Lutz Herden
13.02.2013 | 12:24 25

Kim ist kein Selbstmörder

Nordkorea Die Volksrepublik will nicht die USA bedrohen, sondern sich Zeit kaufen. Ihr Atomprogramm soll eine Gewähr dafür sein, bei diesem Deal ein Gegenangebot machen zu können

Kim ist kein Selbstmörder

Dort ist es passiert, sagt der Finger des taiwanesischen Seismologen

Foto: Sam Yeh / AFP-Getty Images

Vieles kann man der nordkoreanischen Führung anlasten oder andichten. Eine selbstmörderische Veranlagung oder gar Obsession dürfte ihr fremd sein. Das Letzte, was Parteichef Kim Jong-un planen dürfte, ist ein Nuklearangriff auf die USA. Barack Obamas angekündigter Ausbau der eigenen Raketenabwehr wegen des jüngsten Atomtests auf der koreanischen Halbinsel ist nichts sonst als eine Rhetorik der Rückversicherung. Der US-Präsident schottet sich vorsorglich gegen Angriffe ab, er nehme die Bedrohung durch Pjöngjang nicht ebenso ernst wie die Teheraner Nuklearambitionen. Dabei scheint nicht übermäßig relevant zu sein, dass bisher keines der beiden Länder über Kernwaffen verfügt, geschweige denn über mit Atomsprengköpfen bestückte Langstreckenraketen, mit denen sich das Territorium der USA erreichen ließe. Wie kann man eine Raketenabwehr verstärken, ohne zu wissen, was sie eigentlich abwehren soll?

Zum gegenseitigen Vorteil

Aber die Reaktionen auf die Bad Guys in Pjöngjang bleiben wie üblich nichts schuldig. Es ist so, als ob sich alle verabredet hätten, die gewohnten Argumentationsraster – zum wievielten Male eigentlich? – aufzusagen und vorsätzlich zu übersehen, dass Nordkorea keinen atomaren Schlagabtausch will, sondern Tauschobjekte für einen Handel anbietet, bei dem sich der kommunistische Staat und sein Regime Zeit kaufen. Und das heißt, ihre Existenz sichern. Da ein solcher Handel erst einmal zustande kommen muss, braucht die dafür dargebotene Ware einen realen Tauschwert, um absetzbar zu sein. Auf dieser Messe der Möglichkeiten war schon Kim Jong-il – der Vater und Vorgänger von Kim Yong-un – recht aktiv. Auch er wusste, da die gewünschten Geschäftsbeziehungen einem Wettbewerb der Systeme, einem ins 21. Jahrhundert verschleppten Ost-West-Konflikt, zuzuordnen waren, konnte die Satisfaktionsfähigkeit seines Staates kein Selbstläufer sein. Es erschien nicht abwegig, in Ermangelung anderer Handelsgüter mit einem Atomprogramm aufzuwarten, das bei einem Deal zum gegenseitigen Vorteil gegen Wirtschaftshilfen, einen Sanktionsstopp, einen Nichtangriffspakt oder anderweitige Bestandsgarantien für den eigenen Staat und das eigene System einzulösen wäre. Was oft vergessen wird – zwischen den beiden koreanischen Staaten besteht der Kriegszustand sei dem Ende des Korea-Krieges (1950 – 1953) faktisch fort. Es gibt kein Friedensabkommen, auch wenn die beiden Präsidenten Roh Moo-huyn und Kim Jong-il im Oktober 2007 einen Friedensprozess eingeleitet haben, der bisher allerdings ohne konkretes Ergebnis blieb.

Bewährung als Ordnungsmacht

Und China? Hat sich das Land mit seinem Unbehagen und seiner vorsichtigen Kritik am jüngsten Waffentest tatsächlich von Nordkorea abgewandt? Man sollte die Dialektik, speziell Hegels Lehre von der Einheit und dem Kampf der Gegensätze, bemühen. Wer sich als asiatische oder künftige globale Ordnungsmacht fühlt, kann das schlechte Beispiel Nordkoreas als gute Gelegenheit nutzen, sich in dieser Rolle häuslich einzurichten und den Nachweis zu führen, ihr gewachsen zu sein. Dass wegen dieser Übung mit einem Partner aus über sechs Jahrzehnten gebrochen wird, steht nicht zu erwarten.

