Lutz Herden
18.01.2013 | 13:53 12

Bouteflikas Revanche

Geiseldrama Die Befreiungsaktion der Armee Algeriens wird im Westen kritisiert. Doch sie zeigt vor allem eines, das Land will nicht in den Sog des Mali-Konflikts geraten

Bouteflikas Revanche

Einfahrt in eine Todeszone

Foto: Kjetil Alsvik / AFP

Es ist so, als ob die algerische Regierung sagen wollte: Wir haben euch gewarnt, dass bei einer Intervention in Mali ein regionaler Flächenbrand droht. Und wenn Frankreich meint, ihn auslösen zu müssen, wird Algerien ihn auf seinem Territorium nach Kräfte zu löschen versuchen. Deshalb gibt es keine Verhandlungen mit den Geiselnehmern auf dem Gasfeld von In Amenas, deshalb gibt die Armee kein Pardon und schert sich wenig um das Leben der Betroffenen. Ob es sich nun um die eigenen Leute oder Ausländer handelt. Eine grausame Strategie, auf die Regierungen und Kommandeure zurückgreifen, deren Staaten im Krieg stehen, wenn ein militärischer Vorteil sehr viel und ein Menschenleben nur noch sehr wenig wert sein kann.

Vieles spricht dafür, dass Präsident Bouteflika den in seinen Land einsickernden islamistischen Verbänden keinen Fußbreit Boden gönnen, vor allem keine Operationsfreiheit zugestehen will. Der malische Konflikt soll sein Land so wenig wie möglich destabilisieren. Am besten gar nicht. Schon bei den ersten Anzeichen, wird das mit aller Gewalt unterbunden wie auf dem BP-Gasfeld. Das allein ist die Erklärung für Verlauf und Ergebnis des Angriffs auf die Anlagen von In Amenas.

Trauma der bleiernen Jahre

Die Kombattanten der Organisation Al-Qaida im Islamischen Maghreb wie auch bewaffnete Tuareg verfügen seit Jahren über Rückzugsräume in der algerischen Sahara. Nun aber droht dieses Areal zum Gefechtsfeld zu werden. Zum asymmetrischen Krieg der vielen, offenbar koordiniert handelnden Al-Qaida-Filialen in  Nordafrika gehört eine vernetzte Strategie: In Mali kämpfen, in Algerien den Energiesektor attackieren, in Somalia eine französische Geisel töten, in Mauretanien die Nachhut ausbilden, im Niger den Uranbergbau im Blick haben … Das ist sehr viel mehr als der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der in Algerien zum Orkan anschwillt.

Nur allzu frisch ist in diesem Land die Erinnerung an das Jahrzehnt des Grauens nach  1990. Während dieser bleiernen Jahren kam es zum Bürgerkrieg zwischen einer islamistischen Guerilla der Islamischen Heilsfront (FIS) und der Armee. In ländlichen Regionen wurde die Bevölkerung an manchen Orten zwischen den Fronten förmlich zerrieben. 120.000 Tote – manche Bilanzen sagen 150.000 – waren zu beklagen. Die Opferzahlen erinnerten an das Grauen im Unabhängigkeitskrieg mit Frankreich zwischen 1955 und 1962. Wer diesen Vergleich heraufbeschwor, hatte nicht übertrieben, weil die Massaker in ländlichen Gemeinden und die Bestialität des Mordens allein alles übertrafen, was es bis dahin gegeben hatte.

Beim Besuch Francois Hollandes Ende 2012 in Algier hatte die algerische Regierung davor gewarnt, das bei einer Eskalation in Mali die Ausläufer des Bebens Algerien nicht verschonen würden. Die von Präsident Bouteflika betriebene nationale Versöhnung sei in Gefahr. Um das zu verhindern, hatte sich Algier ausdrücklich als Vermittler angeboten, um mit den islamistischen Kämpfern und Tuareg-Sezessionisten in Nordmali zu verhandeln. Noch allem, was in nur einer Woche in Mali und Algerien geschehen ist, sind Verhandlungen aussichtslos.

Giscard ist alarmiert

In Frankreich regt sich denn auch die erste deutliche Kritik an Präsident Hollande. Mitte der Woche sagte Valery Giscard d'Estaing, Präsident der Republik von 1974 bis 1981, im Interview mit Le Monde, er sei sehr beunruhigt, „über das Risiko einer neo-kolonialistischen Aktion in Mali“. Frankreich sollte sich „strikt auf eine logistische Unterstützung afrikanischer Kräfte zurückziehen und beschränken. Ich bin sehr alarmiert über die mögliche Evolution dieser Operation“. Und dann ein kleiner, aber gezielter Seitenhieb auf seine Nachfolger bis hin zum jetzigen Staatschef: „Ich war der einzige Präsident, der in seiner Amtszeit die alte Stadt Timbuktu besucht hat. Ich bin von Hunderten, vielleicht sogar Tausenden Tuareg empfangen worden.“ Es sind gerade Tuareg, gegen die sich im Moment die Luftangriffe und Panzervorstöße des französischen Interventionskorps richten.

