Lutz Herden
04.03.2013 | 13:38 12

Clash im Sanitärbereich

Türkei/Deutschland Normalerweise sind Gipfeltreffen geeignet, den einen oder anderen Stachel aus dem bilateralen Beziehungsgefüge zu ziehen. Manchmal gelingt auch das Gegenteil

Clash im Sanitärbereich

Beim Gesprächsauftakt in Ankara wurden noch Hände geschüttelt

Foto: Adem Altan / AFP

Seit Kanzlerin Angela Merkel vor Wochenfrist in Ankara vorgesprochen hat, sitzt der Stachel zwischen der Türkei und Deutschland erst richtig tief. Und ausgerechnet in Anatolien, wo sich die Bundeswehr als potenter Bündnishelfer und potenzieller Raketenwerfer ordentlich ins Zeug legt, geben die Gastgeber zu verstehen, einen offenbar nicht übermäßig willkommenen Waffenbruder zu erdulden. Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus von der FDP hat Schikanen bis hin zur Missachtung deutscher Hygiene-Vorschriften auf dem türkischen Kasernenabort erspäht. Und dies laut kundgetan, wie es sich gehört, wenn Kulturen sanitär aufeinander prallen. Merke: Wenn deutsche Soldaten zusehends weltweit Ordnung stiften, muss mehr auf den Wellness-Tross geachtet werden. Schneller nachführen, lautet die Devise.

Statement als Provokation

Freilich verblassen die Reklamationen des Wehrbeauftragten, wenn man sich statt des Abtritts in Anatolien einen Auftritt in Wien vor Augen hält, von dem sich die EU, vor allem aber Deutschland, herausgefordert fühlen sollten. Gäbe es in der Europäischen Union nicht nur eine Liste, die mutmaßliche islamistische Terrorristen erfasst, sondern auch Verbal-Terroristen offen steht, gäbe es einen ernstzunehmenden Aspiranten, der für ein solches Täter-Dossier in Betracht käme: Türkei-Premier Tayyip Erdogan. Wenn der, wie auf einer UN-Konferenz in Wien zur „Allianz der Zivilisation“ (!) geschehen  – den Zionismus geißelt, um ihn auf eine Stufe mit Antisemitismus und Faschismus zu stellen, wird das Statement zur Provokation.

Die Europäer können das schlecht als Ausrutscher oder Kavaliersdelikt abtun. Sie haben hier immerhin das Werturteil eines Regierungschefs gehört, dessen Staat bei ihnen Vollmitglied werden will. Wie man weiß, werden die Aufnahmegespräche verzögert und dümpeln in einem für den Bewerber wenig erfreulichen Stadium der Stagnation dahin. Nicht auszuschließen, dass sich Tayyip Erdogan mit seinem Zionismus-Verdikt auch für die aus seiner Sicht brüskierende Behandlung in Brüssel schadlos hält und keine Rücksicht auf den dortigen P.C.-Kodex mehr nimmt. Aber reicht das, um eine derartige Äußerung zu erklären?

Kein Zweifel, das Verhältnis zwischen Ankara und Jerusalem ist empfindlich gestört, seit vor knapp drei Jahren im Mittelmeer das Gaza-Solidaritätsschiff Mavi Marmara von israelischen Militärs gekapert und dabei neun türkische Staatsbürger getötet wurden. Auch dass sich die Türkei als Regionalmacht begreift und um eine Co-Regie bei der Neuordnung Arabiens nach der Arabellion bemüht, muss die israelisch-türkischen Beziehungen nicht unbedingt fördern. Entscheidender aber ist der Umstand, dass sich Erdogan mit seiner Stigmatisierung des Zionismus islamistischen, teils militant anti-israelischen Kräften andient, die in Syrien nach der Staatsmacht greifen oder sie wie in Ägypten oder den Golfmonarchien bereits beherrschen. Darin besteht die eigentliche Brisanz des Wiener Eklats, der immerhin eine Woche beendet, in der sowohl Kanzlerin Merkel als auch Verteidigungsminister de Maizière die Türkei besucht haben. Beide nutzten die Gelegenheit, die dorthin verlegten Bundeswehreinheit anzusteuern und übernahmen bereitwillig die türkische Version für den Grund dieser Präsenz: Man müsse gegen Angriffe aus Syrien gewappnet sein, als deren potenzieller Verursacher die dortige Regierungsarmee gilt. Welcher Logik gehorcht dieses Annahme? Keiner. Die Streitkräfte des Präsidenten Assad stemmen sich derzeit gegen fortschreitenden Terrainverlust im eigenen Land. Warum sollten sie einen Schlagabtausch mit der Türkei riskieren, der im Handumdrehen auf eine Konfrontation mit der NATO hinausliefe?

Umgehend abziehen

Merkel und de Maizière lassen sich dennoch vor Erdogans Karren spannen. Ob aus Überzeugung oder opportunistischem Kalkül ist irrelevant, wenn sich Tayyip Erdogan mit einem Affront revanchiert, der die Bundesrepublik Deutschland mit ihren Patriot-Raketen zum Koalitionär eines aggressiven Anti-Zionisten zu stempeln droht. Wie verträgt sich das mit Merkels Auffassung, nach der das Eintreten für das Existenzrecht Israels Teil der deutschen Staatsräson ist? Der Zionismus, die Suche nach einer Heimstatt für das jüdische Volk, wurde nun einmal dank Theodor Herzl und seiner Zionistischen Weltkongresse Anfang des 20. Jahrhunderts, zur Gründungsideologie dessen, was am 14. Mai 1948 in Palästina als Staat Israel ausgerufen wurde. Wer den Zionismus diffamiert, greift diesen Staat an.