Kommentare (25)

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Ehemaliger Nutzer 13.02.2013 | 13:41
Welches Problem hat die Welt mit Nordkorea, dass sie nicht auch mit den USA, Russland, Israel, Großbritannien, Frankreich, Indien, Pakistan, China und eventuell auch Südafrika hat? Warum wollen die USA Atomwaffen behalten und eigentlich niemand anderes darf das? Wollen wir übrigens das überhaupt jemand Atomwaffen hat? Ich empfinde es nicht als schlimm, wenn andere Nationen sich gegen die nukleare einseitige Bedrohung durch die USA wehren wollen. Sollen doch die US-Amerikaner mit der Abrüstung anfangen – und zwar ernsthaft! Aber sie wollen immer die Überlegenheitsansprüche haben. Ich möchte nicht unter der Kontrolle der USA sein! Ich möchte überhaupt keine Waffen, geschweige denn Atomwaffen! Aber hat nicht jeder das gleiche Recht? Auch der Iran? Und warum darf Israel Atomwaffen besitzen? Aber alle Welt (zumindest die der Medien) verkündet uns, das ausser den USA keine Macht Atomwaffen haben darf, weil das ja böse Menschen sind die den Untergang der USA herbeibomben wollen. Wie lächerlich! Die einzige Gefahr geht von den Weltbeherrschungsphantasien der US-Amerikaner aus. Und den Israelis gönnen sie auch ihre Atombomben! Das ist Gleichgewicht!
J.Taylor 13.02.2013 | 15:06

Erst wenn man die Einlassungen von ANTARES56 liesst, erkennt man die Intelligenz in den Worten des Autoren Lutz Herden. Die Bösen sind in der Tat meist nur die Bilder, in dessen Schatten sich die Macht neu verteilt.

Der Besitz von atomaren Waffen ist übrigens nur dann ein strategischer Vorteil, wenn man sie nicht einsetzt. Ist die Regierung eines Staates zu blöd dies zu erkennen, wird dieser Staat einige Minuten nach dem Angriff selbst pulverisiert. Es gibt bei diesem Spiel weder Gewinner noch Verlierer, aber einen positiven Effekt, der darin zu sehen ist, dass nach der Ausrottung der Menschheit wieder intelligente Wesen den Planeten beherrschen, wie immer die dann aussehen mögen.

Lutz Herden 13.02.2013 | 16:11

Sehr richtig, ähnlich argumentieren könnte man übrigens auch beim Thema iranisches Atomprogramm. Auch hier gibt es bei den Gegnern Teherans vor allem die Projektion, dass es im Falle des Falls eine nicht hinnehmbare nukleare Bedrohung Israels gibt. Dabei ist mindestens ebenso richtig, dass sich der Iran damit auch selbst bedrohen, wenn nicht gar existenziell gefährden kann.  

J.Taylor 13.02.2013 | 20:11

@ Lutz Herden

Das Bedrohungs- oder Erpressungspotenzial, das oft in das Verhalten von Staaten wie Nordkorea oder Iran hineininterpretiert wird, ist bei einer nüchternen Betrachtung die Drohung eines Selbstmörders zu tun, wozu er sich entschlossen hat. Egal wie man es sieht, es ist die Drohung mit einer Schwäche und nicht die Drohung mit einer Stärke. Die korrekte und angemessene Reaktion würde dem Rechnung tragen, tut sie aber in der Realität nicht. So schaukelt sich die Tragödie bis zum Finale auf.

Roger11 14.02.2013 | 04:32

Der Besitz von atomaren Waffen ist übrigens nur dann ein strategischer Vorteil, wenn man sie nicht einsetzt. Ist die Regierung eines Staates zu blöd dies zu erkennen, wird dieser Staat einige Minuten nach dem Angriff selbst pulverisiert.

Was wiederrum bedeutet, dass keiner als erster losschlagen darf, logischerweise. Das versteht man im Allgemeinen unter der sureal/realen Formel der nuklearen Abschreckung.

Nordkorea hin - Iran her - wesentlich interessanter zu untersuchen ist doch die Triebfeder dieser Staaten, unbedingt in eine solche Pattsituation geraten zu wollen. Das lässt sich mit Underdog oder Testotheron allein nicht erklären. Da spielen grosse Gefühle und Selbstverständnis von Völkern eine Rolle. Aber bestimmt nicht angesichts von Hiroshima und Nagasaki. Nein nein, ansonsten gäbe es nicht die Katastrophe 45 wegwischende Hardliner selbst in Japan, die eine nukleare Bewaffnung nicht mehr ausschliessen wollen.

