte in der Vermögensverteilung wirklich beseitigen."

Teilweise schon. Denn als indirekte Investoren, also Kunden der Banken, wird das Geld-Vermögen der Reicheren zum großen Teil über Kapitalgeschäfte vermehrt. Bei einem Vollgeld-System wären diese Möglichkeiten beschränkt. Und dazu werden die Reichen als "Bankkunden" von der Haftung geschont. Wobei es dann durchaus dazu kommen kann, dass die Reichen ihr Geld dann direkt in Firmen-Einkäufe nutzen, und so die Markt- und Reichtumkonzentration noch zunimmt.

silvio spottiswoode 09.03.2013 | 12:32

There's no free lunch oder wer zahlt eigentlich wenn Geld arbeitet?

"There're three ways to make a killing – you're the first, you're the cleverest or you work the hardest.  I prefer being the first."
John Tuld – aka Lehman & Merrill's John Thain/Dick Fuld – in dem Film Margin Call

Spannend ist doch eigentlich immer von Spezialisten ganz persönlich, privat zu hören wie sie den Markt "einschätzen." Da weiss man dann ganz genau – z. T. schon Monate und Jahre vorher – wie sich die Dinge entwickeln. Das Gerede von "Wetten" und "Zocken" trifft eben gerade auf die Leute nicht zu, deren Ressourcen gewisse Szenarien einfach gewinnbringend inszenieren. Zu glauben da würde groß "auf Risiko gespielt" ist vollkommener Quatsch. Es wird einfach nur richtig Geld verdient. Und alle anderen Zahlen die Rechnung. Wir haben keine Wirtschaftkrise sondern eine Wertekrise, einen Interessen- und  Politikkonflikt. Und mit Bankenreformen lässt sich das Problem nicht lösen.

Aktien werden doch im Schnitt sowieso nur 40 Sekunden gehalten, drei Monate waren das noch im Jahr 2008. Selbst Analysten wie Mike Mayo kritisieren inzwischen  die gesamte Finanzarchitektur, sagen dass – vom Trader bis zum CEO – einfach alle sich haben vor den Karren kurzfristiger Renditemaximierung spannen lassen. Keiner hätte Initiative ergriffen um die Situation positiv zu beeinflussen;  nur Papiere von Firmen gekauft, die tolle Sachen machen, sich für gute Dinge einsetzen, deren Marktwert man gerne verbessert hätte.

"There is only one tactical principle which is not subject to change. It is to use the means at hand to inflict the maximum amount of wound, death, and destruction on the enemy in the minimum amount of time." General Patton

Robert Zapf 09.03.2013 | 13:06

>>>Das Gerede von "Wetten" und "Zocken" trifft eben gerade auf die Leute nicht zu, deren Ressourcen gewisse Szenarien einfach gewinnbringend inszenieren. Zu glauben da würde groß "auf Risiko gespielt" ist vollkommener Quatsch. Es wird einfach nur richtig Geld verdient. Und alle anderen Zahlen die Rechnung.<<<

Na ja, manchmal trifft es auch die Großen, ich denke jetzt mal an Madoff, zu 150 Jahren Gefängnis verurteilt.
Für die meisten geht aber selbst im Falle des Scheiterns das gute Leben weiter.

>>>Aktien werden doch im Schnitt sowieso nur 40 Sekunden gehalten, drei Monate waren das noch im Jahr 2008.<<<

Ich kenne zwar keine genauen Zahlen, aber vor 100 Jahren bestand das Problem in der Form gar nicht.
Da kam der Kleinsparer ja auch fast gar nicht an Aktien ran. War ja auch nicht gewollt.
Interessant wurde er ja erst durch seine schiere Masse, vor allem in den europäischen Industriestatten nach 1945, als es wirtschaftlich erst einmal nur bergauf ging.
Natürlich ist er auch der, der dann die Rechnung zahlt, wie sie oben feststellten.

silvio spottiswoode 09.03.2013 | 13:15

Wie soll das mit dem Vollgeld denn bei der momentanen Rate negativer Kapitalverzinsung/Staatsverschuldung funktionieren? Kein EU Land hat eine Schuldenrate unter 80% des BIP. Ohne einen massiven Schuldenschnitt läßt sich das doch gar nicht umsetzen. Abgesehen davon ist das Vollgeldsysten unflexibel und Inflationsanfällig. Wie will man damit langfristig Marktentwicklungen effektiv steuern?

silvio spottiswoode 09.03.2013 | 13:43

Mehr noch, der allergroßte Teil der Schulden/des Vermögens besteht aus reinen Buchwerten. Nicht nur das. Die Wachstumsraten der Westlichen Welt stagnieren oder gehen zurück. Daran wird sich erstmal auch nichts ändern. Globalisierung gibt es ja nur, weil die Märkte bei uns gesättigt sind, bzw. schrumpfen. Nicht zuletzt durch die extreme Konzentration der Vermögenswerte bei einigen wenigen Akteuren, begründet in der ungerechten Einkommensverteilung, die den Wirtschaftskreislauf zum erliegen gebracht hat.

Lukasz Szopa 09.03.2013 | 15:20

Richtig, Vollgeld bei Staatsverschuldung bedeutet früher oder später, dass Staaten für ihre hohen/steigenden Schulden keine Kredite mehr kriegen (meist re-finanzierung alter Schulden) - weil Sparer nicht genug gespart haben. Gut so. Somit erklären Staaten einen Teil-Bankrott - also einen Schuldenschnitt. Der Staatsanleihen-Kunde erfährt damit endlich, dass auch diese Investition risikobehaftet war. Denn aus meiner Sicht sollen auch Staaten langfristig keine Defizite einfahren - bei Vollgeld werden sie es auch nicht können, weil das Geld meist gar nicht da ist, oder zu teuer.

@"Wie will man langfristig Marktentwicklungen steuern?" - GAR NICHT. Es sollte nicht möglich sein, dass man über Gelddrucken ("Pumpen") irgendwas beeinflusst. Geld, das fiktiv ist. Wenn ein Staat etwas beeinflussen will, kann er das gerne machen (irgendwelche Ausgaben erhöhen, Steuern senken, etc.) - mit Mitteln (Geld), das er HAT oder mit durch andere ersparten Geld, welcher dem Staat geliehen wird. Nicht aber mit ausgedachten Geld (wofür man auch Zinsen zahlen muss!!!)