Auch der neue UMP-Chef Jean-François Copé gibt gegenüber dem Figaro zu verstehen, man unterstütze zwar die Entscheidung des Präsidenten, in Mali einzugreifen, sei aber „extrem beunruhigt, dass Frankreich isoliert werden könnte“.

Ex-Außenminister Alain Juppé aus dem letzten Kabinett des abgewählten Nicolas Sarkozy äußert gegenüber France 24, dem französischen Auslandsfernsehen, er sehe eine Etappe extremer Risiken angesichts der Ausrüstung der Bodentruppen. Wörtlich: „Ich fürchte, dass wir uns in eine Spirale der Gewalt hinein bewegen, die wir auf Dauer kaum beherrschen werden. Es ist wichtig, schnell zu klären, worin eigentlich die Ziele der französischen Intervention bestehen.“ Und der UMP-Politiker Brice Hortefeux, bis 2011 Innenminister in der Regierung von Premier François Fillon, beschwert sich gegenüber dem Figaro, dass noch keine Untersuchungskommission einberufen worden sei, die sich mit den Umständen der missglückten Befreiung und dem Tod der französischen Geisel Denis Allex in Somalia beschäftige.

Harschen Widerspruch erntet Hollande auch aus der Partei l'Europe-Ecologie-Les-Verts (EELV) durch ihren Vorsitzenden Noël Mamère. Was zur Rechtfertigung der Intervention von der Regierung vorgebracht werde, sei „Propaganda“, ist er überzeugt. EELV-Ko-Präsidentin Barbara Pompili geht etwas gnädiger mit der Regierung um: „Ich unterstütze die Intervention, hätte es aber vorgezogen, wäre die Nationalversammlung einbezogen worden.“

 

 

Kommentare (12)

Schildkröte 18.01.2013 | 14:50

Die Analyse der algerischen Motivationslage ist sicher richtig und trotz der Brutalität des Vorgehens verständlich. Dass sich in der algerischen Sahara immer islamistische Gruppen aufgehalten haben, glaube ich allerdings nicht. Es gab den Überall auf eine Touristengruppe vor vielleicht 10 Jahren – danach war die Lage aber stabil und der Süden Algeriens galt allgemein als sicher. Bouteflika reagiert hektisch, weil er sich um die Früchte seiner halbwegs erfolgreichen Politik gebracht sieht.

Ich glaube eher, dass über die nahe libysche Grenze gut bewaffnete Personen eingedrungen sind. Nach dem Libyenkrieg ist die Lage im Süden des Landes dort wohl völlig unkontrolliert. Auch die tunesische Regierung hat den Süden ihres Landes ja wieder zum Sperrgebiet erklärt und geschlossen. Was er jahrlang war, aber in den letzten 5 oder 6 Jahren nicht mehr.

Ich verstehe, dass man den Salafisten nicht Bamako überlassen wollte. Es hätte aber gereicht, die provisorische innermalische Grenze zu sichern und ansonsten auf Diplomatie zu setzen. Bei dem jetzigen Krieg in Mali sehe ich keinerlei Perspektive. Wieviel Soldaten will Hollande einsetzen, 1500? Allein der Norden Malis ist, wenn ich’s richtig sehe, etwa so groß wie Deutschland und Frankreich.

momine 18.01.2013 | 15:35

Wenn ich den Artikel richtig verstehe, wurd Präsident Bouteflika nicht erstgenommen und seine Bedenken nicht diskutiert. Wie kann man dann davon ausgehen, dass er dazu bereit ist.

Wenn Frankreich meint in Mali ohne Absprachen zuhandeln, steht ihm, als Verantwortlicher in Algerien, doch mindestens das gleiche Recht zu. Ob diese  Strategie zum Erfolg führt, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall hat er damit, wie sollte es auch anders sein, offensichtlich die gesamte westliche Welt gegen sich, das ist hart und Frankreich ist erst einmal aus der Schusslinie. 

Phineas Freek 18.01.2013 | 16:41

„Die Befreiungsaktion der Armee Algeriens wird im Westen kritisiert. Doch sie zeigt vor allem eines, das Land will nicht in den Sog des Mali-Konflikts geraten

 

Dass diese blutige Befreiungsaktion vom „Westen“ gerade wegen diesen Willen kritisiert wird, ist doch nach den jüngsten Kriegen des Amerikanisch/Europäischen Frühlings auch die naheliegendste Annahme.

So sieht das zumindest die algerische und linke Oppositionspolitikerin Louisa Hanoune:

 

http://www.elwatan.com/actualite/hanoune-l-intervention-sous-la-couverture-de-la-lutte-antiterroriste-est-un-alibi-infonde-15-01-2013-199588_109.php

 

die Realistin 18.01.2013 | 17:26

Wie immer ist die sogenannte demokratische Welt überheblich gegenüber anderen, ihrer Meinung nach nicht-oder wenig demokratischen Ländern wie in diesem Fall Algerien.