Hyphothese: Nähme man den Sanktionsdruck gegenüber Nordkorea weg und böte man ihnen weitreichende Entspannung samt Wiederaufnahme wirtschaftlicher Beziehung an, hätte der junge Diktatorensohn wohl ein ernstes Problemchen. China würde erst recht zum Hörer greifen und ihm die einmalige Chance zur Genesung "seiner" Bevölkerung und Gesundung der Wirtschaft in den Schädel hämmern.

Allzumal würde man ihn darauf hinweisen, dass sein Alter anno 1989 bloss dämlich in die Glotze schaute, als in Deutschland friedlich die Mauer fiel ohne einen einzigen Schuß. Was mag da wohl in einigen vernagelten Köpfen Asien´s vorgegangen sein? :-)

Bei Wiedervereinigung mit Südkorea natürlich der komplette Verlust unserer Macht, weil wir mindestens so bankrott sind wie seinerseits die DDR. Und Aburteilungen der kompletten Führungsriege würde es auch nach sich ziehen. Wollen wir das? Innerhalb unserer Lebenszeit? Natürlich nicht.

Sohnemann Kim Jong hat zwar als Student ein üppiges Leben geführt in der Schweiz und weiss natürlich alle Angenehmlichkeiten - bis heute! - zu schätzen. Nur, sollte er auch nur in Erwägung ziehen, die Pfründe des Militärs, und somit seiner Unterstützer, zu gefährden, ist er tot.

Also, entschied der junge Herscher, lasst uns Flucht nach vorne machen, auf dass das Verderben all die erheischt, die uns so gar nicht wohlgesonnen sind. Die Bombe dient unser aller Freiheit, auch in der totalen Vernichtung!

Kennen wir, kennen wir Deutschen alles, lieber Herr Jong. Zwar wurde uns nicht die Bombe wie den Japanern zuteil, kurz davor waren wir aber schon. Es bleiben zwei Optionen: Vernunft und Zukunft für ein Volk, oder weiterhin wirtschaftlicher Absturz mit Bombe, die letzlich in anderer Form im eigenen Lande zündet?

Auf die Couch, Kim?

 

Johannes Renault 14.02.2013 | 04:34

Geliebte Führer mit grotesken Schuhen und Windjacken im selben Stoff wie die absurd gefalteten Hosen. Die Hosensäume stehen auf den klotzkeilförmigen Schuhen weil sie Angst haben zu knicken. Alles an den Verhandlungspartnern Kim Il Sick und Kim Jung Ill ist ruchlos. Verloren stehen seine Militärs in Ihren übergrossen Uniformen, mit Hüten die die geliebte Heimat vor Regen schützen können, ängstlich und devot auf dem Boden rum. Ihre Händchen gucken ein wenig aus den Ärmeln hervor.

Bei der Vorstellung wie schön es in den örtlichen Waisenhäusern zugeht, wie fortschrittlich der offene Vollzug und die medizinische Versorgung von den geliebten Sicks und Ills geregelt und angeordnet ist, verstehe ich Atilla und seine Horden als Heilsbringer. Als neoliberale Nebelbombe würde ichjedoch von der Freiheit sprechen, die ein Staat selbst nutzen kann oder nicht. Oder von der Freiheit sich und andere von dem Boden zu fegen, auf dem der geliebte Führer mit seinen Schinder-Schuhen gerade steht. Und dann würde ich innehalten und überlegen was ich da gerade für einen Blödsinn gefaselt habe. Und ob es mir nicht egal ist, ob eine US armored division aus Pjöng-City einen Vorort nach dem Muster Comptons macht. 

gooood morning pjöngjang

JR's China Blog 14.02.2013 | 07:21

Dabei scheint nicht übermäßig relevant zu sein, dass bisher keines der beiden Länder über Kernwaffen verfügt, geschweige denn über mit Atomsprengköpfen bestückte Langstreckenraketen, mit denen sich das Territorium der USA erreichen ließe.

Das stimmt. Aber es geht ja nicht nur um die USA. Auch Washington, Peking, Tokio und Seoul wollen den Wert ihrer zukünftigen Angebote hochtreiben, sowohl gegenüber Pyongyang als auch untereinander. Man kann z. B. die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Nordkorea für China nicht nur ein schwieriger Verbündeter ist, sondern auch eine "Karte" im Spiel mit Japan (und letztlich mit den USA) um die Diaoyutai/Senkaku-Inseln, und im erweiterten Sinn auch mit weiter südlich liegenden Nachbarn z. B. um das Südchinesische Meer.