Mit anderen Worten, die Bundesregierung sollte deshalb die deutschen Patriot-Batterien umgehend abziehen, um nicht in den Verdacht zu geraten, sie toleriere und unterstütze mehr als nur indirekt die Israel feindlichen Positionen eines Bündnispartners.

Kommentare (12)

Sinan A. 04.03.2013 | 14:25

Sehr richtig, sofort beenden. Weder das türkische noch das deutsche Volk will diesen Einsatz. Aber es geht ums Geschäft. Dafür hat Merkel auf die schnelle die eigenen Grundsätze über Bord geworfen und sich zum Partner Erdogans gemacht. Das ist kurzsichtig, denn die paar Euro wiegen den langfristigen politischen Schaden bei weitem nicht auf.

videcuifidas 04.03.2013 | 14:40

Erdogan macht seine Sache geschickt: Er fordert Unterstützung von der Nato, die ihm diese auf Grund der Sachlage nicht verweigern kann. Wenn die Nato dann an seiner Seite steht, stellt er seine Großmannssucht heraus: Schließlich will er einer der Führer im arabischen Lager werden. Nun muss die Nato bekennen: Erdogan in seine Schranken weisen oder die Raketenwerfer abziehen. Das ist übel geplante Methode. Mit Erdogan sollte man sehr vorsichtig sein.

sven kyek 05.03.2013 | 21:02

Ich dachte immer das die Patriot-Raketen schon in Vorbereitung einer ,,Zivilisierung " des Iran in Stellung gebracht wurden .

Sollte das so sein hätte sich das im E-Fall mit der sanitären Ehrerweisung an die Bundeswehr auch erledigt , weil dann Kräftig was in die Hose geht .

Aber vor dem Erdogan habe ich mehr Angst , als vor Putin , Berlusconi und Israel zusammen .

weinsztein 06.03.2013 | 03:19

Hier in der Türkei heißt es in etlichen Medien, Kern des Konflikts mit den deutschen Patriot-Gesandten sei nicht die Qualität der Notdurfteinrichtungen, also vermutlich Klos, bei deren Nutzung man sich über ein sanitäres Loch hockt. Völlig normal im türkischen Südosten.

Vielmehr habe das deutsche Patriot-Team zu allererst auf den ihm zugewiesenen Stationierungsarrealen demonstrativ deutsche Fahnen gehisst. Das habe das türkische Militär unterbunden und die Flaggen einholen lassen.

Es kann aber auch sein, dass dem deutschen Raketenteam außerdem noch zugeschissene Toiletten zugewiesen wurden, denn sehr beliebt ist der deutsche Patriot-Einsatz im türkischen (kurdischen) Südosten nicht. Gewiss aber hätte man Reinigungskräfte vor Ort engagieren können, aber dann hätte Herr Hellmut Königshaus (FDP) weniger zu sagen gehabt.

weinsztein 06.03.2013 | 03:41

Der Wiedererwecker des Osmanentums, Recep Tayyip Erdoğan, erledigt sich  selbst. Schön, das erleben zu dürfen. Seine neuen antisemitischen Ausfälle dürfte ihm selbst der Westen nicht durchgehen lassen.

Seit Jahren verkauft die türkische Regierung Staatsunternehmen, Häfen, Ländereien usw. an ausländische Investoren und erzeugt damit eine Art Wirtschaftsboom. Viele hier in der Türkei fürchten: es ist eine Boomblase, die demnächst platzen könnte. Die Erlöse steckt er u.a. auch in eine Neubauwelle teils gigantischer Moscheen, demnächst auf dem höchstgelegenen Punkt Istanbuls. Dann mit den höchsten Minaretten der Welt.

Sinan A. 06.03.2013 | 15:11

Vor allem ging es wohl darum, dass die Deutschen ziemlich folkloristisch auftraten. Mit vielen Schildern und Fahnen von Städten und Bundesländern, quasi wie eine militärische Kleingarten-Kolonie. Das türkische Militär hat dann klargestellt, dass eine Kaserne kein Karnevalsverein ist und dort nur die deutsche, die türkische und die NATO-Flagge zu wehen hat.

PS: Hallo Nachbar übrigens. Wenn ich unten bin, sind wir nur ein paar Gehminuten voneinander entfernt.

Daniel Domeinski 06.03.2013 | 21:38

"Mit anderen Worten, die Bundesregierung sollte deshalb die deutschen Patriot-Batterien umgehend abziehen, um nicht in den Verdacht zu geraten, sie toleriere und unterstütze mehr als nur indirekt die Israel feindlichen Positionen eines Bündnispartners."

 

Liest sich wie Text aus dem Jungle Blog. Ich denke, sowohl der "Antizionismus" Erdogans ("wir Muslime halten zusammen") als auch die deutsche Staatsräson ("wir Deutschen haben aus Geschichte gelernt") sind hohle Phrasen. Es ist ja nichts neues, dass Regierungen versuchen, die Wut der Massen für sich zu vereinnahmen oder ihre eigenen Grundsätze brechen. Dem mit der Anrufung von Moral, Ehrlichkeit und Prinzipientreue zu begegnen ist im harmloseren Fall naiv und hilflos.