Man glaubt, alles unter Kontrolle zu haben  oder die Lösungen zu wissen...

Ich befürchte, nach dem Irak-Krieg, nach der Besetzung Afghanistans und nach dem "arabischen Frühling" werden wir eine rasante Ausbreitung der Aktivitäten von Al-Kaida beobachten müssen. Und irgendwann wird der Funke auf Europa überspringen...

Fing alles nicht damit an, dass die USA Bin Laden und seine Truppen aufrüstete im Kampf gegen das Böse, sprich die UdSSR?.....

Es muss doch einen Grund geben, dass Al-Kaida so viele Anhänger weltweit hat.

Ist das vielleicht - vereinfacht gesehen - die ausgeuferte Rache für die europäische und amerikanische Überheblichkeit und Agressivität?

Schildkröte 18.01.2013 | 19:01

Apropos Bin Laden: die Amerikaner haben ja bereits vier malische Kompanien  geschult im Kampf gegen den Terrorismus. Bei Beginn der Unruhen im Norden Malis sind drei davon direkt zum Feind übergelaufen. Es waren nämlich selbst Touaregs. Die malinesische Armee wird niemals den Norden zurückerobern, da können die Europäer noch so lange schulen. Die Soldaten aus Südmali haben nicht die geringste Lust, im Kampf um für sie fremde Wüstengebiete ihr Leben zu lassen. Und wenn Frankreich Soldaten aus Nordmali rekrutiert - Ergebniss siehe oben. Die einzige Chance, Mali als Staat zu erhalten ist wohl, einen politischen Kompromiss mit den Touareg zu finden. Das ist jetzt nicht einfacher geworden.

tribalartforum.com 18.01.2013 | 22:31

Man stelle sich "ein überlebensgroßen Hollande" auf einem Sockel in Bamako vor. So was geht nicht mehr, es sei denn man würde ihn aus Pappmaschee modelieren, damit man ihn bei Gelegenheit bequem abfackeln kann. Aber der Anspruch, die Gier nach Rohstoffen und die Angst ein anderer könne zuvorkommen ist die gleiche wie schon immer...deshalb gibt´s Krieg in West Afrika.

Alles andere ist Maskerade....und wie diese "Maskerade" dann aussieht sehe ich gerade mal wieder in der heutigen Tagesschau: Ein Bericht ausSegou, meiner Wahl-Heimatstadt,  wie er tendenziöser nicht sein kann.

tageschau.de 
Audio: Mali: eine Reise ins Kriegsgebiet

Danach liegt Segou 100 km von der Front entfernt. Daß es bis zur Front in Douenza, weit hinter Mopti, wie die Karte zeigt, die jetzt überall in den Medien präsent ist,  wohl vier mal so viele Kilometer sind, ist den recherchierenden Journalisten nicht aufgefallen: Ein Blick auf die Maßskala der  Landkarte hätte genügt. Was soll man von den restlichen Informationen eines solchen Jounalsimus anderes halten als Stimmungsmache.

Maria Jacobi 19.01.2013 | 18:24

@Schildkröte

"Ich verstehe, dass man den Salafisten nicht Bamako überlassen wollte."

Wieso sprechen Sie von Salafisten? Das sind Islamgläubige, die in der taktischen und strategischen Position sind, das zu machen, was ihnen ihr Koran vorschreibt. Wären sie hier in der Bunten Republik würden sie Moscheen bauen und Staatsverträge abschließen.  Die Argumentation, dass alle Muslime, deren Handlungen man beim besten Willen nicht unter den Teppich kehren kann, gar keine Muslime, sondern Salafisten seien,  ist ein durchsichtiges Manöver, das man im Deutschen "Haltet den Dieb" nennt und das paradoxerweise geradewegs dazu führt, Saudi-Arabien von der Liste der islamischen Staaten zu streichen. 

Phineas Freek 21.01.2013 | 23:46

Warum ist es für die deutsche Propaganda so wichtig - auch bei einem auf dem ersten Blick eher nebensächlichen Tatbestand so faustdick zu lügen? Wo behauptet wird die Terroristen seien aus Mali kommend auf algerisches Territorium gelangt!  

 

 

http://www.tagesschau.de/multimedia/sendung/ts39724.html

 

 

Wo nach Aussagen des algerischen Premierministers Sellal die Terroristen über Libyen! in Algerien eindrangen (“Sellal said the jihadists who staged the attack had crossed into the country from neighboring Libya”).  

 

Ausserdem sollen nach Sellal die Terroristen u. a. aus „Egypt, Canada, Mali, Niger, Mauritania, and Tunisia“("A Canadian(!!) was among the militants. He was coordinating the attack,"!!) stammen - wurde von den Hamburger Nachrichtenoffizieren selbstverständlich alles unterschlagen.

 

http://rt.com/news/algeria-hostage-prime-minister-430/