Das Angebot einer verstärkten Raketenabwehr ist nicht nur ein Signal an die US-Öffentlichkeit, sondern auch eins an Nordkoreas Nachbarn - und eben auch an Pyongyang selbst. Dass Nordkorea nicht militärisch angegriffen werden kann, weiß auch Washington.

JR's China Blog 14.02.2013 | 12:46

Hier ein chinesisches Wutmuster. Dazu muss gesagt werden, dass Shen sich um soft-power-Fragen sehr viel mehr Gedanken macht als das Politbüro, aber was er schreibt, ist - vorsichtig formuliert - keine Einzelmeinung. Er weist auch darauf hin, dass es ja nicht nur Atomversuche seien, welche die regionale Stabilität bedrohen, sondern auch der Beschuss von Yeonpyeong Island.

Akademiker sind freier in ihrer Meinungsäußerung als viele andere Chinesen - insbesondere hochrangige Akademiker. Aber auch das öffentliche Interesse am Thema Nordkorea ist in China recht groß - und der Öffentlichkeit im Inland ist das chinesische Verhältnis zu Nordkorea auch nicht immer leichter zu vermitteln als dem ostasiatischen Ausland.

Aus chinesischer Sicht hat Nordkorea einen Punkt ganz erheblich verletzt: den der Loyalität. Und - das ist ein ähnlicher Aspekt - Nordkorea bezweifelt offenbar nicht erst seit der chinesischen Beteiligung an UN-Resolutionen, dass China kein verlässlicher Bündnispartner sei - bzw. will auf diese Form der Patronage nicht angewiesen sein. Auch das kommt in China ziemlich schlecht an.

petar 14.02.2013 | 22:47

Wir werden es nicht mehr erleben: Dass die Nordkeaner ein einiger-maßen hungerfreies Leben leben können. Dass die Herrschenden dort

sich vom Hof machen,ohne verbrannte Erde zu hinterlassen.

Dass die "Chinesen" ihr Gesicht verlieren wollen.Dass die USA dies ebenfalls nicht wollen(denn vorher  meint man ja wohl erst die peacemaker auspacken zu müssen).

Und Südkorea hat ja wohl die Kosten Deutschlands seit `89 vor Augen.

Ich stell schon mal eine Kerze ins Fenster.

Lethe 15.02.2013 | 09:44

es steht zu befürchten, dass es hingenommen werden muss, wenn ein Mensch, der sich für diese Sachen interessiert, gemäß seinen Interessen und Absichten recherchiert und dafür die Quellen bemüht, die er zu finden imstande ist. Ich bezweifele zwar nicht, dass die Weltgeschichte in genau einer einzigen, quasi objektiven Weise abgelaufen ist und abläuft, halte es aber für unmöglich, sich über diesen Ablauf eine den realen Abläufen und Zusammenhängen mehr als nur ungefähr entsprechende Vorstellung zu machen. Alle Spieler in diesem Spiel sind um Verschleierung bemüht, leider folgt daraus nicht, dass sich diese Verschleierungen gegenseitig aufheben, so dass Klarheit entstünde.

Da ich keinen einzigen der kolportierten Berichte über die Versorgungssituation in Nordkorea selbst vor Ort geprüft habe, kann ich auch nur darauf verweisen, dass es solche Berichte gibt, und deren Tendenz eindeutig ist. Ob sie die reale Situation eins zu eins widergeben, weiß ich nicht.

hunter 15.02.2013 | 18:00

Ich bin immer wieder verblüfft, woher man denn so genau wissen will, wie die Führer eines Staates wie Nordkorea ticken.

Ich bin da vorsichtiger.

Habe ich doch schon Schwierigkeiten zu begreifen, was in einem Brüderle so vor sich geht und der weiß wenigstens, was das ist, eine Rosamunde Pilcher Verfilmung,  der FC Bayern, Jürgen Fliege und die Seesamstraße  - nur mal so als Beispiele.  

die Realistin 17.02.2013 | 16:35

Und wieder mein großer Dank an Herrn Herden für seinen deutlichen Artikel.

Da aber seine Artikel oft nicht sehr USA-freundlich sind, befürchte ich, dass Obama irgendwann eine Drohne auf ihn abzielt...

Wenn ich freitags zum "Freitag" komme, suche ich als Erstes einen Beitrag von Herrn Herden!

Übrigens ist er ein würdiger Sohn seines Vaters!

Das sagt eine ehemalige Weissenseerin...